SGZ 57 WEGWEISER

SGZ 57 WEGWEISER

Super Helden
»Der Umgang mit Schilden und Schildern ist wegweisend. Preisschilder kann man zwar auf beide kleben, aber während man ein Schild auch als Schild zur Verteidigung verwenden kann, würde ich mich hüten, einen Schild als Warnschild aufzustellen. Wir sind ja nicht bei den Wikingern.« Sparks Zeigefinger schwebte in der Luft.
»Halts Maul, sonst brauchst du gleich ein Schild!«, blaffte der andere. »Dann zeig ich dir mal, was ein Angriffsschild ist, du Opfer!«
»Siehst du dieses Schild da über dem Wegweiser? ›Kampfverbotszone‹! Also pass auf …« Weiter kam Spark Plug nicht.
Phantasm riss den Pfahl mit den Schildern samt Verankerung aus der Erde und bewegte ihn wie eine Keule, um das Gewicht abzuschätzen. Probehalber schwang er seine Waffe.
Spark machte einen Satz zurück. »Gehts noch! Das sag ich …«
»Nichts sagst du, wenn ich dir erst deine Visage poliert hab!« Der nächste Schlag sollte ein Treffer werden.
Doch Spark sprang rechtzeitig hoch und landete sanft auf dem Boden. Sein Umhang brauchte einen Moment länger.
»Phantasm, da drüben ist die Pausenaufsicht!« Er zeigte in eine Ecke des Schulhofes. Die Finte hatte Erfolg: Sein Gegner ließ die Waffe sinken und Spark stürzte sich darauf, packte und zog.
Phantasm hob die Schilderkeule wieder an und begann sie zu schwingen – mit Spark am anderen Ende!
»Plug, du bist so ein Stöpsel!« Er hieb mit der Keule auf den Boden, doch Spark hatte sich zu einem Gummiball geformt, was die Energie in die Gegenrichtung leitete und Phantasm herumriss. Er schrie auf. »Jetzt werde ich richtig wütend!« Er packte den Pfahl und brach ihn mitten entzwei.
Eine Lehrerin kam herbeigeeilt. »Kinder, was ist denn hier los? Ihr wisst doch, dass hier Kämpfe untersagt sind. Nur im Unterricht!«, sagte sie streng.
»Er hat angefangen!«, riefen beide gleichzeitig.

Wörter: 287

SGZ 56 VERGEBUNG

SGZ 56 VERGEBUNG

Ich kann vergeben, aber nicht vergessen. Was fällt einer Schulpsychologin ein, Kinder auszuwählen und gefügig zu machen für einen Ring von – nein, ich kann es gar nicht aussprechen. Es ist einfach nur widerlich!
In der dritten Klasse war ich damals. Was hätte ich denn anderes tun sollen, allein mit ihr in einem Behandlungsraum? Als sie sich einen Arztkittel anzog und mich wie der Kinderarzt dazu anwies, mich auszuziehen und auf die Liege zu legen? Da macht man doch, was die Erwachsenen sagen! Heute hasse ich alle Weißkittel.
Sie hat mich dann mit Saugnäpfen beklebt. War mir schon nicht geheuer. EEG, EKG – so etwas darf und durfte eine Dipl.-Psychologin nicht.
Der Therapeut, den ich aufsuchte, als ich mich nach dreißig Jahren endlich dazu hatte durchringen können, war da anderer Meinung. Das heißt, so weit kamen wir gar nicht. Er fand es schon in Ordnung, dass Erwachsene fremde Kinder ausziehen – da bin ich ausgetickt. Nein, ich habe ihm nichts getan. Ich habe nur sofort dicht gemacht und seine Praxis nie wieder aufgesucht.
Ja klar, in einem anderen Kontext mag das in Ordnung gehen. In einem Kindergarten vielleicht. Aber eine Psychologin! Das ist etwas anderes als eine Psychiaterin. Eine Psychiaterin ist die, die Pillen verschreibt. Sie ist Ärztin und darf körperliche Behandlungen durchführen. Eine Psychologin darf das nicht.
Die Schulpsychologin hat – nachdem sie nach und nach mit Spielen und Gesprächen mein Vertrauen gewann – mich einem Verhör unterzogen und sich Notizen gemacht. Hat mir K.O.-Tropfen gegeben. Irgendwann wachte ich dann splitterfasernackt und mit Schmerzen zwischen den Beinen wieder auf.
Meine Mutter konnte mit meiner Symptombeschreibung nichts anfangen und ich wollte da auch keinesfalls von dem ungehobelten Kinderarzt untersucht werden. So haben wir einfach abgewartet und es wurde nach einer Zeit besser, auch das Brennen beim Wasserlassen verschwand wieder.
Ich konnte dann recht bald durchsetzen, nicht mehr zu dieser Frau hingehen zu müssen. Komischerweise dachte ich auch überhaupt nicht mehr an meine Erlebnisse in deren Praxis, bis ich eines Tages in einem Krankenhaus ein EEG machen lassen musste. Da kam alles wieder hoch und seitdem verfolgen mich meine Erinnerungen.
Ich kann wirklich vieles vergeben. Aber das? Nein, das nicht.

Wörter: 355

SGZ 55 GLAS

SGZ 55 GLAS

Die Prüfung
»Und bring das Altglas weg«, hatte Uschi noch gesagt. Die Flaschen lagen noch im Kofferraum. Warum Alfred ausgerechnet jetzt daran denken musste, da der Coach ihnen eröffnet hatte, ihre nächste Prüfung bestehe darin, über Glas zu laufen. Ziemlich kleine Glasstücke zwar, aber es war immer noch Glas!
»Es ist wie über Sand oder Kieselsteine laufen«, sagte Timon. »Es ist nur in eurem Kopf.«
Nein, es lag da auf dem Boden vor ihnen. Es würde unter seinen Füßen sein, sich in die bloßen Sohlen schneiden.
»Ihr wart doch sicher mal beim Kneippen. Das ist auch etwas unangenehm. Das Wasser ist kalt, die Steine spürt man unangenehm unter dem Druck des eigenen Gewichts, aber hinterher fühlt man sich angenehm erfrischt.«
»Blutende Fußsohlen stelle ich mir aber nicht erfrischend vor«, knurrte Alfred zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
»Positiv denken«, wiederholte der Coach. »Stellt euch vor, wie ihr über einen Schotterweg geht. Etwa diese Größe haben die Scherben.«
»Wenn ich im Sommer über Schotter laufe, muss ich jedes einzelne Steinchen aus den Sandalen pulen.«
»Alfred, bitte. Das bringt die Gruppe jetzt nicht vorwärts.«
Es bringt die Gruppe nicht vorwärts. Natürlich bringt es die Gruppe nicht vorwärts, wenn einer gegen den Chef wettert, aber deine bekloppte Prüfung bringt mich nur ins Krankenhaus.
»Pst«, machte Viktor und winkte Alfred zu sich heran. »Schau dir mal die Scherben genauer an. Die sind abgeschliffen.«
»Das ist doch Beschiss!«
»Pst! Nicht so laut!«
»Ich lass mich doch nicht verarschen von diesem Möchtegern-Guru! Dem werd ichs zeigen!«
»Timo, du hast recht. Ich bin bereit. Du hast mich überzeugt. Ich stelle mir einen Spaziergang am Strand vor, bei Sonnenuntergang mit meiner Frau.«
»Sehr schön!«

»Das ist wirklich noch nie passiert«, sagte Timo zerknirscht.
»Ich habs dir ja gleich gesagt.« Alfred beobachtete, wie der Sanitäter ihm die Füße verband. »Glas wird aus Sand gemacht, aber über Glas und über Sand laufen ist nicht dasselbe. Überhaupt ist der Strand dazu gedacht, sich in die Sonne zu legen. Das kann ich jetzt die nächsten sechs Wochen zu Hause auf der Terrasse üben. Dazu fehlt mir nur der Cocktail.«

Wörter: 345

SGZ 54 FEST

SGZ 54 FEST

Nach ganz fest kommt ganz lose
Handwerker wissen das: Zieht man eine Schraube zu fest an, dreht sie sich plötzlich wieder schneller und greift nicht mehr. Dann ist das Gewinde hin. Bei den meisten der heutigen Schrauben wird jedoch zuerst der Kopf matschig, also das Kreuz bzw. der Schlitz für den Schraubendreher hobelt sich ab.
Deshalb muss man bei aller gebotenen Kraft auch Feingefühl walten lassen.

Nicht anders verhält es sich auch beim Schreibhandwerk: Man muss erst lernen, alle zur Verfügung stehenden Techniken richtig zu dosieren.
Mit jeder Textkritik lernt man, mit welcher Menge an Füllwörtern und Adjektiven man über die Stränge schlägt und irgendwo dazwischen wird es wohl gut sein. Auch zwischen Zeigen und Erzählen (Show don’t tell) gibt es ein Gleichgewicht. Man kann es in beide Richtungen übertreiben.
Die persönliche Mischung macht den eigenen Stil aus.
Zu wenig Spannungselemente machen den Text langweilig, zu viele davon jagen den Leser durch die Geschichte – beim Thriller ist das erwünscht, bei Fantasy nicht. Es kommt also auch aufs Genre (und auf die jeweilige Zielgruppe) an. Liebesschwüre sind im Krimi fehl am Platz wie Pistolen im Liebesroman – Ausnahmen bestätigen die Regel.

Fühle ich mich bei Kurzgeschichten (nach fünfzehn Jahren Übung) relativ sicher, so bin ich beim Schreiben von Romanen noch blutiger Anfänger. Und das heißt noch lange nicht, dass ich eine Geschichte zum Wettbewerb schicke und sofort gewinne. Es war mir ein Fest, als ich es letztes Jahr auf eine Longlist schaffte. Mein Text war (bei vergleichsweise wenig Einreichungen) in der engeren Auswahl, wurde aber nicht gedruckt. Trotzdem gab und gibt mir das eine gehörige Portion Selbstsicherheit.
Bei Romanen habe ich jetzt gerade das Gefühl, mich mit dem Handwerkszeug vertraut gemacht zu haben. Wie man eine Geschichte plant, wie man sich selbst organisiert und so weiter. Und das, nachdem ich bereits über drei Jahre hinweg meinen ersten Entwurf meines ersten Romans geschrieben habe.
Was es heißt, zu überarbeiten, erfahre ich gerade. Ich will nicht wissen, wie lange so eine Überarbeitung dauert.
Für mich unvorstellbar, innerhalb eines Monats einen Roman zu schreiben und zu veröffentlichen. Wenn ich weiß, was ich schreiben soll, etwa weil mir jemand diktiert, kann ich sicher innerhalb von drei Monaten alles abtippen, das habe ich während des letzten NaNoWriMo festgestellt. Da hatte die Geschichte drei Jahre Zeit gehabt, in mir zu reifen.

Als ich mit stolzgeschwellter Brust meine ersten Entwürfe meiner ersten Kapitel meinen Testlesern zeigte, so haben die mich sehr schnel gebremst, weil ich zu sehr durch die Handlung hetzte. Damals hatte ich überhaupt noch kein Gefühl für das richtige Erzähltempo. Ich hatte angenommen, ein Roman besteht aus einer Abfolge von Kurzgeschichten. So ist es nicht.

Ein Roman ist tiefer und breiter angelegt als eine Kurzgeschichte.
Man erfährt viel mehr über die Figuren, aber auch über deren Wahrnehmungen, ihre Empfindungen und Gedanken. Alles bekommt mehr Raum, man erzählt ausführlicher.
Und ich glaube, in Kurzgeschichten kann man getrost vernachlässigen, was Leute tun, während sie sich unterhalten. Man schreibt es nur dann hin, wenn es für die Handlung relevant ist. Unterhalten sich Mutter und Sohn, während sie den Abwasch erledigt und er abtrocknet, dann wird das höchstens in einem Halbsatz erwähnt. Aber es wird nicht jeder Topf und jede Pfanne ins Bild gebracht. Ich halte das für einen relevanten Unterschied.
Zur Zeit experimentiere ich bei meinem zweiten Roman mit dieser Rahmenhandlung, die mir in meinem ersten Roman offenbar häufig fehlt. Ich schreibe sehr dialoglastig und diese Dialoge sind stellenweise sehr blank. Da sind gerade mal Zuordnungen der Sprecher, die aber auch nicht so wirklich wichtig sind. Meistens tun diese Leute einfach nichts, als sich zu unterhalten. Das ist sicher ein Mangel, den ich noch beheben muss.

So schaut es gegenwärtig in meinem Werkzeugkasten aus. Ziemlich unsortiert, ganz gegen meine sonstige Gewohnheit.

Wörter: 621

SGZ 53 ERHABEN

SGZ 53 ERHABEN

Buchdruck in Mainz
Meister Gutenberg zeigte auf die makellos geschnitzten Schriftzeichen.
»Schau, Junge. Siehst du hier den erhabenen Kreis?«
»Ja, Meister.«
»Dies ist der Buchstabe O. Wenn Du es richtig machst, wird an dieser Stelle nur dieser Kreis auf dem Papier zu sehen sein. Die Lettern sind bereits alle so angeordnet, wie sie liegen müssen. Bring sie nicht durcheinander!«
»Ja, Meister.«
Er zeigte mir beim ersten Zug, wie ich die Ballen benutzen und damit die Farbe auftragen sollte. Es roch eigentümlich.
»Achte auf die richtige Menge der Tinte. Wenn Du schmierst, setzt es was.«
»Ja, Meister.«
Er überließ mir beim zweiten Zug selbst die Ballen und beobachtete meine Bewegungen genau. Vorsichtig benetzte ich den Druckstock und hängte die Ballen danach wieder sorgfältig in die Knechte. Ich hielt die Luft an, als ich das Papier platzierte. Ich atmete aus, legte dann den Aufzug darauf, eine Lage Filz und einige Bögen Papier. Jetzt musste ich nur noch den Karren einschieben. Nicht zu weit und nicht kurz. Andächtig zog ich am Bengel und die Presse senkte sich hinab. Dieser Moment hatte eine Besonderheit an sich, wie ich sie noch nie erlebt hatte.
War der Druck gelungen? Ich schob den Bengel zurück, holte den Karren heraus und entfernte den Aufzug. Langsam hob ich das Papier und prüfte den Druck. Erleichtert stellte ich fest, dass alles sauber war.
»Sehr gut, Junge.«
»Danke, Meister!«

Wörter: 229

Ich habe jetzt in der Kürze der Zeit natürlich nicht recherchiert, sondern nur ein Video bei Youtube geschaut. Ich hoffe, ich tue dem guten Mann und seinen Zeitgenossen nicht unrecht.

SGZ 52 MÖCHTEGERN

SGZ 52 MÖCHTEGERN

Das Gartenkleid
Britta drehte sich in ihrem neuen Kleid einmal im Kreis. »Ist das nicht schick?«
Eine dieser Fragen, die man nur falsch beantworten konnte. Also brummte ich nur.
»Dazu gab es auch die passenden Schuhe!« Sie hob den Fuß und winkelte ein Bein an.
»Aha.« Ich überschlug im Kopf, wie viel sie wohl dafür ausgegeben haben mochte.
»Und eine Tasche!« Sie wedelte damit vor meiner Nase herum.
»Aber wir wollen doch nur zum Italiener.«
»Ich zieh mich auch gleich noch mal um, Manno. Das ist für Lisas Gartenparty. Ich wollte es dir nur kurz zeigen.«
Britta würde mir ihre Tasche und Schuhe in die Hand drücken und barfuß über die Wiese spazieren, während ich mich vor den Jungs blamierte. Es sei denn …

Lisa hatte den Garten wirklich hübsch hergerichtet mit Lampions und in Flaschen gesteckten Kerzen. Es gab ein reichhaltiges Buffet, einen Grillmeister und jede Menge feierwütige Nachbarschaft. Vor diesem Publikum wollte sich Britta nun präsentieren, ihren Laufburschen im Schlepp.
»Schaut euch meine Frau an!«, rief ich. Ich hielt sie an der Hand und ließ sie sich drehen. Stolz präsentierte sie Kleid, Schuhe und Tasche. Dann gab ich ihr einen Klaps auf den Po, der etwas härter war als beabsichtigt und fragte in die Runde: »Ist sie nicht hübsch?« Die Gespräche um uns herum verstummten.
»Manno, was soll das?«, zischte Britta mir zu.
Doch ich war noch nicht fertig. »Wäre sie nicht noch hübscher ohne dieses Kleid?« Unsere Nachbarn sahen uns jetzt entsetzt an.
»Würdet ihr bitte gehen?«, bat Lisa. »Ich denke, du hast genug getrunken.«

Wörter: 258