SGZ 15 VERWANDTSCHAFT

SGZ 15 VERWANDTSCHAFT

Blut ist dicker als Wasser
»Diese bucklige Verwandtschaft kommt mir nicht ins Haus!«, keifte Ella.
»Welches Haus?«
»Du weißt, was ich meine. Das hier ist meine Wohnung!«
»Unsere Wohnung. Und es sind meine Eltern.«
»Und Geschwister und Tanten und Onkel und Cousins und Cousinen – es sind einfach zu viele.«
»Du übertreibst total! Du weißt genau, dass nur mein Bruder und meine Eltern zugesagt haben. Außerdem geht es nur um ein Abendessen. Sie wollen hier ja nicht übernachten.«
»Es ist egal, ob sie übernachten oder nicht, Volker. Ich will sie nicht hier haben und fertig.«
»Ich will aber. Es ist mein Fünfzigster. Ich habe sie eingeladen. Und ich werde meine Einladung nicht zurückziehen.«
»Gut, dann ziehe ich aus!« Ellas Augen funkelten.
»Das wagst du nicht!«
»Ich ziehe so lange zu meiner Schwester, bis sie wieder weg sind.«
»Findest du nicht, dass du übertreibst?«
»Nein, finde ich nicht.« Sie verschränkte die Arme.
»Soll ich dann auch ausziehen, wenn dein Yoga-Kurs hier ist, deine Tarot-Freundinnen und dein Drechsel-Coach?«
»Das ist was anderes. Das sind Freunde, keine Verwandtschaft.«
»Was ist denn daran so anders? Das sind Menschen, die du gerne um dich hast.«
»Ganz genau! Ich habe sie gerne um mich, Volker. Ich lade sie nicht aus Verpflichtung heraus ein.«
»Du glaubst … ich liebe meine Geschwister und meine Eltern. Meine ganze Familie. Sie stehen mir näher als der Kegelklub und andere, mit denen ich meine Freizeit verbringe – von Geburt an.«
»Aber mich mögen sie nicht!«
»Ich glaube eher, du magst sie nicht!«
»Du hast sie lieber als mich!« Tränen rannen Ellas Wangen hinab. »Nie komme ich zwischen euch. Jede Woche telefonierst du mit ihnen, für mich hast du kaum Zeit. Du vertraust ihnen Dinge an … mir gegenüber bist du immer so verschlossen.« Sie schniefte. »Ich bin deine Frau, ich sollte die wichtigste Person in deinem Leben sein. Du bist auch das Wichtigste für mich.«
»Deine Welt dreht sich nur um mich. Ich habe dir schon so oft gesagt, wie ungesund das ist. Ich verstehe nicht, warum du nicht mehr Zeit mit deinen Freunden verbringst, anstatt mir ständig in den Ohren zu liegen. Aber immerhin hast du mittlerweile eigene Freunde, das ist schon ein Fortschritt!«
»Du bist so ein egoistisches Schwein! Ich gehe jetzt zu meiner Schwester! Sofort!« Ella zog den Koffer unter dem Bett hervor, warf ihn darauf und stopfte wahllos Kleidungsstücke hinein.
Volker ging, setzte sich an seinen Schreibtisch und begann eine kurze Mail an seinen Bruder.

Wörter: 406

SGZ 14 GELEGENHEIT

SGZ 14 GELEGENHEIT

Gelegenheit macht …
»Sei so gut, Dimitri, wenn Du joggen gehst, bring mir doch bitte nachher aus dem Supermarkt diese silberne Tasche mit den Pailletten mit, die gefällt mir außerordentlich gut.«
»Für mein Schwesterherz tu ich doch fast alles.«
»Nur fast alles?«
Er knuffte sie in die Seite.
Sie zog ihm das Basecap tiefer in die Stirn.
»Bis gleich, Ioanna.«

Antje Dekker hatte ihren Job noch nicht lange, aber er war simpel. Aufpassen, dass nichts gestohlen wird. Falls doch, den Übeltäter festhalten, bis die Polizei vor Ort war. Es war nicht leicht gewesen, sich als Frau durchzusetzen und umso mehr musste sie acht geben, dass ihr niemand entwischte.
Kurz sah sie aus dem Augenwinkel eine auffällige Bewegung am Ausgang und etwas silbern aufblitzen. War das nicht die Handtasche, die diese Woche im Sortiment war? Warum kaufte ein Mann eine Handtasche?
»Halt! Bleiben Sie stehen!«, rief sie vergeblich und zog damit nur neugierige Blicke auf sich.
Der vermeintliche Täter nahm bereits die Beine in die Hand und so sprintete sie los, ohne sich mit den Kassierern abzustimmen. Er war ganz schön fix und mit dem Jogginganzug war er deutlich bewegungsfreundlicher gekleidet als sie in ihrer Uniform. Bis zur nächsten Querstraße gelang es ihr, den Abstand zu ihm zu verringern.
»Bleiben Sie stehen!«
Sie traute ihren Augen nicht, als ein weiterer Mann im Jogginganzug mit ihr gleichauf zog, der ebenfalls diese Handtasche bei sich trug! Warum hatte der zweite nicht die andere Richtung genommen, sondern sie verfolgt? Das ergab doch keinen Sinn!
Sie musste schneller werden! Das hier war ihr Job und sie musste wenigstens einen von beiden stellen!
Mit all ihrer Willensstärke beschleunigte Antje abermals die Bewegung ihrer bereits brennenden Muskeln und warf sich kurz vor der nächsten Kreuzung auf den Mann, den sie seit dem Laden verfolgt hatte.
Der Mann mit dem Basecap blieb keuchend stehen und stützte die Hände auf die Oberschenkel. »So hatte ich mir meine heutige Joggingrunde nicht vorgestellt, aber ich bin froh, dass Sie nicht mich verfolgt haben.«
»Sie sind ein Zeuge. Wie heißen Sie?«
»Dimitri. Dimitri Farinakis. Und Sie?«
»Antje Dekker.« Sie keuchte ebenfalls. »Und wie ist Ihr Name?«, fragte sie den Mann, auf dem sie kniete.
»Sie können mich mal!«
»Freut mich, Sie kennenzulernen.« Sie entwand ihm die Tasche und pfiff. »Die ist ja voll!« Er hatte nicht den Laden, sondern offenbar eine Kundin beraubt.

»Ioanna, sie hatten noch eine Tasche.«
»Dimitri, du bist ein Schatz.«
»Schau mal rein.«
»So viel Geld! Wo kommt das denn her?«
»Ich habe eine Aufwandsentschädigung bekommen, weil ich dabei geholfen habe, einen Dieb zur Strecke zu bringen. Der hat einer alten Dame die Handtasche mit ihrer gesamten Rente darin gestohlen und sie war sehr großzügig.«
»Die nächste Handtasche kaufst wieder du für mich!« Sie lachte.
»Oh nein, so schnell nicht wieder. Das gibt richtigen Muskelkater morgen. Und da treffe ich mich mit Antje auf ein Eis.«
»Wer ist Antje?«
»Eine Frau, die schneller läuft als ich.« Er ließ sich aufs Sofa fallen.
»Erzähl mir alles!«

Wörter: 497

SGZ 13 RUND

SGZ 13 RUND

Sofort muss ich an die 60 runden Sofas denken! :D

Ein runder Sarg
»Ich will einen runden Sarg!«
»Opa, bitte!«
»Meine Beerdigung muss etwas Besonderes sein. Ich will einen runden Sarg!«
»Bitte entschuldigen Sie, das Alter …«
»Ach, das ist kein Problem. Es gibt durchaus Särge, die an den Ecken abgerundet sind. Die sind geflochten, wie Körbe.«
»Ich will einen runden Sarg! Kreisrund!«
»Opa!«
»Meinen Sie vielleicht eine Urne? Da haben wir hier verschiedene hübsche Modelle …«
»Nein, keine Urne! Einen Sarg! Kreisrund!«
»Wie wäre es denn stattdessen mit einem runden Grabstein? Der Sarg kommt doch sowieso unter die Erde.«
»Ich will einen runden Sarg!«
»Ich meine ja nur …«
»Tja, der Opa …«
»Also es tut mir leid, Herr …?«
»Miesbach. Anton Miesbach.«
»Und das ist Herr Miesbach Senior, nehme ich an?«
»Ja, ganz recht.«
»Herr Miesbach, es tut mir leid, kreisrunde Särge haben wir nun wirklich nicht. Da müssen Sie sich wohl noch ein wenig gedulden.«
»Ich bin 102 Jahre alt. 102!«
»Oh, ich gratuliere.«
»Und was ist das hier? Das ist doch kreisrund!«
»Das ist ein Blumengesteck. Interessieren Sie sich für Trauerkränze, Herr Miesbach?«
»Ja, kreisrund!«
»Die sind fast immer ringförmig, also kreisrund, wenn Sie so wollen. Soll ich Ihnen eins einpacken, ja? Welches hätten Sie denn gerne?«
»Kreisrund!«
»Herr Miesbach, nun sagen Sie doch auch mal was.«
»Opa, ich glaube, das dort wäre ganz nett für den Karl-Heinz. Mit der blauen Schleife. Ein ehemaliger Schulfreund meines Großvaters ist gestorben, müssen Sie wissen. Schreiben Sie einfach: ›Dein Freund Hans‹, dann weiß die Familie Bescheid.«
»Möchten Sie auch unseren Särge-Katalog mitnehmen?«
»Nein, danke. Opa will seebestattet werden.«
»Also doch kein Sarg?«
»Bei jeder Beerdigung kaufen wir den Kranz woanders und ich lasse ihm die Freude.«

Wörter: 277

SGZ 12 DRUCK

SGZ 12 DRUCK

Luxusprobleme
»Wissen Sie eigentlich, unter was für einem finanziellen Druck wir stehen?« Der beleibte Mann faltete die Hände wie zum Gebet.
»Luxusprobleme, lieber Herr Hirsch, Luxusprobleme. Wenn der Neubau erst fertig ist, bekommen wir das um ein Vielfaches wieder herein. Und jetzt tun sie das, wofür Sie bezahlt werden, anstatt hier herumzuwinseln. Sie machen sich ja lächerlich!«

Arno Hirsch ließ sich in seinem Büro in den Sessel plumpsen.
Seine Sekretärin brachte ihm wortlos einen Kaffee.
»Ach, danke, meine Liebe.« Er schnaufte beim Gedanken an die vergangene Besprechung. Niemand interessierte sich dafür, dass er bald schon nicht mehr wusste, woher er das Geld für die Gehälter nehmen sollte. Aber Hauptsache es wurden Millionen für die Werbung ausgegeben und ansonsten alles für den Neubau verpulvert, dessen Haushalt sich jetzt schon zum dritten Mal verdoppelt hatte. Nur das Personal ging mal wieder leer aus, abgesehen vom oberen Management.
Arno stützte den Kopf in beide Hände und atmete tief ein und aus.
Da klopfte es an der Zwischentür.
»Herr Hirsch, hier ist eine Bewerberin.«
»Sagen Sie ihr, wir haben keine Stellen und auch kein Budget.« Jetzt war es ja auch egal. Brauchte die Welt gar nicht glauben, die Firma sei solvent.
»Sie hat ein Schreiben von der Geschäftsführung dabei mit einer Zusage.«
»Das ist doch wohl die Höhe!« Jetzt nahm man ihm sogar schon die Zügel aus der Hand. Vielleicht war es an der Zeit, dass er kündigte. Aber neugierig war er dann doch. »Schicken Sie sie rein.«
Rote Locken, schlank, offenbar sportlich. Vermutlich nur eine Praktikantin, so jung wie sie war. »Danielle Halm. Sie sind Herr Hirsch?«
»Ja, Frau Halm. Der bin ich. Dann zeigen Sie mal ihre Unterlagen.«
Master-Abschluss in Personalmanagement, sieben Sprachen, in der Freizeit Fußballtrainerin. Er konnte nicht anders, als anerkennend zu pfeifend. »Dann sind Sie wohl meine Nachfolge, Frau Halm?«
»Doppelspitze, Herr Hirsch. Wir ergänzen uns. Ich bringe frischen Wind rein und Sie kennen die Ecken, die Leute hier.«
»Und woher … ? Ich meine, unser Budget ist voll ausgereizt.«
»Unser Vorgesetzter verzichtet bis zur Fertigstellung des Neubaus auf ein Teil seines Gehalts.« Sie grinste.
»Was, wieso?«
»Seine Frau ist ihm weggelaufen, da möchte er vorübergehend nicht so viel verdienen.«

Wörter: 361

SGZ 11 UMZUG

SGZ 11 UMZUG

Sie musste hier weg. So lange schon. All das hier wollte sie hinter sich lassen, wusste nur bislang nicht, wohin. Doch jetzt mit dieser Stelle als Grafikerin in München sah sie endlich Licht am Ende des Tunnels. Schluss mit den Drogen, weg aus der Szene. Den Entzug hatte sie bereits hinter sich. Sie wollte ein neues Leben, sie wollte es so sehr.
»He, Vorsicht mit der Staffelei!«
Es war seltsam, einfach alles dick in Folie eingewickelt zu sehen. Was nicht in Kartons passte, war eingewickelt worden. Sogar die Kommode aus dem Flur, mitsamt ihrem Inhalt. Genau so würde sie in der neuen Wohnung wieder im Flur stehen, nur ohne die Folie dann.
Niemand kannte sie da unten, sie war ein unbeschriebenes Blatt. Hier oben war sie Steffi, die Schlampe, die für einen Schuss die Beine breitmachte. Dort unten würde sie die kreative Steffi sein, die als Quereinsteigerin ihr Geld mit ihrem Hobby verdiente. Wenn sie nur auf Leinwand malen würde, hätte das freilich nicht so einfach geklappt. Aber sie war mit der gängigen Software vertraut und so hatte sie sich bei einer Spieleschmiede durchsetzen können. Endlich! Sie brannte darauf, ihre ersten Entwürfe vorlegen zu dürfen.
Mit angehaltenem Atem verfolgte sie, wie ihre Computermonitore in den Lkw geladen wurden. Wenn die beschädigt würden, müsste sie lange sparen. Davon abgesehen hing sie nur noch an einigen Daten auf der Festplatte, der Rest war belanglos geworden und jederzeit austauschbar.
Sie warf einen letzten Blick auf ihren Ficus in einem offenen Karton in der obersten Reihe, dann schlossen sich die Türen.
Tschüss, Hamburg! Du warst mir keine Perle.

Wörter: 264

SGZ 10 AUGENBLICK

SGZ 10 AUGENBLICK

»Es kommt nur auf diesen Augenblick an, in dem du entscheidest. Drückst du ab oder nicht. Gehst du weiter oder bleibst du stehen. Stehst du auf oder bleibst du liegen. Immer nur dieser eine gottverdammte Augenblick.«
»Lass mich, Jenny.«
Sie schob ihr Basecap zurecht. »Dan, das ist jetzt der Moment, zu kämpfen.«
»Nein, ich will nicht.« Er verschränkte die Arme.
»Doch, du schaffst es!«
»Kapierst du nicht? Ich hab keinen Bock!« Demonstrativ legte er sich längs aufs Sofa und die Füße hoch.
»Deshalb bin ich ja da. Beweg dich!«
»Du kannst mich mal!«, bellte er.
»Also gut, Dan, dann trinkst du eben kein Bier. Ich werde es dir nämlich nicht holen.«
»Verpiss dich, Jenny!«
»Verpiss dich selber. Das ist immer noch mein Haus.«

Wörter: 123