Der Mörder ist nicht mal der Gärtner

Der Mörder ist nicht mal der Gärtner

Bis zum heutigen Morgen waren Kunos einzige Sorgen diejenigen gewesen, die ihm seine Leser zusandten. Ihnen stand er mit Rat und Tat in allen Lebenslagen zur Seite, vor allem in Beziehungsfragen. Dass er eine heimliche Liebelei mit dem Lehrling des Gärtners hatte, durfte niemand wissen. Ein schwuler Kummerkastenonkel in einem christlichen Magazin! Nein, so etwas durfte es nicht geben. Nicht offiziell, jedenfalls. Hinter verschlossenen Türen der Redaktion war er geachtet, auch wenn man dort lange wusste, warum Kuno mit keiner Frau zusammenlebte.
Heute Morgen fand er an der Windschutzscheibe seines pinkfarbenen Fiat UNO etwas unter dem Scheibenwischer. Einen Ordnungsbussenzettel! Vor seiner eigenen Haustür! Dabei hatte er den Behindertenparkplatz eigens beantragt und lange bei der Stadt dafür gekämpft. Nun das! Sein Ausweis war gut sichtbar platziert. Vielleicht sah der Politeur nicht mehr so gut … Bei allem Verständnis war er trotzdem auf hundertachtzig, denn er hatte alles richtig gemacht.
So aufgebracht konnte er nicht fahren, also stürmte er, so schnell die Krücken es zuließen, durchs offene Gartentor zurück zum Haus, riss die Post aus dem Briefkasten und ließ die Tür hinter sich ins Schloss knallen. Er plumpste auf seinen Schreibtischstuhl und atmete tief durch. Funktioniere!
Ein Griff zum Brieföffner, ein Schlitz nach dem anderen.
Gleich beim ersten Brief, den er las, passierte Kuno etwas, das ihm während seiner ganzen Kummerkastenonkelkarriere, ja bei all seiner seelsorgerischen Tätigkeit überhaupt, noch nie passiert war: Er brach in Tränen aus, schluchzte erst leise und dann immer lauter. Es schien gar kein Ende nehmen zu wollen.
»Kuno.« Sanft legte ihm Malte, der Lehrling des Gärtners, eine Hand auf die Schulter.
»Malte!« Der Seelsorger erschrak. »Du sollst doch nicht reinkommen. Was sollen denn die Nachbarn denken!«
»Kuno.« Die treuen Augen des Gärtner-Azubis blickten ihn in gespielter Strenge an. »Sollen die Nachbarn sehen, wie du mit verheulten Augen in die Gartenlaube gerannt kommst? Wir hatten gesagt, im Notfall …«
»Das ist doch kein Notfall!«, protestierte Kuno.
»Was ist denn ein Notfall, wenn nicht das? Willst du erst einen Herzinfarkt haben, damit ich zu dir stehen darf?«
Statt einer Antwort schmiegte der Katholik seine Wange an die grüne Latzhose seines Lovers.
»Du hast recht. Ich schäme mich so.«
»Du hast keinen Grund, dich zu schämen.«
Kuno zog die Nase hoch und trocknete seine Tränen mit seinem Hemdsärmel. »Ich weiß, es ist falsch, aber ich werde dieses Gefühl nicht los.«
»Komm. Ich helf dir.«

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Rezension: Einmal kurz die Welt retten (Jennifer B. Wind [Hrsg.])

Rezension: Einmal kurz die Welt retten (Jennifer B. Wind [Hrsg.])

Einmal kurz die Welt retten von Jennifer B. Wind (Hrsg.) hatte ich bereits mit meinem Ersteindruck vorgestellt und hier kommt die versprochene Rezension.

Einmal kurz die Welt retten, Jennifer B. Wind (Hrsg.)

Ich habe ein Printexemplar vom Gmeiner-Verlag erhalten, gerade einen Tag vor der Veröffentlichung am 9. März, für das ich mich bedanke. Eine Erkältung hat dazu beigetragen, dass ich für die Lektüre länger gebraucht habe als gedacht.

Die meisten der Autor:innen rannten bei mir offene Türen ein, da ich noch die Hoffnung habe, dass wir etwas tun könnten, wenn wir es nur wollten. Bis auf eine Ausnahme fühlte ich mich gut unterhalten und habe die Geschichten sehr gerne gelesen.

Weiße Schrift auf schwarzem Grund: EINE MINUTE VOR ZWÖLF Die Welt steht vor dem Kollaps. Den führenden Wissenschaftlern zufolge werden im Jahr 2052 wichtige Ressourcen aufgebraucht und große Teile der Welt aufgrund des Klimawandels unbewohnbar sein. Milliarden Menschen drohen Obdachlosigkeit, Hunger und Armut. 24 dramatische, sarkastische, skurrile und tiefsinnige Kurzgeschichten deutschsprachiger Topautorinnen und -autoren widmen sich den drängendsten Themen unserer Zeit und regen zum Nachdenken an. Sie sind ein Appell an uns alle: Der Kampf um das Morgen muss heute beginnen!

24 Texte die unterhalten, zum Nachdenken anregen und aufzeigen, wie eine Wende zum Guten (noch) möglich sein kann!

Mit Geschichten von Dieter Aurass, Raoul Biltgen, Veronika A. Grager, Anne Grießer, Petra K. Gungl, Reinhard Kleindl, Regine Kölpin, Beatrix Klamlovsky, Uwe Laub, Mari März, Günter Neuwirth, Regina Schleheck, Claudia Schmid, Ursula Schmid-Spreer, Ingrid Schmitz, Alex Thomas, Heidi Troi, Eva Maria Nielsen, Fenna Williams, Barbara Wimmer, Janet Zentel, und Jennifer B. Wind
Einmal kurz die Welt retten, Jennifer B. Wind (Hrsg), Buchrückseite

Die Anthologie umfasst 24 Geschichten, die in 12 Kapitel gegliedert sind, dazu ein Vor- und ein Nachwort der Herausgeberin sowie eine Danksagung und am Schluss die Vitae der einzelnen Autor:innen.

Alle Geschichten spielen in der Zukunft, die meisten im Jahr 2052 in einer utopischen oder dystopischen Welt, in der sich das Leben auf der Erde auf drastische Weise verändert hat.

Bevor es mit den Geschichten losgeht, überrascht „Einmal kurz die Welt retten“ mit einem Songtext. An dieser Stelle habe ich mich gefragt, ob man den Song im ebook vielleicht hören kann?

Zu jeder Geschichte gibt es nicht nur ein kurzes Vorwort, sondern auch jeweils Hintergrundfakten zur Geschichte, teilweise mit Fußnoten, die u.a. Weblinks zum nachlesen enthalten.
Ein weiteres Detail sind liebevoll gestaltete Illustrationen und Szenentrenner.

Cybergangster und sprechende Toaster

Beim Kapitel „Gefährliche Cyberwelt“ war ich skeptisch, da ich sehr technikaffin bin und Menschen, die aus Angst ihre Kamera am Laptop oder gar am Handy das Mikrofon abkleben, bisher als Psychotiker bzw. Opfer von Verschwörungstheoretikern angesehen und gedanklich schon mit einem Aluhut ausgestattet habe. Dennoch konnten mich Barbara Wimmer und Reinhard Kleindl überzeugen. Es ist gut so, dass ich keine Alexa habe. Jetzt muss ich nur noch prüfen, ob sie nicht in meinem Fernseher schon längst eingebaut ist …

Zu den einzelnen Geschichten

(Keine vollständige Inhaltszusammenfassung.)

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Die Schreibkommune

Die Schreibkommune

Dass die Schreibkommune Teil unseres Blogrings ist, hatte ich schon angekündigt. Aber was ist die Schreibkommune?

Es handelt sich um einen Blog, der von verschiedenen Autor:innen des Schreib-Forums gemeinschaftlich betrieben wird.

Dazu schreibt Andre Marto:

Wir bieten Dir alle Facetten des Schreibens. Zum einen Anleitungen für Schreibanfänger. Einsichten in Näh- bzw. Schreibkästchen zum Teil erfahrener Autor:innen. Sowie eigene Geschichten aller lesenswerten Genre, von Abenteuer bis zur Science-Fiction, von der Kurzgeschichte bis zur Fortsetzungsstory und am Ende interessante Rezensionen verschiedenster Werke und Autor:innen.

Andre Marto, 20.02.2022 in der Schreibkommune

Letztes Jahr habe ich dort eine kleine Reihe zum Thema „Grundlagen des Schreibhandwerks“ gepostet, der sich an Menschen richtet, die gerade mit dem Schreiben anfangen wollen und sich erstmals darüber informieren.

Ausschnitt Header Schreibkommune

Rechts in der Sidebar, die auf Tablets und Handys unten erscheint, sind zwei Buttons zum Blogring dazugekommen: „Kurzgeschichten“ und „FantasyBookBlog“ sind noch im Aufbau befindliche Seiten, die zur Schreibkommune dazugehören. Die anderen Blogs im Blogring werden unabhängig voneinander betrieben, die gegenseitigen Gastbeiträge ausgenommen.

Einmal kurz die Welt retten

Einmal kurz die Welt retten

Einmal kurz die Welt retten
Jennifer B. Wind (Hrsg.)
416 Seiten
EUR 12,00 [D] / EUR 12,40 [A]
ISBN 978-3-8392-0128-2
Erscheinungstermin: 9. März 2022 – heute!

Zum Buch
Die Welt steht vor dem Kollaps. Den führenden Wissenschaftlern zufolge werden im Jahr 2052 wichtige Ressourcen aufgebraucht und große Teile der Welt aufgrund des Klimawandels unbewohnbar sein. Milliarden Menschen drohen Obdachlosigkeit, Hunger und Armut. 24 dramatische, sarkastische, skurrile und tiefsinnige Kurzgeschichten deutschsprachiger Topautorinnen und -autoren widmen sich den drängendsten Themen unserer Zeit und regen zum Nachdenken an. Sie sind ein Appell an uns alle: Der Kampf um das Morgen muss heute beginnen!

Presseinformation des Gmeiner-Verlags

Gestern kam das Buch als Büchersendung an und ich liebe diese Briefmarken!

Ungeplant erscheint „Einmal kurz die Welt retten“ nun zu einer Zeit, in der tatsächlich hierzulande die Spritpreise explodieren, weil der Ölpreis aufgrund des Krieg in der Ukraine durch die Decke geht.
Heute sind mir im Laden Tomaten in einer Pappschachtel aufgefallen, die sonst in Plastik verpackt waren. Der Umwelt käme es zugute, wenn Plastik nun zu teuer würde …

Mein erster Eindruck

Das Buch ist mehr als doppelt so dick, als ich erwartet hatte. Anders gesagt: So dick sind also 416 Seiten. :D Nie darauf geachtet.

Die Buchstaben auf dem Cover sind leicht erhaben und glänzen vor dem mattschwarzen Hintergrund.

Ein erster Blick hinein verrät: Auf mich kommen zwölf Kapitel mit je zwei Geschichten zu, also insgesamt 24 Werke. Ich bin schon sehr gespannt!

Danke! <3

Meine Rezension folgt, sobald ich alles gelesen und verdaut habe.

Die

Autor:innen

  • Dieter Aurass
  • Raoul Biltgen
  • Katja Brandis
  • Veronika A. Grager
  • Anne Grießer
  • Petra K. Gungl
  • Reinhard Kleindl
  • Regine Kölpin
  • Beatrix Klamlovsky
  • Uwe Laub
  • Mari März
  • Günter Neuwirth
  • Regina Schleheck
  • Claudia Schmid
  • Ursula Schmid-Spreer
  • Ingrid Schmitz
  • Alex Thomas
  • Heidi Troi
  • Eva Maria Nielsen
  • Fenna Williams
  • Barbara Wimmer
  • Janet Zentel
  • Jennifer B. Wind

Mehr über die Autorin unter: www.jennifer-b-wind.com

Bookdate Contest: Zu Hause

Bookdate Contest: Zu Hause

Zu Hause

Der Schlüsselbund liegt verändert und doch vertraut in meiner Hand, als ich das noch ungewohnte Schloss öffne und mir der Geruch frischer Farbe entgegenweht. Zeitungspapier raschelt unter meinen Schuhsohlen, als ich mein neues Apartment betrete. Dieser Schritt musste sein, raus aus der gemeinsamen Wohnung, die vom Schweigen überfüllt war. Raus aus dem goldenen Käfig. Mehr als eine Wohngemeinschaft war das nicht mehr, was von unserer Ehe übrig geblieben war, und zuletzt hing immer öfter der Haussegen schief. Dass er sich jetzt ständig mit seinem neuen Freund trifft, schneidet mir immer noch ins Herz.
Ich schneide ebenfalls, und zwar die mitgebrachte Pizza in mundgerechte Happen, bevor ich mich auf der Trittleiter niederlasse und die Schachtel auf einem Umzugskarton ablege. Dies hier ist mein Reich. Hier putze ich nur meinen Dreck weg, hier gibt es keinen Streit darüber, wer zuletzt die Spülmaschine ausgeräumt hat und warum die Fenster immer noch nicht sauber sind. Keine gegenseitigen Verletzungen. Vor allem wird es ordentlich sein. Meine Seele atmet auf bei diesen Gedanken.

Am nächsten Morgen habe ich Muskelkater vom Schleppen der Kartons, aber seit Langem endlich wieder gut geschlafen. Die Aussicht vom Schreibtisch an die Raufasertapete ist noch ungewohnt, das Grün der Bäume fehlt mir, als ich meine Unterlagen fürs Einwohnermeldeamt zusammenstelle. Auf dem Formular pendelt mein Blick hin und her zwischen den Kästchen zum Familienstand. Noch muss ich Lebenspartnerschaft ankreuzen, aber es fühlt sich nicht mehr richtig an. Ich bin angekommen in meinem neuen Leben als Single, auch wenn der Amtsschimmel hinterhertrottet.

Bei meiner Rückkehr empfängt mich mein Name am Klingelschild. Nur meiner.
Endlich Zuhause. Endlich frei.


Diesen Text habe ich, passend zum gestrigen Valentinstag, in meinem Instagramprofil gepostet, weil dies Bestandteil des derzeit laufenden Wettbewerbs von BoD zum Thema „Ich bin angekommen.“ ist.

Und prompt liefen meine Telefone heiß. *lach

Okay, das ist weit übertrieben. Aber ein Freund fragte mich ebenso überrascht wie besorgt, ob wir uns getrennt hätten. Nein, haben wir nicht.

Eine Geschichte ist eine Geschichte ist eine Geschichte.

Manchmal muss ich das dazusagen, weil häufig das literarische Ich mit dem des Autors gleichgesetzt wird. Gerade bei authentischen Texten.

Schleich dich oder ich fress dich

Schleich dich oder ich fress dich

Da ist er wieder
der Schwarze Hund
Er reißt mich nieder
ganz ohne Grund

Ich liege im Dreck
in Schuld und Scham
und kann nicht mehr weg
mein Bein ist lahm

So lahm wie mein Hirn
Der Köter wedelt
freudig mit feinem Zwirn
für mein letztes Hemd


Tatsächlich geht es schon wieder besser. Ehrlich.
Gut zwei Monate hing ich im tiefen Loch der Depression fest. Mal wieder völlig grundlos. Und das nach einer kurzen (4 Tage) Hypomanie, die mir schon Angst gemacht hatte. Wie jedes Auftauchen ist auch dieses mit der Angst verbunden, ob der Switch kommt oder ich es schaffe, mich in der Mitte zu halten. Oder ob es gleich wieder nach unten geht.

Mir wär jetzt danach, mir das Herz auszuschütten, aber das wäre ja nicht „professionell“ im Sinne eines beruflichen Auftretens als Schriftsteller auf dieser Website. ;)
Wenn ich das aber komplett kaschiere, trage ich zu Nichtsichtbarkeit und Stigmatisierung psychischer Erkrankungen bei, weil der Eindruck entstehen könnte, mir schiene immer nur die Sonne aus dem Arsch. Nun, dem ist nicht so.

Was also tun?
Mimimimi. ;)
(Siehe oben.)


Ist mir noch zu helfen?

Ein Freund fragte mich, was man für mich tun kann, wenn es mir nicht gut geht. Darüber habe ich nachgedacht.

Was ein Freund für mich tun kann, wenn es mir (aufgrund meiner bipolaren Störung) nicht gut geht:
• zuhören, auch als Empfänger von eMails
• mir nicht nachtragen, wenn ich ohne Ankündigung wochen- oder monatelang in der Versenkung verschwinde
• sollte ich quasseln wie ein Wasserfall ohne Punkt und Komma und dabei von Hölzchen auf Stöckchen kommen (kommt auch in Schriftform vor), mir das rückmelden und mich bitte nicht noch weiter mit Reizen fluten oder mich durch Nachfragen inspirieren / zum Nachdenken bringen – ich brauche, wenn ich nicht mehr schweigen kann, Isolation und Reizarmut, damit ich Schlaf finde, vielleicht moderate Bewegung, um mich auszupowern – etwas zu schreiben ist auch immer großartig, und wenn es nur ein paar Blatt Papier sind
• bitte nicht ausnutzen, falls ich ungewöhnlich großzügig mit Geld um mich werfen sollte
• bei Fremd- oder Eigengefährdung 112 rufen, bei Unsicherheit unter 310031 beraten lassen, ob 112 gerufen werden soll

Was ein Freund vorbeugend für mich tun kann, damit ich stabil bleibe und es mir gut geht:
• zu meiner Tages-/Wochenstruktur beitragen durch regelmäßig wiederkehrende Verabredungen wie Spaziergänge (Tageslicht!), Telefonate/Chats, Singen, Tanzen, Schwimmen, … man könnte es auch Freizeit miteinander verbringen nennen *g
• nach Absprache: mir rückmelden, wenn man den Eindruck hat, ich schlittere in eine Manie

In jedem Fall möchte ich meine Eigenverantwortung behalten und nicht auf meine Krankheit reduziert werden! (Stichwort: Ableismus)
Aber eigentlich reicht es, mir als Mensch zu begegnen. :)