Personen und Diversity recherchieren — Hans Peter Roentgen + Nachtrag Coming Out

Personen und Diversity recherchieren — Hans Peter Roentgen + Nachtrag Coming Out

„Sensitivity-Writing“ ist das neue Schlagwort. In Romanen tauchen fast immer weiße Personen aus dem Bildungsbürgertum auf. Sonderlich verwunderlich ist das nicht, die meisten Autorinnen und Autoren stammen aus dieser Gruppe und kennen sich dort aus. Schon Frauen aus dieser Gruppe sind in Romanen und Filmen seltener als Männer, geschweige denn Angehörige von Minderheiten. Und wenn […]

Personen und Diversity recherchieren — Hans Peter Roentgen

An Recherche habe ich mich bisher noch nie so wirklich rangewagt, nur mal ein bisschen hier und da gegoogelt. Einmal habe ich eine Autorin gefragt, die jemanden kennt, der eigene Erfahrungen hatte mit einem Thema, das für mich wichtig war, weil es maßgeblich Einfluss auf eine meiner Figuren hatte. Sonst kaufe ich Bücher von Own Voice Autor:innen. Direkt Kontakt aufzunehmen und gezielte Fragen zu stellen fällt mir schwer. weshalb ich mich bisher davor gedrückt habe. Ausgenommen sind natürlich Menschen, die ich bereits kenne.

Ich finde Herrn Roentgens Beitrag lesenswert, da er aufzeigt, dass man auch bei sensiblen Themen recherchieren kann. Ich fand die Lektüre ermutigend, auch Stoff anzupacken, bei dem man sich bisweilen Sorgen macht, jemandem auf die Füße zu treten, weil man keine eigene Erfahrung hat.
Und ja: Man kann es nie allen recht machen. Aber nachfragen kann, darf und sollte man.

Nachtrag zum Coming Out

Beim letzten #diverserdonnerstag zum Thema Coming-out habe ich mich sehr kurz gefasst, weil ich vermeiden wollte, dazu einen ganzen Roman zu schreiben und auch zugegebenermaßen zu wenig Zeit dafür hatte.

Outen muss bzw. kann man sich ja nur bezüglich solcher Merkmale, die man einem nicht ansieht. Meine Hautfarbe sieht man mir an, meine Behinderung nicht. Vieles kann ich durch Kleidung ausdrücken, manches nicht. Manches möchte ich offenlegen, anderes nicht. Mein Körper schrie eine gefühlte Ewigkeit, ich sei eine Frau. Das war keine Verkleidung, ich konnte die falsche Hülle nicht einfach abstreifen.
Lange Jahre habe ich versucht, mich nicht outen zu müssen bzgl. trans*, Das sieht man mir ja nicht an, solange ich mich nicht ausziehe. Ich wurde dennoch immer wieder in Situationen gebracht (zB durch Behörden), in denen ich mich outen musste, was mich teilweise stark getriggert hat. Weil ich durch den Angleichungsprozess über Jahre hinweg gezwungen war, mich bei Hans und Franz zu outen und das auch noch zu belegen und gutachterlich bestätigen zu lassen. Es reicht ja nicht, wenn ich sage, dass ich ein Mann bin, dass müssen zwei Ärzte, ein Psychologe und ein Richter feststellen. Um den Weg zu ebnen, damit die Krankenkasse mir dabei hilft, dass mein Körper für mich spricht.
Dass ich schwul bin, muss ich eigentlich nicht rumposaunen, so lange ich nicht auf Partnersuche bin. Es reicht doch, wenn man das einmal im Freundeskreis bekanntgibt. Denkste! Es fällt doch immer wieder auf, wenn ich bei neuen Kontakten von meiner besseren Hälfte spreche. Wir werden schwul gelesen, wo wir als Paar auftreten. Dazu muss man gar nicht zum CSD gehen, nur einkaufen. Als Autor trete ich out and proud auf, weil ich mich als Own Voice positionieren will.
Auch bezüglich meiner bipolaren Störung könnte ich eigentlich Stillschweigen bewahren. Heul leise! Schon klar. Es ist aber für mich wichtig, ein Umfeld zu haben, das Verständnis hat. Für lange unangekündigte Phasen des Rückzugs. Für plötzlich auftretende Geselligkeit, die ebenso schnell wieder verschwindet. Sonst muss ich mir jedes Mal neue Freunde suchen.
Als hochsensible Person bin ich schnell überfordert von Reizen (was durch meine bipolare Störung noch verschärft wird), weshalb von anderen bevorzugte Umgebungen für Gespräche wie Cafés und Restaurants für mich absolut ungeeignet sind, weil ich da Gesprächen kaum folgen kann.
Ich könnte die Aufzählung noch fortsetzen, aber ich mag nicht mehr.

Ich bin des Outens müde. Und es fehlt mir auch, vollständig gesehen zu werden, wenn ich Teile meiner Selbst verschweigen muss. Ich mag keine Angst haben, mich zu verplappern und plötzlich unter Ressentiments leiden zu müssen. Deshalb mache ich es öffentlich: Ich bin Autor. Ich habe ein Buch geschrieben. Möge die Bubble der mir Wohlgesonnenen mich umhüllen.

#diverserdonnerstag: Coming-Out

#diverserdonnerstag: Coming-Out

»Ich bin schwul und das ist auch gut so«, sagte einst Klaus Wowereit. Zwanzig Jahre ist das her. Ist es seither leichter geworden, sich zu outen? Im allgemeinen Ja, im Einzelfall Nein.

Gibt es in deinen Geschichten Coming-Outs?

Ja und Nein. In meinem Genesungsbegleiter geht es um ein ganz anderes Thema, das Paar im Fokus ist hetero. In Schwuppenplanschen ist es für Dennis eine Hürde, die er zu nehmen hat. Nicht, weil er schwul ist, sondern weil er trans* ist. Das weiß sein Love Interest noch nicht und Dennis ist es unangenehm, sich zu offenbaren; er hat Angst vor Ablehnung.

Umgang mit Sexualitäten/Gender

Schwuppenplanschen spielt in einer Blase, in der es normal ist, trans* zu sein. Aus Sicht des Protas ist hier der Cismann das unbekannte Wesen. Ich versuche, beiden Seiten gerecht zu werden. Für den Cismann ist es natürlich normal, cis zu sein.

Worauf sollten wir beim Beschreiben eines Coming-Outs achten?

Ich finde es wichtig, beide Seiten zu zeigen. Es ist nicht nur schwer, für denjenigen, der sich offenbart. Es ist eben auch eine Offenbarung für denjenigen, der plötzlich etwas Neues über sein Gegenüber erfährt. Das kann das Vertrauen infrage stellen, das kann das ganze Weltbild ins Wanken bringen.

#monthofdisability

#monthofdisability

In New York wird diesen Monat Disability Pride gefeiert – warum nicht auch hier?

Ich habe euch schon erzählt, dass ich wie Mark aus meinem in Arbeit befindlichen Roman »Der Genesungsbegleiter« eine bipolare Störung habe, aber noch nicht, was es für mich im Alltag bedeutet, mit dieser Erkrankung zu leben.

Da es sich bei der bipolaren Störung um eine chronische psychische Erkrankung handelt und meine Beschwerden sich voraussichtlich nicht bessern werden, hatte ich beantragt, eine Schwerbehinderung feststellen zu lassen. Mein Grad der Behinderung war anfangs nur 30, dann 70 und jetzt, da ich den Ausweis unbefristet habe, beträgt der GdB 50.

Die Rente wegen voller Erwerbsminderung ist gerade um drei Jahre verlängert worden. Ich kann also jetzt erst mal den Fokus wieder auf meine Ressourcen richten und muss erst beim nächsten Antrag auf Verlängerung wieder überlegen, was meine Einschränkungen sind.

Jetzt könnte man natürlich meinen, ich habe ja den ganzen Tag Zeit. Effektiv nutzen kann ich sie leider nicht so, wie ich das gern würde. Keinesfalls zuverlässig. Oft kann ich mich nicht gut konzentrieren, an manchen Tagen überhaupt nicht. Ich brauche viele Pausen. Ich denke langsamer, das macht sich in Gesprächen bemerkbar, vor allem dann, wenn ich eine bewusste Entscheidung treffen muss.

Seit ich medikamentös richtig eingestellt bin, nehme ich dreimal am Tag meine Medikamente, ein Antiepileptikum zur Phasenprophylaxe (Valproat) und ein Neuroleptikum (Olanzapin), das mich abends müde machen soll. Das funktioniert leider nicht so ganz – ich werde nicht pünktlich abends müde. ;)
Wenn mich etwas sehr aufgewühlt hat, kann ich die ganze Nacht nicht schlafen, auch wenn etwas Aufregendes bevorsteht, und das kann auch nur das Weckerklingeln sein, um die Katzen zu füttern. Das setzt mich dann so unter Druck, dass ich nicht einschlafen kann. Keine Sorge, die Katzen werden dann von meiner besseren Hälfte gefüttert.
Und wenn ich dann schlafe, dann 13 Stunden, um ausgeschlafen zu sein. Früher aufzustehen fällt mir sehr schwer, ich muss schon einen triftigen Grund wie etwa einen Arzttermin haben. Dadurch wird mein Tag dann sehr kurz, falls ich es überhaupt schaffe, nach elf Stunden schon wieder zu schlafen.
Faktisch passe ich nie richtig in den 24-Std.-Rhythmus und kann nicht gut Termine vereinbaren, weil ich im Grunde nie vorher sagen kann, ob ich dann gerade tagsüber oder nachts wach bin. Also treffe ich nur sehr wenige Verabredungen und manage meinen Schlaf mithilfe von Kaffee und Schokolade so, dass es dann eben passt. Meistens bedeutet das, dass ich länger wach bleibe und sich meine Schlafenszeit so immer nach hinten verschiebt.
Tendenziell werde ich eher depressiv, wenn ich zu viel schlafe (gut in den 24-Std.-Rhythmus passe), was meist im Winter der Fall ist, und dagegen bin ich eher im Sommer kommunikativer, kontaktfreudiger und eben auch mehr wach, was leicht in Richtung Hypomanie tendiert. Dafür bin ich dann eben auch kreativer und sozial besser eingebunden.

Jeder freudenvolle Tag ist mit der Angst verbunden, wieder zu entgleisen und erneut in der geschlossenen Psychiatrie zu landen.

Aber hey, wir erinnern uns: Die gute Nachricht ist, dass ich psychisch stabil bin. Ich war seit fünf Jahren nicht mehr in der Klinik. Deshalb will meine Psychiaterin, die ich alle zwei Monate aufsuche, auch keine Experimente in der Medikation mehr machen.
(Als ich es mit Lithium versucht hatte, hat dies eine genetisch vorprogrammierte Psoriasisarthritis (Schuppenflechte mit Gelenkbeteiligung) bei mir ausgelöst, was ihr sehr leidtat. Ich wollte das Zeug unbedingt ausprobieren und es war auch wirklich besser als das, was ich davor hatte. Mit dieser körperlichen Erkrankung konnte ich mich vergleichsweise leicht abfinden und halte relativ strenge Diät ein, um möglichst andere Behandlungen der Haut wie Cremes etc verzichten zu können. Gelenkschmerzen habe ich nach dem ersten Schub seither nur noch gelegentlich und belastungsabhängig.)

Solange ich mir alle Freiheiten lasse, merke ich von meinen Einschränkungen kaum welche. Diese zeigen sich erst beim Versuch sozialer Teilhabe. Gehe ich zum Beispiel jeden Montag singen, dann geht das meinetwegen dreimal gut und beim vierten Mal schlafe ich um die Zeit. Dabei bin ich eigentlich ein zuverlässiger Typ und nach Möglichkeit immer dabei.
Findet die Veranstaltung per Videotelefonie in meinem Wohnzimmer statt, ist der Aufwand für mich weitaus geringer, auch weil ich den Weg zum Veranstaltungsort spare und mich nicht den ganzen Reizen unterwegs aussetze. Deshalb profitiere ich sehr von den vielen Angeboten, die es jetzt auch digital gibt. Manche davon hätte ich sonst nie wahrgenommen.
Bei Reisen handhabe ich es übrigens so, dass ich immer schon einen Tag vor dem Beginn der Veranstaltung anreise, weil ich die Nacht vor der Fahrt erwartungsgemäß nicht schlafen kann, dann schlafe ich vor Ort früh ein und kann dann ausgeschlafen starten. Den Abreisetag nutze ich für mich zum Schlafen und fahre dann erst am Tag darauf nach Hause. Das ist natürlich mit einem Mehraufwand von Zeit und Kosten verbunden. Entsprechend selten verreise ich.

Ab und zu überprüfe ich, ob es nicht inzwischen besser geht mit meinem Biorhythmus. Mein letzter Versuch war, einen 28-Std.-Tag einzuführen, um eine bessere Planbarkeit zu haben. Meine Woche hatte sich dann jede Woche um einen Tag verschoben. Das ging grandios in die Hose, ich war völlig erschöpft vom Schlafmangel. Es ist und bleibt eine zirkadiane Schlafstörung, völlig unregelmäßig.

Das mit dem Schlaf ist nicht das einzige Problem in meinem Leben, aber das, was mich im Zusammenhang mit dieser Erkrankung am meisten wurmt. Diese Unverplanbarkeit. Dieser einzelne Aspekt meines Lebens gilt nur für mich und ist nicht repräsentativ für alle mit derselben Diagnose.

Auffällig ist: Wenn ich sage, dass ich Wechselschichten schlafe und man annimmt, dass ich Wechselschichten arbeite, dann wird das akzeptiert. Lege ich offen, dass ich krank bin, hagelt es gut gemeinte Ratschläge, um die Situation, mit der ich mich durch einen jahrelangen Genesungsprozess zu akzeptieren gelernt habe, zu ändern. Das nervt! Als ob ich mir nicht genug Mühe geben würde beim Gesundwerden.

Dennoch: Bei meinem nächsten Termin bei meiner Ärztin werde ich das Thema Schlaf noch mal ansprechen. Vielleicht kann ich noch etwas ausprobieren, das ich noch nicht versucht habe.

Update 26.07.21:

Zwischenzeitlich habe ich mit meiner Ärztin noch einmal über meine Schlafstörung gesprochen. Sie hat den Verdacht einer Schlafapnoe geäußert, was ich beim HNO abklären lassen werde. Es kann also sehr gut sein, dass meine Probleme wie Tagesmüdigkeit, Konzentrationsstörungen etc. und vor allem dieser extrem überhöhte Schlafbedarf gar nicht auf meine psychische Erkrankung zurückzuführen ist, sondern diese das Problem nur verschärft.

Update 16.09.21:

Die HNO hat nichts festgestellt, das durch eine OP behoben werden könnte bzw. müsste.
Ich war nach einer ambulanten Polysomnographie (beim Lungenfacharzt gibt es das als Kassenleistung, beim HNO als IGeL) im Schlaflabor und hatte etliche Atemaussetzer. Mir wurde eine Schlafmaske (in meinem Fall eine Vollgesichtsmaske) verordnet. Diese wird mit einem Gerät verbunden, sodass mir in der Nacht Luft in Mund und Nase gepustet wird. Dadurch werden nicht nur die Atemaussetzer vermieden, sondern auch mein Schnarchen lässt nach oder verschwindet sogar.

Im Schlaflabor

Ja, es sieht furchtbar gruselig aus, aber es ist bequemer, als es aussieht. xD
Ich bin jetzt sehr guter Dinge, dass ich nach einer Eingewöhnungszeit erheblich an Lebensqualität hinzugewinnen werde und auch mehr vom Tag habe, mehr erlebte Lebenszeit sozusagen.

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