SGZ 27 SINN

SGZ 27 SINN

Die Sinnfrage kommt mir gerade recht.
Was für einen Sinn hat dieses Projekt, wenn ich Mist abliefere wie den von gestern und mich dabei auch noch selbst bemitleide? Ja, schlechte Tage gibt es und normalerweise bekommt niemand etwas davon mit.
Blamiere ich mich damit nicht vor allen potenziellen Lesern? Geht der Schuss damit nicht nach hinten los? Am Ende habe ich einen Content à la 100 Shades of Shit.
Genau diese Fragen habe ich mir gestern gestellt.
Ich habe daran gedacht, dass ich ein Gefühl dafür bekommen wollte, wie es wäre, vom Schreiben leben zu müssen. Es machte mir bisher nicht immer Spaß. Es gab Tage, an denen musste ich mich zwingen. Regelrechte Durststrecken. Dann war ich auf einmal wieder voller Freude dabei. Einige Geschichten haben richtig Spaß gemacht.
Als ich meinen ersten Roman geschrieben habe, war es ähnlich. Nicht immer hat es Spaß gemacht und das, obwohl ich mir so wenig Druck wie nur irgend möglich gemacht habe. Und ich habe mich hinterher nur geärgert, dass ich so viel Zeit verschenkt habe, als ich sah, wie viel ich an einem Tag schreiben kann, wenn ich es nur wichtig genug nehme.
Ich habe auch daran gedacht, dass ich mit meinem Projekt Schreibanfängern zeigen möchte, dass wir alle nur mit Wasser kochen. Ich sehe viele Autoren, die schon (mehrfach) publiziert haben, darunter Bestsellerautoren und auf der anderen Seite begeisterte Leser und Schreibanfänger. Der Weg dazwischen hat mich immer brennend interessiert. Wir haben alle klein angefangen und mussten das Handwerk erst erlernen. Und trotzdem ist der erste Entwurf von was auch immer Mist.

The first draft of anything is shit.

Ernest Hemingway

Aber das bedeutet nicht, dass man deshalb aufgeben darf. Nicht, wenn man ein Buch schreiben will.
Das erzählt euch einer, der seit 15 Jahren Kurzgeschichten schreibt und zum ersten Mal die Rohfassung eines Romans abgeschlossen hat.
Ich bin stolz darauf, weil das nicht auf Anhieb geklappt hat. Ich weiß, dass viele sehr viel weiter sind, weil sie bereits eine Agentur suchen oder einen Verlagsvertrag haben oder schon ein oder mehrere Bücher veröffentlicht sind. Für mich ist es schon eine große Sache, überhaupt einen Roman großartig zu überarbeiten. Ich habe mehrere Jahre gebraucht, um da hinzukommen. Wer mit Romanen angefangen hat und sich nun mit seinen ersten Kurzgeschichten abmüht, wird mich vielleicht auslachen, aber doch irgendwo verstehen.
Zurück zur Ausgangsfrage: Welchen Sinn hat dieses Projekt noch?
Übung kann nie schaden. Ich könnte die Übungen theoretisch auch für mich allein machen – aber dann würde ich sie nicht machen. Mein Schweinehund ist publikumsscheu.

Wörter: 420

SGZ 26 HUMOR

SGZ 26 HUMOR

Humor ist, wenn man trotzdem lacht
»Warum fällt mir ausgerechnet zum Thema Humor nichts Vernünftiges ein? Nicht mal etwas Unvernünftiges.«
»Du könntest einfach ältere Beiträge verlinken, da waren doch Lustige dabei. Die Geschichte vom Schuh zum Beispiel.«
»Das kann ich doch nicht machen. Ich hab gesagt, ich schreib jeden Tag eine Geschichte, also mache ich das auch.«
»Nur Dialogzeilen wechseln ist aber keine Geschichte.«
»Ach was!«
»Außerdem liest das doch eh kein Schwein, guck dir mal die Statistik an.«
»Jetzt haltet doch mal beide den Rand!« Ich verscheuchte die Muse und den Kritiker und brütete weiter über dem Begriff.
Noch drei Minuten, nebenan Fernseher, draußen Tatütata – das wird heut nix!

Wörter: 110

SGZ 25 AUSBRUCH

SGZ 25 AUSBRUCH

Der Ausbruch der Buchstabennudeln
Schon viel zu lange warteten die Nudeln in ihrem Karton. Offensichtlich wartete Oma Hilde darauf, dass ihre Enkelkinder mal wieder zu Besuch kamen.
»Wir lassen uns das nicht mehr länger gefallen!«, rief das A. »Unser Mindesthaltbarkeitsdatum ist bald überschritten. Wir müssen endlich gegessen werden.«
»Du hast recht«, sagte das C. »Aber was willst du tun?«
»Wir müssen hier raus«, antwortete das A. »Wir brechen aus und verlassen diese Packung!«
»Oh, wie soll das gehen?«, fragte das O.
»Uh, wie sollen wir das tun?«, fragte das U.
»Ich hätte da schon eine Idee,«, rief das I. »Ich bin schlank und passe durch jede Ritze.«
»Mich könnt ihr als Hebel benutzen«, erklärte das L, »um die Ritzen größer zu machen. Wenn ihr euch flach hinlegt, seid ihr alle nicht viel breiter als das I.«
Gesagt getan und ein Buchstabe nach dem anderen purzelte in die Vorratsschublade. Sie jubelte und fielen sich gegenseitig in die Arme. »Jetzt werden wir bald in Suppe schwimmen!«
Doch Oma Hilde sammelte die Buchstabennudeln auf und schüttete sie, trocken wie sie waren, in ein Glas. Und darin blieben sie, bis die Enkelkinder zu Besuch kamen.
»Oma, was ist das denn? Buchstabennudeln? Dafür sind wir doch schon viel zu alt.« Justin kicherte.
»Früher habt ihr die gern gemocht. Mit anderen Nudeln brauche ich euch gar nicht erst kommen.«
»Waren die früher nicht viel größer?«
»Nein, du warst kleiner, mein Lieber.«
»Guck, hier ist das J!«
»Na dann lass es dir schmecken.«

Wörter: 246

SGZ 24 TEILEN

SGZ 24 TEILEN

Das Leben teilen
»Alex, eine Ehe zu führen bedeutet nicht, nur eine Wohnung miteinander zu teilen. Ich will keine WG!« Sie weinte. Ja, jetzt weinte Melanie. »Den ganzen Tag sitzt du nur vor deinem Scheiß-Computer!«
»Ach und du etwa nicht? Ich gehe schon extra nicht ins Wohnzimmer, um dich nicht bei der Arbeit zu stören.«
»Wann immer ich in dein Büro komme, glotzt du auf diesen dämlichen Bildschirm und hast Kopfhörer auf.«
»Um dich nicht zu stören, Melanie!«
»Aber was soll das denn? Mit Kopfhörern störst du doch genauso, wenn du sprichst.«
»Ach, soll ich vielleicht nicht mit meinen Schülern sprechen? Soll ich denen auch nur Arbeitsblätter mailen und die Hände in den Schoß legen, weil die Eltern alles für mich übernehmen müssen?«
»Alex, darum geht es doch nicht. In deine Arbeit will ich dir nicht reinreden. Mach, was du für richtig hältst. Mir geht es um unser Zusammenleben.«
»Und was gefällt dir nicht an unserem Zusammenleben?«
»Wir leben nicht mehr zusammen. Wir leben nebeneinanderher.«
»Ich meine: Du hockst an deinem Computer und machst deinen Scheiß, ich hocke an meinem Computer und mache meinen Scheiß. Wir machen überhaupt nichts mehr zusammen. Wir gehen nicht essen, wir gehen nicht tanzen –« Sie warf die Arme nach oben.
»Ja wie denn auch?!«
»Wir könnten auch einfach mal spazieren gehen! Das ist doch nicht verboten!«
»Bei dem Wetter?« Bei dem Schnee und Eis könnte ich mit meinen Turnschuhen leicht ausrutschen. Und ich müsste mir nur für den Gang durchs Treppenhaus eine Maske anziehen. Reine Geldverschwendung. »Geh ruhig, wenn du spazieren gehen willst.«
»Siehst du, das meine ich. Dann bleib halt hocken!«

Wörter: 268

SGZ 23 UNSICHTBAR

SGZ 23 UNSICHTBAR

Ich hatte gerade Geld aus dem Automaten gezogen und mein Portemonnaie wieder eingesteckt, da sah ich, wie es wie von unsichtbarer Hand aus meiner Tasche gezogen wurde und durch die Luft schwebte!
Ich griff danach, doch es entwischte mir. Nun nahm ich die Beine in die Hand, um es wieder einzufangen. Die Leute guckten nicht schlecht, wie ich meiner fliegenden Geldbörse hinterherjagte. Nach wenigen Metern bewegte sich ein Fahrrad, als stiege jemand auf. Mein Eigentum schwebte darüber, jetzt umso schneller und für mich unrettbar. Ich gab auf und keuchte.
»Habt ihr das gesehen?«, fragte ich die umstehende Menge. »Das war ein unsichtbarer Dieb!«
»Erklär das mal der Polizei!«, rief einer und lachte.
Genau das tat ich wenig später. Ich erntete nur mitleidige Blicke.
»Ich sehe, dass Sie ein Problem haben«, sagte der Uniformierte. »Aber dabei können wir Ihnen leider nicht helfen.«
»Warum sehen Sie sich nicht wenigstens die Überwachungsvideos der Bank an? Darauf müsste der Vorfall doch zu sehen sein!«
Der Polizist seufzte und sah mich aus müden Augen an. »Also gut.«
Ich wartete, während er sich umständlich an seinem Computer zu schaffen machte. Ein-Finger-Suchsystem, während die andere Hand auf der Maus ruhte.
»Das ist ja … Schau mal, Ansgar.«
Der Kollege stand auf, lief um die Tische herum und beugte sich über die Schulter desjenigen, der zuerst mit mir gesprochen hatte.
»Das Video wurde manipuliert!«, rief Ansgar aus. »Wie haben Sie das gemacht?« Er stierte mich mit zusammengezogenen Brauen an.
»Ich?! Ich bin hier das Opfer! Mir wurde mein Portemonnaie gestohlen! Von einem Unsichtbaren!«
»Ach, das glauben Sie doch selber nicht. Wir werden ein Verfahren gegen Sie einleiten.«
»Was?! Ich komme her und bitte Sie um Hilfe und Sie …!«
»Alles, was Sie jetzt sagen, könnte gegen Sie verwendet werden.«
»…!« Jetzt wünschte ich, ich wäre unsichtbar.

Wörter: 298

SGZ 22 SPIEGEL

SGZ 22 SPIEGEL

Es tut mir leid, ich kann das nicht. Ich habe eine Spiegelszenen-Allergie. Ohnehin bin ich kein sonderlicher Freund von Personenbeschreibungen, aber wenn die Hauptfigur rein zufällig an einem Spiegel vorbeiläuft, und die Gunst der Stunde nutzt, um sich ausgiebig von Kopf bis Fuß zu betrachten – nein danke.
Das geht anders, beiläufiger.

Aber gut, mit Spiegeln kann man ja auch was anderes machen, als reinzusehen.

Abkassiert
Tina brauchte Geld. Sie wollte sich eine neue Jeans kaufen. Und weil sie sich nicht mit billigem Kaufhausquatsch abgab, war die teuer. Dreistellig. Stehlen konnte sie sie in der kleinen Boutique nicht. Dazu war das Risiko zu groß, dabei erwischt zu werden.
Sie sah sich auf dem Schulhof um. Hier musste doch irgendetwas Brauchbares herumliegen. Keine Spritzen heute.
Im Vorraum zu den Toiletten beschaffte sie sich eine Waffe: Mit ihrem Stiefel zertrat sie den Spiegel und nahm eine der Scherben heraus.
Ohne ein besonderes Ziel vor Augen verfolgte sie eines der Mädchen. Sportlich war Tina schon immer, ganz im Gegensatz zur dicken Monica, die ein leichtes Opfer war.
Sie hielt der Dicken die Scherbe ans Gesicht. »Gib mir dein Taschengeld!«
»Ich hab keins!«
»Willst du, dass ich dir das Gesicht zerschneide?«
»Ich habe alles ausgegeben für Schokolade! Ich schwöre! Tu mir nichts!«, bettelte das Kind mit dem schokoladenverschmierten Mund.
»Du verfressenes Stück Scheiße!« Tina ließ sie los. »Wer hat Geld?«
»Der Marko! Der hat damit geprahlt, dass seine Mutter ihm Geld für eine neue Fahrkarte gegeben hat, obwohl er seine alte gar nicht verloren hat.« Monica schnaufte.
Marko also. Ihn einzuholen würde nicht so einfach werden. Und es musste heute noch sein, bevor er die Gelegenheit hatte, nach dem Unterricht so viel Geld auszugeben. Falls er nicht schon im Einkaufszentrum war.
»Wo ist Marko?«, rief Tina über den Pausenhof. Niemand antwortete. »Monica! Wo ist Marko?«
Doch Monica hob nur die Schultern und klammerte sich an die Hand des Lehrers, der die Aufsicht führte.
Tina steckte die Spiegelscherbe in ihre Jackentasche.

Marko saß im Unterricht, als wäre nichts.
In der nächsten Pause heftete sich Tina an seine Fersen.
»Was willst du eigentlich von mir?«, rief er.
Sie war aufgeflogen. »Nichts!«
»Warum rennst du dann ständig hinter mir her?«
»Das tu ich doch gar nicht!« Sie drehte ab.

Tina kannte Markos Heimweg. Nach dem Unterricht lauerte sie ihm hinter einem Mäuerchen auf und überwältigte ihn.
»Her mit deinem Geld!«
»Was für ein Geld?!«
»Monica hat gesagt, du hast Geld.«
»Spinnst du? Wir sind Hartzer!«

Wörter: 407

Mit dem Ende bin ich nicht glücklich, aber die Zeit war rum.^^