Psychose #diverserdonnerstag

Psychose #diverserdonnerstag

Es gibt nicht die Psychose, das macht bereits der entsprechende Wikipedia-Artikel klar. Psychosen können bei einer Vielzahl von Erkrankungen auftreten, darunter bei der bipolaren Störung. Wie ich während einer Psychose auf Außenstehende wirke, ist mir erst dadurch klar geworden, dass ich einmal währenddessen Fotos und Videos gemacht habe.

Persönliche Erfahrungen

Meine erste (diagnostizierte) Psychose entwickelte ich, nachdem ich bereits ein halbes Jahr unbehandelt manisch und bereits wahnhaft herumlief. Im Büro war ich schon darauf angesprochen worden, dass ich aber sehr überengagiert sei – tatsächlich traute ich mir da schon selber nicht mehr über den Weg, machte Fehler, die ich sonst nicht gemacht hätte, weil ich mich kaum noch auf etwas konzentrieren konnte. Irgendwann lief ich immer häufiger durch die Gegend, weil ich nicht mehr stillsitzen konnte, was natürlich nicht unbemerkt blieb.

Aus einem Impuls heraus folgte ich der Einladung einer Bekannten und nahm an einem Schamanischen Heilkreis teil. Unter normalen Umständen wäre das für mich ein absolutes No-Go gewesen. Aber ich kann euch beruhigen: Das war nicht viel anders als Musiktherapie mit Gespräch beim Kuchenessen. Lange Zeit hielt ich das für das auslösende Moment der folgenden Ereignisse; inzwischen denke ich, dass mich dieses Erlebnis noch am ehesten in die Realität zurückgeholt hat, weil ich nämlich dadurch darüber nachdachte, was denn real ist und was nicht, weil ich verstehen wollte, was geschehen war.

Nachts allein am Bahnhof halluzinierte ich

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Rezension: Ich, Mensch: Worte gegen Ableismus (Frei!Geist Autorenverlag)

Rezension: Ich, Mensch: Worte gegen Ableismus (Frei!Geist Autorenverlag)

Ich, Mensch: Worte gegen Ableismus, Frei!Geist Autorenverlag
92 Seiten
Druckbuch 9,- EUR, nicht als ebook erhältlich.
ISBN 978-3-756-521-23-4
Erschienen am 10.08.2022 und erhältlich bei epubli, Amazon, Thalia, und Hugendubel.

Ich hatte euch ja schon neulich mal das Cover gezeigt.
Mein erster Text, der in einem Verlagsbuch erscheint! Ich bin stolz auf mich, aber ebenso auf die anderen. Und ich habe sogar eine Kollegin vom BVjA-Stammtisch, Elke Jan, „wiedergetroffen“ die einen tollen Krimi beigesteuert hat. Sie ist unter anderem auch Sensitivityreaderin.
Heute will ich euch aber das Buch näher vorstellen.

Klappentext:
16 Autorinnen und Autoren, 17 Texte zum Thema Behinderung und Ableismus in Deutschland, aus ganz persönlicher Perspektive. Gedicht und Kurzgeschichte, Essay und Bericht: In so vielfältigen wie originellen Formen kommen hier diejenigen zu Wort, die in der öffentlichen Debatte immer noch viel zu oft ausgeschlossen bleiben. Die Hürden im Alltag einer Rollstuhlfahrerin, der tägliche Kampf blinder Menschen oder das Unverständnis, das geistig Beeinträchtigten entgegen schlägt: Die Beitragenden in diesem Sammelband, der aus einem Schreibaufruf des Autorenkollektivs Frei!Geist hervorging, bieten bunte, kluge, anspruchsvolle Kommentare aus ganz verschiedenen Blickwinkeln zu einem Thema, das leider immer noch brandaktuell ist.

Gesamteindruck

Ich war etwas überrascht, wie dünn sich das Buch anfühlt. Aber 92 Seiten sind eben nicht viel im Vergleich zu den für einen Roman typischen Umfang von 300 Seiten oder mehr. Das tut der Qualität der Texte, die mich allesamt sehr berührt haben, jedoch keinen Abbruch.

Zu den einzelnen Texten

Ingo S. Anders – Störungen im Betriebsablauf oder Unplanmäßige Verkehrsbehinderungen
Meine eigene Geschichte trägt einen etwas sperrigen Titel. Natürlich rezensiere ich mich nicht selbst, aber ich zeige euch die erste Seite als Leseprobe. Einfach nicht weiterlesen, wenn ihr bzgl. der Inhalte der anderen Geschichten nicht gespoilert werden wollt.

Eine aufgeschlagene Buchseite. Schwarze Schrift auf weißem Grund: Ingo S. Anders Störungen im Betriebsablauf oder Unplanmäßige Verkehrsbehinderungen Mein Telefon klingelte. Das war insofern ungewöhnlich, als dass es das nur selten tut, weil ich nicht gern telefoniere und meine Freunde das wissen. Es klingelte also unangemeldet, und ich hatte das Glück, die Wischbewegung richtig auszuführen, sodass das Gespräch mit Ina zustande kam. "Ingo, stell dir vor!" Sie war ganz aufgeregt. "Der Verlag hat angerufen. Ich soll in einer Talkshow im Fernsehen auftreten! In Osnabrück." Ich gratulierte und ließ sie erzählen, bis sie zum Grund ihres anrufs bei mir kam. Sie brauchte eine Reisebegleitung. Ausgerechnet mich, der jeden Winter in heillose Orientierungslosigkeit verfiel, wenn alle Jahre wieder urplötzlich der Umstieg am Jungefernstieg erschwert wurde, weil zwischen S-Bahnhaltestelle und Bushaltestelle ein Weihnachtsmarkt den Weg versperrte. "Mit dem Zug? Und was soll ich da machen?", fragte ich verständnislos. In meiner Welt bedeutete eine Zugfahrt eben nur Kopfhörer auf und irgendwie die Reizüberflutung durch die vielen Fahrgäste aushalten, was stressig genug für mich war. So stressig, dass ich üblicherweise entweder mit der Ersten Klasse fuhr oder zwei Übernachtungen zusätzlich buchte, wenn ich verreiste. Mich hatte Ina nur deshalb gefragt, weil die ursprünglich angedachte Begleitung ihr kurzfristig abgesagt hatte.
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Ich könnte das ja nicht

Ich könnte das ja nicht

Für heute war das letzte Monster besiegt und auch die Feedbackrunde neigte sich dem Ende.
Heiko richtete das Wort an Jürgen. »Wie schön, dass Du heute dabei warst, Jüjü. Wir hatten dich schon vermisst.«
»Ja, es tut mir leid, aber ich finde einfach die Zeit nicht.«
»Wegen Martin«, warf Sabine ein.
»Ach ja …« Heiko schwieg lieber. Als Altenpfleger wusste er, wie belastend der Umgang mit Menschen mit Behinderungen für die Angehörigen sein konnte.
»Es ist echt Wahnsinn, was der Jüjü alles leistet. Er macht so viel für Martin. Einkaufen, Kochen, Putzen, Waschen … eigentlich den ganzen Haushalt. Und das Geld für zwei verdient er auch noch! Ich könnte das ja nicht.« Sabine sah ihn anerkennend an.
Jürgen rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum. »Es geht schon viel Zeit dafür drauf …«
»Dein Mann soll ja auch so was wie ein Leben haben, nicht wahr?«
»Nee, Sabine, so kannste das jetzt auch nicht sagen. Martin geht zeitweise an Krücken, das ist alles. Ansonsten gehts dem nicht viel anders als uns auch.«
»Ja, aber das ist doch schlimm! Dem muss man doch helfen«, widersprach sie. »Jüjü, sag doch auch mal was!«
»Heiko hat schon recht. Es sind eigentlich nur die Krücken.«
»Und uneigentlich?«
»Darüber möchte ich nicht so gern sprechen.«
»Jüjü!«
»Also gut. Seine Launen sind schwer auszuhalten. Manchmal wird er plötzlich wütend und ich weiß nicht, warum. Er sitzt meistens da im Sessel wie ein Pascha und legt die Füße hoch. Ich bringe ihm dann, was er braucht, damit er nicht noch mal aufstehen muss. Als hätte ich nichts anderes zu tun. Aber er hat ja Schmerzen. Ich sehe ja, wie er das Gesicht verzieht, wenn er durch die Wohnung humpelt. Das kann ich nicht ertragen. Dann scheint plötzlich nichts zu sein und er schleppt schwere Einkäufe oder geht ohne Krücken zur Post, dann wieder braucht er sie sogar in der Wohnung. Ich will ja nicht, dass er leidet. Ich liebe ihn doch.« Tränen liefen über Jürgens Wangen.
»Armer Jüjü.« Sabine tätschelte seinen Arm.
»Du schlägst dich echt wacker«, sagte Heiko. »Falls du mal Fragen hast, kannst du dich gern an mich wenden.«
»Danke.« Jürgen schniefte.

»Ich bin so maximal wütend auf ihn!« Martin verstaute seine Krücken unter dem Tisch.
»Was hat Jürgen diesmal wieder angestellt?« Ella justierte ihr Hörgerät. »Ich bin ganz Ohr.«
»Heute ist Donnerstag, richtig?«
»Richtig.« Ella konnte sich ein erwartungsvolles Grinsen nicht verkneifen.
»Am Montag bin ich wie üblich einkaufen gegangen. Weil viel auf dem Zettel stand, habe ich überlegt, ob ich mit dem Rucksack zweimal gehe oder ob ich es irgendwie hinkriegen kann, den Hackenporsche zu nehmen. Ich habe mich dann für Letzteres entschieden und auf eine der Krücken verzichtet. Das ging auch erstaunlich gut. Ich meine, ich entlaste ja nur das Knie. Es ist ja nicht so, dass ich sonst nicht laufen könnte, ich möchte nur vermeiden, dass ich wieder in Schonhaltung gehe, weil dann die Bandscheibe zickt …
Egal. Jürgen also. Heute erzählt er mir, wenn ich am Montag noch eine halbe Stunde länger gewartet hätte, dann wäre sein Meeting zu Ende gewesen und dann hätte er auch selbst einkaufen gehen können oder er wäre mitgegangen und hätte die schweren Beutel geschleppt. Ich meine, was soll das denn? Ich bin doch kein Pflegefall! Ich kann mich selbstständig versorgen. Ich fand das so was von übergriffig!«
»Hast du ihm das mal gesagt?«
»Ach klar, die Ableismus-Diskussion hatten wir schon zigmal. Das ist wirklich müßig. Er kocht auch. Weißt du, ich habe gerade gefrühstückt, da fragt er, was ich zu Mittag essen will. Ich würde lieber mal selbst was kochen. Oder wegen mir auch zusammen, lecker Lasagne zum Beispiel, aber das geht nie, ohne dass er mir jeden Handgriff wegnimmt.«
»Glaubt er, du kannst das nicht?«
»Ja, kann sein. Ihm scheint gar nicht klar zu sein, dass es mir schlechter geht, je weniger ich selbst mache. Ich will nicht immobil werden. Wenn ich einen schlimmen Schub habe, dann kann ich ja keine fünf Minuten stehen ohne die Krücken. Und das sieht er ja nicht, wie es mir gerade geht. Aber der letzte schlimme Schub ist drei Jahre her. Und: Mit den Krücken geht es ja besser als ohne, auch wenn es schlimmer aussieht. Wenn er mal mit mir reden würde, hätte er das auch mitbekommen. Aber nein, länger als eine Stunde kann er sich ja nicht mit mir unterhalten, spielt aber problemlos mit seinen Freunden zehn, zwölf Stunden Rollenspiel am Stück.«
»So lange?«
»Mir wäre das definitiv zu lange mit so vielen Leuten in einer Gruppe. Ich würd da ja schon nach zwei Stunden aufm Zahnfleisch gehen. Aber er ist da ja irgendwie anders verdrahtet. Apropos spielen: Da kann er auch nicht abwarten, bis ich selbst eine Entscheidung getroffen habe. Der diktiert mir fast alles. So macht das keinen Spaß. Dabei spiele ich überhaupt nur ihm zuliebe mit ihm. Für mich ist das vertane Zeit.«
»Wenn er eine Pflegestufe für dich beantragen will, kannste ihn zu mir schicken.«
Martin lachte. »Lass mal, Ella. Noch komme ich gut allein zurecht und da finde ich es nicht angebracht, Pflegegeld zu kassieren. Aber ich komme gerne darauf zurück, sollte es sich ändern. So, das war mein Rant, du bist dran.« Entspannt lehnte er sich zurück.


Entstanden im Rahmen einer Schreibübung, bei der eine Figur von anderen Figuren gegensätzlich dargestellt werden sollte.


Übrigens: Der Juli ist der Disability Pride Month.

Bess: Beim nächsten Treppenabsatz rechts abbiegen

Bess: Beim nächsten Treppenabsatz rechts abbiegen

Bonk!

Benommen taumele ich rückwärts und halte mir die schmerzende Nase. Diese Tür ist doch nie zu! Ich taste nach der Klinke. Seltsam, sie fühlt sich viel rauer an als sonst. Ich drücke sie herunter und trete ins Bad. Unter meinen Füßen die kalten Fliesen … nein. Was geht hier vor? Ich hocke mich hin und streiche über den Boden. Leicht federnd gibt das Holz unter meinen Fingerspitzen nach. Seine abgewetzte Oberfläche zeugt von den zahllosen Füßen, die das Parkett an dieser Stelle direkt hinter der Tür im Laufe der Jahre betreten haben. Ich richte mich auf und strecke die Hände nach dem Türrahmen aus. Behutsam lasse ich die ganze Tragweite der Situation auf mich wirken. Das hier ist nicht meine Wohnung. Und ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich hierhergekommen bin.

Für einen Moment überlege ich, zurück ins Bett zu gehen, darauf zu hoffen, dass dieser schreckliche Albtraum endet, wenn ich nur einfach erneut daraus aufstehe. Allerdings … muss ich wirklich, wirklich dringend pinkeln. Ich trete zurück in den Flur, den Teppichboden unter meinen nackten Füßen, der sich so vertraut anfühlt, dass ich immer noch nicht glauben kann, nicht zu Hause zu sein.

Alles ist so ähnlich … aber eben nur so ähnlich wie in meiner Wohnung.

Mit festem Schritt wende ich mich nach links, die Arme ausgestreckt, und zähle die Schritte. Drei bis zur nächsten Tür. Die Klinke, auch hier aus kühlem Messing, ist noch abgegriffener als die vorherige und auch etwas speckig. Igitt! Dahinter … kühle Fliesen! Sofort verzehnfacht sich der Harndrang. Die Luft hier drin ist muffig und riecht nach Füßen, Essigreiniger und Lufterfrischer. Den penetrant-künstlichen Blumenduft der preiswerten Variante aus dem Minimarkt, den ich kaufe, weil die Flasche so eine angenehme Form hat, erkenne ich sofort. Leicht in die Knie gehend, taste ich mich vor, bis ich ein Waschbecken finde. Emaille, viereckig und recht tief, mit rauen, bröckeligen Rändern. Eine alte Wohnung, wie meine. Dahinter das Klo. Dem Himmel sei Dank!

Endlich erleichtert ziehe ich an der Kette links neben meinem Kopf – und erstarre. Ich bin doch zu Hause, muss zu Hause sein, denn an der Kette hängt ein kleines Quietscheentchen. Es hat genau dieselbe Kerbe auf dem Rücken wie Duke Duck und die Öffnung im Schnabel, die sich so sacht an meinen kleinen Finger schmiegt, wenn ich es fasse. Was ist hier nur los? Denk nach, verdammt! Ist es eine Nachbarwohnung? Dass die Schlüssel überall passen, habe ich schon vor Jahren bei der Hausverwaltung moniert. Aber wie sollte das möglich sein? Ich habe doch in meinem Bett geschlafen – nun, in einem Bett – und niemand sonst ist hier gewesen.

Der Hahn quietscht und blubbert, als ich ihn aufdrehe und kaltes Wasser über meine Hände laufen lasse. Ich taste nach dem Seifenspender, finde aber nur einen Waschlappen und ein Stück Kernseife. Sie ist oben ausgetrocknet und unten glitschig. Angewidert verwende ich sie trotzdem. Bin ich in einen Zeitstrudel geraten und in einer widerlichen Zukunftsversion meiner eigenen Wohnung gelandet? Ich trete zurück in den Flur und überlege. Während ich noch zwischen links und rechts schwanke, weht ein lauer Luftzug von links zu mir. Er bringt den süß-säuerlichen Geruch und das Scheppern der Spielhalle gegenüber heran. Ich folge dem Geruch in ein weiteres Zimmer, zu dem die Tür offensteht.

Der Luftzug muss vom Fenster kommen. Straßenlärm übertönt meine Schritte auf dem knarzenden Dielenboden.

Ich taste mich voran, auf das Fenster zu, als ich mit dem Fuß gegen etwas stoße. Etwas Festes und doch Weiches. Vorsichtig beuge ich mich herab und erkunde das Hindernis. Es fühlt sich warm an, mit Stoff überzogen, der irgendwie feucht und klebrig ist. Meine Hände fahren weiter über das Etwas, bis die Gewissheit meinen Herzschlag für eine Sekunde aussetzen lässt, nur, um mit doppelter Geschwindigkeit los zu galoppieren. Die Konturen ergeben das unmissverständliche Bild eines Körpers. Ich ertaste den Kopf – strubbeliges Haar, fettig klebt es an der feuchtkalten Stirn. Teigige Haut, ein unregelmäßiger Stoppelbart, die Nase kartoffelig, darauf eine kleine, haarige Warze. Mir wird schlagartig bewusst, dass ich einem Fremden im Gesicht herumtatsche. Und er nicht reagiert. Mein Mund wird ganz trocken.

Er ist … er wird doch nicht … Ich senke das Ohr über sein Gesicht. Erleichtert stelle ich fest, dass er …

„Aaaaaaaah!“

Panisch stolpere ich rückwärts und knalle mit dem Kopf gegen ein Tischchen, reiße es um und bekomme etwas Weiches, Klebriges ins Gesicht.

„Frau Gesewetter, was machen Sie denn in meinem Wohnzimmer, um Himmels Willen?“ Der alte Boddenwart lallt ein wenig.

Ich blinzele. „Ich weiß es nicht“, flüstere ich. Wut wallt in mir auf. „Was machen Sie in Ihrem Wohnzimmer?“ Mir wird die Absurdität der Frage bewusst, also schiebe ich nach: „Da, auf dem Boden, mit einem feuchten Hemd und vollkommen reglos!“

„Tja, äh … nun …“ Boddenwart räuspert sich. „Gestern hat der FC Scheeselong das Lokalturnier gewonnen. Sie wissen schon, ich hab denen doch den Torhüter gemacht, dreizehn Jahre lang … und weil auch mein Geburtstag war, da hab ich vielleicht ein Schlückchen zu viel auf ihren Sieg getrunken.“

Zu viel. Ja, mir wird es auch zu viel. Ich kann die Tränen nicht mehr zurückhalten, ziehe die Knie unters Kinn und schluchze.

„Aber, aber, das wird schon wieder werden“, sagt er mit seinem schnarrenden R, setzt sich neben mich und reicht mir ein Handtuch, dessen Rauheit den Weichspülerduft Lügen straft. „Jetzt wischen Sie sich erstmal den Geburtstagskuchen von der Stirn und dann gehen wir gemeinsam zu Ihnen rüber.“ Er hilft mir auf und begleitet mich hinaus.

„Da sind Sie gestern nach der Nachtschicht wohl falsch abgebogen, hm?“ Er lacht. Es klingt ein bisschen wie ein Ziegenbock mit Husten.

„Ich weiß nicht, wie das passieren konnte“, murmele ich beschämt.

„Ah, Frau Gesewetter!“ Im Treppenhaus begegnen wir Frau Wupsmanchen aus dem Erdgeschoß. „Nu treff ich Sie doch noch! Der Hausmeister lässt schön grüßen, er hat das Geländer endlich repariert, Sie können wieder rechtsrum zu Ihrer Wohnung gehen.“

Boddenwart klopft mir mitfühlend auf die Schulter. „Den Aushang haben Sie nicht gesehen, gell?“

Ich seufze.


Bess trägt diesen Monat zu unserem Blogring diese Geschichte bei, für die ich mich bedanke. Sehr schön!
Mehr Geschichten von Bess auf Bessassins Blog.


Übrigens: Der Juli ist der Disability Pride Month.

Rezension: Das kann nich jeda, sagt mein Bruder Benni, der mega coole Behindi (Maria M. Koch)

Rezension: Das kann nich jeda, sagt mein Bruder Benni, der mega coole Behindi (Maria M. Koch)

Das kann nich jeda, sagt mein Bruder Benni, der mega coole Behindi
Maria M. Koch

196 Seiten
Print EUR 9,50 | kindle EUR 3,99
ISBN 9789403648491
Erschienen 2021, leider nicht im ePub-Format erhältlich.

Ersteindruck

Auf den ersten Blick wirkt das Cover wie selbst gebastelt und das ist es auch. Als Käufer zugegriffen hätte ich nicht, weil der unruhige Hintergrund und dieser Jugendslang – vor allem der Ausdruck „Behindi“ mich abschreckt. Zudem ist die Schrift des für meinen Geschmack zu langen Titels schlecht und der Klappentext auf der Rückseite stellenweise gar nicht lesbar.
Aber man soll ein Buch nicht nach dem Einband beurteilen und ich bedanke mich bei Maria M. Koch für das zur Verfügung gestellte Druckbuch.

Leander muss die Pfingstferien zusammen mit dem geistig behinderten Benni verbringen.
Was nervig beginnt, wird zu verrückten Tagen, in denen Benni seinem Bruder vorlebt, um was es geht.

(Klappentext)

Mich fasziniert das Thema der Geschichte:
Zwei Brüder verbringen zusammen die Pfingstferien, einer davon geistig behindert. Für mich ein Lernfeld, da ich keinerlei Berührungspunkte mit Menschen mit geistiger Behinderung habe. Da frage ich mich sofort, warum die Brüder nur diese Ferien miteinander verbringen und nicht auch sonst miteinander aufwachsen und ob eine Aufsichtsperson zur Stelle ist, die auf die beiden Kinder aufpasst.

Lektüre

Das Buch liest sich aufgrund seiner einfachen Sprache schnell durch.

Ich lerne einen Teenager Namens Lenni kennen, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt ist.
Seine alleinerziehende berufstätige Mutter überlässt ihm allein die Verantwortung für den älteren Bruder. Durch seine Wortwahl wirkt er manchmal jünger als fünfzehn. Vor allem aber, und das stört mich massiv, scheint er seinen Bruder abgrundtief zu verachten. Und er schämt sich für ihn, er möchte nicht, dass seine Freunde von ihm erfahren. Er sieht nicht nur aufgrund seiner Einschränkungen auf Benni herab, er beleidigt ihn auch immer wieder – ohne jede Konsequenz. Seine Wandlung am Ende kaufe ich ihm nicht ab.
Dadurch entsteht für mich der Eindruck, dies solle der beispielhafte Umgang mit geistig behinderten Menschen sein. Das kann von der Autorin so nicht beabsichtigt sein. Sie ist laut Vita Sozialpädagogin und hat selbst einen geistig behinderten Sohn. Aber vielleicht hat sie ja auch nur beabsichtigt, mich ins Nachdenken zu bringen? Das ist gelungen!

Natürlich kann ich von einem Jugendlichen in dem Alter keine politische Korrektheit erwarten – ich weiß ja selbst nicht, wie sie in diesem Fall aussähe. Dennoch: „Nein!“, schreit mein Gewissen bei der Lektüre. „Das darf dir nicht gefallen! Das ist nicht politisch korrekt.“ Und das ist der Eindruck, der bleibt.
Mir fehlt auch das Motiv, warum Lenni so über seinen Bruder denkt, der doch sein ganzes Leben lang schon Teil der Familie gewesen sein muss. War da der Vater das Vorbild? Warum hält die Mutter nicht ausreichend dagegen? Das mit dem ungünstig gelegenen Geburtstag reicht mir da nicht.
Ich sehe, dass er sich von seinen Eltern nicht nur vernachlässigt fühlt, sondern meiner Meinung nach auch ist.
Was mich übrigens noch nervte, sind diese Sprachvergleiche. Weniger ist manchmal mehr.

Schwarze Schrift auf weißem Grund: Behinderte Menschen sind Geschenke in einer ganz besonderen Verpackung. Für Dominik und Fabian

Ich lerne aber auch einen jungen Erwachsenen namens Benni kennen, der das Herz am rechten Fleck hat. Er hilft seinem Nachbarn, Pfandflaschen wegzubringen, und bemüht sich, Versprechen einzuhalten.
Seinen Bruder nennt er „Lala“, was ich nicht gleich auf Anhieb kapiert habe. Soll er für drei Personen den Tisch decken, findet sich ein viertes Gedeck und er ist nicht in der Lage, alleine den Weg nach Hause zu finden. Viele der Konflikte in der Geschichte sind auf seine Behinderung zurückzuführen.
Sehr charakteristisch ist seine mitlesbare Sprachstörung. Nicht nur, dass er sagt „Ich wohn um“, um auszudrücken, dass er vorhat, umzuziehen, und zwar „Su Dani“ (zu Dani), sie ist auch seine „Feun-din“ – er braucht manchmal, um Worte zu beenden, daher sind Bindestriche eingefügt. Da ich schon ein Buch über einen Stotterer gelesen habe, das ähnlich umgesetzt war, hatte ich damit keine Probleme, im Gegenteil: Das brachte ihn mir sehr nahe.

Benni habe ich sofort ins Herz geschlossen, was Lenni leider bis zum Ende nicht gelingt. Was ich der Autorin lassen muss: Sie hat sehr lebendige und vermutlich authentische Hauptfiguren geschaffen.

Zum Handwerklichen

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Manie #diverserdonnerstag

Manie #diverserdonnerstag

Mit Manie diesmal mit einem eigenen Thema von mir. Für mich gehört die Manie durch meine bipolare Störung zu meinen Depressionen dazu, ebenso wie „psychotische Exazerbationen“. Ich habe also auch Psychoseerfahrung. Doch das wird später ein eigener Beitrag.

Die Wikipedia sagt dazu:

Eine Manie ist eine affektive Störung, die meist in Episoden verläuft. Antrieb, Stimmung und Aktivität befinden sich in einer Manie weit über dem Normalniveau.

Wikipedia

Das hört sich ja toll an, als könnte man sehr viel mehr leisten als andere, die nicht manisch sind? Weit gefehlt.

Persönliche Erfahrungen

Das Problem bestand für mich darin, dass ich mich nicht nur übernahm und überschätzte und die Erschöpfung immer größer wurde; mein Denken wurde auch mit der Zeit inkohärent – ich sprang so sehr von Hölzchen auf Stöckchen, dass mir niemand mehr folgen konnte.

In dieser Phase hatte ich schon Logorrhoe, ein mit „Sprechdurchfall“ treffend bezeichnetes Symptom, das beschreibt, dass die Menschen nicht mehr schweigen können, selbst wenn sie wollen. Das habe ich selbst mehrmals erlebt. Ich erinnere mich da an eine Situation, als ich mit einem Freund an der Elbe saß und er Ruhe wünschte, einfach gemeinsam mit mir schweigen wollte, was für mich beim besten Willen unmöglich war.

In der Manie verlor ich die Kontrolle

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