SGZ 20 STILLE

SGZ 20 STILLE

»Man hört ja gar nichts!«
»…«
»Wo sind wir?«
»Woher soll ich das wissen? Es ist viel zu dunkel!«
»Du wolltest dich doch unbedingt in der Höhle verstecken. Also bist du schuld!«
»…«
»…«
»Man hört wirklich nichts.«
»Ich hab Angst.«
»Ich auch.«
»Ich will zu meiner Mama!«
»Shht. Das bringt doch jetzt nichts. Wir müssen unsere Kräfte schonen, bis sie uns finden. Das weiß ich aus dem Fernsehen.«
»Na gut.«

Leider wurden die beiden Jungs erst gefunden, als es bereits zu spät war. Übrigens unweit des Eingangs zu dem Höhlensystem, in dem sie sich verirrt hatten. So hat man es mir bei einem Rundgang mit der Schulklasse erzählt.
Ich habe damals versucht, dieses Erleben von Stille nachzuempfinden, weil es mir erstrebenswert erschien. Es ist mir nicht gelungen. Ich höre immer irgendetwas. Und wenn es mein eigener Atem ist.

Wörter: 139

Stille. Das ist das, was ich mir für mein Schreibatelier gewünscht habe, damit ich in Ruhe arbeiten kann. Keine lärmenden Kinder im Treppenhaus, kein Geschrei von nebenan, kein Klopfen und Bohren abends und am Wochenende. Und vor allem keine Meetings im Nebenraum, gefühlt jeden Tag acht Stunden lang!
Ich tausche die vertraute Geräuschkulisse gegen eine laute Straße mit frühmorgens piepsenden Lastern im Rückwärtsgang und gelegentlich anspringender Alarmanlage der Pkws und nebenan läuft der Fernseher bereits morgens um zehn und ich brauche die Tagesschau gar nicht erst selbst einschalten, weil ich durch die dünne Wand jedes Wort verstehe. Zuweilen wird dies übertönt durch das Geläut zweier in der Nähe befindlicher Kirchen.

Was habe ich gewonnen durch die Anmietung des zusätzlichen Raums? Einen vorübergehend schmerzenden Rücken durch das ungewohnte Bett und die Erkenntnis, dass Lärm vor allem Einstellungssache ist.
Was ich hier höre, stört mich nicht. Es geht mich einfach nichts an. Deshalb kann ich es besser ausblenden und mich auf meine Arbeit konzentrieren. Zu Hause dagegen ist jegliches Geräusch, das aus dem Klangteppich ausbricht, potenziell bedrohlich. Ich muss mein Heim beschützen.

Wörter: 180

SGZ 19 STURMSCHÄDEN

SGZ 19 STURMSCHÄDEN

Wir hatten nicht mehr viel, als wir von zu Hause fortmussten. Nur das, was wir tragen konnten. Mein Spielzeugauto durfte ich mitnehmen.
Wir trugen unsere Habseligkeiten, bis wir in eine große Zeltstadt kamen. Dort war der Boden matschig von den Schritten so vieler Menschen. Uns wurden Schlafstätten zugeteilt und es gab Plumpsklos, die furchtbar stanken, weshalb manche dennoch in die Büsche gingen. Die Männer sowieso. Abends, wenn sie getrunken hatten, umso häufiger.
Ein wenig abseits des Lagers floss ein Bach, in dem wir uns wuschen und aus dem wir unser Trinkwasser holten.

Dann kam der Sturm.
Der Himmel wurde schwarz, als wäre es der letzte Tag. Wind heulte auf und verwandelte sich in ein Tosen, in dem das Prasseln des Regens unterging. Es schüttete so heftig, dass unsere Füße nass wurden. Das dachten wir, bis jemand rief, der Bach sei über die Ufer getreten.
Jetzt liefen wir um unser Leben, nur mit dem, was wir am Leib trugen. Wir fanden eine Anhöhe, auf der wir sicher waren, bevor die Flut uns von den Füßen reißen konnte.

Uns blieb nichts, bis auf Vatis Brieftasche mit den Pässen, Mutters wertvolle Kette und mein Spielzeugauto. Doch das wurde erst später wichtig.
Wir hatten jetzt kein Trinkwasser mehr, weil das Wasser jetzt überall stand und der Bach nicht mehr sauber war. Damit kamen die Krankheiten. Wir alle schissen uns die Seele aus dem Leib und bangten erneut um unser Leben.
Meine Mutter verlor diesen Kampf. Mein Vater zerbrach daran, da er sich die Schuld gab. Ich danke beiden für ihre Opfer, die mir eine bessere Zukunft ermöglichten.

Wörter: 263

Ich habe natürlich in der kurzen Zeit nichts recherchieren können und hoffe, mir wirft nun niemand kulturelle Aneignung vor. Ich hatte nur eine Szene aus den Nachrichten vor Augen, die mich sehr erschüttert hat. Auf der anderen Seite machen viele Leute doch sehr MIMIMI, nur weil ihnen der Regenschirm kaputtgegangen ist.

SGZ 18 WÜSTE

SGZ 18 WÜSTE

Brennend heißer Wüstensand
Brennend heißer Wüstensand – diese eine Zeile will mir nicht mehr aus dem Kopf. Als wolle er mich verhöhnen, wiederholt sich der Gesang wieder und wieder.
Ich versuche, den Kamm einer Düne zu erklimmen, um mich halbwegs zu orientieren. Jetzt, zur Mittagszeit, ist das ein wahnwitziges Unterfangen, aber ich habe Durst! Ich habe schon so lange solchen Durst! Meine Lippen sind schon aufgeplatzt und brennen, wenn ich sie mit meiner trockenen Zunge notdürftig benetze. Ich werde verdursten, ich weiß es. Dennoch muss ich kämpfen, ich muss es wenigstens versuchen, zu überleben.
Der Sand ist so heiß, dass es schmerzt, ihn zu berühren. Deshalb habe ich meine Hände in die Ärmel meines Uniformmantels gesteckt, denn ich abends wieder brauche, denn nachts wird es bitterkalt hier. Drei meiner Zehen sind schwarz! Deshalb sollte ich mich besser nur nachts bewegen und tagsüber meine Kräfte schonen, wie sie es uns lehrten, aber ich kann nicht mehr warten. Was habe ich schon gegraben mit den bloßen Händen in der Hoffnung auf Wasser …

Es ist geschafft, ich bin oben. Ist da am Horizont eine Unregelmäßigkeit, eine Erhebung, Grün sogar? Doch was ich sehe, ist alles verschwommen. Mir bleibt nichts, als den Sandberg auf der anderen Seite herunterzurutschen und blind weiterzustolpern.
Mir ist so heiß, mein Schädel droht zu platzen! Meine Augen kleben, ich kann sie kaum noch öffnen. Meine Kräfte schwinden. Meine Muskeln brennen seit Tagen. Ich kann nicht mehr gehen. Robben kostet mich jetzt weniger Schmerz, also krieche ich, bis mir schwarz vor Augen wird.

Als ich wieder zu mir komme, liege ich auf einer Bettstatt. Man befeuchtet meine Lippen mit einem Tuch und flößt mir Wasser ein.
»Der Krieg ist zu Ende«, stammle ich und schließe die Augen.
»Ashraba ayha ghareeb! Trink, Fremder!«

Wörter: 292

SGZ 17 SCHIENENERSATZVERKEHR

SGZ 17 SCHIENENERSATZVERKEHR

Schienenersatzverkehr
Es gibt sie noch, diese Menschen, die während einer Fahrt in der S-Bahn in einem gedruckten Buch lesen. Und wie alle ärgern sie sich, wenn Schienenersatzverkehr eingerichtet ist und man auf einer Strecke, die man sonst hätte durchfahren können, plötzlich zweimal umsteigen muss, einen Teil der Strecke dicht gedrängt in Bussen voller anderer Menschen, die sich sonst über mehrere S-Bahn-Waggons verteilt hätten.
Als Großstädter weiß ich das zu schätzen, dass es überhaupt einen Ersatzverkehr gibt und man nicht dazu verdammt ist, ohne jegliche Information einfach zu warten, bis die nächste S-Bahn kommt. Schweren Herzens klappt man dann sein Buch zu und steckt es in die Tasche, um den Ausgang der Schlacht dann später zu verfolgen.
Oder, wenn es ein spannender Thriller ist, legt man schnell den Finger oder das Lesezeichen zwischen die Seiten und liest im Stehen weiter, sobald man am Haltepunkt für die Ersatzbusse angekommen ist. Durch die Bewegung der Menschentraube um einen herum wird man schon aufmerksam, wann der Bus da ist.
Normalerweise fahre ich nicht so gerne mit dem Bus, weil ich stets fürchte, meine Haltestelle zu verpassen. Oder, schlimmer noch, der Bus fährt unerwartet eine andere Strecke. Im Schienenersatzverkehr kann das nicht passieren, wenn man mit der S-Bahn ohnehin hat weiter fahren wollen. Da kann ich getrost sitzen bleiben und mich vom Strom derer mitreißen lassen, die hier wieder in die S-Bahn umsteigen.
Dachte ich.
Einmal passierte es mir, dass sich die Menge immer weiter zerlief und ich mich plötzlich irgendwo allein in einem fremden Stadtteil wiederfand. Die Leute wollten dort nicht weiterfahren, sondern einfach nur nach Hause.
Dumm gelaufen, dass ich einfach den anderen hinterhergelaufen war.

Wörter: 272

SGZ 16 HERZLICH

SGZ 16 HERZLICH

Herzschmerz
»›Herzlich willkommen‹, ›herzlichen Glückwunsch‹, ›herzliches Beileid‹ – das sind doch alles blöde Floskeln! Ich will so was nicht auf meiner Karte.«
»Willst du eine eigene Karte schreiben, ist es das, was du willst, ja?«
»Nein! Ich will gar keine Karte schreiben müssen.« Sie wandte sich von mir ab, nur um sich als Nächstes an meiner Schulter anzulehnen. »Ach, ich weiß auch nicht.«
»Empfindest du Herzlichkeit?«
»Natürlich! Ich nehme mit ganzem Herzen Anteil.«
»Die Formulierung ist gut. Die nehmen wir.«
»Ja? Aber warum legt sie die Beerdigung ausgerechnet auf ihren Geburtstag? Was soll das denn? Warum, Clara? Warum?«
»Ich denke mal, damit sie die Leute nur einmal sehen muss und ansonsten ihre Ruhe hat. Aber das ist natürlich nur geraten. Du kennst deine Mutter besser.«
»Du bist die Psychologin!«
»Das heißt aber nicht, dass ich allwissend bin.« Ich nahm den Zettel mit dem vorbereiteten Text für die Karte zur Hand. »Also: ›Liebe Mutter, ich nehme mit ganzem Herzen Anteil. Deine Antonia.‹«
»Nein! Schnörkellos, nur der Satz: ›Ich nehme mit ganzem Herzen Anteil.‹. Unterschriften von uns beiden und fertig.«
»Schreibst du oder soll ich?«
Sie setzte sich und hob den Stift mit zitternden Fingern. »Scheiße!« Sie warf den Kuli quer über den Tisch, von dem er auf der anderen Seite herunterfiel.
»Ist gut.« Ich bückte mich, hob ihn auf und schrieb. »So, jetzt deine Unterschrift. Ganz ruhig.«
Sie tat wie geheißen. »Ich hätte auch noch ›Schmerzliche Grüße‹ drunterschreiben können.« Ihre Mundwinkel hoben sich leicht. »Das ist wenigstens kreativ.«
»Da kommt dein Humor. Das ist gut.« Ich lächelte.
Und Antonia lächelte.

Wörter: 259

SGZ 15 VERWANDTSCHAFT

SGZ 15 VERWANDTSCHAFT

Blut ist dicker als Wasser
»Diese bucklige Verwandtschaft kommt mir nicht ins Haus!«, keifte Ella.
»Welches Haus?«
»Du weißt, was ich meine. Das hier ist meine Wohnung!«
»Unsere Wohnung. Und es sind meine Eltern.«
»Und Geschwister und Tanten und Onkel und Cousins und Cousinen – es sind einfach zu viele.«
»Du übertreibst total! Du weißt genau, dass nur mein Bruder und meine Eltern zugesagt haben. Außerdem geht es nur um ein Abendessen. Sie wollen hier ja nicht übernachten.«
»Es ist egal, ob sie übernachten oder nicht, Volker. Ich will sie nicht hier haben und fertig.«
»Ich will aber. Es ist mein Fünfzigster. Ich habe sie eingeladen. Und ich werde meine Einladung nicht zurückziehen.«
»Gut, dann ziehe ich aus!« Ellas Augen funkelten.
»Das wagst du nicht!«
»Ich ziehe so lange zu meiner Schwester, bis sie wieder weg sind.«
»Findest du nicht, dass du übertreibst?«
»Nein, finde ich nicht.« Sie verschränkte die Arme.
»Soll ich dann auch ausziehen, wenn dein Yoga-Kurs hier ist, deine Tarot-Freundinnen und dein Drechsel-Coach?«
»Das ist was anderes. Das sind Freunde, keine Verwandtschaft.«
»Was ist denn daran so anders? Das sind Menschen, die du gerne um dich hast.«
»Ganz genau! Ich habe sie gerne um mich, Volker. Ich lade sie nicht aus Verpflichtung heraus ein.«
»Du glaubst … ich liebe meine Geschwister und meine Eltern. Meine ganze Familie. Sie stehen mir näher als der Kegelklub und andere, mit denen ich meine Freizeit verbringe – von Geburt an.«
»Aber mich mögen sie nicht!«
»Ich glaube eher, du magst sie nicht!«
»Du hast sie lieber als mich!« Tränen rannen Ellas Wangen hinab. »Nie komme ich zwischen euch. Jede Woche telefonierst du mit ihnen, für mich hast du kaum Zeit. Du vertraust ihnen Dinge an … mir gegenüber bist du immer so verschlossen.« Sie schniefte. »Ich bin deine Frau, ich sollte die wichtigste Person in deinem Leben sein. Du bist auch das Wichtigste für mich.«
»Deine Welt dreht sich nur um mich. Ich habe dir schon so oft gesagt, wie ungesund das ist. Ich verstehe nicht, warum du nicht mehr Zeit mit deinen Freunden verbringst, anstatt mir ständig in den Ohren zu liegen. Aber immerhin hast du mittlerweile eigene Freunde, das ist schon ein Fortschritt!«
»Du bist so ein egoistisches Schwein! Ich gehe jetzt zu meiner Schwester! Sofort!« Ella zog den Koffer unter dem Bett hervor, warf ihn darauf und stopfte wahllos Kleidungsstücke hinein.
Volker ging, setzte sich an seinen Schreibtisch und begann eine kurze Mail an seinen Bruder.

Wörter: 406