Lesung im Pride House am 31.07.23

Lesung im Pride House am 31.07.23

Ingo S. Anders liest erstmals live aus seinem Debüt Tobaksplitter.
Der Autor präsentiert Erinnerungssplitter aus nicht ganz so hartem Tobak: kurze Geschichten aus seiner Zeit der Geschlechtsangleichung.
Nach der Lesung mit Buchverkauf ist Gelegenheit, mit dem Autor ins Gespräch zu kommen. Eintritt frei.

Save the date!

Montag, 31.07.23, 18-20 Uhr.

Veranstaltungsort der Lesung ist das Pride House, das dieses Jahr im Integrations- und Familienzentrum (IFZ)/Schorsch untergekommen ist.
Adresse: Rostocker Str. 7, 20099 Hamburg, Seminarraum 2.

Das diesjährige CSD-Motto lautet „Selbstbestimmung jetzt! Verbündet gegen Trans*feindlichkeit„, womit u.a. die Abschaffung des TSG (Transsexuellengesetz) und die Einführung des Selbstbestimmungsgesetzes gefordert wird, welches schon lange in trockenen Tüchern hätte sein sollen.
Unsere Forderungen auf der Website von Hamburg Pride.

Ausgewählt habe ich ausschließlich Texte, die trans* thematisieren, auch wenn sich das Buch nicht darauf beschränkt. Ich bringe zudem einen Text mit, der in der noch nicht veröffentlichten Anthologie (Lies: Wir tun es wieder!) erscheinen wird. Wenn alles klappt, wird dieses Buch ebenfalls erhältlich sein.

Vorbereitung auf meine erste Solo-Lesung

Vorbereitung auf meine erste Solo-Lesung

Es ist meine erste Lesung, bei der ich Tobaksplitter live präsentieren werde und vor allem ist es meine erste Solo-Lesung überhaupt. Ich bin froh, dass Hamburg Pride die Möglichkeit bietet, kostenlos aufzutreten, und auch die Veranstaltung bewirbt. So ist der Rahmen gegeben und ich kann mich quasi ins gemachte Nest setzen. Dazu kommt, dass dieses Jahr das CSD-Motto „Selbstbestimmung jetzt! Verbündet gegen Trans*feindlichkeit“ zu mir und meinen queeren Texten wie die Faust aufs Auge passt und wenn ich jetzt nicht auf die Bühne gehe, dann nie. Ich muss nur ein Anmeldeformular ausfüllen und dann – ja, eben „nur“.

Ich als Bürohengst habe nichts gegen Formulare, wie ihr wisst, aber bei diesem packt mich das Lampenfieber. Es erinnert mich an die Zeit, als mir beim Einreichen von Wettbewerbsbeiträgen der Angstschweiß ausbrach. Die ersten konnte ich nicht einmal alleine absenden, zu groß war die Angst, zu versagen. Inzwischen habe ich so viele Absagen kassiert, dass ich mich daran gewöhnt habe, dass das eben die Regel ist und nicht die Ausnahme. Die Übung hat dazu geführt, dass mir das nicht mehr schwerer fällt als jede andere Mail auch. Nun hoffe ich, dass es mir mit den Lesungen ähnlich gehen wird.

Denn eigentlich trete ich gerne auf. Eigentlich werde ich gerne gehört. Ich habe nur Angst vor Ablehnung. Bei manchen Texten ist es doch sehr schwer, zwischen dem literarischen Ich und meiner Person zu trennen – vor allem dann, wenn ich weiß, dass es sich um autobiografische Elemente handelt.

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Wir tun es wieder!

Wir tun es wieder!

Zum zweiten Mal wählte der Frei!Geist Autorenverlag einen Text von mir aus. Nein, zwei sogar!
Das Thema der Ausschreibung war diesmal „Queerness und Queerfeindlichkeit“. Zu beiden Themen hatte ich je eine Geschichte eingereicht. Ich denke, dass ich noch nicht zu viel verrate, wenn ich sage: Ihr dürft euch auf einen Transmann als Protagonisten freuen.


Im Augenblick arbeite ich an einer Kurzgeschichte, die dem Genre Science Fiction zuzuordnen ist. Da diese gerade ruht, will ich mich mal wieder um die Überarbeitung von Schwuppenplanschen kümmern. Da hatte sich noch eine Plotlücke aufgetan. Sobald ich das Feedback von meinen Testleser:innen habe, mache ich mich dann wieder an die nächste Überarbeitungsrunde der aktuellen Kurzgeschichte. Soweit mein Plan – das Leben hat oft andere Pläne.

Der Genesungsbegleiter schmort im Frostfach ganz unten. ;)


Meine Arbeitserprobung macht mir großen Spaß. Ich hab gerade das Gefühl, schon am dritten Tag eine Beförderung bekommen zu haben, weil ich mich in einem neuen Aufgabenfeld ausprobieren darf. Etwas, das mich früher schon mit Begeisterung getan habe: Mit neuer Software herumspielen. :D
Wenn es so weitergeht wie jetzt, kann ich wohl auch das Arbeitspensum in absehbarer Zeit erhöhen. Nur einmal in der Woche im Büro zu sein, bedeutet nämlich leider, dass man nicht mit Datenpflege betraut wird, weil man dazu jeden Tag da sein sollte. Ganz wie auf dem ersten Arbeitsmarkt auch.

Weizen, blauer Himmel und ein Kleeblatt

Weizen, blauer Himmel und ein Kleeblatt

»Meinst du, mein Bett reicht aus für die beiden?«, fragte Samir und beäugte die nur einen Meter breite Schlafstatt skeptisch.
»Na klar, Yakov und Artjom sind doch ein Paar. Ist ja nicht wie bei uns. Bringt bestimmt Leben in die Bude«, sagte Azis mit einem Augenzwinkern.
Der junge Syrer schenkte dem Deutschtürken ein Lächeln. Vor sieben Jahren hatten die beiden sich über den Queer Refugee Support kennengelernt, als Samir dringend nach einer sicheren Bleibe gesucht hatte. Wo er keine Angst haben musste, wegen seiner Homosexualität angegriffen zu werden. Bei Azis hatte er sich sofort wohlgefühlt und ungewöhnlich schnell Vertrauen gefasst. Bald hatten sie sich angefreundet und so war aus der provisorischen Wohngemeinschaft eine dauerhafte geworden.

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Sexuelle Präferenz #diverserdonnerstag

Sexuelle Präferenz #diverserdonnerstag

Nachdem wir über Geschlechtsidentität gesprochen haben, geht es heute um die sexuelle Präferenz. Pansexualität, kurz pansexuell oder einfach nur pan bezeichnet eine sexuelle Orientierung, bei der Personen in ihrem Begehren keine Vorauswahl nach Geschlecht oder Geschlechtsidentität treffen. […] Demgegenüber begehren und lieben bisexuelle Menschen nur Männer und Frauen. (Wikipedia)

Persönliche Erfahrungen

Ich sage gern, ich bin vorwiegend schwul. Es wurde von mir „als Frau“ erwartet, dass ich mich für Männer interessiere. An meiner sexuellen Präferenz hat sich bis heute nichts geändert. Damals wurde ich als hetero angesehen. Heute gelte ich als schwul. Dadurch ist der diesbezügliche Umgang mit mir bei weitem nicht mehr so selbstverständlich. Auf einmal erscheint es ungewöhnlich. Erzähle ich gewohnt beiläufig von meinem Mann, so werde ich unterbrochen mit der Frage, ob ich schwul sei. Was ich darauf wohl antworten soll? „Nein, aber ich sehe mich gesellschaftlich dazu gezwungen, mit einem Mann zusammenzuleben“ wohl kaum. Würde man einen Mann, der von seiner Frau erzählt, fragen, ob er hetero ist? Wohl eher nicht.

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Ich könnte das ja nicht

Ich könnte das ja nicht

Für heute war das letzte Monster besiegt und auch die Feedbackrunde neigte sich dem Ende.
Heiko richtete das Wort an Jürgen. »Wie schön, dass Du heute dabei warst, Jüjü. Wir hatten dich schon vermisst.«
»Ja, es tut mir leid, aber ich finde einfach die Zeit nicht.«
»Wegen Martin«, warf Sabine ein.
»Ach ja …« Heiko schwieg lieber. Als Altenpfleger wusste er, wie belastend der Umgang mit Menschen mit Behinderungen für die Angehörigen sein konnte.
»Es ist echt Wahnsinn, was der Jüjü alles leistet. Er macht so viel für Martin. Einkaufen, Kochen, Putzen, Waschen … eigentlich den ganzen Haushalt. Und das Geld für zwei verdient er auch noch! Ich könnte das ja nicht.« Sabine sah ihn anerkennend an.
Jürgen rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum. »Es geht schon viel Zeit dafür drauf …«
»Dein Mann soll ja auch so was wie ein Leben haben, nicht wahr?«
»Nee, Sabine, so kannste das jetzt auch nicht sagen. Martin geht zeitweise an Krücken, das ist alles. Ansonsten gehts dem nicht viel anders als uns auch.«
»Ja, aber das ist doch schlimm! Dem muss man doch helfen«, widersprach sie. »Jüjü, sag doch auch mal was!«
»Heiko hat schon recht. Es sind eigentlich nur die Krücken.«
»Und uneigentlich?«
»Darüber möchte ich nicht so gern sprechen.«
»Jüjü!«
»Also gut. Seine Launen sind schwer auszuhalten. Manchmal wird er plötzlich wütend und ich weiß nicht, warum. Er sitzt meistens da im Sessel wie ein Pascha und legt die Füße hoch. Ich bringe ihm dann, was er braucht, damit er nicht noch mal aufstehen muss. Als hätte ich nichts anderes zu tun. Aber er hat ja Schmerzen. Ich sehe ja, wie er das Gesicht verzieht, wenn er durch die Wohnung humpelt. Das kann ich nicht ertragen. Dann scheint plötzlich nichts zu sein und er schleppt schwere Einkäufe oder geht ohne Krücken zur Post, dann wieder braucht er sie sogar in der Wohnung. Ich will ja nicht, dass er leidet. Ich liebe ihn doch.« Tränen liefen über Jürgens Wangen.
»Armer Jüjü.« Sabine tätschelte seinen Arm.
»Du schlägst dich echt wacker«, sagte Heiko. »Falls du mal Fragen hast, kannst du dich gern an mich wenden.«
»Danke.« Jürgen schniefte.

»Ich bin so maximal wütend auf ihn!« Martin verstaute seine Krücken unter dem Tisch.
»Was hat Jürgen diesmal wieder angestellt?« Ella justierte ihr Hörgerät. »Ich bin ganz Ohr.«
»Heute ist Donnerstag, richtig?«
»Richtig.« Ella konnte sich ein erwartungsvolles Grinsen nicht verkneifen.
»Am Montag bin ich wie üblich einkaufen gegangen. Weil viel auf dem Zettel stand, habe ich überlegt, ob ich mit dem Rucksack zweimal gehe oder ob ich es irgendwie hinkriegen kann, den Hackenporsche zu nehmen. Ich habe mich dann für Letzteres entschieden und auf eine der Krücken verzichtet. Das ging auch erstaunlich gut. Ich meine, ich entlaste ja nur das Knie. Es ist ja nicht so, dass ich sonst nicht laufen könnte, ich möchte nur vermeiden, dass ich wieder in Schonhaltung gehe, weil dann die Bandscheibe zickt …
Egal. Jürgen also. Heute erzählt er mir, wenn ich am Montag noch eine halbe Stunde länger gewartet hätte, dann wäre sein Meeting zu Ende gewesen und dann hätte er auch selbst einkaufen gehen können oder er wäre mitgegangen und hätte die schweren Beutel geschleppt. Ich meine, was soll das denn? Ich bin doch kein Pflegefall! Ich kann mich selbstständig versorgen. Ich fand das so was von übergriffig!«
»Hast du ihm das mal gesagt?«
»Ach klar, die Ableismus-Diskussion hatten wir schon zigmal. Das ist wirklich müßig. Er kocht auch. Weißt du, ich habe gerade gefrühstückt, da fragt er, was ich zu Mittag essen will. Ich würde lieber mal selbst was kochen. Oder wegen mir auch zusammen, lecker Lasagne zum Beispiel, aber das geht nie, ohne dass er mir jeden Handgriff wegnimmt.«
»Glaubt er, du kannst das nicht?«
»Ja, kann sein. Ihm scheint gar nicht klar zu sein, dass es mir schlechter geht, je weniger ich selbst mache. Ich will nicht immobil werden. Wenn ich einen schlimmen Schub habe, dann kann ich ja keine fünf Minuten stehen ohne die Krücken. Und das sieht er ja nicht, wie es mir gerade geht. Aber der letzte schlimme Schub ist drei Jahre her. Und: Mit den Krücken geht es ja besser als ohne, auch wenn es schlimmer aussieht. Wenn er mal mit mir reden würde, hätte er das auch mitbekommen. Aber nein, länger als eine Stunde kann er sich ja nicht mit mir unterhalten, spielt aber problemlos mit seinen Freunden zehn, zwölf Stunden Rollenspiel am Stück.«
»So lange?«
»Mir wäre das definitiv zu lange mit so vielen Leuten in einer Gruppe. Ich würd da ja schon nach zwei Stunden aufm Zahnfleisch gehen. Aber er ist da ja irgendwie anders verdrahtet. Apropos spielen: Da kann er auch nicht abwarten, bis ich selbst eine Entscheidung getroffen habe. Der diktiert mir fast alles. So macht das keinen Spaß. Dabei spiele ich überhaupt nur ihm zuliebe mit ihm. Für mich ist das vertane Zeit.«
»Wenn er eine Pflegestufe für dich beantragen will, kannste ihn zu mir schicken.«
Martin lachte. »Lass mal, Ella. Noch komme ich gut allein zurecht und da finde ich es nicht angebracht, Pflegegeld zu kassieren. Aber ich komme gerne darauf zurück, sollte es sich ändern. So, das war mein Rant, du bist dran.« Entspannt lehnte er sich zurück.


Entstanden im Rahmen einer Schreibübung, bei der eine Figur von anderen Figuren gegensätzlich dargestellt werden sollte.


Übrigens: Der Juli ist der Disability Pride Month.