SGZ 39 SCHALLPLATTE

SGZ 39 SCHALLPLATTE

Für meinen Opa
Wie eine Schallplatte mit einem Sprung wiederholt er immer sein Sätzlein: »Die neueste Beatles!« Wie um dem Nachdruck zu verleihen, wedelt er mit seinem Holzschwert herum und fügt hinzu: »Für meinen Opa!« Ich weiß nicht, ob ich ihn ernst nehmen soll, und wüsste auch nicht wie. Will er eine Platte von Paul McCartney? Selbst der benannte Opa müsste wissen, dass es die Beatles schon lange nicht mehr gibt.
Eine Frau kommt herein. »Hier bist du, Paul. Lass den Mann in Frieden.«
»Ich bin Robin Hood!«, ruft er jetzt und guckt grimmig. »Her mit den Einnahmen!«
»Lass das, Paul. Entschuldigen Sie bitte, er sollte Sie nicht belästigen.«
»Aber er belästigt mich doch nicht. Es ist nur so, dass ich Ihnen keine neue Platte von den Beatles anbieten kann. Nur Neuauflagen oder Remixe bereits bekannter Stücke.«
»Wir werden das nicht brauchen. Sein Opa wird morgen beerdigt, wissen Sie.« Eine Träne löst sich von ihrem Augenwinkel.
»Let ist be«, sage ich. »Was hältst du davon, Junge? Die schenke ich dir für deinen Opa.«
»Ach, bitte, ich bezahle das«, sagte seine Mutter.
»Nein, lassen Sie gut sein.« Ich hatte auch einen Opa.

Wörter: 191

SGZ 38 GEDULD

SGZ 38 GEDULD

Tick. Tack. Tick. Tack. Die Zeit war wie zäher Schleim, der nur träge dahinfloss. Warten sollte ich. Sie werde schon wieder auftauchen.
»Haben Sie nur Geduld, Frau Minnen. Das ist häufig, dass Kinder einfach die Zeit vergessen und nach wenigen Stunden plötzlich wieder auftauchen.« Es klang wie auswendiggelernt.
»Haben Sie Kinder?«
»Nein.« Der Jungspund senkte den Kopf.
»Dann reden Sie nicht so ein dummes Zeug daher. Natürlich habe ich schon überall angerufen, wo sie sein könnte, bevor ich mich an die Polizei gewendet habe. Niemand, der sie kennt, hat sie gesehen. Und Sie stehen nur hier rum und tun gar nichts.« Ich hörte auf, hin- und herzulaufen, und setzte mich, nur um sofort wieder aufzustehen. »Rein gar nichts!«
»Frau Minnen, beruhigen Sie sich.«
»Ist das Ihre Aufgabe, mir zu sagen, dass ich mich beruhigen soll?« Ich brach in ein hysterisches Lachen aus.
»Es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es Ihnen den Umständen entsprechend gut geht. Sollte sich ein Entführer melden, müssen Sie in der Verfassung sein, zu antworten.«
Mein Herz setzte aus. Ich legte die Hand auf meine Brust. »Ein Entführer?! Wer sollte meine Anna entführen? Wir haben doch nichts!«
»Nur für den Fall. Wir gehen erst mal davon aus, dass es ihr gut geht. Vielleicht steckt sie irgendwo in einem Einkaufscenter in der Spielzeugabteilung oder sie ist Eislaufen gegangen, ohne Bescheid zu sagen.«
Ich spürte, wie meine Pumpe wieder regelmäßig schlug. »Aber dann hätte sie doch angerufen oder wenigstens eine WhatsApp oder SMS geschickt.«
Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hat sie kein Netz oder der Akku ist alle.«
»Aber sie hätte doch auf jeden Fall angerufen!«
»Hat ihre Tochter schon mal eine Telefonzelle von innen gesehen und weiß, wie man sie benutzt?«
Darauf wusste ich nichts zu erwidern. Ich ließ mich aufs Sofa fallen und merkte erst jetzt die Erschöpfung der letzten Stunden.
Ich war gerade eingedöst, da klingelte es an der Tür. Die Polizisten besprachen etwas miteinander, dann trippelten Annas Schritte ins Wohnzimmer.
»Mama! Nicht schimpfen. Ich hab mein Handy verloren«, berichtete sie weinerlich, »und dann wollte ich ein neues kaufen, aber ich hatte nicht genug Geld gespart und dann –«
»Ist ganz egal, mein Schatz. Hauptsache, du bist wieder hier.« Ich schloss sie in die Arme und heulte mit ihr um die Wette.

Wörter: 379

SGZ 37 PRESSE

SGZ 37 PRESSE

Um ihn herum war alles dunkel. Es roch nach Benzin, Öl und Leder. Er klopfte und trat gegen die Wände seines Gefängnisses und rief nach Leibeskräften um Hilfe. Vergeblich.
Vermutlich hatte er auf eine der Fragen eine falsche Antwort gegeben und sie hatten ihn in einen Kofferraum gesteckt. Dabei war er nur ehrlich gewesen!
Er hörte das tiefe Brummen großer Maschinen und etwas, da sich mit Quietschen näherte. Als es zuschlug, kreischte Metall und ein Beben erschütterte das Auto, in dem er gefangen war. Nun ging es aufwärts, als ob er in einem Aufzug nach oben führe.
»Nein! Tut mir das nicht an! Ich flehe euch an!« Seine Blase entleerte sich.
Das Auto fiel, er stieß mit dem Kopf hart an. Das Brummen war jetzt ohrenbetäubend und das kreischende Metall allgegenwärtig. Er bat um Vergebung für seine Sünden.
Mehrere Knochen waren gebrochen und der Druck auf seine Lunge nahm immer mehr zu, da platzte ihm endlich der Schädel.

Wörter: 158

SGZ 36 EINGESCHRÄNKT

SGZ 36 EINGESCHRÄNKT

Mit so einer Katze auf der linken Hand ist man schon etwas eingeschränkt beim Tippen. Nicht nur das, sie tippt ja fleißig mit und ruft gelegentlich die Hilfe auf, interessiert sich dann aber keineswegs für die Anzeige. Ein absolutes Luxusproblem, bin ich doch froh über ihr Interesse an meiner Gesellschaft. Ich lasse mich dann auch gerne ablenken und verteile ein paar Streicheleinheiten. Sie diktiert mir dafür dann unsere nächste Geschichte. So wäscht eine Hand die andere – ganz ohne Wasser und Seife.
Im Augenblick schläft sie; ich will sie nicht wecken. Vermutlich plottet sie bereits unseren nächsten Bestseller. Ich verstehe immer nicht, wie sie das macht. Wenn sie aufwacht, sind die Ideen einfach da. Noch bevor ich die verschiedenen Handlungsstränge entwirren kann, sind wir auch schon fertig mit dem ersten Entwurf. Da wir an Erfolge wie »Die Bremer Stadtmusikanten«* und »Woran du erkennst, dass deine Katze deinen Tod plant«² anknüpfen, können wir das auch gleich so an unsere Agentur weiterreichen.

Wörter: 159

*Das ist natürlich von den Brüdern Grimm
² Mattew Inman, übersetzt von Brigitte Döbert

SGZ 35 AUFGABE

SGZ 35 AUFGABE

Geschäftsaufgabe.
Heute war es so weit. Zum letzten Mal sperrte Johannes den Laden ab.
Zwei Jahre war es her, da hatte er hier voller Enthusiasmus geöffnet. Sein Businessplan war bombensicher – mit einem Café für nebst Buchhandlung und kleiner Bühne für Lesungen hatte er drei Standbeine: Leseratten kauften Bücher und ließen sich vielleicht gleich zu einem Kaffee nieder, um die ersten Kapitel zu lesen, trafen sich mit anderen Buchbegeisterten auf einen Plausch und ein Stück Kuchen und Autoren traten gegen kleines Entgelt auf und brachten ihrerseits ihre Fangemeinde mit, die er wiederum verköstigte.
Ja klar, erst hatte er es versucht mit Gebäck zum Mitnehmen, hatte für seine Angestellte Kurzarbeit angemeldet. Die Miete lief die ganze Zeit weiter und zehrte an seinen Rücklagen. Stammkunden bestellten Bücher für die nächsten zwei Jahre im Voraus, so schien es ihm. Aber es reichte einfach nicht. Es fehlten die Einnahmen aus den Veranstaltungen. Als dann der zweite Lockdown kam und nach einem Jahr Corona absehbar wurde, dass es eher schlimmer als besser werden würde, hatte er aufgegeben und musste Becky schweren Herzens entlassen.
Als Johannes jetzt den Schlüssel im Schloss drehte, schnitt es ihn ins Herz. Er war sich so sicher gewesen, dass sein Geschäft ein Erfolg werden würde. Und stattdessen musste er jetzt Privatinsolvenz anmelden.
»Ich habe es dir ja gleich gesagt«, würde Paul sagen.
Der war als Apotheker auf der Gewinnerseite. Dass sich die Dinge so entwickeln würden, hätte verflucht noch mal niemand sagen können. Auch Paul nicht.

Wörter: 244

SGZ 34 SCHÜTZE

SGZ 34 SCHÜTZE

Daneben
Von hier oben hatte ich einen guten Blick auf den Marktplatz unten und niemand konnte mein Gewehr sehen. Mein Auftrag war klar: Töte die Kanzlerin. Ich hatte nie vor, dies zu tun, wollte aber auch meine Auftraggeber nicht unnötig erzürnen und einen Kopf kürzer werden. Deshalb lag ich hier und lauerte.
Heute war kein Wochenmarkt, deshalb war der Platz wie leer gefegt. Mein Atem und Herzschlag waren ruhig. Nicht auszudenken, wäre hier alles voller Menschen. So hatte ich gute Sicht. Die Zeit tropfte zäh dahin. Mir blieb nichts, als zu warten. Also wartete ich.
Nach vier Stunden und dreiundzwanzig Minuten endlich marschierte die Kanzlerin mit ihrem Gefolge auf. Vor und hinter ihr Gorillas und unbedeutende Pinguine. Ich nahm ihre Topffrisur ins Visier. Es musste ja echt aussehen. Jetzt kam es drauf an! Ich passte einen Moment ab, in dem sie schon heftig niesen müsste, um die Kugel noch abzukriegen. Es sollte ein Streifschuss werden. Ich hielt die Luft an und drückte ab.
Mein Schuss knallte und ein Idiot von Gorilla schubste sie mitten in die Schusslinie; einer der Pinguine warf sich selbst davor. Fuck! Ich hatte einen AfD-Politiker erschossen!

Wörter: 190