Verkleidet

Verkleidet

Eigentlich war das doch kein Akt, so ein Bild zu stehlen. Damit hatte ich doch früher auch nie Probleme. Und dass der Reformationstag da einen besonderen Einfluss haben sollte, wäre mir neu.
Und trotzdem … dieses Bild mit den nackten Weibern zu ergaunern fiel mir leicht wie nie. Das dachte ich jedenfalls während der Planung des Bruchs und auch noch, als ich gedanklich bereits meine Beute begoss.
Ich meine, heutzutage verkleidet sich doch alle Welt am 31. Oktober, das bot die Möglichkeit einer doppelten Verkleidung. Ich trat auf als Restaurator eines befreundeten Museums, der sich als Skelett verkleidet hatte. Das bot mir einerseits die Möglichkeit, unauffällig und unerkannt den Tatort zu verlassen und andererseits, überhaupt an das Diebesgut zu gelangen.
Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass ich gleich zu Überstunden verdonnert werden würde, weil wohl vereinbart worden war, dass der ausgeliehene Restaurator sich auch noch um einen anderen hässlichen Schinken kümmern sollte, was mir bei meiner Recherche entgangen war.
Natürlich war ich alles andere als vom Fach! Ich war nicht wirklich Restaurator, ich konnte nicht mal Original von Fälschung unterscheiden. Ich war nichts weiter als ein einfacher Auftragsdieb, der gut darin war, sich nicht erwischen zu lassen, und zuverlässig lieferte.
Aber diesmal saß ich vor Ort fest und musste so tun, als wüsste ich, was ich tat, ohne das Gemälde zu beschädigen, denn sonst würde ich auffliegen. Ich spielte auf Zeit und ließ mir spezielle Farben besorgen und dann bat ich um ausdrückliche Ruhe in der Hoffnung, dass die anderen bald Feierabend machen würden und ich mich unbehelligt aus dem Staub machen konnte.
Vor allem konnte ich endlich die stinkende Gummimaske absetzen, unter der meine Haut schwitzte und die Nase juckte. Wegen meiner Lichtempfindlichkeit schaltete ich das Licht aus, denn arbeiten wollte ich ja nicht wirklich und sollte jemand von den Mitarbeitenden des Museums, wie man ja heute korrekt sagt, noch einmal nach mir schauen wollen, würde ich auf meine Migräne hinweisen und vorgeben, nur ein kurzes Päuschen gemacht zu haben.

Dann passierte etwas, wovon die meisten Diebe träumen: Es wurde vergessen, dass ich mich im Gebäude befand. Ich wurde eingeschlossen!

Hätte ich vorgehabt, die ganze Bude leer zu räumen, wäre das grandios gewesen. Vor allem, wenn ich ein Team im Rücken gehabt hätte, das mir beim Abtransport hätte helfen können. Jemanden, der den Safe knackt. Wenn ich jemanden hätte, der mir die Tür aufmacht und die Alarmanlage ausschaltet … doch ich war allein. Ich musste die ganze Nacht hier aushalten mit den stinkenden Farben und Lösungsmitteln und ohne Internetzugang. Nicht mal mein Handy hatte Empfang.
Es dauerte nicht lange, bis mir die Stille zu laut wurde. Über jedes Geräusch machte ich mir Gedanken und rätselte, durch was es verursacht worden war.
Ich zermarterte mir den Kopf, wie ich am anderen Morgen würde erklären können, dass ich immer noch nicht fertig war mit der Restauration.
Vielleicht sollte ich es wirklich auf meine Migräne schieben? Gab ich damit nicht zu viel über mich preis?

Um Schlag Mitternacht sah ich ein Licht auf mich zukommen. Jemand, der ganz in Schwarz gekleidet und dessen Gesicht mit einer Kapuze verhüllt war, trug eine Kerze in der Hand. In der anderen hielt er einen länglichen Gegenstand.
Mit langsamen Schritten kam die Erscheinung auf mich zu.
Der Gegenstand war eine Sense!
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ich dachte, mein letztes Stündlein hätte geschlagen und Gevatter Tod käme mich holen.

Es war dann doch nur der Nachtwächter. Er gab sich zu erkennen und fragte, ob ich denn kein Zuhause hätte. Ich erzählte ihm irgendetwas von einer unglücklichen Ehe, wofür er Verständnis zeigte. Und wahrheitsgemäß berichtete ich, dass ich eingeschlossen worden war. Hilfsbereit schloss er für mich die Türe auf.
Danach nickte er mir freundlich zu und setzte seinen Rundgang fort.

Diesen Auftrag ließ ich platzen. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Akt mitzunehmen, denn die erforderlichen Unterlagen hatte ich ja im Vorfeld alle gefälscht.
Ich denke, es ist Zeit für den Ruhestand.

Euer Ingo S. Anders

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Beitragsbild: KI-generiert


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