Transgender Day of Remembrance 20. November 2022

Transgender Day of Remembrance 20. November 2022

Heute gedenken wir der Menschen, die transphober Hassverbrechen zum Opfer gefallen sind. Dieses Jahr kam es leider wieder zu einem solchen Todesfall. Hier in Deutschland, in Münster.

Der trans Mann Malte C. kam beim CSD in Münster seiner Aufgabe als Ordner nach und forderte einen Mann aus dem Publikum auf, zwei der demonstrierenden Frauen nicht weiter zu beleidigen.
Daraufhin schlug der Angreifer zweimal zu.
Malte fiel und prallte mit dem Hinterkopf auf dem Asphalt auf.
Trotz einer Notoperation verstarb er am 02.09.22.

So etwas darf nicht passieren. Niemandem.

Bild: Pixabay


Für die Korinthenkacker:
Ganz streng genommen ist das hier der Berichterstattung zufolge ein ursprünglich lesbenfeindlicher Angriff gewesen und der Mann hat es abgekriegt, unabhängig davon, dass er trans* war – ein queerfeindliches Hassverbrechen ist es aber ganz eindeutig.

Wer sich für Statistik interessiert, findet Zahlen beim LSVD.

Dirk Hoffmann: Immer geradeaus

Dirk Hoffmann: Immer geradeaus

Sie fuhr geradeaus, immer weiter und weiter die Straße entlang. Wie lange wohl schon? Ellen konnte es nicht sagen und stellte sich auch die Frage nicht wirklich, denn etwas anderes existierte nicht. Es gab nur die Straße.

Am Horizont erschien jetzt eine Tankstelle. Nur winzige schmutzig bunte Flecken in der riesigen schmutzig farblosen Landschaft. Die Tankstelle war immer da, sie sah lediglich immer etwas anders aus. Heute verschlissen blau und weiß anstatt wie gestern… Ellen wusste es nicht mehr. Es gab auf der Straße kein Gestern und ob sie in ein Morgen führte war für Ellen nicht wichtig. Ellen fuhr einfach immer geradeaus.

Neben der einzigen Zapfsäule rollte der Wagen aus. Die Hände am Lenkrad und den Blick nach vorne gerichtet wartete Ellen auf das Klopfen. Schritte scharrten über den Staub, dann klopfte es. Es klopfte immer.
„Vollmachen?“ Sie sah den alten Mann in der fleckigen Latzhose nicht an, denn es war immer der Selbe.
Ellen nickte. Vor vielen, vielen Kilometern hatte sie ihn mal an einer anderen Tankstelle gefragt, wohin die Straße führte. Er hatte die Schultern gezuckt, “geradeaus“ gemurmelt und war dann grußlos zurück zu seinem Kassenhäuschen gehinkt.

In einiger Zeit, die auf dieser Straße nicht in Stunden, sondern lediglich in Asphalt gemessen wurde, kam ein Hotel. Es kam immer eines. Jedes mal ein anderes, immer gleiches Hotel. Die Rezeption war verlassen, daneben ging es in eine Bar. Ellen betrat die Bar nicht weil sie wollte, sondern weil sie da war. Teil dieser Straße, Station des Weges. Sie würde sich auf einen Hocker setzen, zwei Plätze neben dem Geschäftsmann. Er sah jedenfalls in seinem Anzug so aus, ob er auch wirklich einer war wusste Ellen nicht.
„Auch allein hier?“, würde er Ellen fragen, ohne sie anzusehen. Wie immer. Ellen antwortete dann nicht und er stand langsam auf um zu den Waschräumen zu gehen. Zurück kam er nie, sein Glas blieb halb gelehrt stehen. Einmal, vor viel Asphalt, hatte Ellen geantwortet. Zusammen mit dem Geschäftsmann war sie in einem endlosen Korridor mit unzähligen Türen vor einem Zimmer stehen geblieben. Er öffnete eine Tür und ging hindurch. Ellen blickte den Gang herunter, der sich wie die Straße an einem Horizont verlor. Als sie dem Geschäftsmann folgen wollte, war dort keine Tür mehr und Ellen verstand. Hier ging man nicht gemeinsam, hier ging jeder allein. Jeder hatte einen Weg und Ellens Weg war die Straße. Sie musste weiter geradeaus.

Der Anhalter wusste das. In der endlosen Landschaft stand er unter dem Himmel ohne Richtung, die Sonne immer im Gesicht. Schon oft war Ellen an ihm vorbeigefahren. Nur einmal hatte sie angehalten.
„Wohin?“, hatte Ellen gefragt, ohne den Blick von der Straße zu wenden.
„Ich warte nicht auf dich“, antwortete der junge Mann, sah weiter die Straße hinab und hielt seinen Daumen unbeirrt nach oben. Das Licht der Sonne, die nie wanderte brach sich in den Gläsern seiner Brille. Ellen spürte kurz einen Stich in der Brust und sah zwei Lichter durch eine Dunkelheit auf sich zurasen. Hier gab es keine Dunkelheit, die Sonne war immer hinter Ellen. Bevor sie sich darüber wundern konnte, blitzte das Geländer einer Brücke kurz vor ihren Augen auf. Diese Straße hatte keine Brücken, denn es gab keine Höhen und Tiefen auf ihr. Nur gelegentlich erschütterte ein Schlagloch den Wagen und Ellen hörte ein rhythmisches Piepsen. Sie wunderte sich dann kurz über das Geräusch, fuhr aber weiter die Straße entlang.

„Der Tank ist voll.“ Der Schatten des alten Mannes fiel durch das Wagenfenster. Ellen nahm eine Hand vom Lenkrad und fischte den Zwanziger aus ihrer Bluse. Darüber, dass der Schein immer da war wunderte sie sich nicht. Er war genauso immer da, wenn sie ihn brauchte, wie auch die Tankstelle immer da war.

Die Blechbaracke mit der Zapfsäule und dem alten Mann wurde hinter ihr immer kleiner, aber Ellen sah sie ohnehin nicht mehr. Vor ihr lag die Straße, hinter ihr lag nichts, Der Rückspiegel war dunkel. Der Anhalter stand am Rand der Straße, den Blick hinter Ellen gerichtet. Sie fuhr an ihm vorbei. Immer geradeaus.


Dirk Hoffmann ist Gastautor der Schreibkommune und hat uns diesen Text für den Blogring zur Verfügung gestellt. Mehr Geschichten von ihm findest Du hier: kurzgeschichten-stories.de

Bild: Pixabay

Psychose #diverserdonnerstag

Psychose #diverserdonnerstag

Es gibt nicht die Psychose, das macht bereits der entsprechende Wikipedia-Artikel klar. Psychosen können bei einer Vielzahl von Erkrankungen auftreten, darunter bei der bipolaren Störung. Wie ich während einer Psychose auf Außenstehende wirke, ist mir erst dadurch klar geworden, dass ich einmal währenddessen Fotos und Videos gemacht habe.

Persönliche Erfahrungen

Meine erste (diagnostizierte) Psychose entwickelte ich, nachdem ich bereits ein halbes Jahr unbehandelt manisch und bereits wahnhaft herumlief. Im Büro war ich schon darauf angesprochen worden, dass ich aber sehr überengagiert sei – tatsächlich traute ich mir da schon selber nicht mehr über den Weg, machte Fehler, die ich sonst nicht gemacht hätte, weil ich mich kaum noch auf etwas konzentrieren konnte. Irgendwann lief ich immer häufiger durch die Gegend, weil ich nicht mehr stillsitzen konnte, was natürlich nicht unbemerkt blieb.

Aus einem Impuls heraus folgte ich der Einladung einer Bekannten und nahm an einem Schamanischen Heilkreis teil. Unter normalen Umständen wäre das für mich ein absolutes No-Go gewesen. Aber ich kann euch beruhigen: Das war nicht viel anders als Musiktherapie mit Gespräch beim Kuchenessen. Lange Zeit hielt ich das für das auslösende Moment der folgenden Ereignisse; inzwischen denke ich, dass mich dieses Erlebnis noch am ehesten in die Realität zurückgeholt hat, weil ich nämlich dadurch darüber nachdachte, was denn real ist und was nicht, weil ich verstehen wollte, was geschehen war.

Nachts allein am Bahnhof halluzinierte ich

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Rezension: Ich, Mensch: Worte gegen Ableismus (Frei!Geist Autorenverlag)

Rezension: Ich, Mensch: Worte gegen Ableismus (Frei!Geist Autorenverlag)

Ich, Mensch: Worte gegen Ableismus, Frei!Geist Autorenverlag
92 Seiten
Druckbuch 9,- EUR, nicht als ebook erhältlich.
ISBN 978-3-756-521-23-4
Erschienen am 10.08.2022 und erhältlich bei epubli, Amazon, Thalia, und Hugendubel.

Ich hatte euch ja schon neulich mal das Cover gezeigt.
Mein erster Text, der in einem Verlagsbuch erscheint! Ich bin stolz auf mich, aber ebenso auf die anderen. Und ich habe sogar eine Kollegin vom BVjA-Stammtisch, Elke Jan, „wiedergetroffen“ die einen tollen Krimi beigesteuert hat. Sie ist unter anderem auch Sensitivityreaderin.
Heute will ich euch aber das Buch näher vorstellen.

Klappentext:
16 Autorinnen und Autoren, 17 Texte zum Thema Behinderung und Ableismus in Deutschland, aus ganz persönlicher Perspektive. Gedicht und Kurzgeschichte, Essay und Bericht: In so vielfältigen wie originellen Formen kommen hier diejenigen zu Wort, die in der öffentlichen Debatte immer noch viel zu oft ausgeschlossen bleiben. Die Hürden im Alltag einer Rollstuhlfahrerin, der tägliche Kampf blinder Menschen oder das Unverständnis, das geistig Beeinträchtigten entgegen schlägt: Die Beitragenden in diesem Sammelband, der aus einem Schreibaufruf des Autorenkollektivs Frei!Geist hervorging, bieten bunte, kluge, anspruchsvolle Kommentare aus ganz verschiedenen Blickwinkeln zu einem Thema, das leider immer noch brandaktuell ist.

Gesamteindruck

Ich war etwas überrascht, wie dünn sich das Buch anfühlt. Aber 92 Seiten sind eben nicht viel im Vergleich zu den für einen Roman typischen Umfang von 300 Seiten oder mehr. Das tut der Qualität der Texte, die mich allesamt sehr berührt haben, jedoch keinen Abbruch.

Zu den einzelnen Texten

Ingo S. Anders – Störungen im Betriebsablauf oder Unplanmäßige Verkehrsbehinderungen
Meine eigene Geschichte trägt einen etwas sperrigen Titel. Natürlich rezensiere ich mich nicht selbst, aber ich zeige euch die erste Seite als Leseprobe. Einfach nicht weiterlesen, wenn ihr bzgl. der Inhalte der anderen Geschichten nicht gespoilert werden wollt.

Eine aufgeschlagene Buchseite. Schwarze Schrift auf weißem Grund: Ingo S. Anders Störungen im Betriebsablauf oder Unplanmäßige Verkehrsbehinderungen Mein Telefon klingelte. Das war insofern ungewöhnlich, als dass es das nur selten tut, weil ich nicht gern telefoniere und meine Freunde das wissen. Es klingelte also unangemeldet, und ich hatte das Glück, die Wischbewegung richtig auszuführen, sodass das Gespräch mit Ina zustande kam. "Ingo, stell dir vor!" Sie war ganz aufgeregt. "Der Verlag hat angerufen. Ich soll in einer Talkshow im Fernsehen auftreten! In Osnabrück." Ich gratulierte und ließ sie erzählen, bis sie zum Grund ihres anrufs bei mir kam. Sie brauchte eine Reisebegleitung. Ausgerechnet mich, der jeden Winter in heillose Orientierungslosigkeit verfiel, wenn alle Jahre wieder urplötzlich der Umstieg am Jungefernstieg erschwert wurde, weil zwischen S-Bahnhaltestelle und Bushaltestelle ein Weihnachtsmarkt den Weg versperrte. "Mit dem Zug? Und was soll ich da machen?", fragte ich verständnislos. In meiner Welt bedeutete eine Zugfahrt eben nur Kopfhörer auf und irgendwie die Reizüberflutung durch die vielen Fahrgäste aushalten, was stressig genug für mich war. So stressig, dass ich üblicherweise entweder mit der Ersten Klasse fuhr oder zwei Übernachtungen zusätzlich buchte, wenn ich verreiste. Mich hatte Ina nur deshalb gefragt, weil die ursprünglich angedachte Begleitung ihr kurzfristig abgesagt hatte.
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Worcation an der Ostsee

Worcation an der Ostsee

Diese Woche hatte ich eine zweitägige Worcation, von der ich euch ein paar Bilder mitgebracht habe. Der Begriff „Worcation“ oder auch „Workation“ setzt sich zusammen aus „work“ für „Arbeit“ und „vacation“ für „Urlaub“. Nachdem ich von anderen erfahren habe, die das taten und begeistert waren, wollte ich es auch einfach mal ausprobieren und bin hin und weg!
Man fährt also dahin, wo andere Urlaub haben und arbeitet zu Rahmenbedingungen, die sonst Urlauber genießen wie Essen gehen, im Hotel wohnen, aufs Meer gucken, in den Pool springen, sich am Strand aufhalten, den Sonnenaufgang beobachten …

Ich bin ja niemand, der Untätigkeit aushält oder gar erholsam findet, auf der anderen Seite kann ich nicht ständig mitten im Getümmel den vielen Reizen ausgeliefert sein. Deshalb war das für mich ideal, an den beiden Tagen in Scharbeutz und auch während der Zugfahrt zu schreiben. Der Fokus auf die Tätigkeit hat mir dabei geholfen, die nicht relevanten Wahrnehmungen auszublenden.
Über meinen Wordcount bin ich selbst erstaunt; eine so lange Kurzgeschichte habe ich noch nie geschrieben. Ich habe bei der Ausschreibung für die Klimazukünfte 2050 aber auch viel Platz – nur nicht mehr viel Zeit! Bis zum 30. September muss alles fertig sein. Über 35.000 Anschläge umfasst die Rohfassung, aber ich darf bis zu 50.000 einreichen. Das ist gut zu wissen, denn üblicherweise wachsen meine Geschichten während der Überarbeitung noch etwas.

Wo ich schon mal da war, musste ich natürlich auch ein kleines Buchshooting mit einer Neuerscheinung machen, die ich euch bald näher vorstellen werde.

Natürlich habe ich nicht nur geschrieben und geknipst, ich habe auch lecker Eis gegessen. :D

Und die gute Seeluft genossen. Das hauptsächlich.

Na, habe ich jetzt jeden urlaubsreif gekriegt, auch die, die gerade erst zurückgekommen sind? *lach
Nicht alle haben die Möglichkeit, das Meer bei einem Tagesausflug zu besuchen. Aber vielleicht führt Dich ja Deine nächste Recherchereise dahin? Ostseekrimis sind ja ein eigenes Genre und wer weiß, was unbescholtenen Urlaubern beim Strandurlaub so alles passieren könnte …

Ohne Strandkarte erwischt werden macht jedenfalls schon mal zehn Euro!
(Keine Sorge, ich hatte eine.)

Alexander Hörl: Blutiger Nebel

Alexander Hörl: Blutiger Nebel

O misera sors hominis, cum hos perdidit ad quod factus est. O durus et dirus casus ille! Heu, quid perdidit et quid invenit, quid abscessit et quid remansit!

O elendes Los des Menschen, weil er das verloren hat, wozu er geschaffen wurde. O jener harte und schreckliche Unglücksfall! Wehe, was hat er verloren und was hat er gefunden, was ist entschwunden und was geblieben?

– Anselm von Canterbury, Proslogion

Blutige Nebelschwaden umhüllten die Schule, als der Mann vor der Eingangstür zusammenbrach. Er trug einen nassen schwarzen Mantel und zitterte vor Kälte und Schmerzen. Als ich auf ihn zuging, erblickte ich schneeweiße Haare und ein Gesicht, das vorzeitig gealtert war.
Ich kannte den Mann nicht, aber ich konnte ihn nicht einfach liegen lassen. Eigentlich war der Unterricht schon längst vorbei und ich hatte längst nach Hause gehen wollen. All meine Freunde waren schon längst verschwunden, selbst der schweigsame Junge in der letzten Reihe, der auch immer länger blieb. Doch ein unbestimmtes Gefühl brachte mich dazu, unruhig durch die verlassenen Gänge zu wandern und ihre unerträglich kalten Wände zu mustern. Immerhin war ich so nicht gezwungen, den grausamen Nebel anzusehen.
Als Schulsprecherin besaß ich einen Schlüssel zum Krankenzimmer. Es dauerte eine Weile, bis ich den Mann dorthin gebracht hatte. Obwohl ich ihn stützte, schien ihm jeder einzelne Schritt unerträgliche Qualen zu bereiten. Als ich ihn auf das Bett gleiten ließ, seufzten wir beide erleichtert auf.»Träume ich?«, murmelte der Mann und ein schwaches Lächeln huschte über sein blasses Gesicht. »Bist du ein Geist? Ein Engel?«
»Ein Mensch«, erwiderte ich und lachte verlegen. »Nur ein Mensch.«
»Ein Mensch«, murmelte er mit nachdenklicher Stimme.
Ich fragte ihn, ob er verletzt sei, ob ich einen Rettungswagen rufen solle. Er winkte ab und rieb sich die Schläfen.
»Es ist der Nebel«, erklärte er. »Der Nebel raubt mir die Sinne. Geht es dir auch so? Nein? Nun, man muss sich nur ein wenig ausruhen. In der Regel verfliegt es dann so schnell, wie es gekommen ist.«
Ich nickte, konnte aber den gequälten Ausdruck seiner Miene nicht übersehen. Ich konnte ihn nicht einfach zurücklassen. Also ließ ich mich auf einen Stuhl sinken und begann ein Gespräch, um ihn von seinen Schmerzen abzulenken. Ich fragte ihn, woher er stamme.
»Von weit, weit her«, entgegnete er. »Eigentlich bin ich hier zur Schule gegangen.«
Ich wollte nicht unhöflich sein und fragte nicht nach seinem Alter.
»Was hast du da draußen gemacht?«, wunderte ich mich stattdessen.
Ein Finger des Mannes zuckte und einen Augenblick lang wirkte er merkwürdig verändert. Ein unaussprechlicher Schatten glitt über sein fahles Gesicht und furchte seine zerknitterte Haut. Dann verschwand der Ausdruck und sein gequältes Lächeln kehrte zurück.
»Ich wollte einfach nur nach draußen gehen. Das hört sich seltsam an, nicht wahr? Ich wollte nicht nach Hause, weil mich Furcht quälte und wanderte stattdessen in den Nebel. Irgendwann verschwamm meine Umgebung zu einer unkenntlichen, chaotischen Sphäre, in der es weder Ordnung noch Raum zu geben schien …« Kurz glitt sein Blick in weite Ferne, bevor er schluckte und leicht den Kopf schüttelte. »Kannst du dir vorstellen, in einem formlosen Nichts umherzuwandern? So in etwa war es.« Er schloss die Augen und ich straffte mich. Mich erfüllte die unbestimmte Vorahnung, dass eine grauenerregende Enthüllung kurz bevorstand.
»Dann begegnete ich einer Person. Sie erschien plötzlich aus den Nebelschwaden. Ich konnte nicht erkennen, woher sie kam. Ich sah sie an, suchte nach Augen, nach einer Nase, nach einer bekannten Form … aber da war kein Gesicht. Ich wollte weglaufen, aber stattdessen stand ich wie festgefroren und blickte in dieses leere, widernatürliche Gesicht … und dann, ohne Vorwarnung, stürmte der Nebel auf mich zu … ja, er stürmte auf mich zu! Er drang mir in Nasen und Ohren, in Augen und Mund und plötzlich verschmolz ich mit dem Nebel … und während in mir die kräftigen, ungetrübten Schläge meines Herzens unvermindert andauerten, fühlte ich mein eigenes Gesicht langsam verschwinden und mich in eine unendliche Leere stürzen, in der weder Verstand noch Ordnung existiert …«
Seinen Worten folgte eine allumfassende, erdrückende Stille. Ich wagte nichts zu sagen.
Stattdessen richtete ich meine Augen auf die Blumenvase auf der Fensterbank. Die Blüte wirkte krank und welk, obwohl sie in festem Leben stand.
»Ist das nicht sonderbar?«, murmelte der Mann. »Ich muss stundenlang umhergeirrt sein, aber ich bin vor der Schule zusammengebrochen. Ausgerechnet hier.«
Er sah mich an, als ob er eine Antwort erwartete. Ich blieb sie ihm schuldig.
Wir verharrten noch eine Weile schweigend, dann erhob er sich und lächelte mich gequält an. Er sagte, er müsse nach Hause gehen. Ich begleitete ihn bis zur Tür. Er reichte mir seine Hand. Ich hielt sie eine Sekunde länger als nötig. Als die zitternden Umrisse seines feuchtnassen Mantels im blutigen Nebel verschwanden, schloss ich die Augen, um meine Tränen zurückzuhalten. Ich hatte ihn erkannt. Er war der schweigsame Junge aus der letzten Reihe, der an diesem Nachmittag nun schon zum zweiten Mal die Schule verließ.


Alexander Hörl trägt diesen Monat zu unserem Blogring diese Geschichte bei, für die ich mich bedanke. Sehr schön!
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