Wie ich den CSD 2026 erlebt habe

Wie ich den CSD 2026 erlebt habe

Der Anschlag in Berlin, die Trauerkundgebung und die Parade in Hamburg mit Die-In des trans* Blocks

Ihr Lieben,
ich war am 1. August beim Hamburger CSD. Ich lebe noch, ich schreibe noch. Erst am Donnerstag danach setzte die PEM ein, so lange hielt die Aufregung und das damit verbundene Adrenalin an.

Der Anschlag auf den Berliner CSD vor vier Wochen hatte mir emotional den Stecker gezogen, wie sicherlich vielen von euch auch. Es hat mich schockiert und betroffen gemacht. Meine Trauer habe ich mit einigen von euch geteilt. Es tat mir sehr gut, diesen Beistand zu erfahren.

Weil es mir sehr schwerfiel, alleine zu Hause zu bleiben, bin ich das Risiko eingegangen, mir eine Verschlechterung meines Gesundheitszustandes einzuhandeln, und habe die Hamburger Trauerkundgebung an der Alster besucht. Meine erste Fahrt mit dem ÖPNV, seit ich dem Mobility-Trainer vor einem Jahr gesagt hatte, dass es in meinem Fall keinen Zweck hat, weil ich zu krank bin.

Auf dem Hinweg war ich sehr nervös, weil ich aus bescheuerten Gründen Angst davor hatte, zu spät zu kommen. Deshalb musste ich von meinem Schnuller Gebrauch machen, einem Stimming Tool, das meinem geschrotteten Zentralen Nervensystem den Ton vorgibt und bei Bedarf den Parasympathikus aktiviert.

Als ich just in time eintraf, sah ich von meinem Rolli aus zunächst nur bunte Fahnen und mehr oder minder hübsche Hintern. Ich wusste gar nicht, wie man sich denn in so einer Situation verhält, und fing an auf dem Handy, eine Nachricht an meine Verabredung zu tippen. Jemand nahm mich wahr und fragte, ob ich Hilfe bräuchte. Dankbar nahm ich an, denn ich wollte schon gerne etwas sehen, zumindest die Person, mit der ich verabredet war. Wie Moses das Meer teilte, schuf diese Person mir eine Gasse, durch die ich fahren konnte, und so wurde ich zu den anderen Rollis gelotst und konnte von dort aus alles sehen und hören, was mir wichtig war.

Es wurden viele schöne Worte gesagt, auch wenn der Polizeipräsident nicht gerade mit Applaus empfangen wurde und auch die Anrede »Sehr geehrte Damen und Herren« nicht so gut ankam, die ein Vertreter einer islamischen Glaubensgemeinschaft gewählt hatte.
Es gab eine Schweigeminute, wir hielten einander bei den Händen und spendeten uns gegenseitig Trost.
Dort konnte ich den Rückhalt unserer Community sehr deutlich spüren.
Besonders schön war, dass ich mich mit diesem Ausflug nicht übernommen habe. Vielleicht auch deshalb, weil ich nach anderthalb Stunden wirklich dringend nach einer Toilette suchen musste, sodass ich keine Zeit hatte, mich mit meinem Bekannten noch zu unterhalten.

Bei einem Beitrag von hamburgpride auf Instagram könnte ihr mich auf einem der Bilder als dunklen Wicht mit Regencape sehen, der gerade seinen Pillenwecker auf dem Handy zum Schweigen bringt.

Nach der Trauer kam die Wut und mit dieser positiven Erfahrung in der großen weiten Stadt wurde ich immer entschlossener, am Hamburger CSD teilhaben zu wollen, und sei es nur für das Die-In in der Nähe des Hauptbahnhofs. Das Risiko einer bleibenden Zustandsverschlechterung habe ich dafür in Kauf genommen. Mein Bedürfnis, mich in irgendeiner Form zur Wehr zu setzen, war groß.

In Hamburg waren inkl. Zuschauer rund 300.000 Leute beim CSD, davon marschierten über 3.000 im Trans* Block, darunter mehrere Rollstühle sowie Menschen mit Rollator, Cochlea-Implantat, Langstock und sicherlich auch ganz viele mit unsichtbarer Behinderung.
Besondere Symbolkraft hatte, dass auch der Berliner CSD mit einem Truck dabei war und viele kurz entschlossen eigens hierfür angereist waren.

Ich suchte mir eine geeignete Route aus, organisierte mir eine Begleitperson, hoffte auf funktionierende Aufzüge und vor lauter Aufregung schlief ich nur etwa drei Stunden. Entsprechend groggy war ich, aber da wenigstens Rolli bin Laden einen vollen Akku hatte entschied ich mich dann, trotzdem loszubrettern. Die Reichweite meines E-Rollis bei diesem ganzen Stop and Go konnte ich überhaupt nicht einschätzen, was eine meiner Hauptsorgen war, weil ich mich schon mindestens einen Behindertentransportwagen, wenn nicht die Feuerwehr rufen sah.

Schon die dritte S-Bahn nahm uns mit und der Bus zum Aufstellort war regelrecht leer. Hätte ich von einer bezahlten Assistenz erwartet, dass mir eine Gasse geschaffen wird und man mir hilft, den Aufstellort zu finden, musste ich feststellen, dass die mir angetraute Begleitperson sich sehr viel wohler damit fühlte, in der Schneise, die ich durch wiederholtes Rufen und Hupen geschlagen hatte, hinter meinem Rolli herzutapsen.

Entsprechend fand ich nicht einmal rechtzeitig den Startschuss-Truck, um den Jungs vom Queeren Sportverein noch Hallo zu sagen. Um ehrlich zu sein: Von denen hätte mich vermutlich – bis auf einen – niemand wiedererkannt.

Das bin ich im Jahr 2016, wie ich bei Sonnenaufgang am Bonner Rheinufer stehe:

Das bin ich im Jahr 2026, wie ich im Garten des Apartmenthauses auf einem Rollator sitze:

Zwischen beiden Bildern liegen nicht nur zehn Jahre, sondern auch etwa sechzig Kilogramm Körpergewicht. Meine Kopfbehaarung ist irgendwie der Schwerkraft gefolgt, muss mal mit meinem Testodealer sprechen …

Ich habe dadurch, dass ich die Jungs vom Sportverein nicht finden konnte, leider auch ein Treffen mit meinem besten Freund versäumt, der am anderen Ende der Stadt wohnt. Wir halten fast ausschließlich über Signal Kontakt.

Kaum hatten sich die richtige Startnummer gefunden, musste ich auch schon aufs Klo. Ganz ohne Entwässerungstablette, einfach nur aus Nervosität.

In Sichtweite war ein Burgerladen. Ich konnte aber nicht erkennen, ob der überhaupt geöffnet hatte und wenn ja, ob dort ein Klo ist und wie ich es erreichen könnte. Leider hatte ich dort kein Netz und so konnte ich es nicht wie gewohnt im Internet recherchieren und musste meine bessere Hälfte zu Fuß schicken, um Erkundigungen einzuholen.
Ich wollte wissen, ob sie überhaupt eine Toilette haben. Im Nachhinein vielleicht eine dämliche Frage, weil Restaurants Toiletten haben müssen, aber es war für mich von meinem Standort aus nicht als Restaurant eindeutig zu erkennen.

Der erste Lauf ergab die Auskunft, da seien zwar Leute drin, aber weil alles dunkel sei, sehe es nicht so wirklich geöffnet aus. Und weil am Eingang eine Stufe war, wurde die Untersuchung abgebrochen, weil das dann ja ohnehin nicht in Betracht käme. WTF?
Wer es nicht weiß: Ich kann laufen!
Fragt sich nur, wie gut dosiert und wie weit ich damit komme. Deshalb muss ich ja, auch wenn jeder Gang schlank macht, die Laufarbeit an andere delegieren und Wege für mich selbst möglichst kurz halten. Vor allem, wenn ich keine Krücken dabei habe. An dem Tag habe ich sie bewusst zu Hause gelassen, damit sie nicht als Waffe aufgefasst und schlimmstenfalls als solche gegen mich eingesetzt werden. Das war auch gut so, denn in dem Gedränge wären sie ständig runtergefallen.

Ich ließ also noch mal laufen – nein, nicht den Urin, das kam später, sondern meine Begleitung. Das Ergebnis war diesmal, dass es zwar Toiletten gebe, aber im Untergeschoss und das ja dann nicht in Frage käme und die nächstgelegene Bordsteinabsenkung sei in die eine Richtung fünfzig Meter weiter vorne und in die andere wohl über zweihundert oder so.
Damit konnte ich in Abhängigkeit des Füllstands meiner Blase sowie der Menschenmenge auf der Straße eine informierte Entscheidung treffen und entschied mich dazu, Rolli bin Laden bis an die Bordsteinkante zu fahren und von dort aus zu laufen.
Meine Begleitung macht große Augen und wollte mir das ausreden, aber die einzige Alternative, die ich sah, war das Ausprobieren der Pinkelbeutel, die ich für unverhofften Einschluss in Aufzügen und ähnliche Situationen bei mir führe. Dafür war mir hier definitiv zu viel Publikum.

Meine bessere Hälfte wollte mir als Krückenersatz beim Toilettengang behilflich sein, was ich dankend ablehnte, weil es mir weitaus wichtiger war, dass bei meiner Rückkehr der Rolli noch da ist. Deshalb ließ ich sie kurzerhand darauf Platz nehmen und machte mich auf zur Reise ins Kellergeschoss.

Immer alles mit dem gelegentlichen Blick auf meine Pacing-Uhr, die einen Alarm gibt, sobald die Herzfrequenz über 88 kommt: Bordstein rauf, durch die Menge quetschen, zum Eingang, Stufe rauf, gleich die nächste Sitzgelegenheit in Beschlag nehmen.
Sitzend fragen, ob es weit zur Toilette ist.
»Das ist gleich geradeaus. Ein Euro.«
»Das ist nicht das Problem. Aber kann ich da sitzen?«
»Ich war noch nie auf der Herrentoilette, aber ich denke schon.« Juhu, Passing!
»Davon gehe ich aus. Ich meine, gibt es da unten irgendwo einen Stuhl oder etwas, wo ich mich hinsetzen kann, bevor ich die Treppe wieder hochgehe? Ich muss mich ausruhen dann, ich sitze eigentlich im Rollstuhl. Ich möchte dann nicht auf der Toilette warten.« Und eine exakte Auskunft darüber, wie weit weg die Toilette von der Treppe ist, hatte ich ja auch immer noch nicht.
»Nein, einen Stuhl haben wir da nicht. Ist alles ziemlich eng. Auf der Treppe vielleicht?« Perfekt. Eng ist immer gut, wenn ich ohne Rolli bin, das bedeutet kurze Wege. Warum ich nicht selbst auf das Naheliegendste komme, weiß ich nicht.

Blick auf die Uhr, alles grün. Im Vorbeigehen den Euro auf den Tresen knallen. Zum Glück hat die schmale, steile Treppe Geländer auf beiden Seiten. Unten an der Treppe gibts Alarm. Also brav hinsetzen und warten. Aufstehen und erst mal verwirrt dreinschauen, weil ich nicht weiß, durch welche Tür ich muss. Freundlich werde ich gelotst. Drei Pissoirs, ungenutzt. Die einzige Kabine: besetzt. Ich verabschiede mich auf die stille Treppe. Lieb wird mir Bescheid gesagt, dass frei ist; ich wackel los und verrichte mein Geschäft. Weil ich mir gleich danach artig mangels Alternativen im Stehen die Hände wasche, bestraft mich die Uhr mit Alarm. Hier hätte ich ohnehin pausieren wollen, aber jetzt muss ich Atemübungen machen, um den Puls schneller runterzukriegen.

Der Aufstieg die Treppe hoch war weniger anstrengend als zuvor der Abstieg. Wieder pausierte ich auf der barhockerhohen Bank nahe dem Eingang. Mittlerweile hatte sich eine lange Schlange gebildet und weil ich wieder meinen Puls regulierte, um einen erneuten Alarm zu vermeiden, wurde ich auch gleich gefragt, ob es mir gut ginge. Ich verwies auf Herzschwäche und Vorhofflimmern, und meinen draußen stehenden Rollstuhl. Das macht es immer einfacher, als den Leuten die Einschränkungen und Dynamik meiner Erkrankung nahezubringen.

Und weil die Myalgische Enzephalomyelitis bei meinem augenblicklichen Schweregrad noch diese Flexibilität mitbringt, nehme ich Barrieren nur sehr selten wahr.
Ich setze mich einfach darüber hinweg und passe mich den Begebenheiten durch gezieltes Einsetzen meiner Löffel an.
Ich habe mich mit diesem Ausflug zum CSD zwar überanstrengt, aber nicht alleine durchs Treppensteigen. Wäre das der Hauptauslöser gewesen, hätte ich zuerst entzündete Muskeln gehabt, als die PEM einsetzte. Es waren aber die emotionale Anspannung, die ich mit der Teilnahme am CSD schneller beilegen konnte als wenn ich zu Hause geblieben wäre, und natürlich die horrende Reizüberflutung, die auch meine mir angetraute Begleitperson fix und foxi gemacht hat.
Normalerweise verzichte ich auf jegliche Aktivitäten, von denen ich vorher weiß, dass ich dadurch PEM bekommen werde, weil es einfach brandgefährlich ist. Jedes Mal könnte ich dauerhaft im Bell abrutschen. Zur Bell-Skala für die Einstufung der Behinderung durch ME/CFS.
Das war hier eine Ausnahme, die mir für meine Psyche sehr wichtig war und mich etwas Lebendigkeit hat spüren lassen.

Kommen wir zum zweiten Höhepunkt des Tages, wegen dem ich überhaupt mein Demonstrationsrecht ausüben wollte.

Der Trans* Block hat sich Nähe Hbf zu zumindest einem Drittel gesammelt hingelegt.
Aufgerufen dazu wurde auf der Webseite von enby:galactic + trans:tastic und im Schwulissimo.

Mit dieser Aktion protestierten wir gegen:

  1. die jetzt auch für Hamburg geplante Meldedatenverordnung. Nie wieder Rosa Listen!
  2. die Schließung des 4Be, einer wichtigen Anlaufstelle für Transberatung und Suchthilfe für trans Personen.
  3. die geplante Zentralisierung der Gesundheitsversorgung in sogenannten ASVs.

In Hamburg hätte Letzteres voraussichtlich u.a. zur Folge, dass alle Menschen, die von Hormonersatztherapie abhängig sind, zum UKE zur Behandlung müssen und nicht mehr wohnortnah behandelt werden dürfen.
Ich bin gerade erst bei der einzigen barrierefreien Praxis in meinem Stadtteil untergekommen.

Bilder, die es in die mediale Berichterstattung der Größenordnung wie der Tagesschau schaffen, zeigen bunt bekleidete bis halb nackte ausgelassen feiernde Menschen. Und natürlich Politiker:innen und Sprecher:innen von Organisationen.

Bilder des Die-in habe ich nur bei Instagram gefunden.
4. Ein Beitrag von tdoR und Cornelia Cost.
5. Ein Beitrag von buntestischchenneumuenster und 5 anderen.

Muss ich erwähnen, dass ich beim Aufstehen aus der Waagerechten, in die ich mich freiwillig und kontrolliert begeben hatte, einen ungebetenen Free Hug eines herbeigesprinteten Security-Mannes bekam, der meine knapp 150kg mal kurzerhand geliftet hat, um mich wieder in meinen Rolli zu setzen?
Erst als ich ihm versicherte, dass ich alleine stehen und sogar laufen kann, entließ er mich ganz vorsichtig wieder aus seinem Schraubstock.

Euer Ingo S. Anders

Folgt mir auch auf Instagram!
Gebt meiner Facebook-Seite ein Like!
Besucht mich bei Wir schreiben queer!
Lauscht mir bei youtube!


Entdecke mehr von Ingo S. Anders

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.