SGZ 53 ERHABEN

SGZ 53 ERHABEN

Buchdruck in Mainz
Meister Gutenberg zeigte auf die makellos geschnitzten Schriftzeichen.
»Schau, Junge. Siehst du hier den erhabenen Kreis?«
»Ja, Meister.«
»Dies ist der Buchstabe O. Wenn Du es richtig machst, wird an dieser Stelle nur dieser Kreis auf dem Papier zu sehen sein. Die Lettern sind bereits alle so angeordnet, wie sie liegen müssen. Bring sie nicht durcheinander!«
»Ja, Meister.«
Er zeigte mir beim ersten Zug, wie ich die Ballen benutzen und damit die Farbe auftragen sollte. Es roch eigentümlich.
»Achte auf die richtige Menge der Tinte. Wenn Du schmierst, setzt es was.«
»Ja, Meister.«
Er überließ mir beim zweiten Zug selbst die Ballen und beobachtete meine Bewegungen genau. Vorsichtig benetzte ich den Druckstock und hängte die Ballen danach wieder sorgfältig in die Knechte. Ich hielt die Luft an, als ich das Papier platzierte. Ich atmete aus, legte dann den Aufzug darauf, eine Lage Filz und einige Bögen Papier. Jetzt musste ich nur noch den Karren einschieben. Nicht zu weit und nicht kurz. Andächtig zog ich am Bengel und die Presse senkte sich hinab. Dieser Moment hatte eine Besonderheit an sich, wie ich sie noch nie erlebt hatte.
War der Druck gelungen? Ich schob den Bengel zurück, holte den Karren heraus und entfernte den Aufzug. Langsam hob ich das Papier und prüfte den Druck. Erleichtert stellte ich fest, dass alles sauber war.
»Sehr gut, Junge.«
»Danke, Meister!«

Wörter: 229

Ich habe jetzt in der Kürze der Zeit natürlich nicht recherchiert, sondern nur ein Video bei Youtube geschaut. Ich hoffe, ich tue dem guten Mann und seinen Zeitgenossen nicht unrecht.

SGZ 52 MÖCHTEGERN

SGZ 52 MÖCHTEGERN

Das Gartenkleid
Britta drehte sich in ihrem neuen Kleid einmal im Kreis. »Ist das nicht schick?«
Eine dieser Fragen, die man nur falsch beantworten konnte. Also brummte ich nur.
»Dazu gab es auch die passenden Schuhe!« Sie hob den Fuß und winkelte ein Bein an.
»Aha.« Ich überschlug im Kopf, wie viel sie wohl dafür ausgegeben haben mochte.
»Und eine Tasche!« Sie wedelte damit vor meiner Nase herum.
»Aber wir wollen doch nur zum Italiener.«
»Ich zieh mich auch gleich noch mal um, Manno. Das ist für Lisas Gartenparty. Ich wollte es dir nur kurz zeigen.«
Britta würde mir ihre Tasche und Schuhe in die Hand drücken und barfuß über die Wiese spazieren, während ich mich vor den Jungs blamierte. Es sei denn …

Lisa hatte den Garten wirklich hübsch hergerichtet mit Lampions und in Flaschen gesteckten Kerzen. Es gab ein reichhaltiges Buffet, einen Grillmeister und jede Menge feierwütige Nachbarschaft. Vor diesem Publikum wollte sich Britta nun präsentieren, ihren Laufburschen im Schlepp.
»Schaut euch meine Frau an!«, rief ich. Ich hielt sie an der Hand und ließ sie sich drehen. Stolz präsentierte sie Kleid, Schuhe und Tasche. Dann gab ich ihr einen Klaps auf den Po, der etwas härter war als beabsichtigt und fragte in die Runde: »Ist sie nicht hübsch?« Die Gespräche um uns herum verstummten.
»Manno, was soll das?«, zischte Britta mir zu.
Doch ich war noch nicht fertig. »Wäre sie nicht noch hübscher ohne dieses Kleid?« Unsere Nachbarn sahen uns jetzt entsetzt an.
»Würdet ihr bitte gehen?«, bat Lisa. »Ich denke, du hast genug getrunken.«

Wörter: 258

SGZ 51 KREIS

SGZ 51 KREIS

Das Ritual
Vor mir sah ich die Linie des großen Kreises, um den herum wir alle standen.
»Du bist jetzt alt genug, Trutna, um am Ritual teilzunehmen.« Die Älteste zog mit ihrem Stock einen Kreis um mich, so wie um jede der Novizinnen vor mir und um jede nach mir.
Die Alte reckte einladend die Arme. »Tretet ein!«
Vorsichtig setzte ich meinen Fuß über diese Schwelle, die mein Leben für immer verändern sollte. Jetzt wurde ich eine von ihnen!
Die anderen Frauen und ich hielten uns an den Händen, tanzten im matten Mondlicht unsere Choreografie. Schließlich drehten wir uns um unsere eigene Achse. Jetzt kam der Moment, in dem ich mit zitternden Fingern die Schnur meines Gewandes löste und meine Hüllen fallen ließ. Kalt streifte die Nachtluft über meine nackte Haut.
Auf Geheiß der Ältesten traten wir wieder zurück in die Kreise, in denen wir vor dem Tanz lagen.
»Schließ die Augen, Trutna«, hörte ich eine angenehme Männerstimme hinter mir. Ich spürte ein Tuch vor den Lidern und wie an meinem Hinterkopf ein Knoten festgezurrt wurde.
Er nahm mich bei der Hand und zog mich mit sich.
Mich überkam eine Woge der Erregung. Was umfasste das Ritual noch? Hatte es mit ihm zu tun?
»Wirst du mir gehorchen?«, fragte er mit fester Stimme.
Und ob ich das wollte! »Ja«, hauchte ich.
»Dann bedecke dich. Diese Seite ist im Internet frei zugänglich.«

Wörter: 231

SGZ 50 GEWISSENSBISSE

SGZ 50 GEWISSENSBISSE

Die Unglücks-Diät
Da hatte Ella sich vielleicht etwas aufgehalst. Zehn Kilo abspecken bis zum nächsten Klassentreffen. Eine Schnapsidee im wahrsten Sinne des Wortes. Ein eigentlich realistisches Ziel und zwei Kilo hatte sie auch schon geschafft, nur dass schon zehn Monate rum waren. Zwei Monate also noch und noch acht Kilo zu viel auf den Rippen.
Warum musste sie auch immer den Mund so weit aufreißen? Wem wollte sie damit etwas beweisen? Jörg liebte sie so, wie sie war. In den letzten Monaten hatte sie sich in ein zuckergieriges Monster verwandelt, dass für ein Stück Schokolade hätte töten können. Und das für diesen lächerlichen Erfolg. Dieser ständige Verzicht machte sie noch wahnsinnig.
Kohlenhydrate waren tabu. Zu viel Fett war tabu. Junkfood war tabu. Bei fast jedem Bissen hatte sie ein schlechtes Gewissen.
Wie sollte sie nur in zwei Monaten acht Kilo loswerden? Vier Kilo pro Monat!
Das Schlimmste war, dass Jörg dieselbe Diät mitmachte und schon zwölf Kilo abgenommen hatte. Er strahlte aus jeder Pore und strotzte nur so vor Tatendrang. Er ging sogar wieder ins Fitnessstudio.
Jörg umschlang sie von hinten mit seinen Armen. »Einen Penny für deine Gedanken, Ella.«
»So billig kommst du mir nicht davon!« Sie machte sich los und verschränkte die Arme.
»Was habe ich dir denn getan, Chérie?« Aus seinen kastanienbraunen Augen sah er sie an.
Sie hasste sich zwar selbst am meisten, aber er war im Augenblick der einzige, an dem sie es rauslassen konnte, seit sie sich nicht mehr mit Süßigkeiten ruhigstellte. »Du bist mir einfach zu dünn geworden, Mann!«
»Aber du wolltest doch …«
»Ja, wollte ich.« Sie schluckte. »Ich wollte nicht alleine leiden.« Sie rührte einen dieser widerlichen Eiweißshakes an, von denen sie nur Dünnpfiff und miese Laune bekam. »Es ist für mich schwer zu ertragen, dass du ständig nur gute Laune hast, und mir geht es so beschissen.«
Er schüttelte langsam den Kopf. »Aber Ella, freust du dich denn gar nicht für mich?«
Natürlich sollte sie sich für ihn freuen, aber sie konnte einfach nicht. Sie hatte an gar nichts mehr Freude. Erst recht nicht an der verdammten Bewegung!
»Natürlich freue ich mich«, log sie. Mit Tränen in den Augen stapfte sie auf dem Trampolin herum.
»Ach, Chérie, komm mal her.« Jörg breitete die Arme aus.
Sie reagierte nicht, walkte verbissen weiter.
»Komm sofort da runter, Ella! Ich meine es ernst. Sieh dich doch mal an!«
Sie begann zu hüpfen.
»Jetzt reicht es mir!« Er hob sie vom Trampolin und stellte sie auf dem Fußboden ab, hielt sie fest in seinen Armen. »Hör zu, Ella. Wir müssen die Diät abbrechen. Das geht so nicht.«
»Und wenn es die nächsten acht Wochen nur noch Kohlsuppe gibt? Dann schaffe ich es bestimmt!«
»Du machst dir viel zu viel Druck.«
»Aber was sollen denn die Mädels denken? Die halten mich doch für eine Versagerin!«
»Nein, das tun sie bestimmt nicht. Die einzige, die das denkt, bist du.«

Wörter: 483

So, Halbzeit! Damit habe ich die 15.000 Wörter gesamt geknackt.

SGZ 49 VERTRAUEN

SGZ 49 VERTRAUEN

Nicht weitererzählen
Ich half einem Kumpel, seine Bude zu renovieren. Der Staub in der Luft war zu schmecken. Er stand auf der Leiter und gab die Kommandos, während ich ihm anreichte, was er verlangte. Dabei quasselte er in einer Tour.
»Haste schon gehört, dass die Daniela schwanger ist?«
»Nein.« Das interessierte mich auch nicht. Schließlich ging es mich nichts an.
»Darfste aber nicht weitererzählen, das hat sie mir ganz im Vertrauen gesagt.«
»Ach.« Mich packte eine eisige Wut und das ist bei Phlegmatikern wie mir selten. So hatte es also die Runde gemacht, dass mit Jule Schluss war. »Dir erzähl ich aber auch nix mehr.«
»Wieso? Gib mal den anderen Spachtel.«
Ich reichte ihm das gewünschte Werkzeug an. »Na jedenfalls nix ›im Vertrauen‹.«
»Ach nu spinn nich rum. Das mit deiner Alten hätte doch sowieso jeder spitzgekriegt.«
»Ich hätte es halt gerne selbst gesagt zu einem Zeitpunkt, den ich selbst bestimme.«
»Mimimimi!« Er hielt eine Faust ans Auge, als wische er Tränen weg.
»Du kannst mich mal.« Ich verließ den Raum und setzte mich in der Küche auf einen Stuhl. Eine Pause war ohnehin angebracht.
»Nimmst du mal die Schüssel?«, rief er von drüben.
»Leck mich!« Ich blieb sitzen.

Wörter: 199

SGZ 48 PFLASTER

SGZ 48 PFLASTER

Pflaster habe ich noch nie gemocht. Die waren immer damit verbunden, irgendetwas nicht tun zu dürfen. Nicht mehr toben, nicht brüllen, nicht weinen. Ein Indianer kennt keinen Schmerz.
Heute reagiert meine Haut auf den Kleber und wird knallrot. So kann ich auch beim Arzt guten Gewissens sagen: »Bitte kein Pflaster.« Ich bin keine Memme.
Warum versucht man, mit einem Pflaster zu erzwingen, dass »jetzt alles wieder gut« ist? Da fällt doch kein Kind drauf rein. Es lernt nur, dass es seinen Schmerz nicht zeigen darf.

Ich war noch klein, da habe ich mir im Freibad das Knie aufgeschlagen. Natürlich bin ich damit ins Wasser gegangen. Nicht nur einmal, sondern an mehreren Tagen nacheinander. Soweit ich das richtig verstanden und in Erinnerung habe, müssen dadurch Keime eingedrungen sein und es hat sich entzündet. Durch die ständige Feuchtigkeit hatte es auch keine Chance, zu heilen. Es wurde richtig dick und der gelbe Eiter verkrustete. Ich fand das faszinierend, was sich da an meinem Körper tat, auch wenn ich schon ein wenig humpelte.
Doch eines Tages ließ mich der Bademeister nicht mehr ins Wasser und rief stattdessen einen Krankenwagen. Als man meinen Namen und meine Adresse und Telefonnummer wissen wollte, wusste ich, dass das Ärger geben würde.
Es gab aber kein Pflaster, sondern einen richtigen Verband, auf den ich sehr stolz war.

Heute weiß ich natürlich, dass das ziemlich dämlich war, nicht gleich Bescheid zu sagen, und mal ein paar Tage aufs Schwimmen zu verzichten. Das hätte böse ausgehen können. Dabei hätten es ein paar Tage an der frischen Luft getan.
Trotzdem kann ich Pflaster nicht ausstehen. Vor allem, wenn sie jemand mit einem Ruck abreißt. Ich mache das lieber langsam und vorsichtig.

Kopfsteinpflaster mag ich im Übrigen auch nicht. Da holpert es immer so und schüttelt alles durch, wenn man drüberfährt. Und beim Gehen verliere ich fast das Gleichgewicht, weil die Steine so uneben sind.
Jetzt, da die Zeit fast rum ist, fällt mir natürlich ein, dass man mit einem Pflasterstein jemandem den Kopf einschlagen kann …

Wörter: 335