Transgender Day of Remembrance 2021

Transgender Day of Remembrance 2021

Heute gedenken wir der Menschen, die transphober Hassverbrechen zum Opfer gefallen sind. Da mir die Worte fehlen, zeige ich euch eine Auswahl der Kunst, die ich – abseits von Texten – im Zusammenhang mit dem Thema trans* geschaffen habe.

Dieses Bild entstand in einem Rahmen eines Kurses zur Trauerbewältigung nach dem Tod meines Vaters. Die Stehpinkelei war mir leider nur wenige Mal mittels Hilfmitteln vergönnt.

Im Zusammenhang mit meiner damaligen Gewichtsreduktion fragte ich mich in einer Reihe von Bildern, was für ein Körper unter meinen Pfunden wohl verborgen sein mochte. Dabei suchte ich gezielt nach den Muskeln.

Um das besser begreifen zu können, formte ich aus Resten bereits angetrockneten Tons eine Plastik.

Für Kopf und Arme reichte es nicht mehr. Mittlerweile hat auch noch der Zahn der Zeit an dem guten Stück genagt; die Beine sind schon lange abgebrochen.

Mit einer frischen Ladung Ton tastete ich mich vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen mit dem Tango auch an meine weibliche Seite heran, die sich im Wechsel von Führen und Folgen aufzulösen schien.

Auch solche Menschen gibt es. Transmänner und Transfrauen ohne genitalangleichende Operation. Sagt Hallo zu den Prototypen von Dennis und Rasheeda, die in Schwuppenplanschen ihren Auftritt haben.
Mit dieser Zeichnung kann ich für Sichtbarkeit sorgen, ohne jemandem die Hosen runterzuziehen.
Ich möchte nur hoffen, ich sehe es nicht eines Tages als Piktogramm an speziell ausgewiesenen Transgender-Toiletten wieder.

Morgen Abend 20 Uhr Halloween-Lesung

Morgen Abend 20 Uhr Halloween-Lesung

Na, gruselt es euch schon?

Zum Programm

Das sieht doch unheimlich aus! Was mag hier wohl vonstatten gehen?
Wer steht denn da?
Das ist Kueperpunk Korhonen, unser Moderator!

Wie könnte man eine Halloweenlesung gruseliger beginnen als mit einer Weihnachtsgeschichte?
Darauf folgen Gewalt, Leichen, Halluzinationen, abermals Gewalt, ein Labyrinth, ein tragikomisches Telefonat und zum Abschied sage ich nicht leise Servus.

Programm
Mario Bartling: Der kleine Floh
Ingo S. Anders: Für immer
Alexander Hörl: Tränen eines Monsters
Ingo S. Anders: Irre gesund
Grit Stange: Gefangen
Ingo S. Anders: Herr Otto Mayer
Ingo S. Anders: Tschüss.

Ich bin schon total gespannt, was für Kulissen Barlok Barbosa für uns basteln wird, und freue mich richtig auf unseren großen Abend!

Meine Geschichten stammen alle aus Tobaksplitter, meiner Sammlung kurzer Geschichten.

Termin: Sonntag, 31.10.21 um 20 Uhr

Ton über den Discord-Server der Brennenden: https://discord.gg/P3x79Xw
Live Video Übertragung auf youtube unter https://www.youtube.de/brennendebuchstaben
SLURL: https://maps.secondlife.com/secondlife/Port%20Genieva/51/108/22

#diverserdonnerstag: Sicherheit

#diverserdonnerstag: Sicherheit

Während ich mich noch frage, wie Sicherheit ein Privileg sein kann, fällt mir der Krieg in Afghanistan ein. Als nächstes denke ich an homo- oder transphobe sowie rassistische Übergriffe. Dann wird mir klar, dass auch Geld eine ganze Menge Sicherheit schaffen kann, indem man Versicherungen abschließt und sich damit die Angst abkaufen lässt vor Feuer, Einbruch, Diebstahl Krankheit, Unfällen und was es alles gibt. Auch Alarmanlagen kann man sich einbauen lassen, Kameras installieren und sogar einen Panic Room. Hat man das Geld dafür nicht, kann man das alles nicht haben. Aber ist man dadurch weniger sicher? Sicherheit ist doch vor allem ein Gefühl. Es ist das Fehlen der Sorge vor dem möglichen Eintreten verschiedenster Ereignisse. Dass man derzeit in Afghanistan erschossen wird, ist freilich weitaus wahrscheinlicher als in Deutschland. Die Leute machen sich ja nicht ohne Grund auf den Weg.

Natürlich: Kondome schützen. Prep schützt. Kugelsichere Westen schützen ebenso wie Fahrradhelme und Anschnallgurte. Alles mit wissenschaftlich nachgewiesener Wahrscheinlichkeit.

Als Blogger fühle ich mich durch das Internet relativ geschützt. Da ist eine Barriere, ich kann einfach die Kiste zuklappen und es ist Ruhe im Karton. Bis ich einmal eine Postkarte »von einem unbekannten Witzbold« bekam. Das hat mir einen Heidenschreck eingejagt und mein Blog war zwei Jahre off. Später gab sich der Absender mir gegenüber zu erkennen. Die Erinnerung bleibt. Deshalb versuche ich, nicht zu viel private Informationen preiszugeben. Ich versuche, seriös aufzutreten. Ich versuche irgendwie mit diesem Gefühl der jetzt geminderten Sicherheit umzugehen. Dabei ist es faktisch genau dasselbe Risiko wie zuvor.
Als Autor habe ich mir vor der Veröffentlichung große Sorgen gemacht, wie man nach der Lektüre auf mich zugehen könnte. Meine Geschichten können aufwühlen und aufgebrachte Menschen verhalten sich nicht immer rational und handeln schon gar nicht überlegt.

Wenn man (Menschen oder) Figuren miteinander vergleicht, muss sich zwangsläufig eine sicherer fühlen als die andere und seien die Unterschiede noch so fein. Aber vielleicht hinsichtlich verschiedener Aspekte, sodass kein Machtgefälle entsteht.
Schwuppenplanschen: Dennis macht sich Sorgen wegen seines Outings als Transmann, Rasheeda hat zudem eine dunklere Hautfarbe und hätte also einen zusätzlichen Grund zur Sorge, sie ist aber eher taff und Dennis ohnehin ein ängstlicher Typ.
Der Genesungsbegleiter: Lena ist in einer akuten psychischen Krise, Mark ist stabil und tritt als ihr Mentor auf. Lena ist einfach verletzlicher, ihre ganze Welt ist gerade zusammengebrochen und sie hinterfragt naturgemäß vieles.
In meinem angedachten Thriller, der noch nicht fertig geplant ist, wird ein Lehrer auftauchen, der seine Schüler:innen beschützen möchte. Das wird da eine große Rolle spielen. Mehr verrate ich noch nicht.

Personen und Diversity recherchieren — Hans Peter Roentgen + Nachtrag Coming Out

Personen und Diversity recherchieren — Hans Peter Roentgen + Nachtrag Coming Out

„Sensitivity-Writing“ ist das neue Schlagwort. In Romanen tauchen fast immer weiße Personen aus dem Bildungsbürgertum auf. Sonderlich verwunderlich ist das nicht, die meisten Autorinnen und Autoren stammen aus dieser Gruppe und kennen sich dort aus. Schon Frauen aus dieser Gruppe sind in Romanen und Filmen seltener als Männer, geschweige denn Angehörige von Minderheiten. Und wenn […]

Personen und Diversity recherchieren — Hans Peter Roentgen

An Recherche habe ich mich bisher noch nie so wirklich rangewagt, nur mal ein bisschen hier und da gegoogelt. Einmal habe ich eine Autorin gefragt, die jemanden kennt, der eigene Erfahrungen hatte mit einem Thema, das für mich wichtig war, weil es maßgeblich Einfluss auf eine meiner Figuren hatte. Sonst kaufe ich Bücher von Own Voice Autor:innen. Direkt Kontakt aufzunehmen und gezielte Fragen zu stellen fällt mir schwer. weshalb ich mich bisher davor gedrückt habe. Ausgenommen sind natürlich Menschen, die ich bereits kenne.

Ich finde Herrn Roentgens Beitrag lesenswert, da er aufzeigt, dass man auch bei sensiblen Themen recherchieren kann. Ich fand die Lektüre ermutigend, auch Stoff anzupacken, bei dem man sich bisweilen Sorgen macht, jemandem auf die Füße zu treten, weil man keine eigene Erfahrung hat.
Und ja: Man kann es nie allen recht machen. Aber nachfragen kann, darf und sollte man.

Nachtrag zum Coming Out

Beim letzten #diverserdonnerstag zum Thema Coming-out habe ich mich sehr kurz gefasst, weil ich vermeiden wollte, dazu einen ganzen Roman zu schreiben und auch zugegebenermaßen zu wenig Zeit dafür hatte.

Outen muss bzw. kann man sich ja nur bezüglich solcher Merkmale, die man einem nicht ansieht. Meine Hautfarbe sieht man mir an, meine Behinderung nicht. Vieles kann ich durch Kleidung ausdrücken, manches nicht. Manches möchte ich offenlegen, anderes nicht. Mein Körper schrie eine gefühlte Ewigkeit, ich sei eine Frau. Das war keine Verkleidung, ich konnte die falsche Hülle nicht einfach abstreifen.
Lange Jahre habe ich versucht, mich nicht outen zu müssen bzgl. trans*, Das sieht man mir ja nicht an, solange ich mich nicht ausziehe. Ich wurde dennoch immer wieder in Situationen gebracht (zB durch Behörden), in denen ich mich outen musste, was mich teilweise stark getriggert hat. Weil ich durch den Angleichungsprozess über Jahre hinweg gezwungen war, mich bei Hans und Franz zu outen und das auch noch zu belegen und gutachterlich bestätigen zu lassen. Es reicht ja nicht, wenn ich sage, dass ich ein Mann bin, dass müssen zwei Ärzte, ein Psychologe und ein Richter feststellen. Um den Weg zu ebnen, damit die Krankenkasse mir dabei hilft, dass mein Körper für mich spricht.
Dass ich schwul bin, muss ich eigentlich nicht rumposaunen, so lange ich nicht auf Partnersuche bin. Es reicht doch, wenn man das einmal im Freundeskreis bekanntgibt. Denkste! Es fällt doch immer wieder auf, wenn ich bei neuen Kontakten von meiner besseren Hälfte spreche. Wir werden schwul gelesen, wo wir als Paar auftreten. Dazu muss man gar nicht zum CSD gehen, nur einkaufen. Als Autor trete ich out and proud auf, weil ich mich als Own Voice positionieren will.
Auch bezüglich meiner bipolaren Störung könnte ich eigentlich Stillschweigen bewahren. Heul leise! Schon klar. Es ist aber für mich wichtig, ein Umfeld zu haben, das Verständnis hat. Für lange unangekündigte Phasen des Rückzugs. Für plötzlich auftretende Geselligkeit, die ebenso schnell wieder verschwindet. Sonst muss ich mir jedes Mal neue Freunde suchen.
Als hochsensible Person bin ich schnell überfordert von Reizen (was durch meine bipolare Störung noch verschärft wird), weshalb von anderen bevorzugte Umgebungen für Gespräche wie Cafés und Restaurants für mich absolut ungeeignet sind, weil ich da Gesprächen kaum folgen kann.
Ich könnte die Aufzählung noch fortsetzen, aber ich mag nicht mehr.

Ich bin des Outens müde. Und es fehlt mir auch, vollständig gesehen zu werden, wenn ich Teile meiner Selbst verschweigen muss. Ich mag keine Angst haben, mich zu verplappern und plötzlich unter Ressentiments leiden zu müssen. Deshalb mache ich es öffentlich: Ich bin Autor. Ich habe ein Buch geschrieben. Möge die Bubble der mir Wohlgesonnenen mich umhüllen.

#diverserdonnerstag: Coming-Out

#diverserdonnerstag: Coming-Out

»Ich bin schwul und das ist auch gut so«, sagte einst Klaus Wowereit. Zwanzig Jahre ist das her. Ist es seither leichter geworden, sich zu outen? Im allgemeinen Ja, im Einzelfall Nein.

Gibt es in deinen Geschichten Coming-Outs?

Ja und Nein. In meinem Genesungsbegleiter geht es um ein ganz anderes Thema, das Paar im Fokus ist hetero. In Schwuppenplanschen ist es für Dennis eine Hürde, die er zu nehmen hat. Nicht, weil er schwul ist, sondern weil er trans* ist. Das weiß sein Love Interest noch nicht und Dennis ist es unangenehm, sich zu offenbaren; er hat Angst vor Ablehnung.

Umgang mit Sexualitäten/Gender

Schwuppenplanschen spielt in einer Blase, in der es normal ist, trans* zu sein. Aus Sicht des Protas ist hier der Cismann das unbekannte Wesen. Ich versuche, beiden Seiten gerecht zu werden. Für den Cismann ist es natürlich normal, cis zu sein.

Worauf sollten wir beim Beschreiben eines Coming-Outs achten?

Ich finde es wichtig, beide Seiten zu zeigen. Es ist nicht nur schwer, für denjenigen, der sich offenbart. Es ist eben auch eine Offenbarung für denjenigen, der plötzlich etwas Neues über sein Gegenüber erfährt. Das kann das Vertrauen infrage stellen, das kann das ganze Weltbild ins Wanken bringen.

Tobaksplitter erscheint im Oktober!

Tobaksplitter erscheint im Oktober!

Im Buchhandel voraussichtlich erhältlich ab: 1. Oktober 2021. Noch feile ich am letzten Schliff.

Meine Lektorin hat mir so viel Nettes dazu geschrieben, ein Auszug:

Danke Dir, dass ich diese Texte lesen und bearbeiten durfte. Ich fühle mich emotional und wissenstechnisch vielfach bereichert und auf eindrückliche Weise sensibilisiert für ein Thema, das so ein Otto-Normal-Cismensch ja so ungefähr überhaupt nicht auf dem Schirm hat. Da muss man sich ja wirklich fast schämen, die Komplexität und Tiefe ist der Wahnsinn. Das betrifft nicht nur die trans* Themen, sondern auch in vielerlei Hinsicht den Rest. (Psychiatrie-Erfahrung und so).
 
Mir haben Deine Texte ausnehmend gut gefallen. Du nimmst den Leser fest an die Hand und mit auf die Reise und lässt ihn nicht los, bis die Fahrt vorbei ist. Mein Lieblingstext ist „Herbstsonate“, weil Du die Musik da so wunderschön mit einbaust, so wie ich es soooo gerne mag. „Für immer“ macht so richtig krass Gänsehaut, „Über das Danach“ dito. „Die Hand ausgerutscht“ treibt mir die Tränen in die Augen.

#shortstorydienstag – KW 22 „Am See“

#shortstorydienstag – KW 22 „Am See“

Dennis saß auf seinem Handtuch und sah seiner besten Freundin Rasheeda nach.
Sie stand in ihrem babyblauen Badeanzug schon am Ufer des nach Algen riechenden Sees und drehte sich noch einmal zu ihm um. »Willst du wirklich nicht mit ins Wasser kommen?«
Er schüttelte den Kopf. Noch war er nicht so weit. Heute saß er oben ohne da, das war für ihn schon etwas Neues. Also wirklich oben ohne. Kein T-Shirt, kein BH, kein Binder, keine Brüste. Nur große Narben zeugten davon, dass er welche mit sich rumgetragen hatte. Jetzt war der Eingriff lange genug her. Er durfte wieder Sonne an seine Haut lassen. Es war total ungewohnt, die kühle Brise an seinen Brustwarzen zu spüren.
Rasheeda versank mit ihrer dunklen Haut im grünen See und sie planschte fröhlich, sodass das Wasser in alle Richtungen spritzte. »Na, komm schon! Hier sieht uns keiner!« Eine Ente flatterte quakend auf und ließ sich in sicherer Entfernung nieder.
»Nee!«, rief er. »Viel Spaß!«
Daraufhin begann sie, ihre Bahnen zu ziehen. Dennis legte sich auf den Rücken und guckte in den Himmel.
Er war gerade eingedöst, da schreckte ihn ein furchtbarer Schrei auf. Rasheeda!
Ohne nachzudenken sprang er auf und stürzte mit einem Hechtsprung ins Wasser.
»Dennis, nein!«
»Geht es dir gut?«
»Ja, ich … es war wohl nur ein Fisch, der mein Bein gestreift hat.«
»Fuck! Meine Hose! Mein Handy!«
»Tut mir leid, dass ich so geschrien habe. Ich hab mich voll erschreckt.«
»Schon gut. Nur wie kriege ich jetzt meine Klamotten trocken?«
»Ich kann dir meinen Rock anbieten.«
»Auf gar keinen Fall!«
»Tja dann … Ausziehen, in die Sonne legen.«
»Sag mal, Rasheeda?«
»Ja?«
»Warum trägt der Fisch eine Armbanduhr?«
Wieder schrie sie wie am Spieß und machte, dass sie aus dem Wasser kam.
»Reingelegt!«, rief Dennis und lachte.
»Biest!« Jetzt lachte auch sie und ließ sich auf ihr Handtuch fallen.


Diese Szene mit meinen Protagonist:innen aus „Schwuppenplanschen“ wird so nicht in den Roman kommen. Ich würde sie am ehesten als Prequel einordnen.

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