SGZ 63 KRÖTEN

SGZ 63 KRÖTEN

»Her mit den Kröten!«
»Nichts da, hier ist unser Gebiet! Für diesen Straßenabschnitt ist unser Verein zuständig.« Hauke hielt den Eimer mit den Tieren schützend hinter sich.
»Seit wann?«, fragte Astrid.
»Seit dieser Wanderung.« Er schickte sich an, die Straße zu überqueren.
Sie griff nach seinem Arm. »Wer hat das entschieden?«
»Die Stadt.«
»Und warum werden wir dann nicht informiert?«
»Ich hab dich doch gerade informiert.« Hauke machte sich los und beeilte sich, die andere Straßenseite zu erreichen. Dort entließ er die Amphibien in ihre Freiheit.
Als er zurück war, reichte er Astrid den leeren Eimer. »War nur Spaß. Ich bin der Neue.«

Wörter: 103

SGZ 62 FUNKEN

SGZ 62 FUNKEN

Feuer prasselte im Kamin, Funken stoben, als Vater die Scheite neu schichtete und Maximilian erfasste ein nie gekanntes Gefühl. Er streckte die Hände nach den Flammen aus, wollte ihnen nahe sein. Kaum spürte er die Hitze, hielt ihn seine Mutter zurück.
»Nein! Das ist zu gefährlich«, sagte sie.

Sobald Max erwachsen war, hielt seine Mutter ihn nicht mehr auf.
Die Frauen, mit denen er sich gelegentlich einließ, konnte er nur vor dem offenen Kamin befriedigen. In Gedanken umhüllte das Feuer sie, tränten ihre Augen vom beißenden Qualm, hörte er ihre angsterfüllten Schreie.
Er wollte nie wirklich jemandem schaden. Angezündet hatte er nur alte Schuppen und auch mal eine Lagerhalle.
Vom Geruch verkohlten Fleisches wurde ihm übel. Das wusste er von Experimenten in der Küche. Auf Grillfeiern mit anderen ließ er sich nicht mehr blicken, seit aufgefallen war, dass er den ganzen Abend ins Feuer starrte und die anwesenden Frauen – auch die Männer – keines Blickes würdigte.

Im Grunde seines Herzens war Max unglücklich. Als Teenager wäre er, wie alle anderen, gerne gewesen wie alle anderen. Als junger Mann verlangte er, so akzeptiert zu werden, wie er war. Mit Mitte dreißig hatte er den Wahnwitz dieser Idee erkannt. Es blieb ihm nur, sein Verlangen so langsam zu steigern, wie nur irgend möglich. Er onanierte Abend für Abend vor dem Kamin und fühlte sich doch unbefriedigt.

Zu seinem Vierzigsten machte er sich ein besonders Geschenk: Er trat bei der Freiwilligen Feuerwehr ein. Zu seiner Überraschung rückten sie nur höchst selten zu Bränden aus. Es blieben ihm in verlässlicher Regelmäßigkeit die Übungen.
Anders als die meisten, die davon träumten, eine Frau zu retten, die sich in sie verlieben sollte, wünschte Max sich eine Partnerin an seiner Seite, die ebenso dem Feuer ergeben war.
Er fand sie in Tina, einer Feuerwehrfrau. Gemeinsam loteten sie die Grenzen ihrer Fantasien neu aus.
Bei einem ihrer Abenteuer kamen sie in den Flammen um. Die Decke der Scheune, in der sie sich liebten, stürzte früher ein als von ihnen erwartet.

Wörter: 331

SGZ 60 RECHT

SGZ 60 RECHT

Ich hätte mich nicht für Jura entscheiden sollen, nur um meinem Vater zu gefallen. Von Semester zu Semester wurde ich schlechter, obwohl ich immer mehr Fächer ausließ. Blamabel.
Dabei war ich gar nicht mal dumm. Ich hatte ein Motivationsproblem. Irgendetwas hielt mich davon ab, mich mit dem Stoff auseinanderzusetzen. Und zwar war mir mein Glaube ans deutsche Rechtssystem verlustig gegangen.
»Recht haben ist nicht Recht bekommen«, hatte schon mein Vater gesagt.
Es wurden Gesetze gemacht und Urteile gefällt, die ich einfach nicht als richtig empfand. Da wurden Menschen im Stich gelassen, die dringend Hilfe brauchten. Unschuldige wurden bestraft, während andere, die viel größere Schuld auf sich geladen hatten, frei herumlaufen durften. Und wer einmal gesessen hatte, der war unten durch, sobald jemand davon erfuhr. So viel zum Vorhaben der Resozialisierung. So blieb man unter sich und schottete sich ab.
Ich überlegte, zu Wirtschaftsjura zu wechseln. Da stand Mediation im Vordergrund, das Vermitteln zwischen Vertragspartnern. Zwischen Firmen oder zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Aber dafür musste ich dann auch Rechnungswesen und anderes Zeug pauken, wegen des Wirtschaftsteils. Und Zahlen … ich war schon froh, den Taschenrechner zu treffen. Was mir gut lag, war der Umgang mit Menschen. Ich wollte ihnen helfen, so gut ich konnte.
Ich recherchierte im Netz und tauschte mich mit anderen Studierenden aus. Ich las Berichte von Praktikanten, Blogs von Arbeitnehmern.

Drei Wochen später wechselte ich den Studiengang. Hoffentlich passte Soziale Arbeit besser zu mir.

Wörter: 236

SGZ 59 KELLERFENSTER

SGZ 59 KELLERFENSTER

Durch das Kellerfenster sehe ich einen Streifen Mondlicht hereinscheinen. Ich wollte, ich würde hindurchpassen, dann wäre meine Gefangenschaft hier zu Ende.
Um mich abzulenken und auch zu beschäftigen, schreibe und schreibe ich, bis mir die Sehnenscheiden brennen. Wenn es soweit ist, komme ich wieder ins Nachdenken. Darüber, wie ich hier hereingeraten bin.
Ich nahm an einem Wettbewerb teil. Einzureichen waren Exposé und Leseprobe, dazu eine Vita. Ich nahm all meinen Mut zusammen und reichte ein frisch erdachtes Projekt ein, von dem es erst zwölf Seiten gab. Das war eigentlich aus Jux und Dollerei, weil ich mir selbst eine Deadline setzen wollte, indem ich mir vorstellte, meine Geschichte würde ausgewählt und man wolle drei Monate später mein Gesamtmanuskript sehen.
Tja. Dass es wirklich so kommen würde, daran hätte ich nie geglaubt.
Ich konnte dann natürlich nicht liefern, als der Termin verstrichen war. Man setzte mir eine Nachfrist. Einmal, zweimal. Dann lud man mich freundlich, aber bestimmt, zu einem »Schreibcamp« ein. Dort seien viele aufstrebende Autoren wie ich, mit denen ich mich austauschen könne.
Von wegen. Wir sind alle in Einzelkerkern untergebracht. Es gibt nicht mal Internet, nur einen hauseigenen Rechercheserver. Man Handy haben sie mir auch weggenommen. Ich habe eine Eieruhr, mit der ich mir zu Schreibsprints die Zeit stoppen kann. Das heißt, ich hatte – ich warf sie während der ersten Tage in einem Wutanfall an die Wand. Mittlerweile tut es mir leid, denn ich hätte sie gut brauchen können.
Zu trinken gibt es hier ausreichend, Essen geht so, nur das Bett knarzt erbärmlich, sodass ich nachts aufwache, wenn ich mich umdrehe. Das soll der Kreativität förderlich sein. Schlechter Schlaf befördert die Fantasie. Lassen Sie das nur keinen Maniker hören.
Ich bin froh, dass sie uns das Tageslicht gelassen haben, auch wenn es nur spärlich durch das Kellerfenster dringt. Doch so weiß ich wenigstens, wann Tag und Nacht ist. Ich bin Herr über meine Zeit, die hier vergeht. So weiß ich, dass ich schon seit 193 Tagen hier unten hocke. Es fehlt nicht mehr viel. Nur ein gutes Ende.

Wörter: 338

SGZ 58 GESCHENK

SGZ 58 GESCHENK

Justin hatte sich dieses Jahr wirklich Mühe gegeben, Fynn mit einem schönen Geschenk zu überraschen, über das er sich sicher freuen würde. Keine Krawatte. Etwas Zweckmäßiges, das er sich selbst nicht gönnen würde. Es war eigentlich perfekt.
Es duftete angenehm nach Tannenzweigen und frischen Plätzchen, Christkindl-Lieder säuselten im Hintergrund und die Reflexionen der Kugeln am Weihnachtsbaum tauchten den Raum in ein gemütliches Licht.
Sein Geschenk hatte Justin schon ausgepackt. Eine neue Eieruhr. Die alte war kaputtgegangen. Da er leidenschaftlich gern kochte, hatte er sich darüber sehr gefreut. Es war einfach praktischer, schnell eine analoge Uhr aufzuziehen, als den Timer am Handy einzustellen. Zumal das Display immer verschmiert wurde. Und diese Uhr hatte sogar einen Magneten – sie konnte am Kühlschrank anhaften und nahm keinen Platz auf der Arbeitsfläche weg. Perfekt!
Flynn setzte seinen Becher Glühwein ab und nahm sein Geschenk in die Hand.
»Für Fynn. Soso!« Er lachte. »Was da wohl drin sein mag?« Prüfend befühlte er es, wobei das Papier raschelte. »Hm. Weich.« Spielerisch sah er Justin streng an wie über eine unsichtbare Brille hinweg.
»Ich hoffe, es gefällt dir.« Nun mach schon auf, dachte er. Die Spannung war ja kaum auszuhalten.
Mit einem Ratsch riss Fynn das Geschenkpapier auseinander und fummelte umständlich das Textil heraus. »Ui, eine lange Unterhose!« Die Überraschung war offenbar gelungen.
Justin hielt die Luft an.
»Ganz ehrlich? Hast Du mal überlegt, dass mir meine Jeans dann nicht mehr passen?«
»Du wolltest doch abnehmen!«
Fynn lachte auf. »Ja, das wollte ich. Aber eine andere Frage: Warum ist sie ouvert?«
»Ouvert?«
»Na schau mal: Da ist ein Loch im Schritt. Gefällt dir meine Lederhose nicht mehr?« Er schmunzelte.
»Ach du scheiße, das muss ich übersehen haben …« War das peinlich! Was sollte er denn jetzt …? »Was, ähm, was möchtest du denn stattdessen haben?«
»Einen Kuss, mein Schatz.«

Wörter: 301