SGZ 7 SCHNITTE

SGZ 7 SCHNITTE

Herrenschnitte
»Na, das ist ja mal ne Schnitte!« Er pfiff anerkennend.
»Nun tu mal nicht so, Paul. Das ist ein Stück Kuchen.«
»Herrenschnitte, Franziska. Das ist Torte.«
»Ist es nicht. Dazu ist es viel zu flach.« Sie hieb in ihre Donauwelle.
»Dann eben Kuchen. Auf jeden Fall ne Schnitte.« Paul schob sich den ersten Bissen in den Mund.
»Kuchen«, erwiderte sie mit vollem Mund.
Er verdrehte die Augen.
»Schnitt!«
Mit einem Klirren ließen beide ihre Gabel fallen.
»Also das hat schon Potenzial, aber könnt ihr da noch ein bisschen mehr Pfiff? Ja, also bitte noch mal.«
»Na, das ist ja mal ne Schnitte!« Wieder pfiff Paul.
»Das ist ein Stück Kuchen!« Franziska sprang auf, griff ihre Kuchengabel als Waffe und tat, als wolle sie Paul damit angreifen.
Er blieb bei seinem Text. »Herrenschnitte, Franziska. Das ist Torte.«
»Ist es nicht!« Sie hieb in Richtung seiner Torte, verfehlte sie aber und traf stattdessen Pauls Handrücken, den einen Moment später drei rote Punkte zierten.
»Aua!«
»Schnitt! Doch nicht so theatralisch!« Der Regisseur zog die Brauen zusammen. »Noch mal!«
»Na, das ist ja mal ne Schnitte«, sagte Paul lahm und hielt sich eine Serviette um die Hand.
»Das tut mir leid, Paul, das wollte ich nicht.«
»Schnitt! Kinder, ich bitte euch. Ich will heute auch noch mal nach Hause. Los.«
Paul sagte nichts.
»Was hast du denn da auf dem Teller?«, half Franziska ihm.
»Ne Schnitte.« Er pfiff verhalten. »Und was für eine.«
»Kuchen.«
»Sag ich doch.«
»Guten Appetit.«
»Guten Appetit.«
»Sagt mal, wollt ihr mich eigentlich verarschen? Schnitt!«

Wörter: 256

SGZ 6 ROLLEN

SGZ 6 ROLLEN

60 runde Sofas
Mein Deutschlehrer in der Mittelstufe – viele nannten ihn aufgrund seines Anzugs mit passendem Hut hinter seinem Rücken nur den »Bordeauxroten« – war früher Journalist gewesen und hatte auch andere Berufe ausgeübt. Gerne erzählte er Geschichten aus dem Leben.
Einmal muss er irgendwo tätig gewesen sein, wo Kugellager verkauft wurden. Kugellager sind Dinger, die machen, dass andere Dinge sich drehen können, weil kleine Kugeln in den Kugellagern rollen. Entfernt erinnern sie mit ihrer Ringform ein wenig an Donuts aus Metall, nur dass sie flach sind.
Ein Kunde aus dem Ausland wollte besonders entgegenkommend sein und bestellte auf Deutsch: »60 runde Sofas, bitte.«
Die rollen zwar auch, wenn man sie auf die Seite kippt, um sie zu bewegen, aber das war nicht im Sinne des Bestellers.
Das Thema der Stunde war »Synonyme« gewesen. Ein Sofa kann man als Lager bezeichnen – allerdings ist ein Lager auch ein Raum mit Vorräten. Auch eine Kugel ist zwar rund, aber nicht alles Runde ist auch eine Kugel.
Unsere Sprache ist sehr kontextabhängig und vor allem als Fremdsprache steckt sie voller Tücken. Wenn ich mal etwas übersetzen muss, dann schlage ich auch immer rückwärts nach, ob das Wort auch dann noch das bedeutet, was ich ausdrücken möchte. »Rollen« etwa sind im Englischen nicht »rolls« – das sind Brötchen.
Dann kommt noch dazu, dass man auch in der Verbform rollen kann. Oder man spricht von Schauspielern und deren Rollen. Die rollen auch manchmal, je nach Rolle. Aber doch eher selten.
So ein Möbelhund, mit dem dann 60 runde Sofas geliefert werden könnten, der hat Rollen, die rollen.

Wörter: 260

SGZ 5 ERWACHEN

SGZ 5 ERWACHEN

Überrollt vom Steingolem

An diesem Sommertag fuhr ich die Serpentinenstraße entlang nach Hause, wie jeden Abend. Heute war ein langer Tag gewesen. Der Motor röhrte zum Herzzerreißen, ich gab moderat Gas.
Da erwachte der Fels vor mir zum Leben. Wie ein Steingolem, der sich mir plötzlich in den Weg stellte, stürzten unter lautem Getöse Brocken um Brocken hinab auf die Straße. Bremsen quietschten, Blech knirschte. Es wurde dunkel um mich.

Als ich wieder zu mir kam, war es immer noch dunkel. Mein Kopf schmerzte. Die Hand gegen mein Gesicht gepresst, merkte ich, dass es nass war. Ich roch daran: Blut. Ich tastete um mich herum. Vor mir das Lenkrad. Ich war noch immer im Auto. Die Innenbeleuchtung! Die Tür ließ sich nicht öffnen, also fummelte ich so lange herum, bis ich den Schalter in die richtige Position bugsiert hatte. War da nicht auch ein Spiegel für den Fahrer? Ich klappte die Blende herunter, schob die Verdeckung beiseite und stellte fest, dass ich eine Platzwunde an der Stirn hatte. Keine große Sache. War ich so lange bewusstlos gewesen, dass es schon Nacht war?
Auf dem Beifahrersitz lag ein Felsbrocken! Er hatte das Fenster zerschlagen und sein Nachfolger hatte nicht durch die Öffnung gepasst. Das war vermutlich der Grund, warum ich noch am Leben war. Das Dach über der Rückbank war eingedrückt. Ich war überrollt von einer Steinlawine, eingesperrt wie in einer Konservenbüchse!
Wie durch ein Wunder war mir bis auf die Platzwunde nichts geschehen – noch nicht. Denn das Geröll gab ein Ächzen und Stöhnen von sich. Irgendwann würde die Last zu schwer werden und das Dach über mir nachgeben. Ich griff nach meinem Handy, das in die Freisprecheinrichtung eingesteckt war: Kein Empfang. Weder kam ich aus eigener Kraft hier raus, noch war ich in der Lage, Hilfe zu holen. Ich musste abwarten, bis man mich fand. Nach einer Weile döste ich ein.

Ich erwachte, als ein wildes Hupkonzert zu hören war. Wenig später wurde es durchmischt von Sirenen. Rettung nahte!

Wörter: 329

SGZ 4 HAPPY END

SGZ 4 HAPPY END

Autoren und Protagonisten unter sich
»Warum muss eigentlich jede scheißverdammte Geschichte ein Happy End haben?« Fiete zerknüllte seinen letzten Entwurf.
»Muss sie nicht«, sagte August, der Mälzer. »Wenn du mich am Ende opfern willst, dann tu das eben.« Er deutete eine Verneigung an, wie sie eher zu einem Japaner aus einem Jackie-Chan-Film gepasst hätte.
»Aber du bist doch meine Hauptfigur!« Fiete kritzelte August Japaner? auf seinen Notizblock. »Welche Aussage mache ich denn damit? Den strahlenden Helden kann ich nicht einfach so sterben lassen, das muss auch einen Sinn ergeben.«
»Dann eben Happy End, wie du willst.«
»Will ich nicht!« Fiete raufte sich die Haare. »Der Leser soll das Buch noch lange in Erinnerung behalten.«
»Das geht auch mit Happy End.« Der Mälzer schaute ins Mahlwerk.
»He, da passt was nicht!« Fiete strich Mälzer und ersetzte es durch Müller.
»Augustus, der Müller. Das ist mir auch lieber als Bier zu brauen. Alkohol ist nicht so meins. Daran gehen viele Familien zugrunde.«
Fiete notierte Alkohol!.
Neugierig sah Fietes Protagonist auf die unsortierten Notizen des Autors. »Hast du es mal mit einem Mind Map versucht?«
»Klappe, August!«
»Ich mein ja nur.« Er zuckte mit den Schultern.
»Du fällst gleich ins Mahlwerk!«
»Das ist ein schönes, blutiges Ende. Damit bin ich einverstanden.«
»Ich frag dich aber gar nicht.«
»Und warum falle ich da rein? Einfach so, aus Versehen? Ist es ein Unfall? Oder ein Mordkomplott?«
August verschlug es die Sprache. »So, nun ist Ruhe.«

August, der Müller, war nicht gut angesehen im Dorf. Die Menschen waren auf ihn angewiesen, weil sie Mehl brauchten. Deshalb wahrten sie den Schein und taten freundlich, doch ihnen gefiel nicht, wie er mit Frau und Tochter umging und auch der Sohn musste regelmäßig grundlos Prügel einstecken. Hermann war ein guter Junge von gerade vierzehn Jahren, als es passierte.
Irgendwie musste August ins Mahlwerk gestürzt sein. Alles war rot von Blut und das Mehl nicht zu gebrauchen. Niemand verstand, warum der Alte nicht gebrüllt hatte wie ein Schwein. Der junge Müller musste alles sorgfältig reinigen, bevor er Mehl herstellen konnte.
Neun Monate später gebar Hermanns unverheiratete Schwester ein Kind. Welch eine Schande! Auf die Fragen, wer denn der Vater sei, schwieg sie beharrlich. Das konnte ja nur August gewesen sein.
Das Kind trug an versteckter Stelle dasselbe Muttermal wie seine Großmutter.

Fiete zerknüllte auch diesen Entwurf. SHOW DONT TELL schrieb er auf das nächste Blatt und umkreiste es mehrmals.
Happy End?

Wörter: 402

SGZ 3 SCHUH

SGZ 3 SCHUH

Nur mal anprobieren
Silbern glitzernd, mit Riemchen und hohem Korkabsatz sah ich ihn im Regal stehen. Ich musste ihn haben, koste er, was er wolle.
»Martina! Damit brichst du dir das Genick!« Meine Freundin Evi – eigentlich Evelyn – nannte mich immer bei meinem vollen Namen ›Martina‹, wenn ich etwas tat oder tun wollte, das nicht zu ihrer Zufriedenheit war.
»Nur mal anprobieren«, nuschelte ich. Mit zwei Einkaufstüten in der Hand und der Tasche über der Schulter war das gar nicht so einfach. Also ließ ich mich auf das einladende Sofa plumpsen. Ich legte alles ab und schickte mich an, das Hackenriemchen über meine Ferse zu bugsieren.
»Kann ich Ihnen helfen, junge Frau?«
Evi stieß mich an, weil ich weiter auf eigene Faust an der Killersandale herumnestelte.
Als mir das Blut in den Kopf geschossen und mir die Luft ausgegangen war, gab ich auf. »Der will nicht.«
»Na, das haben wir gleich«, sagte der Verkäufer. »Ich bringe Ihnen mal eine Nummer größer.«
»Ich habe 36!«, rief ich ihm hinterher.
Er drehte sich noch einmal um. »Gut, dann bringe ich auch 40 mit.«
»Also das ist doch wohl unverschämt«, nörgelte ich.
Beschwichtigend legte sie mir die Hand auf den Arm. »Tina, nicht aufregen. Der Mann weiß, was er tut.«
»Mann? Der ist doch noch grün hinter den Ohren. Mein Sohn ist älter! Mein Jüngster!«
»Mensch, Martina! Nicht so laut. Die Leute gucken schon.«
»Die Leute, die Leute«, äffte ich sie nach. »Lass sie gucken. Gibt nix zu gucken. Zwei alte Schabracken beim Schuhekaufen. Ist doch nix Ungewöhnliches.«
Mit zwei Kartons bewaffnet kehrte Al Bundy Junior zurück. »In Ihrer Größe hatte ich leider nur noch Rosé-Glitzer und Babyblau-Glitzer vorrätig. Das Blau wird Ihnen wohl zu sportlich sein, nehme ich an? Der Blaue wird meist von jüngeren Damen gekauft. Ich habe Ihnen jetzt mal Rosé in 39 und 40 mitgebracht.«
»Zu sportlich?« Was erlauben Junior?! »Ich bin sportlich! Ich gehe jede Woche zur Rückengymnastik«, prahlte ich. Silber war vergessen, ich wollte den Blauen. Unbedingt! »Bringen sie mir Blau!« Mein Wunsch war ihm Befehl, denn er eilte von dannen.
Evi stieß mich an. »Der will den doch nur loswerden in Blau. Rosé sieht toll aus.«
»Rosé ist für alte Schachteln, hast du doch gehört. Blau wird von jungen Frauen gekauft. Und so alt bin ich nicht.«
»Überleg doch mal, Tina. Wenn du den jetzt kaufst, dann hast du den wieder nur im Schrank stehen. Das wäre nicht das erste Mal, dass du dir einen Schuh andrehen lässt, den du im Laden für den Verkäufer anziehst und danach nie wieder.«
»Evi, du nervst! Immer verdirbst du mir die Freude.«
»Das sagst du jetzt. Und die nächsten zwei Wochen liegst du mir dann in den Ohren, dass du nichts zu essen hast.«
Wo sie recht hatte …

Als Junior wiederkam, sagte ich tapfer: »Ach, tut mir leid. In Silber hat der mir doch besser gefallen. Komm, Evi, wir gehen.«

Wörter: 481

SGZ 2 GEDÄCHTNIS

SGZ 2 GEDÄCHTNIS

Ein lieber Freund von mir – genau genommen mein Trauzeuge oder eigentlich der meiner besseren Hälfte, meine Trauzeugin ist verstorben – hat mir heute eine SMS geschickt. Er hat an mich gedacht. Ich habe ihm ein frohes Neues gewünscht – ist ja erst der zehnte, da geht das noch – und mir fällt auf, dass ich sehr lange nicht an ihn gedacht habe. Nicht mal zum Jahreswechsel.
Ich weiß nicht, wann er Geburtstag hat, und habe mir auch seinen Hochzeitstag – wir waren damals, ich weiß schon gar nicht mehr wann, auch bei seiner Hochzeit dabei – nicht gemerkt. Wenn das nur mein Gedächtnis wäre. Ich meine, so was kann man sich doch aufschreiben. Mache ich aber nicht. Weil ich mich dann drum kümmern müsste. Kontakt aufnehmen, halten, pflegen. Liegt mir nicht. Ich kann aber auch nicht behaupten, dass mir lieber wäre, wenn Leute auf mich zukommen – am liebsten ist mir, ich bin für mich allein.
Natürlich nicht so ganz allein wie jetzt gerade beim Schreiben, ich besuche schon gerne meine Gruppen. Singen und Autorenstammtische. Da muss ich auch nicht dran denken, das findet regelmäßig statt und steht im Kalender. Ich hab einen Kalender für unterwegs und einen an der Wand und nachdem ich es zweimal aufgeschrieben hab, hab ich es meistens auch im Kopf.
Mein Gedächtnis ist nicht mehr das beste. Vom Kniffeln mit meiner ungeduldigen Ergotherapeutin habe ich bereits erzählt. Neulich habe ich etwas beim Verlassen der Wohnung vergessen – was, das habe ich vergessen – und bin schnell noch einmal hinein, um es zu holen. Ich weiß nicht, ob ich daran gedacht habe, das Fenster in meinem Schreibatelier zu schließen.

Ob meiner einmal gedacht werden wird, wenn ich nicht mehr bin? Höchst unwahrscheinlich. Dazu müsste ich schon Außergewöhnliches schreiben und da gehört ein Selbstmitleidsepos über Konzentrationsstörungen sicher nicht dazu.
Zu einem Leben als Schriftsteller gehören auch Tage, an denen ich nur Mist schreibe. Relativen Mist vielleicht. Nicht unbedingt solchen, auf dem ein Hahn kräht.

Wörter: 319

Zugegeben, unter „Geschichte“ stelle ich mir schon etwas anderes vor. Mehr so etwas wie Kniffelig. Aber da kann man mal sehen, wie unterschiedlich dieselbe Person zum selben Begriff schreiben kann. Dieser ist mir nämlich durchgegangen, weil ich die Geschichte schon einen anderen Ordner verschoben hatte.