SGZ 51 KREIS

SGZ 51 KREIS

Das Ritual
Vor mir sah ich die Linie des großen Kreises, um den herum wir alle standen.
»Du bist jetzt alt genug, Trutna, um am Ritual teilzunehmen.« Die Älteste zog mit ihrem Stock einen Kreis um mich, so wie um jede der Novizinnen vor mir und um jede nach mir.
Die Alte reckte einladend die Arme. »Tretet ein!«
Vorsichtig setzte ich meinen Fuß über diese Schwelle, die mein Leben für immer verändern sollte. Jetzt wurde ich eine von ihnen!
Die anderen Frauen und ich hielten uns an den Händen, tanzten im matten Mondlicht unsere Choreografie. Schließlich drehten wir uns um unsere eigene Achse. Jetzt kam der Moment, in dem ich mit zitternden Fingern die Schnur meines Gewandes löste und meine Hüllen fallen ließ. Kalt streifte die Nachtluft über meine nackte Haut.
Auf Geheiß der Ältesten traten wir wieder zurück in die Kreise, in denen wir vor dem Tanz lagen.
»Schließ die Augen, Trutna«, hörte ich eine angenehme Männerstimme hinter mir. Ich spürte ein Tuch vor den Lidern und wie an meinem Hinterkopf ein Knoten festgezurrt wurde.
Er nahm mich bei der Hand und zog mich mit sich.
Mich überkam eine Woge der Erregung. Was umfasste das Ritual noch? Hatte es mit ihm zu tun?
»Wirst du mir gehorchen?«, fragte er mit fester Stimme.
Und ob ich das wollte! »Ja«, hauchte ich.
»Dann bedecke dich. Diese Seite ist im Internet frei zugänglich.«

Wörter: 231

SGZ 50 GEWISSENSBISSE

SGZ 50 GEWISSENSBISSE

Die Unglücks-Diät
Da hatte Ella sich vielleicht etwas aufgehalst. Zehn Kilo abspecken bis zum nächsten Klassentreffen. Eine Schnapsidee im wahrsten Sinne des Wortes. Ein eigentlich realistisches Ziel und zwei Kilo hatte sie auch schon geschafft, nur dass schon zehn Monate rum waren. Zwei Monate also noch und noch acht Kilo zu viel auf den Rippen.
Warum musste sie auch immer den Mund so weit aufreißen? Wem wollte sie damit etwas beweisen? Jörg liebte sie so, wie sie war. In den letzten Monaten hatte sie sich in ein zuckergieriges Monster verwandelt, dass für ein Stück Schokolade hätte töten können. Und das für diesen lächerlichen Erfolg. Dieser ständige Verzicht machte sie noch wahnsinnig.
Kohlenhydrate waren tabu. Zu viel Fett war tabu. Junkfood war tabu. Bei fast jedem Bissen hatte sie ein schlechtes Gewissen.
Wie sollte sie nur in zwei Monaten acht Kilo loswerden? Vier Kilo pro Monat!
Das Schlimmste war, dass Jörg dieselbe Diät mitmachte und schon zwölf Kilo abgenommen hatte. Er strahlte aus jeder Pore und strotzte nur so vor Tatendrang. Er ging sogar wieder ins Fitnessstudio.
Jörg umschlang sie von hinten mit seinen Armen. »Einen Penny für deine Gedanken, Ella.«
»So billig kommst du mir nicht davon!« Sie machte sich los und verschränkte die Arme.
»Was habe ich dir denn getan, Chérie?« Aus seinen kastanienbraunen Augen sah er sie an.
Sie hasste sich zwar selbst am meisten, aber er war im Augenblick der einzige, an dem sie es rauslassen konnte, seit sie sich nicht mehr mit Süßigkeiten ruhigstellte. »Du bist mir einfach zu dünn geworden, Mann!«
»Aber du wolltest doch …«
»Ja, wollte ich.« Sie schluckte. »Ich wollte nicht alleine leiden.« Sie rührte einen dieser widerlichen Eiweißshakes an, von denen sie nur Dünnpfiff und miese Laune bekam. »Es ist für mich schwer zu ertragen, dass du ständig nur gute Laune hast, und mir geht es so beschissen.«
Er schüttelte langsam den Kopf. »Aber Ella, freust du dich denn gar nicht für mich?«
Natürlich sollte sie sich für ihn freuen, aber sie konnte einfach nicht. Sie hatte an gar nichts mehr Freude. Erst recht nicht an der verdammten Bewegung!
»Natürlich freue ich mich«, log sie. Mit Tränen in den Augen stapfte sie auf dem Trampolin herum.
»Ach, Chérie, komm mal her.« Jörg breitete die Arme aus.
Sie reagierte nicht, walkte verbissen weiter.
»Komm sofort da runter, Ella! Ich meine es ernst. Sieh dich doch mal an!«
Sie begann zu hüpfen.
»Jetzt reicht es mir!« Er hob sie vom Trampolin und stellte sie auf dem Fußboden ab, hielt sie fest in seinen Armen. »Hör zu, Ella. Wir müssen die Diät abbrechen. Das geht so nicht.«
»Und wenn es die nächsten acht Wochen nur noch Kohlsuppe gibt? Dann schaffe ich es bestimmt!«
»Du machst dir viel zu viel Druck.«
»Aber was sollen denn die Mädels denken? Die halten mich doch für eine Versagerin!«
»Nein, das tun sie bestimmt nicht. Die einzige, die das denkt, bist du.«

Wörter: 483

So, Halbzeit! Damit habe ich die 15.000 Wörter gesamt geknackt.

SGZ 49 VERTRAUEN

SGZ 49 VERTRAUEN

Nicht weitererzählen
Ich half einem Kumpel, seine Bude zu renovieren. Der Staub in der Luft war zu schmecken. Er stand auf der Leiter und gab die Kommandos, während ich ihm anreichte, was er verlangte. Dabei quasselte er in einer Tour.
»Haste schon gehört, dass die Daniela schwanger ist?«
»Nein.« Das interessierte mich auch nicht. Schließlich ging es mich nichts an.
»Darfste aber nicht weitererzählen, das hat sie mir ganz im Vertrauen gesagt.«
»Ach.« Mich packte eine eisige Wut und das ist bei Phlegmatikern wie mir selten. So hatte es also die Runde gemacht, dass mit Jule Schluss war. »Dir erzähl ich aber auch nix mehr.«
»Wieso? Gib mal den anderen Spachtel.«
Ich reichte ihm das gewünschte Werkzeug an. »Na jedenfalls nix ›im Vertrauen‹.«
»Ach nu spinn nich rum. Das mit deiner Alten hätte doch sowieso jeder spitzgekriegt.«
»Ich hätte es halt gerne selbst gesagt zu einem Zeitpunkt, den ich selbst bestimme.«
»Mimimimi!« Er hielt eine Faust ans Auge, als wische er Tränen weg.
»Du kannst mich mal.« Ich verließ den Raum und setzte mich in der Küche auf einen Stuhl. Eine Pause war ohnehin angebracht.
»Nimmst du mal die Schüssel?«, rief er von drüben.
»Leck mich!« Ich blieb sitzen.

Wörter: 199

SGZ 48 PFLASTER

SGZ 48 PFLASTER

Pflaster habe ich noch nie gemocht. Die waren immer damit verbunden, irgendetwas nicht tun zu dürfen. Nicht mehr toben, nicht brüllen, nicht weinen. Ein Indianer kennt keinen Schmerz.
Heute reagiert meine Haut auf den Kleber und wird knallrot. So kann ich auch beim Arzt guten Gewissens sagen: »Bitte kein Pflaster.« Ich bin keine Memme.
Warum versucht man, mit einem Pflaster zu erzwingen, dass »jetzt alles wieder gut« ist? Da fällt doch kein Kind drauf rein. Es lernt nur, dass es seinen Schmerz nicht zeigen darf.

Ich war noch klein, da habe ich mir im Freibad das Knie aufgeschlagen. Natürlich bin ich damit ins Wasser gegangen. Nicht nur einmal, sondern an mehreren Tagen nacheinander. Soweit ich das richtig verstanden und in Erinnerung habe, müssen dadurch Keime eingedrungen sein und es hat sich entzündet. Durch die ständige Feuchtigkeit hatte es auch keine Chance, zu heilen. Es wurde richtig dick und der gelbe Eiter verkrustete. Ich fand das faszinierend, was sich da an meinem Körper tat, auch wenn ich schon ein wenig humpelte.
Doch eines Tages ließ mich der Bademeister nicht mehr ins Wasser und rief stattdessen einen Krankenwagen. Als man meinen Namen und meine Adresse und Telefonnummer wissen wollte, wusste ich, dass das Ärger geben würde.
Es gab aber kein Pflaster, sondern einen richtigen Verband, auf den ich sehr stolz war.

Heute weiß ich natürlich, dass das ziemlich dämlich war, nicht gleich Bescheid zu sagen, und mal ein paar Tage aufs Schwimmen zu verzichten. Das hätte böse ausgehen können. Dabei hätten es ein paar Tage an der frischen Luft getan.
Trotzdem kann ich Pflaster nicht ausstehen. Vor allem, wenn sie jemand mit einem Ruck abreißt. Ich mache das lieber langsam und vorsichtig.

Kopfsteinpflaster mag ich im Übrigen auch nicht. Da holpert es immer so und schüttelt alles durch, wenn man drüberfährt. Und beim Gehen verliere ich fast das Gleichgewicht, weil die Steine so uneben sind.
Jetzt, da die Zeit fast rum ist, fällt mir natürlich ein, dass man mit einem Pflasterstein jemandem den Kopf einschlagen kann …

Wörter: 335

SGZ 47 ZIEL

SGZ 47 ZIEL

Fortsetzung von gestern

»Hilfe!«, rief Miss Sandra verzweifelt.
Durch ein Astloch in der Wand des Bootshauses konnte Rodrigo sie sehen. Es waren nur zwei Männer. Einer saß im Boot an den Rudern, der andere schickte sich an, die Frau hineinzuzerren. Rodrigo brauchte nicht lange nachdenken, was zu tun war. Er schlich zum Wasser und glitt hinein.
»Das Boot«, rief wenig später der Ruderer, »wir sinken!«
Während die beiden Männer mit dem Boot beschäftigt waren, umschlang er von hinten Miss Sandras Mitte und hielt ihr dabei den Mund zu.
Sofort teilte sie mit den Ellbogen aus. Natürlich musste sie in ihm einen weiteren Angreifer vermuten. Erst als er sie umdrehte und sie ihn erkannte, befolgte sie sein Gebot, zu schweigen. Er ließ sie los und zeigte auf den See. Auf seine Schwimmbewegungen hin schüttelte sie den Kopf. Sie konnte nicht schwimmen. Also blieb Rodrigo nichts anderes übrig, als die beiden Attentäter sich selbst zu überlassen und seinen Schützling in den Schleppgriff zu nehmen.
Bis sie außer Sichtweite waren, waren sie ein leichtes Ziel.
Doch sie erreichten das wenige Meter weiter im Uferdickicht verborgene Boot unbehelligt.
»Miss Sandra, können Sie rudern?«
»Was ist, wenn ich ins Wasser falle? Lassen Sie mich nicht noch mal allein!« Sie wrang sich ihren Rocksaum aus.
»Okay, schon gut. Ich bleibe bei Ihnen.« Er half ihr beim Einsteigen. »Ich werde das Ruder selbst übernehmen. Ruhen Sie sich aus.«
Am anderen Ende der Bucht warteten vertrauenswürdige Leute. Das hoffte er jedenfalls.

Wörter: 240

Heute nur 45 Minuten.

SGZ 46 SCHEIN

SGZ 46 SCHEIN

Tagsüber war die Hitze unerträglich gewesen. Jetzt war es angenehm auf der Veranda. Während sie saß, hielt der Spanier sich im Hintergrund stehend bereit und beobachtete das Gelände.
»Sehen Sie nur, Miss Sandra.« Er wies in Richtung der Bucht. Ein Farbenspiel von tiefrot über orange bis golden zog sich über den teilweise noch blauen Abendhimmel, vor dem sich die Silhouette der Dame mit Hut abhob.
»Oh, was für ein fabelhafter Sonnenuntergang! Was würde ich nur ohne Sie tun, Tonto.«
Dazu schwieg der Butler, den sie gerade einen Armleuchter genannt hatte. Ganz so gering war sein Stand nun doch wieder nicht. Doch er war dies mittlerweile von ihr gewohnt. Sie schien nicht zu wissen, dass es sich nicht um einen Kosenamen oder eine angemessene Berufsbezeichnung handelte, und er hatte bisher nicht den Mut gefunden, sie darauf hinzuweisen, dass sein Name Rodrigo lautete und er gerne so angesprochen werden wollte.
»Möchten Sie noch einen Tee, Miss Sandra?«
Sie wand den Blick von der Bucht ab und schenkte ihm ein Lächeln. »Aber gern, Tonto.«
Er nickte, trug stumm das Tablett mit der benutzten Tasse fort. Beim Betreten des Hauses schlug ihm die angestaute Hitze entgegen. Hoffentlich geschah ihr nichts, während er fort war. So engstirnig wie sie war keine seiner früheren Dienstherrinen. Von diesem Urlaub hatte er so dringlich wie noch nie jemandem abgeraten, doch schließlich hatte er nachgeben müssen. Um keinen Verdacht zu erregen, musste er daher die Rolle ihres Butlers annehmen. Nur so war zu erklären, dass er ihr auf Schritt und Tritt folgte.
Die Minuten, bis das Wasser kochte, waren kaum auszuhalten. So schnell es ging, begab er sich mit dem frisch aufgebrühten Tee nach draußen. Von Miss Sandra keine Spur.
Er stellte das Teetablett sorgfältig auf dem Tisch ab, schloss einen Moment die Augen, sandte ein Stoßgebet zum Himmel und verwandelte sich vom Butler in den Soldaten, als der er angeheuert worden war, um Miss Sandra mit seinem Leben zu verteidigen.
Wenn jemand sie entführen wollte, dann konnte sein Weg von hier aus nur übers Wasser führen. Also rannte Rodrigo zum Bootshaus.
»Hilfe!«, hörte er Miss Sandra rufen, »Hilfe! Hier bin ich!«
Um seine Stellung nicht zu verraten, antworte er nicht.

Wörter: 363

Leider war die Zeit zu Ende. Mal sehen, vielleicht schreibe ich morgen eine Fortsetzung.