SGZ 38 GEDULD

SGZ 38 GEDULD

Tick. Tack. Tick. Tack. Die Zeit war wie zäher Schleim, der nur träge dahinfloss. Warten sollte ich. Sie werde schon wieder auftauchen.
»Haben Sie nur Geduld, Frau Minnen. Das ist häufig, dass Kinder einfach die Zeit vergessen und nach wenigen Stunden plötzlich wieder auftauchen.« Es klang wie auswendiggelernt.
»Haben Sie Kinder?«
»Nein.« Der Jungspund senkte den Kopf.
»Dann reden Sie nicht so ein dummes Zeug daher. Natürlich habe ich schon überall angerufen, wo sie sein könnte, bevor ich mich an die Polizei gewendet habe. Niemand, der sie kennt, hat sie gesehen. Und Sie stehen nur hier rum und tun gar nichts.« Ich hörte auf, hin- und herzulaufen, und setzte mich, nur um sofort wieder aufzustehen. »Rein gar nichts!«
»Frau Minnen, beruhigen Sie sich.«
»Ist das Ihre Aufgabe, mir zu sagen, dass ich mich beruhigen soll?« Ich brach in ein hysterisches Lachen aus.
»Es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es Ihnen den Umständen entsprechend gut geht. Sollte sich ein Entführer melden, müssen Sie in der Verfassung sein, zu antworten.«
Mein Herz setzte aus. Ich legte die Hand auf meine Brust. »Ein Entführer?! Wer sollte meine Anna entführen? Wir haben doch nichts!«
»Nur für den Fall. Wir gehen erst mal davon aus, dass es ihr gut geht. Vielleicht steckt sie irgendwo in einem Einkaufscenter in der Spielzeugabteilung oder sie ist Eislaufen gegangen, ohne Bescheid zu sagen.«
Ich spürte, wie meine Pumpe wieder regelmäßig schlug. »Aber dann hätte sie doch angerufen oder wenigstens eine WhatsApp oder SMS geschickt.«
Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hat sie kein Netz oder der Akku ist alle.«
»Aber sie hätte doch auf jeden Fall angerufen!«
»Hat ihre Tochter schon mal eine Telefonzelle von innen gesehen und weiß, wie man sie benutzt?«
Darauf wusste ich nichts zu erwidern. Ich ließ mich aufs Sofa fallen und merkte erst jetzt die Erschöpfung der letzten Stunden.
Ich war gerade eingedöst, da klingelte es an der Tür. Die Polizisten besprachen etwas miteinander, dann trippelten Annas Schritte ins Wohnzimmer.
»Mama! Nicht schimpfen. Ich hab mein Handy verloren«, berichtete sie weinerlich, »und dann wollte ich ein neues kaufen, aber ich hatte nicht genug Geld gespart und dann –«
»Ist ganz egal, mein Schatz. Hauptsache, du bist wieder hier.« Ich schloss sie in die Arme und heulte mit ihr um die Wette.

Wörter: 379

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