Internationaler Tag der Menschen mit Behinderungen

Internationaler Tag der Menschen mit Behinderungen

Der 3. Dezember ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen.
Was liegt da näher, als euch da noch einmal unsere Worte gegen Ableismus ans Herz zu legen?

Ich, Mensch. Worte gegen Ableismus

Die Hürden im Alltag einer Rollstuhlfahrerin, der tägliche Kampf blinder Menschen oder das Unverständnis, das geistig Beeinträchtigten entgegenschlägt: 16 Menschen haben sich in Form von Gedicht, Kurzgeschichte, Essay und Bericht geäußert und teilen ihre ganz persönliche Sicht auf die Welt mit den Leser:innen. Geschildert werden Beispiele, wie Ableismus im Alltag aussehen und sich auf die Betroffenen auswirken kann – im Kontrast zu leuchtenden Vorbildern.

Erhältlich bei Amazon, Thalia, Weltbild und Hugendubel.
»Ich, Mensch: Worte gegen Ableismus« ist erschienen im Frei!Geist Autorenverlag.
Druckbuch 92 Seiten, ISBN 978-3-756521-23-4, 9,- EUR.
Website des Verlags: https://www.autorenkollektiv-freigeist.de/

Rezension: Ich, Mensch: Worte gegen Ableismus (Frei!Geist Autorenverlag)

Rezension: Ich, Mensch: Worte gegen Ableismus (Frei!Geist Autorenverlag)

Ich, Mensch: Worte gegen Ableismus, Frei!Geist Autorenverlag
92 Seiten
Druckbuch 9,- EUR, nicht als ebook erhältlich.
ISBN 978-3-756-521-23-4
Erschienen am 10.08.2022 und erhältlich bei epubli, Amazon, Thalia, und Hugendubel.

Ich hatte euch ja schon neulich mal das Cover gezeigt.
Mein erster Text, der in einem Verlagsbuch erscheint! Ich bin stolz auf mich, aber ebenso auf die anderen. Und ich habe sogar eine Kollegin vom BVjA-Stammtisch, Elke Jan, „wiedergetroffen“ die einen tollen Krimi beigesteuert hat. Sie ist unter anderem auch Sensitivityreaderin.
Heute will ich euch aber das Buch näher vorstellen.

Klappentext:
16 Autorinnen und Autoren, 17 Texte zum Thema Behinderung und Ableismus in Deutschland, aus ganz persönlicher Perspektive. Gedicht und Kurzgeschichte, Essay und Bericht: In so vielfältigen wie originellen Formen kommen hier diejenigen zu Wort, die in der öffentlichen Debatte immer noch viel zu oft ausgeschlossen bleiben. Die Hürden im Alltag einer Rollstuhlfahrerin, der tägliche Kampf blinder Menschen oder das Unverständnis, das geistig Beeinträchtigten entgegen schlägt: Die Beitragenden in diesem Sammelband, der aus einem Schreibaufruf des Autorenkollektivs Frei!Geist hervorging, bieten bunte, kluge, anspruchsvolle Kommentare aus ganz verschiedenen Blickwinkeln zu einem Thema, das leider immer noch brandaktuell ist.

Gesamteindruck

Ich war etwas überrascht, wie dünn sich das Buch anfühlt. Aber 92 Seiten sind eben nicht viel im Vergleich zu den für einen Roman typischen Umfang von 300 Seiten oder mehr. Das tut der Qualität der Texte, die mich allesamt sehr berührt haben, jedoch keinen Abbruch.

Zu den einzelnen Texten

Ingo S. Anders – Störungen im Betriebsablauf oder Unplanmäßige Verkehrsbehinderungen
Meine eigene Geschichte trägt einen etwas sperrigen Titel. Natürlich rezensiere ich mich nicht selbst, aber ich zeige euch die erste Seite als Leseprobe. Einfach nicht weiterlesen, wenn ihr bzgl. der Inhalte der anderen Geschichten nicht gespoilert werden wollt.

Eine aufgeschlagene Buchseite. Schwarze Schrift auf weißem Grund: Ingo S. Anders Störungen im Betriebsablauf oder Unplanmäßige Verkehrsbehinderungen Mein Telefon klingelte. Das war insofern ungewöhnlich, als dass es das nur selten tut, weil ich nicht gern telefoniere und meine Freunde das wissen. Es klingelte also unangemeldet, und ich hatte das Glück, die Wischbewegung richtig auszuführen, sodass das Gespräch mit Ina zustande kam. "Ingo, stell dir vor!" Sie war ganz aufgeregt. "Der Verlag hat angerufen. Ich soll in einer Talkshow im Fernsehen auftreten! In Osnabrück." Ich gratulierte und ließ sie erzählen, bis sie zum Grund ihres anrufs bei mir kam. Sie brauchte eine Reisebegleitung. Ausgerechnet mich, der jeden Winter in heillose Orientierungslosigkeit verfiel, wenn alle Jahre wieder urplötzlich der Umstieg am Jungefernstieg erschwert wurde, weil zwischen S-Bahnhaltestelle und Bushaltestelle ein Weihnachtsmarkt den Weg versperrte. "Mit dem Zug? Und was soll ich da machen?", fragte ich verständnislos. In meiner Welt bedeutete eine Zugfahrt eben nur Kopfhörer auf und irgendwie die Reizüberflutung durch die vielen Fahrgäste aushalten, was stressig genug für mich war. So stressig, dass ich üblicherweise entweder mit der Ersten Klasse fuhr oder zwei Übernachtungen zusätzlich buchte, wenn ich verreiste. Mich hatte Ina nur deshalb gefragt, weil die ursprünglich angedachte Begleitung ihr kurzfristig abgesagt hatte.
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Rezension: Einmal kurz die Welt retten (Jennifer B. Wind [Hrsg.])

Rezension: Einmal kurz die Welt retten (Jennifer B. Wind [Hrsg.])

Einmal kurz die Welt retten von Jennifer B. Wind (Hrsg.) hatte ich bereits mit meinem Ersteindruck vorgestellt und hier kommt die versprochene Rezension.

Einmal kurz die Welt retten, Jennifer B. Wind (Hrsg.)

Ich habe ein Printexemplar vom Gmeiner-Verlag erhalten, gerade einen Tag vor der Veröffentlichung am 9. März, für das ich mich bedanke. Eine Erkältung hat dazu beigetragen, dass ich für die Lektüre länger gebraucht habe als gedacht.

Die meisten der Autor:innen rannten bei mir offene Türen ein, da ich noch die Hoffnung habe, dass wir etwas tun könnten, wenn wir es nur wollten. Bis auf eine Ausnahme fühlte ich mich gut unterhalten und habe die Geschichten sehr gerne gelesen.

Weiße Schrift auf schwarzem Grund: EINE MINUTE VOR ZWÖLF Die Welt steht vor dem Kollaps. Den führenden Wissenschaftlern zufolge werden im Jahr 2052 wichtige Ressourcen aufgebraucht und große Teile der Welt aufgrund des Klimawandels unbewohnbar sein. Milliarden Menschen drohen Obdachlosigkeit, Hunger und Armut. 24 dramatische, sarkastische, skurrile und tiefsinnige Kurzgeschichten deutschsprachiger Topautorinnen und -autoren widmen sich den drängendsten Themen unserer Zeit und regen zum Nachdenken an. Sie sind ein Appell an uns alle: Der Kampf um das Morgen muss heute beginnen!

24 Texte die unterhalten, zum Nachdenken anregen und aufzeigen, wie eine Wende zum Guten (noch) möglich sein kann!

Mit Geschichten von Dieter Aurass, Raoul Biltgen, Veronika A. Grager, Anne Grießer, Petra K. Gungl, Reinhard Kleindl, Regine Kölpin, Beatrix Klamlovsky, Uwe Laub, Mari März, Günter Neuwirth, Regina Schleheck, Claudia Schmid, Ursula Schmid-Spreer, Ingrid Schmitz, Alex Thomas, Heidi Troi, Eva Maria Nielsen, Fenna Williams, Barbara Wimmer, Janet Zentel, und Jennifer B. Wind
Einmal kurz die Welt retten, Jennifer B. Wind (Hrsg), Buchrückseite

Die Anthologie umfasst 24 Geschichten, die in 12 Kapitel gegliedert sind, dazu ein Vor- und ein Nachwort der Herausgeberin sowie eine Danksagung und am Schluss die Vitae der einzelnen Autor:innen.

Alle Geschichten spielen in der Zukunft, die meisten im Jahr 2052 in einer utopischen oder dystopischen Welt, in der sich das Leben auf der Erde auf drastische Weise verändert hat.

Bevor es mit den Geschichten losgeht, überrascht „Einmal kurz die Welt retten“ mit einem Songtext. An dieser Stelle habe ich mich gefragt, ob man den Song im ebook vielleicht hören kann?

Zu jeder Geschichte gibt es nicht nur ein kurzes Vorwort, sondern auch jeweils Hintergrundfakten zur Geschichte, teilweise mit Fußnoten, die u.a. Weblinks zum nachlesen enthalten.
Ein weiteres Detail sind liebevoll gestaltete Illustrationen und Szenentrenner.

Cybergangster und sprechende Toaster

Beim Kapitel „Gefährliche Cyberwelt“ war ich skeptisch, da ich sehr technikaffin bin und Menschen, die aus Angst ihre Kamera am Laptop oder gar am Handy das Mikrofon abkleben, bisher als Psychotiker bzw. Opfer von Verschwörungstheoretikern angesehen und gedanklich schon mit einem Aluhut ausgestattet habe. Dennoch konnten mich Barbara Wimmer und Reinhard Kleindl überzeugen. Es ist gut so, dass ich keine Alexa habe. Jetzt muss ich nur noch prüfen, ob sie nicht in meinem Fernseher schon längst eingebaut ist …

Zu den einzelnen Geschichten

(Keine vollständige Inhaltszusammenfassung.)

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42 Grad (Wolf Harlander)

42 Grad (Wolf Harlander)

Mutter Natur kann nicht nur Sintflut, sie kann auch das Gegenteil! Diese Lektüre hat mich zum Schwitzen gebracht und ich hatte ständig Durst. Gut, dass ich reichlich Wasser aus der Leitung bekam, das ich mir neben meinem Lesesessel bereitstellen konnte.

Ein Pageturner ist dieses Buch in meinen Augen nicht, aber das ist auch ganz gut so, damit man die Zusammenhänge begreifen und sich zuweilen von den schockierenden Bildern erholen kann. Mehr als die Ermittlungen gegen die Verbrecher hat mich das Katastrophenszenario in seinen Bann gezogen.

Was passiert wirklich, wenn die Temperaturen weltweit immer weiter steigen? Schon jetzt haben wir hier klimatische Verhältnisse wie noch vor einigen Jahren nur aus Amerika bekannt und wenn wir nichts gegen den Klimawandel unternehmen, werden wir bald Verhältnisse wie in Afrika haben. Hitze. Dürre. Tod.

„42 Grad“ von Wolf Harlander wäre kein Thriller, wenn nicht auch kriminelle Kräfte zu einer Verschärfung des Wassermangels beitragen würden. Das Ende fand ich wenig überraschend. Trotzdem wird mir dieses Buch, das ich bei schlappen 30 Grad im Schatten las, noch lange im Gedächtnis bleiben, denn das Thema ist brandheiß, gab es doch zeitgleich in Amerika Rekordtemperaturen über 50 Grad mit etlichen Hitzetoten.
Und jetzt haben wir in Europa großflächige Waldbrände, wie sie auch im Buch eine Rolle spielen.

Die Geschichte basiert auf Fakten (ttt -titel, thesen, temperamente dazu): https://www.youtube.com/watch?v=5jFqnZ5NiEg

Kleines Manko in meinen Augen: Die französischen /schweizer Guillemets, die mich beim Lesen arg irritiert haben, weil ich die Anführungszeichen umgekehrt gewohnt bin.

Buchtipp: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten (Alice Hasters)

Buchtipp: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten (Alice Hasters)

Mit diesem Thema hätte ich mich schon viel früher befassen sollen, aber ich bin erst durch die blacklivesmatter-Bewegung darauf aufmerksam geworden und im Zusammenhang mit der Recherche für den Hintergrund für eine meiner Figuren: Rasheeda. Sie ist nicht Schwarz, aber auch nicht weiß – doch dazu später mehr.

Alice Hasters erzählt Episoden aus ihrem eigenen Leben und lässt die Leser:innen mitempfinden, wie sich alltäglicher Rassismus anfühlt. Denn hierbei geht es nicht um Nationalsozialismus und Rechtsradikale mit auf den Hals tätowierten Hakenkreuze, sondern um die kleinen Dinge, an denen sich bereits Rassismus zeigt.
Auch ich, habe ich mich ertappen müssen, war schon rassistisch gegenüber meinen Mitmenschen. Und das ohne böse Absicht und ohne es überhaupt zu merken. Dabei war ich bisher überzeugt davon, frei davon zu sein. Nazis sind doch immer die anderen. Die Leute, die die AfD und die NPD wählen. Die, die Attentate auf Synagogen verüben. Die, die ihre Mitmenschen aufgrund ihrer Hautfarbe anders behandeln. Und da haben wir es.

Durch Alice Hasters’ Buch habe ich jetzt begriffen, dass wir systemisch in diesen Rassismus verstrickt sind, den irgendwann mal ein weißer Mann erfunden hat. Seine Einteilung in Rassen wurde zu meiner Schulzeit noch gelehrt. Und das an einem Gymnasium, das eine Partnerschule in Israel sowie eine Israel-AG hatte und jedes Jahr in irgendeinem Fach das Dritte Reich thematisierte. Unser Geschichtsunterricht beschränkte sich dagegen hauptsächlich auf die Römer, da der Geschichtslehrer auch Latein gab. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir je über die Kolonialisierung gesprochen haben.
Der heutige Alltagsrassismus in Deutschland ist immer noch eine der Folgen der damaligen Kolonialisierung. Aber: Nur weil das Problem systemisch ist, bedeutet das noch lange nicht, dass wir alle unschuldige Opfer sind und die Hände in den Schoß legen können. Wir müssen etwas dagegen tun. Jede:r Einzelne muss sich damit auseinandersetzen, was unsere weißen Vorfahren BIPoC angetan haben, und auf sein eigenes Verhalten achten. Das fängt beim Denken an.

Besonders resoniert hat bei mir das Thema Haare. Alice Hasters beschreibt, dass ihr Fremde einfach so ungefragt in die Haare fassen. Ein absolutes No-Go! Ich möchte auch nicht von Fremden angetatscht werden. Wie kann man sich denn als erwachsene Person so daneben benehmen?
Vielleicht hatte ich da Glück, dass ich als Kind einem netten Schwarzen Mann in den Afro fassen durfte, um zu begreifen, was ich da sah. Er schärfte mir jedoch auch ein, dass ich immer vorher fragen muss. Auch lehrte er mich den sparsamen Umgang mit Wasser, aber das ist eine andere Geschichte.

Nach einem Afrikaurlaub kam ich mit Zöpfen (ich glaube Cornrows) zurück. Am Ende der Zöpfe waren Perlen eingearbeitet. Ich ging damals noch zur Grundschule. Die Sportlehrerin forderte mich dazu auf, den Schmuck aus meinen Haaren zu nehmen. Ich wusste gar nicht, was sie wollte. »Das sind meine Haare!«, protestierte ich. Zur Strafe wurde ich vom Unterricht ausgeschlossen und als ich die Woche darauf immer noch dieselbe Frisur hatte, beschwerte sich die Lehrerin bei meiner Mutter, was zur Folge hatte, dass meine Mutter unter meinem Zetern und Wutgeheul alle Zöpfe öffnete.
Eine Geschichte über Lehrer:innen, die mit ihrer Frisur nicht einverstanden waren, erzählt auch Alice Hasters. Und dabei fiel mir meine eigene wieder ein. Der Vergleich ist nicht fair, weil meine Haare auch ohne Zöpfe pflegeleicht sind. Aber lest selbst.

Ich glaube, dass ich jetzt etwas sensibler mit BIPoC umgehen kann. Jedenfalls will ich versuchen, die mir jetzt bekannten Fettnäpfchen auszulassen. Natürlich reicht es nicht, nur ein Buch zu lesen. Aber irgendwo muss man ja anfangen.
Und ich werde niemanden mit der Woher-kommst-du-Frage belästigen – die hasse ich nämlich selbst.