SGZ 9 INSTRUMENT

SGZ 9 INSTRUMENT

Kalt drang der Stahltisch, auf dem ich lag, in mein Bewusstsein. Ein grünes Tuch bedeckte meinen nackten Körper. Es half nichts gegen die Kälte in diesem Raum.
Eine blonde Frau mit roten Lippen schlug das Tuch halb zurück, sodass es gerade noch meine Scham bedeckte.
Warum ist dieses Weib mir nicht letzte Nacht begegnet?
Sie näherte sich mit einem Instrument und machte sich mit behandschuhten Händen an meinem Bauchnabel zu schaffen.
Oh, wie das kitzelte!
Mit der Pinzette beförderte sie den dort geborgenen Fussel in ein klarsichtiges Tütchen.
Frisch geduscht war ich nicht gerade, aber dazu lag ich auch schon zu lange hier.
Es landeten noch allerlei Winzigkeiten in verschiedenen Petrischalen und anderen Behältnissen. Mit langen Wattestäbchen fuhrwerkte sie mir in Mund und Nase herum. Sogar ein Haar riss sie mir aus!
Nachdem sie mich gedreht und gewendet und offenbar auch an meinem Unterkörper nichts Interessantes mehr gefunden hatte, wechselte sie das Instrument. Was kam als Nächstes? War es das, was ich dachte?
Sie griff zu einem Skalpell!
Ich wollte mich noch einmal aufbäumen, wollte fliehen. Doch mein Körper gehorchte mir nicht.
An meiner linken Schulter setzte sie den Schnitt an.
Ich wollte schreien Siehst du denn nicht, dass ich blute?!, doch da war kein frisches Rot, das hervorquoll.
Beherzt zog sie das Skalpell durch mein Fleisch bis zum Brustkorb und wiederholte den Vorgang auf der anderen Seite. Als Nächstes öffnete sie meinen Körper bis zum Schambein.
Es war seltsam, Brustbein und Rippen außerhalb meines Körpers zu sehen.
Doch noch bevor die Pathologin Feierabend machte, war alles wieder halbwegs an Ort und Stelle und mein Körper mit groben Stichen zugenäht, bereit für den Abschied von den Hinterbliebenen.
Ich wurde in eine Schublade gelegt, hier war es noch kälter und dunkel.

Wörter: 290

SGZ 8 ABGESCHNITTEN

SGZ 8 ABGESCHNITTEN

Helden des Alltags
Abgeschnitten von der Welt bin ich hier. Ich sitze zu Hause, beschütze den Rest der Welt vor einer Krankheit, die ich aller Wahrscheinlichkeit nach gerade gar nicht habe, aber unbemerkt haben könnte. Das fällt mir zunehmend schwer.
Nicht, weil ich Probleme damit hätte, viel Zeit zu Hause zu verbringen. Das habe ich aus eigenem Antrieb immer schon getan. Nein, es scheinen die Menschen um mich herum mehr und mehr am Rad zu drehen.

Gestern war ich beim Einwohnermeldeamt, was jetzt Kundenzentrum heißt. Vor dem Eingang war ein Pavillon aufgestellt, Soldaten in Flecktarn hielten dort Wache. Leise rieselte Schnee. Irgendwie taten sie mir leid.
Andere Menschen sprachen dort vor, also dachte ich, das muss ich auch tun. Nach meinem Namen wurde ich gefragt, allerdings musste ich mich nicht ausweisen. Ich wurde nur auf einer Liste durchgestrichen und alle Umstehenden über meinen Namen unterrichtet. Habe ich mein Einverständnis dazu gegeben, dass meine Daten auf diese Weise verwendet werden? Nein. Egal, ich habe ja nichts zu verbergen. DSGVO sucks.
Wo die andere Person sei, da stünden zwei auf der Liste. Ich sagte, ich bin alleine, aber ich melde zwei an. Ich hätte natürlich sagen können, »Zu Hause, arbeiten«, aber ich dachte, das versteht sich irgendwie von selbst.
Man teilte mir mit, ich müsse draußen warten, im Wartezimmer sei kein Platz. Ich konnte jedoch auch von draußen auf einem Bildschirm verfolgen, dass meine Nummer noch nicht aufgerufen wurde. Immerhin war ich eine Viertelstunde zu früh. Weil ich eigentlich immer eine Viertelstunde zu früh bin, um nur ja pünktlich zu sein, hatte ich mich schon aufs Warten eingerichtet. Ich brauche diese Zeit auch, um anzukommen.
So weit kam ich jedoch nicht, da wurde ich wieder von dem Soldaten angesprochen, der vorher gesagt hatte, im Wartezimmer sei kein Platz. Da ein Platz frei sei und ich ja nur eine Person sei, könne ich ja schon rein. Na großartig.
Drin schlug mir die Wärme entgegen. Fieberhaft ging ich noch einmal meine Unterlagen durch, ob ich auch nichts vergessen hatte. Während des Wartens konnte ich meinen Blick nicht vom Bildschirm lösen, an dem die Nummern aufgerufen wurden – obwohl dabei jedes Mal ein Geräusch erklang.
Als ich aufgerufen wurde, ärgerte mich als Erstes, dass mein Gegenüber hinter der Plexiglasscheibe im Gegensatz zu mir keinen Mundschutz trug. Was erlauben … ? Draußen Soldaten, damit ich nur ja keinen anstecke, aber drinnen darf ich mir was holen?
Das Nächste war, dass ich süffisant darauf hingewiesen wurde, die Eheurkunde bräuchte ich aber nicht jedes Mal mitbringen, das sei ja bekannt – obwohl ich zuvor per automatischer Mail dazu aufgefordert worden war. Als hätte ich etwas falsch gemacht.
Verrichteter Dinge zog ich von dannen und grummelte noch eine ganze Weile. Danach trug ich den Besuch im Kundenzentrum in mein Cluster-Tagebuch ein, nur für den Fall der Fälle.

Heute sitze ich wieder zu Hause, abgeschnitten von der Welt. Und fühle mich sicher.

Wörter: 479

SGZ 7 SCHNITTE

SGZ 7 SCHNITTE

Herrenschnitte
»Na, das ist ja mal ne Schnitte!« Er pfiff anerkennend.
»Nun tu mal nicht so, Paul. Das ist ein Stück Kuchen.«
»Herrenschnitte, Franziska. Das ist Torte.«
»Ist es nicht. Dazu ist es viel zu flach.« Sie hieb in ihre Donauwelle.
»Dann eben Kuchen. Auf jeden Fall ne Schnitte.« Paul schob sich den ersten Bissen in den Mund.
»Kuchen«, erwiderte sie mit vollem Mund.
Er verdrehte die Augen.
»Schnitt!«
Mit einem Klirren ließen beide ihre Gabel fallen.
»Also das hat schon Potenzial, aber könnt ihr da noch ein bisschen mehr Pfiff? Ja, also bitte noch mal.«
»Na, das ist ja mal ne Schnitte!« Wieder pfiff Paul.
»Das ist ein Stück Kuchen!« Franziska sprang auf, griff ihre Kuchengabel als Waffe und tat, als wolle sie Paul damit angreifen.
Er blieb bei seinem Text. »Herrenschnitte, Franziska. Das ist Torte.«
»Ist es nicht!« Sie hieb in Richtung seiner Torte, verfehlte sie aber und traf stattdessen Pauls Handrücken, den einen Moment später drei rote Punkte zierten.
»Aua!«
»Schnitt! Doch nicht so theatralisch!« Der Regisseur zog die Brauen zusammen. »Noch mal!«
»Na, das ist ja mal ne Schnitte«, sagte Paul lahm und hielt sich eine Serviette um die Hand.
»Das tut mir leid, Paul, das wollte ich nicht.«
»Schnitt! Kinder, ich bitte euch. Ich will heute auch noch mal nach Hause. Los.«
Paul sagte nichts.
»Was hast du denn da auf dem Teller?«, half Franziska ihm.
»Ne Schnitte.« Er pfiff verhalten. »Und was für eine.«
»Kuchen.«
»Sag ich doch.«
»Guten Appetit.«
»Guten Appetit.«
»Sagt mal, wollt ihr mich eigentlich verarschen? Schnitt!«

Wörter: 256

SGZ 6 ROLLEN

SGZ 6 ROLLEN

60 runde Sofas
Mein Deutschlehrer in der Mittelstufe – viele nannten ihn aufgrund seines Anzugs mit passendem Hut hinter seinem Rücken nur den »Bordeauxroten« – war früher Journalist gewesen und hatte auch andere Berufe ausgeübt. Gerne erzählte er Geschichten aus dem Leben.
Einmal muss er irgendwo tätig gewesen sein, wo Kugellager verkauft wurden. Kugellager sind Dinger, die machen, dass andere Dinge sich drehen können, weil kleine Kugeln in den Kugellagern rollen. Entfernt erinnern sie mit ihrer Ringform ein wenig an Donuts aus Metall, nur dass sie flach sind.
Ein Kunde aus dem Ausland wollte besonders entgegenkommend sein und bestellte auf Deutsch: »60 runde Sofas, bitte.«
Die rollen zwar auch, wenn man sie auf die Seite kippt, um sie zu bewegen, aber das war nicht im Sinne des Bestellers.
Das Thema der Stunde war »Synonyme« gewesen. Ein Sofa kann man als Lager bezeichnen – allerdings ist ein Lager auch ein Raum mit Vorräten. Auch eine Kugel ist zwar rund, aber nicht alles Runde ist auch eine Kugel.
Unsere Sprache ist sehr kontextabhängig und vor allem als Fremdsprache steckt sie voller Tücken. Wenn ich mal etwas übersetzen muss, dann schlage ich auch immer rückwärts nach, ob das Wort auch dann noch das bedeutet, was ich ausdrücken möchte. »Rollen« etwa sind im Englischen nicht »rolls« – das sind Brötchen.
Dann kommt noch dazu, dass man auch in der Verbform rollen kann. Oder man spricht von Schauspielern und deren Rollen. Die rollen auch manchmal, je nach Rolle. Aber doch eher selten.
So ein Möbelhund, mit dem dann 60 runde Sofas geliefert werden könnten, der hat Rollen, die rollen.

Wörter: 260

SGZ 5 ERWACHEN

SGZ 5 ERWACHEN

Überrollt vom Steingolem

An diesem Sommertag fuhr ich die Serpentinenstraße entlang nach Hause, wie jeden Abend. Heute war ein langer Tag gewesen. Der Motor röhrte zum Herzzerreißen, ich gab moderat Gas.
Da erwachte der Fels vor mir zum Leben. Wie ein Steingolem, der sich mir plötzlich in den Weg stellte, stürzten unter lautem Getöse Brocken um Brocken hinab auf die Straße. Bremsen quietschten, Blech knirschte. Es wurde dunkel um mich.

Als ich wieder zu mir kam, war es immer noch dunkel. Mein Kopf schmerzte. Die Hand gegen mein Gesicht gepresst, merkte ich, dass es nass war. Ich roch daran: Blut. Ich tastete um mich herum. Vor mir das Lenkrad. Ich war noch immer im Auto. Die Innenbeleuchtung! Die Tür ließ sich nicht öffnen, also fummelte ich so lange herum, bis ich den Schalter in die richtige Position bugsiert hatte. War da nicht auch ein Spiegel für den Fahrer? Ich klappte die Blende herunter, schob die Verdeckung beiseite und stellte fest, dass ich eine Platzwunde an der Stirn hatte. Keine große Sache. War ich so lange bewusstlos gewesen, dass es schon Nacht war?
Auf dem Beifahrersitz lag ein Felsbrocken! Er hatte das Fenster zerschlagen und sein Nachfolger hatte nicht durch die Öffnung gepasst. Das war vermutlich der Grund, warum ich noch am Leben war. Das Dach über der Rückbank war eingedrückt. Ich war überrollt von einer Steinlawine, eingesperrt wie in einer Konservenbüchse!
Wie durch ein Wunder war mir bis auf die Platzwunde nichts geschehen – noch nicht. Denn das Geröll gab ein Ächzen und Stöhnen von sich. Irgendwann würde die Last zu schwer werden und das Dach über mir nachgeben. Ich griff nach meinem Handy, das in die Freisprecheinrichtung eingesteckt war: Kein Empfang. Weder kam ich aus eigener Kraft hier raus, noch war ich in der Lage, Hilfe zu holen. Ich musste abwarten, bis man mich fand. Nach einer Weile döste ich ein.

Ich erwachte, als ein wildes Hupkonzert zu hören war. Wenig später wurde es durchmischt von Sirenen. Rettung nahte!

Wörter: 329

SGZ 4 HAPPY END

SGZ 4 HAPPY END

Autoren und Protagonisten unter sich
»Warum muss eigentlich jede scheißverdammte Geschichte ein Happy End haben?« Fiete zerknüllte seinen letzten Entwurf.
»Muss sie nicht«, sagte August, der Mälzer. »Wenn du mich am Ende opfern willst, dann tu das eben.« Er deutete eine Verneigung an, wie sie eher zu einem Japaner aus einem Jackie-Chan-Film gepasst hätte.
»Aber du bist doch meine Hauptfigur!« Fiete kritzelte August Japaner? auf seinen Notizblock. »Welche Aussage mache ich denn damit? Den strahlenden Helden kann ich nicht einfach so sterben lassen, das muss auch einen Sinn ergeben.«
»Dann eben Happy End, wie du willst.«
»Will ich nicht!« Fiete raufte sich die Haare. »Der Leser soll das Buch noch lange in Erinnerung behalten.«
»Das geht auch mit Happy End.« Der Mälzer schaute ins Mahlwerk.
»He, da passt was nicht!« Fiete strich Mälzer und ersetzte es durch Müller.
»Augustus, der Müller. Das ist mir auch lieber als Bier zu brauen. Alkohol ist nicht so meins. Daran gehen viele Familien zugrunde.«
Fiete notierte Alkohol!.
Neugierig sah Fietes Protagonist auf die unsortierten Notizen des Autors. »Hast du es mal mit einem Mind Map versucht?«
»Klappe, August!«
»Ich mein ja nur.« Er zuckte mit den Schultern.
»Du fällst gleich ins Mahlwerk!«
»Das ist ein schönes, blutiges Ende. Damit bin ich einverstanden.«
»Ich frag dich aber gar nicht.«
»Und warum falle ich da rein? Einfach so, aus Versehen? Ist es ein Unfall? Oder ein Mordkomplott?«
August verschlug es die Sprache. »So, nun ist Ruhe.«

August, der Müller, war nicht gut angesehen im Dorf. Die Menschen waren auf ihn angewiesen, weil sie Mehl brauchten. Deshalb wahrten sie den Schein und taten freundlich, doch ihnen gefiel nicht, wie er mit Frau und Tochter umging und auch der Sohn musste regelmäßig grundlos Prügel einstecken. Hermann war ein guter Junge von gerade vierzehn Jahren, als es passierte.
Irgendwie musste August ins Mahlwerk gestürzt sein. Alles war rot von Blut und das Mehl nicht zu gebrauchen. Niemand verstand, warum der Alte nicht gebrüllt hatte wie ein Schwein. Der junge Müller musste alles sorgfältig reinigen, bevor er Mehl herstellen konnte.
Neun Monate später gebar Hermanns unverheiratete Schwester ein Kind. Welch eine Schande! Auf die Fragen, wer denn der Vater sei, schwieg sie beharrlich. Das konnte ja nur August gewesen sein.
Das Kind trug an versteckter Stelle dasselbe Muttermal wie seine Großmutter.

Fiete zerknüllte auch diesen Entwurf. SHOW DONT TELL schrieb er auf das nächste Blatt und umkreiste es mehrmals.
Happy End?

Wörter: 402