SGZ 47 ZIEL

SGZ 47 ZIEL

Fortsetzung von gestern

»Hilfe!«, rief Miss Sandra verzweifelt.
Durch ein Astloch in der Wand des Bootshauses konnte Rodrigo sie sehen. Es waren nur zwei Männer. Einer saß im Boot an den Rudern, der andere schickte sich an, die Frau hineinzuzerren. Rodrigo brauchte nicht lange nachdenken, was zu tun war. Er schlich zum Wasser und glitt hinein.
»Das Boot«, rief wenig später der Ruderer, »wir sinken!«
Während die beiden Männer mit dem Boot beschäftigt waren, umschlang er von hinten Miss Sandras Mitte und hielt ihr dabei den Mund zu.
Sofort teilte sie mit den Ellbogen aus. Natürlich musste sie in ihm einen weiteren Angreifer vermuten. Erst als er sie umdrehte und sie ihn erkannte, befolgte sie sein Gebot, zu schweigen. Er ließ sie los und zeigte auf den See. Auf seine Schwimmbewegungen hin schüttelte sie den Kopf. Sie konnte nicht schwimmen. Also blieb Rodrigo nichts anderes übrig, als die beiden Attentäter sich selbst zu überlassen und seinen Schützling in den Schleppgriff zu nehmen.
Bis sie außer Sichtweite waren, waren sie ein leichtes Ziel.
Doch sie erreichten das wenige Meter weiter im Uferdickicht verborgene Boot unbehelligt.
»Miss Sandra, können Sie rudern?«
»Was ist, wenn ich ins Wasser falle? Lassen Sie mich nicht noch mal allein!« Sie wrang sich ihren Rocksaum aus.
»Okay, schon gut. Ich bleibe bei Ihnen.« Er half ihr beim Einsteigen. »Ich werde das Ruder selbst übernehmen. Ruhen Sie sich aus.«
Am anderen Ende der Bucht warteten vertrauenswürdige Leute. Das hoffte er jedenfalls.

Wörter: 240

Heute nur 45 Minuten.

SGZ 46 SCHEIN

SGZ 46 SCHEIN

Tagsüber war die Hitze unerträglich gewesen. Jetzt war es angenehm auf der Veranda. Während sie saß, hielt der Spanier sich im Hintergrund stehend bereit und beobachtete das Gelände.
»Sehen Sie nur, Miss Sandra.« Er wies in Richtung der Bucht. Ein Farbenspiel von tiefrot über orange bis golden zog sich über den teilweise noch blauen Abendhimmel, vor dem sich die Silhouette der Dame mit Hut abhob.
»Oh, was für ein fabelhafter Sonnenuntergang! Was würde ich nur ohne Sie tun, Tonto.«
Dazu schwieg der Butler, den sie gerade einen Armleuchter genannt hatte. Ganz so gering war sein Stand nun doch wieder nicht. Doch er war dies mittlerweile von ihr gewohnt. Sie schien nicht zu wissen, dass es sich nicht um einen Kosenamen oder eine angemessene Berufsbezeichnung handelte, und er hatte bisher nicht den Mut gefunden, sie darauf hinzuweisen, dass sein Name Rodrigo lautete und er gerne so angesprochen werden wollte.
»Möchten Sie noch einen Tee, Miss Sandra?«
Sie wand den Blick von der Bucht ab und schenkte ihm ein Lächeln. »Aber gern, Tonto.«
Er nickte, trug stumm das Tablett mit der benutzten Tasse fort. Beim Betreten des Hauses schlug ihm die angestaute Hitze entgegen. Hoffentlich geschah ihr nichts, während er fort war. So engstirnig wie sie war keine seiner früheren Dienstherrinen. Von diesem Urlaub hatte er so dringlich wie noch nie jemandem abgeraten, doch schließlich hatte er nachgeben müssen. Um keinen Verdacht zu erregen, musste er daher die Rolle ihres Butlers annehmen. Nur so war zu erklären, dass er ihr auf Schritt und Tritt folgte.
Die Minuten, bis das Wasser kochte, waren kaum auszuhalten. So schnell es ging, begab er sich mit dem frisch aufgebrühten Tee nach draußen. Von Miss Sandra keine Spur.
Er stellte das Teetablett sorgfältig auf dem Tisch ab, schloss einen Moment die Augen, sandte ein Stoßgebet zum Himmel und verwandelte sich vom Butler in den Soldaten, als der er angeheuert worden war, um Miss Sandra mit seinem Leben zu verteidigen.
Wenn jemand sie entführen wollte, dann konnte sein Weg von hier aus nur übers Wasser führen. Also rannte Rodrigo zum Bootshaus.
»Hilfe!«, hörte er Miss Sandra rufen, »Hilfe! Hier bin ich!«
Um seine Stellung nicht zu verraten, antworte er nicht.

Wörter: 363

Leider war die Zeit zu Ende. Mal sehen, vielleicht schreibe ich morgen eine Fortsetzung.

SGZ 45 ELF

SGZ 45 ELF

Die Elfen-Elf
»Pass zu mir, Legoland, ich bin frei!« Honik winkte und hüpfte.
Doch sein Mitspieler versuchte es im Alleingang und verfehlte das Tor.
»Du bist so ein Hobbit, Mann, nie spielst Du zu mir!«
»Hör auf zu quasseln, Honik«, mahnte Tannatar, »lauf lieber.«
Honik trabte wieder auf seine Ausgangsposition zurück.
Es gab Einwurf. Legoland kämpfte mit einem Abwehrspieler der Gegenseite um den Ball.
»Honik, jetzt!«
Der langersehnte Pass. Honiks Herz klopfte, lauter als üblich. Er nahm den Pass an. Schon das hätte schief gehen können. Mit dem Handrücken wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Jetzt würde er es Legoland zeigen!
Da rief Tannatar: »Pass zu mir, Honik, ich bin frei!«
Was nun, den Helden spielen oder die Verantwortung mitsamt dem Ball abgeben? Honik entschied sich für Teamplay und gab den Ball an Tannatar ab. Dann suchte er sich eine bessere Position – und erhielt den Ball von Tannatar zurück!
Er fackelte nicht lange, schoss aufs Tor und traf!
»Tor, Tor, Tor«, jubelte das Publikum.

Wörter: 166

SGZ 44 ENGEL

SGZ 44 ENGEL

Save the date: Heiligabend ist dieses Jahr am 24.12.!
Unter einem Engel hatte ich mir etwas anderes vorgestellt. Keine stocksteife Gestalt, die einer besseren Klorolle ähnelte, beklebt mit rauen Fasern. Das sollte angeblich das beste Stück von all unserem Weihnachtsschmuck sein und ausgerechnet diese Hässlichkeit sollte nun oben auf unserem Baum thronen, nur weil sie noch von Muttern (also meiner Großmutter) stammt? Hat sie dieses Ding im Alter von fünf Jahren gebastelt?
Wir haben doch so schöne rot, golden und silbern glänzende Kugeln. Dazu passt dieser Bastelunfall von Flatterviech doch gar nicht.

So dachte ich damals. Und heute denke ich, dass ich überhaupt keine Vorstellung davon hatte, wie anders die Zeit war, in der meine Eltern aufgewachsen sind – und schon gar meine Großeltern. Woher auch?
Heute wäre es ein Leichtes, ein »Opa erzählt von Corona«-Vlog anzulegen, damit die noch nicht geborenen Enkel sich das später, nicht mehr live, aber in Farbe, anschauen können. Da kann man die Masken in die Kamera halten und die Vorzüge der verschiedenen Modelle erklären. Man kann dies und das verlinken. Das macht es sicher anschaulicher. So bekommt man auch einen Eindruck von dem Menschen, der Opa war, bevor er Opa wurde.
Meine Oma hat gern vom Krieg erzählt. Da starben Menschen (also nix gewaltfrei), suchten vor den Bomben Zuflucht in den Kellern (Oma und Opa hatten noch einen eigenen Bunker im Keller), zitterten dort vor Angst und sie als Säuglingskrankenschwester musste zeitweise auswählen, wem noch geholfen werden kann und wem nicht mehr. Triage. Das, wovor heute allen graut. Das zeigt nur, wie lange das nicht mehr notwendig war.
Die Weltkriege waren sicher die für meine Oma prägendste Zeit und die jetzige dürfte es für unsere Kinder und Jugendlichen sowie junge Erwachsene sein. Eigentlich für uns alle, aber die älteren Semester werden dieses frisch gepackte Säcklein nicht mehr so weit in die kommenden Generationen tragen, denke ich.

Sollte also das diesjährige Weihnachtsfest so stattfinden dürfen wie vor 2020, dann besorge ich mir zum allerersten Mal in meinem Leben einen Weihnachtsbaum und bastel eigenhändig aus einer nackten Klorolle einen Engel, der dann ganz oben thronen darf.

Wörter: 349

Es kann nie schaden, Weihnachtsgeschichten auf Vorrat zu schreiben. Immerhin sind es nur noch 300 Tage bis dahin!

SGZ 43 SEHNSUCHT

SGZ 43 SEHNSUCHT

Wieder nach dem Bus rennen
»Moni, weißt du was?«
»Weiß ich nicht, Frank.« Sie wandte den Blick nicht vom Fernseher ab.
»Ich hab Sehnsucht danach, wieder Treppen zu steigen, ohne bereits auf der zweiten Etage ins Schnaufen zu kommen.«
»Meinst wegen FFP2?« Sie zappte weiter durch die Kanäle.
»Nee. Ich will wieder nach dem Bus rennen können.« Das war richtig geil, als ich das noch konnte. Nicht, weil ich es besonders eilig gehabt hätte – einfach, weil ich es konnte. Und das, obwohl ich wusste, dass fünf Minuten später der nächste Bus kommen würde.
»Aha. Guck mal, das Kleid wär doch schick!«
»Die Kleiderauswahl ist mit 150kg auch sehr begrenzt.«
Jetzt sah sie mich an. »Willst shoppen gehen?«
»Nee. Meine alten Klamotten warten im Schrank auf mich.«
»Wie, warten?«
»Ich werde mich wieder halbieren!«
»Versteh ich nich.«
»Lass gut sein, Moni. Gib mir auch mal die Chips.«
»Sind alle. Sorry.«
Ich seufzte, stand auf und schleppte mich in die Küche. Klappte den Kühlschrank auf. Nix da. Nix Leckeres jedenfalls. Jetzt nur nicht einkaufen. Abnehmen fängt beim Einkaufen an.
Ich trottete zurück und ließ mich wieder aufs Sofa fallen.

Wörter: 187

SGZ 42 KUNST

SGZ 42 KUNST

Ist das Kunst oder kann das weg? Das frage ich mich in letzter Zeit häufiger. Ob sich das auch Douglas Adams fragte, als er »Per Anhalter durch die Galaxis« schrieb? Oder hat er es einfach gemacht, weil er Bock drauf hatte?
Muss ich denn verflucht noch mal irgendwas ausdrücken wollen, die Welt retten oder wenigstens bewegen oder/und einen Haufen Kohle machen – reicht es nicht einfach, Spaß dran zu haben? Ich fürchte, ich bin nicht dazu in der Lage, an jedem einzelnen Tag Spaß am Schreiben zu haben und schon gar nicht 8 Stunden oder erst recht nicht 10.000 Wörter lang. Geschweige denn in Wochen, in denen mir die ganze Scheißwelt auf den Keks geht und ich nur fürs Nötigste den Computer anmache. Böser Schwarzer Hund!
Die gute Nachricht ist: Ich habe zwei Bücher gelesen. Im Handel erworbene. Eines war ein Pageturner, den ich in einem durchsuchten musste (Liebes Kind, Romy Hausmann). Das andere war vergleichsweise lahm, hat mich aber sehr ins Nachdenken gebracht (Der Store, Rob Hart). Rezensionen gibt es für beide zur Genüge.
Die Frage ist: Was ist Kunst? Den Geschmack der Masse zu treffen oder aber diese aufzurütteln? Was davon will ich? Und was von dem, das ich will, kann ich überhaupt?
Habe ich das Talent, Kunst zu schaffen? Oder habe ich nur mühsam in Eigenregie ein Handwerk erlernt, für das mir das gewisse Etwas fehlt? Bin ich so fantasielos, wie ich glaube, oder halte ich die Büchse der Pandora noch verschlossen?
Vielleicht bin ich auch nur zu ungeduldig, brauche einfach mehr Zeit für das, was ich mir vorgenommen habe.

Als ich meinen ersten Marathon gelaufen bin, hatte ich null Vorbereitung, starkes Übergewicht, aber ein Ziel vor Augen und festen Willen. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommen würde, aber einmal angefangen, wollte ich nicht aufgeben.
Entlang des Weges gab es immer wieder Posten mit Erfrischungen und bei diesem gab es sogar eine Suppe. Ich setzte mich das erste Mal hin und aß und mein Körper schrie danach, ich möge mich hinlegen und fortan nicht wieder bewegen. Ich saß gerade zwanzig Minuten, da kam der Mann, der die Wegweiser einsammelte.
Dennoch brauchte es erst gutes Zureden von drei Leuten (und etwas Druck von dem Mann, der weiter Schilder einsammeln wollte), damit ich mich dagegen entschied, weiterzulaufen und mich von einem Auto ins Lager fahren zu lassen. Dass ich einen Halbmarathon bewältigt hatte, den andere sich überhaupt nur als Ziel setzen, habe ich erst im Nachhinein realisiert.
Bei meinem zweiten Marathon zwei Jahre später hatte ich Normalgewicht und da mir drei Wochen zuvor das Fahrrad geklaut worden war, hatte ich die 7km täglich zur Arbeit hin- und zurücklaufen müssen. Da ich abends zudem jeden Abend 7km joggte, war es ein leichtes, die halbe Strecke zu joggen und die zweite Hälfte zu gehen. So brauchte ich insgesamt noch an die acht Stunden, aber ich kam an.
Diese Erfahrungen haben mich sehr geprägt. Immer dann, wenn Durchhaltevermögen gefragt ist, kann ich darauf zurückgreifen.
In beiden Fällen tat mir eine Woche danach alles weh, aber das lag an der inadäquaten Vorbereitung.

Ginge es also um die Frage, ob ich der geborene Marathonläufer sei, kann ich die sehr leicht verneinen.
Was das Schreiben angeht, so merke ich da keinen Unterschied, ob es sich um eine Romanprojekt oder um Kurzgeschichten handelt. Aber ich scheine ein Problem mit einer alltäglichen Routine zu haben. Sobald es sich wie eine Pflichtübung anfühlt, macht es mir keinen Spaß mehr und ich fürchte, das merkt man den Texten auch an.

Wörter: 582