SGZ 98 ABWECHSLUNG

SGZ 98 ABWECHSLUNG

Alternitäten

  1. Da sich die Machthaber der verschiedenen Staaten nie einigen konnten, wurde beschlossen, dass weltweit abwechselnd jeweils die Männer oder die Frauen das Sagen haben.
    Nächstes Jahr sind wieder für zwanzig Jahre die Frauen an der Macht. Das bedeutet wieder Abrüstung, weniger Umweltzerstörung, höhere Ausgaben für die Bildung. Die Männer haben das mit einkalkuliert und diese »typisch weiblichen« Bereiche in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt.
    Dieses politische System mutet an wie zwei Schritte vor und einen zurück, aber es geht voran, unterm Strich gesehen. Dieses Mal werden zum ersten Mal Autos und Flugzeuge ausnahmslos verboten. Voraussichtlich wird dieses Verbot erst in zwanzig Jahren aufgehoben. Wenn überhaupt. Denn manches finden die Männer von morgen ja dann doch nicht so schlecht, auch wenn es von ihren Müttern entschieden wurde.

Wörter: 128

SGZ 97 EIGENLOB

SGZ 97 EIGENLOB

»Eigenlob zu verschenken! Individuell zugeschnittenes Eigenlob zu verschenken!« Der Mann war sich wohl zu nichts zu schade. Stand hier in der Fußgängerzone wie so ein Ausrufer im Mittelalter und gab so einen Schwachsinn von sich.
»Komm, Chris, das müssen wir uns anhören!« Stefanie war ganz aus dem Häuschen.
»Wenn es denn unbedingt sein muss.« Ich trottete ihr hinterher.
»Ich bin liebenswert!«, sagte der Mann zu meiner Freundin.
»Eigenlob stinkt«, erwiderte ich.
»Ich bin schön«, faselte er.
Stefanie lächelte verlegen. »Ich auch.«
Jetzt sah der Spinner mich an. »Ich bin fleißig!«
»Ja, ja – fleißig bin ich auch. Das ist nichts Besonderes!«
»Ich habe ein gutes Auge fürs Detail!«
»Das habe ich auch …« Was sollte das?
»Kann das sein, dass er immer die Eigenschaft nennt, die sein Gegenüber hat?«, fragte Stefanie.
»Ich habe eine schnelle Auffassungsgabe!«
»Chris, ich habe recht!«
»Ja, das mag sein. Lass uns lieber gehen. Der Typ ist mir unheimlich.«
»Ich glaube, wir loben uns selbst viel zu selten.«

Wörter: 161

SGZ 96 LERNEN

SGZ 96 LERNEN

»Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir. Also seid schön fleißig!«
Ja klar, Alter! Als ob ich binomische Formeln in meinem Leben je brauchen würde. Ich zeichnete noch einen letzten Strich an der Karikatur unseres Mathelehrers, bevor ich das Blatt in der allgemeinen Unruhe unbeachtet an die Reihe hinter mir weitergab. Gelächter und lautes Johlen zeigte an, wo im Klassenraum sich mein Werk gerade befand.
Mit dem nächsten Blatt und frisch gespitztem Stift begann ich bei der Erdkundelehrerin von Neuem. Sie hatte eine leicht gerötete Nase, jetzt im Winter von der Kälte, vielleicht vom vielen Putzen aufgrund einer Erkältung, aber sie war auch als Säufernase interpretierbar. Dazu noch ein paar Flaschen …
Ja, das war vielleicht gemein, aber sie hatte mir auch in meinem ersten Jahr, als ich aus einem anderen Bundesland später dazukam, gleich im ersten Test nach nur einer Stunde Unterricht eine Sechs reingeknallt, obwohl ich überhaupt nichts wissen konnte.
Den Chemielehrer dagegen hatte ich sofort am Wickel, als er eine Zeichnung von mir sah, die detailliert seinen Versuchsaufbau protokollierte. Bei ihm bekam ich stets eine Eins, obwohl ich überhaupt nicht verstand, was er da tat.

Das Lernen wird sich nicht verändern. Wir lernen das am besten, was wir mit Begeisterung tun. Das Vermitteln von Wissen sollte diesen Umstand endlich berücksichtigen.

Wörter: 215

SGZ 95 GESTÄNDNIS

SGZ 95 GESTÄNDNIS

Ich muss euch ein Geständnis machen: Ich mag Geschichten über Vampire!
Schon Rüdiger, der kleine Vampir, mochte ich und Interview mit einem Vampir habe ich geliebt. Die Erben der Nacht habe ich geschaut – obwohl ich sonst einen Bogen um Geschichten für Kinder und Jugendliche mache – und es hat mir gefallen.
Jetzt habe ich mir sogar die twilight-Saga angesehen!
Tatsächlich habe ich mich selbst schon an einer Vampirgeschichte versucht, allerdings nicht aus Sicht einer Blutkonserve – knifflige Sache.

Weiterhin könnte ich noch gestehen, dass ich müde bin und heute keine rechte Lust habe, weil es mir nicht so gut geht. Ich wurde heute geimpft, weil ich in der Prioritätsgruppe 2 bin und fühle mich etwas abgeschlagen.
Am Sonntag sollte Geschichte Nr. 100 dran sein und dann mache ich erst mal drei Kreuze. Es ist wirklich etwas anderes, ob man rein aus Spaß an der Freud schreibt, oder weil man »muss«. Ich bin auch überzeugt, man merkt es den Geschichten an. So weit als Zwischenfazit.

Wörter: 76

SGZ 94 HALT

SGZ 94 HALT

Musik gibt mir Halt.
Das ist so, seit ich denken kann. Ich hörte Musik zum Einschlafen, bis ich mein Bett teilte, und heute noch hat sie eine beruhigende Wirkung auf mich.
Es ist nicht lange her, da habe ich es in der S-Bahn, in der Innenstadt oder im Supermarkt nicht ausgehalten ohne schützende Kopfhörer mit entsprechender Verbindung zu meinem Handy, um mich einzulullen, von den vielen Stimmen und Geräuschen abzulenken.
Heute ist es in den Bahnen ruhig genug, sodass ich mich nicht mehr akustisch isolieren muss. Eine Wohltat. Die Welt ist endlich so, dass ich darin nicht zerbreche.
Doch weiterhin gibt mir die Musik Halt und tröstet beim gemeinsamen Singen via Videokonferenz über Einsamkeit hinweg.
Musik trägt mich durch schwere Zeiten hinweg. Auch durch diese.

Wörter: 125

SGZ 93 PLANUNG

SGZ 93 PLANUNG

»Planung ist alles«, sagte Sascha. »Wir gehen rein wie ganz normale Kunden und erst am Schalter halten wir der Schnalle die Knarre ins Gesicht. Die wird dann sich dann vor Angst ins Höschen machen und brav alles in unsere Tasche packen. Jeder stellt sich in einer Reihe an, so können sie sich nicht gegenseitig helfen.«
Florian und Kevin nickten.
»Und ich?«, fragte Mark.
»Du wartest draußen mit dem Auto. Den Motor machst du erst an, wenn du uns kommen siehst. Sonst ist das zu auffällig.«
»Okay.«

Der Plan ging schon schief, als sie die Bank betraten und einer der Schalter nicht mit einem kleinen Mäuschen, sondern mit einem Schrank von einem Mann besetzt war. Florian machte sich ins Höschen und der Hüne drückte lässig den Knopf.
Draußen diskutierte Mark mit einem Behinderten, der den Parkplatz beanspruchte, den der Depp gewählt hatte. Die Polente war schon im Anmarsch und das Auto war zugeparkt. Also nahmen sie die Beine in die Hand.
Just an diesem Tag fand der Stadtmarathon statt, was Sascha während seiner Recherchen eigentlich als Pluspunkt gesehen hatte, weil die Polizei damit beschäftigt war, Straßen abzuriegeln. Jetzt aber mussten sie laufen und fielen ohne Trikot mit ihrer Tüte in der Hand auf wie bunte Hunde.
Als das Feld durch war, errichteten die Bullen kurzerhand Sperren für die Läufer und hatten die grandiosen Vier somit im Sack.

Wörter: 226