SGZ 54 FEST

SGZ 54 FEST

Nach ganz fest kommt ganz lose
Handwerker wissen das: Zieht man eine Schraube zu fest an, dreht sie sich plötzlich wieder schneller und greift nicht mehr. Dann ist das Gewinde hin. Bei den meisten der heutigen Schrauben wird jedoch zuerst der Kopf matschig, also das Kreuz bzw. der Schlitz für den Schraubendreher hobelt sich ab.
Deshalb muss man bei aller gebotenen Kraft auch Feingefühl walten lassen.

Nicht anders verhält es sich auch beim Schreibhandwerk: Man muss erst lernen, alle zur Verfügung stehenden Techniken richtig zu dosieren.
Mit jeder Textkritik lernt man, mit welcher Menge an Füllwörtern und Adjektiven man über die Stränge schlägt und irgendwo dazwischen wird es wohl gut sein. Auch zwischen Zeigen und Erzählen (Show don’t tell) gibt es ein Gleichgewicht. Man kann es in beide Richtungen übertreiben.
Die persönliche Mischung macht den eigenen Stil aus.
Zu wenig Spannungselemente machen den Text langweilig, zu viele davon jagen den Leser durch die Geschichte – beim Thriller ist das erwünscht, bei Fantasy nicht. Es kommt also auch aufs Genre (und auf die jeweilige Zielgruppe) an. Liebesschwüre sind im Krimi fehl am Platz wie Pistolen im Liebesroman – Ausnahmen bestätigen die Regel.

Fühle ich mich bei Kurzgeschichten (nach fünfzehn Jahren Übung) relativ sicher, so bin ich beim Schreiben von Romanen noch blutiger Anfänger. Und das heißt noch lange nicht, dass ich eine Geschichte zum Wettbewerb schicke und sofort gewinne. Es war mir ein Fest, als ich es letztes Jahr auf eine Longlist schaffte. Mein Text war (bei vergleichsweise wenig Einreichungen) in der engeren Auswahl, wurde aber nicht gedruckt. Trotzdem gab und gibt mir das eine gehörige Portion Selbstsicherheit.
Bei Romanen habe ich jetzt gerade das Gefühl, mich mit dem Handwerkszeug vertraut gemacht zu haben. Wie man eine Geschichte plant, wie man sich selbst organisiert und so weiter. Und das, nachdem ich bereits über drei Jahre hinweg meinen ersten Entwurf meines ersten Romans geschrieben habe.
Was es heißt, zu überarbeiten, erfahre ich gerade. Ich will nicht wissen, wie lange so eine Überarbeitung dauert.
Für mich unvorstellbar, innerhalb eines Monats einen Roman zu schreiben und zu veröffentlichen. Wenn ich weiß, was ich schreiben soll, etwa weil mir jemand diktiert, kann ich sicher innerhalb von drei Monaten alles abtippen, das habe ich während des letzten NaNoWriMo festgestellt. Da hatte die Geschichte drei Jahre Zeit gehabt, in mir zu reifen.

Als ich mit stolzgeschwellter Brust meine ersten Entwürfe meiner ersten Kapitel meinen Testlesern zeigte, so haben die mich sehr schnel gebremst, weil ich zu sehr durch die Handlung hetzte. Damals hatte ich überhaupt noch kein Gefühl für das richtige Erzähltempo. Ich hatte angenommen, ein Roman besteht aus einer Abfolge von Kurzgeschichten. So ist es nicht.

Ein Roman ist tiefer und breiter angelegt als eine Kurzgeschichte.
Man erfährt viel mehr über die Figuren, aber auch über deren Wahrnehmungen, ihre Empfindungen und Gedanken. Alles bekommt mehr Raum, man erzählt ausführlicher.
Und ich glaube, in Kurzgeschichten kann man getrost vernachlässigen, was Leute tun, während sie sich unterhalten. Man schreibt es nur dann hin, wenn es für die Handlung relevant ist. Unterhalten sich Mutter und Sohn, während sie den Abwasch erledigt und er abtrocknet, dann wird das höchstens in einem Halbsatz erwähnt. Aber es wird nicht jeder Topf und jede Pfanne ins Bild gebracht. Ich halte das für einen relevanten Unterschied.
Zur Zeit experimentiere ich bei meinem zweiten Roman mit dieser Rahmenhandlung, die mir in meinem ersten Roman offenbar häufig fehlt. Ich schreibe sehr dialoglastig und diese Dialoge sind stellenweise sehr blank. Da sind gerade mal Zuordnungen der Sprecher, die aber auch nicht so wirklich wichtig sind. Meistens tun diese Leute einfach nichts, als sich zu unterhalten. Das ist sicher ein Mangel, den ich noch beheben muss.

So schaut es gegenwärtig in meinem Werkzeugkasten aus. Ziemlich unsortiert, ganz gegen meine sonstige Gewohnheit.

Wörter: 621

SGZ: 100 Geschichten in 100 Tagen

SGZ: 100 Geschichten in 100 Tagen

100 Geschichten in 100 Tagen – wie soll das gehen?

Im Schreib-Forum machen wir jeden Abend von 20-21 Uhr eine Schreibübung namens »Schreiben gegen die Zeit« (SGZ).
Man hat genau diese Stunde Zeit, aus einem Begriff eine kleine Geschichte oder wie auch immer gearteten Text zu basteln. Das darf auch ein Gedicht sein oder auch ein Plotansatz, ein Ausschnitt eines Romans – ganz egal, Hauptsache man tippt möglichst hemmungslos irgendwas runter. Dabei gehts auch nicht um die Masse der Anschläge an sich, sondern darum, sich den Kopf freizuschreiben. Sich zu erlauben, auch mal schlecht schreiben zu dürfen. Den Kritiker geknebelt in die Ecke stellen. Um welchen Begriff es sich handelt, weiß man vorher nicht, der wird erst abends um acht bekannt gegeben. Danach wird dann gegenseitig gelesen und kommentiert.
Bei unserer wöchentlichen Übung habe ich natürlich seit Beginn nicht jede Woche teilnehmen können und so ist eine Liste mit über 100 Begriffen zustande gekommen, zu denen ich noch keine Geschichte geschrieben habe. Also wird es mal Zeit!

Für meine Zwecke werde ich die Übung etwas abwandeln. Ich mache sie nicht abends um acht, sondern gleich nach dem Aufstehen.
Da ich sie alleine mache, habe ich niemanden, der mir den Begriff vorgibt. Deshalb habe ich mir etwas einfallen lassen, wie ich mich selbst überraschen kann, um dann spontan zu einem Wort etwas zu schreiben:

  1. Jeder Begriff in der Liste hat eine Nummer. Ich verwende einen Zufallsgenerator, um eine Nummer zufällig (ja, liebe IT-ler, es heißt »Pseudozufall«) aus der Liste auswählen zu lassen.
  2. Timer auf 60 Minuten stellen und spätestens beim Klingeln wird veröffentlicht. Tipp: In den letzten Minuten lese ich noch mal drüber und mache letzte Korrekturen.
  3. Danach wird die Nummer aus der Liste gestrichen (Zeile löschen) und für die verbleibenden Begriffe werden die Nummern neu vergeben (einfach von oben nach unten ausfüllen).
  4. Und am nächsten Tag fange ich wieder bei 1. an.
    Wichtig ist nicht die Reihenfolge, sondern dass jede Nummer in der Liste nur einmal auftaucht und kein Begriff leer ausgeht.

Wer will, kann mitmachen!
Meine Liste mit den Begriffen werde ich demnächst – rechtzeitig vor Beginn der Aktion am 09.01.21 – als Blogbeitrag zur Verfügung stellen. Es laufen dann jeweils nach meinem Beitrag 24 Stunden, innerhalb derer der eigene Beitrag gepostet werden kann.
Wer vor dem Schreiben des jeweiligen SGZ über den Begriffen brütet, pfuscht!

Ich behaupte, das ist zu schaffen, jeden Tag eine Stunde zu schreiben. Ob jeden Tag eine Perle daraus hervorgeht, wird sich zeigen. Aber es ist möglich!
Ob ich die Aktion 100 Tage am Stück überhaupt durchhalte? Das sind immerhin über drei Monate. Ich weiß es nicht, aber da mich der letzte NaNoWriMo so beflügelt hat, kann ich es mir gut vorstellen.

Vielleicht traut sich ja jemand, es mit mir aufzunehmen. Wer möchte mitmachen?:D