Personen und Diversity recherchieren — Hans Peter Roentgen + Nachtrag Coming Out

Personen und Diversity recherchieren — Hans Peter Roentgen + Nachtrag Coming Out

„Sensitivity-Writing“ ist das neue Schlagwort. In Romanen tauchen fast immer weiße Personen aus dem Bildungsbürgertum auf. Sonderlich verwunderlich ist das nicht, die meisten Autorinnen und Autoren stammen aus dieser Gruppe und kennen sich dort aus. Schon Frauen aus dieser Gruppe sind in Romanen und Filmen seltener als Männer, geschweige denn Angehörige von Minderheiten. Und wenn […]

Personen und Diversity recherchieren — Hans Peter Roentgen

An Recherche habe ich mich bisher noch nie so wirklich rangewagt, nur mal ein bisschen hier und da gegoogelt. Einmal habe ich eine Autorin gefragt, die jemanden kennt, der eigene Erfahrungen hatte mit einem Thema, das für mich wichtig war, weil es maßgeblich Einfluss auf eine meiner Figuren hatte. Sonst kaufe ich Bücher von Own Voice Autor:innen. Direkt Kontakt aufzunehmen und gezielte Fragen zu stellen fällt mir schwer. weshalb ich mich bisher davor gedrückt habe. Ausgenommen sind natürlich Menschen, die ich bereits kenne.

Ich finde Herrn Roentgens Beitrag lesenswert, da er aufzeigt, dass man auch bei sensiblen Themen recherchieren kann. Ich fand die Lektüre ermutigend, auch Stoff anzupacken, bei dem man sich bisweilen Sorgen macht, jemandem auf die Füße zu treten, weil man keine eigene Erfahrung hat.
Und ja: Man kann es nie allen recht machen. Aber nachfragen kann, darf und sollte man.

Nachtrag zum Coming Out

Beim letzten #diverserdonnerstag zum Thema Coming-out habe ich mich sehr kurz gefasst, weil ich vermeiden wollte, dazu einen ganzen Roman zu schreiben und auch zugegebenermaßen zu wenig Zeit dafür hatte.

Outen muss bzw. kann man sich ja nur bezüglich solcher Merkmale, die man einem nicht ansieht. Meine Hautfarbe sieht man mir an, meine Behinderung nicht. Vieles kann ich durch Kleidung ausdrücken, manches nicht. Manches möchte ich offenlegen, anderes nicht. Mein Körper schrie eine gefühlte Ewigkeit, ich sei eine Frau. Das war keine Verkleidung, ich konnte die falsche Hülle nicht einfach abstreifen.
Lange Jahre habe ich versucht, mich nicht outen zu müssen bzgl. trans*, Das sieht man mir ja nicht an, solange ich mich nicht ausziehe. Ich wurde dennoch immer wieder in Situationen gebracht (zB durch Behörden), in denen ich mich outen musste, was mich teilweise stark getriggert hat. Weil ich durch den Angleichungsprozess über Jahre hinweg gezwungen war, mich bei Hans und Franz zu outen und das auch noch zu belegen und gutachterlich bestätigen zu lassen. Es reicht ja nicht, wenn ich sage, dass ich ein Mann bin, dass müssen zwei Ärzte, ein Psychologe und ein Richter feststellen. Um den Weg zu ebnen, damit die Krankenkasse mir dabei hilft, dass mein Körper für mich spricht.
Dass ich schwul bin, muss ich eigentlich nicht rumposaunen, so lange ich nicht auf Partnersuche bin. Es reicht doch, wenn man das einmal im Freundeskreis bekanntgibt. Denkste! Es fällt doch immer wieder auf, wenn ich bei neuen Kontakten von meiner besseren Hälfte spreche. Wir werden schwul gelesen, wo wir als Paar auftreten. Dazu muss man gar nicht zum CSD gehen, nur einkaufen. Als Autor trete ich out and proud auf, weil ich mich als Own Voice positionieren will.
Auch bezüglich meiner bipolaren Störung könnte ich eigentlich Stillschweigen bewahren. Heul leise! Schon klar. Es ist aber für mich wichtig, ein Umfeld zu haben, das Verständnis hat. Für lange unangekündigte Phasen des Rückzugs. Für plötzlich auftretende Geselligkeit, die ebenso schnell wieder verschwindet. Sonst muss ich mir jedes Mal neue Freunde suchen.
Als hochsensible Person bin ich schnell überfordert von Reizen (was durch meine bipolare Störung noch verschärft wird), weshalb von anderen bevorzugte Umgebungen für Gespräche wie Cafés und Restaurants für mich absolut ungeeignet sind, weil ich da Gesprächen kaum folgen kann.
Ich könnte die Aufzählung noch fortsetzen, aber ich mag nicht mehr.

Ich bin des Outens müde. Und es fehlt mir auch, vollständig gesehen zu werden, wenn ich Teile meiner Selbst verschweigen muss. Ich mag keine Angst haben, mich zu verplappern und plötzlich unter Ressentiments leiden zu müssen. Deshalb mache ich es öffentlich: Ich bin Autor. Ich habe ein Buch geschrieben. Möge die Bubble der mir Wohlgesonnenen mich umhüllen.

#monthofdisability

#monthofdisability

In New York wird diesen Monat Disability Pride gefeiert – warum nicht auch hier?

Ich habe euch schon erzählt, dass ich wie Mark aus meinem in Arbeit befindlichen Roman »Der Genesungsbegleiter« eine bipolare Störung habe, aber noch nicht, was es für mich im Alltag bedeutet, mit dieser Erkrankung zu leben.

Da es sich bei der bipolaren Störung um eine chronische psychische Erkrankung handelt und meine Beschwerden sich voraussichtlich nicht bessern werden, hatte ich beantragt, eine Schwerbehinderung feststellen zu lassen. Mein Grad der Behinderung war anfangs nur 30, dann 70 und jetzt, da ich den Ausweis unbefristet habe, beträgt der GdB 50.

Die Rente wegen voller Erwerbsminderung ist gerade um drei Jahre verlängert worden. Ich kann also jetzt erst mal den Fokus wieder auf meine Ressourcen richten und muss erst beim nächsten Antrag auf Verlängerung wieder überlegen, was meine Einschränkungen sind.

Jetzt könnte man natürlich meinen, ich habe ja den ganzen Tag Zeit. Effektiv nutzen kann ich sie leider nicht so, wie ich das gern würde. Keinesfalls zuverlässig. Oft kann ich mich nicht gut konzentrieren, an manchen Tagen überhaupt nicht. Ich brauche viele Pausen. Ich denke langsamer, das macht sich in Gesprächen bemerkbar, vor allem dann, wenn ich eine bewusste Entscheidung treffen muss.

Seit ich medikamentös richtig eingestellt bin, nehme ich dreimal am Tag meine Medikamente, ein Antiepileptikum zur Phasenprophylaxe (Valproat) und ein Neuroleptikum (Olanzapin), das mich abends müde machen soll. Das funktioniert leider nicht so ganz – ich werde nicht pünktlich abends müde. ;)
Wenn mich etwas sehr aufgewühlt hat, kann ich die ganze Nacht nicht schlafen, auch wenn etwas Aufregendes bevorsteht, und das kann auch nur das Weckerklingeln sein, um die Katzen zu füttern. Das setzt mich dann so unter Druck, dass ich nicht einschlafen kann. Keine Sorge, die Katzen werden dann von meiner besseren Hälfte gefüttert.
Und wenn ich dann schlafe, dann 13 Stunden, um ausgeschlafen zu sein. Früher aufzustehen fällt mir sehr schwer, ich muss schon einen triftigen Grund wie etwa einen Arzttermin haben. Dadurch wird mein Tag dann sehr kurz, falls ich es überhaupt schaffe, nach elf Stunden schon wieder zu schlafen.
Faktisch passe ich nie richtig in den 24-Std.-Rhythmus und kann nicht gut Termine vereinbaren, weil ich im Grunde nie vorher sagen kann, ob ich dann gerade tagsüber oder nachts wach bin. Also treffe ich nur sehr wenige Verabredungen und manage meinen Schlaf mithilfe von Kaffee und Schokolade so, dass es dann eben passt. Meistens bedeutet das, dass ich länger wach bleibe und sich meine Schlafenszeit so immer nach hinten verschiebt.
Tendenziell werde ich eher depressiv, wenn ich zu viel schlafe (gut in den 24-Std.-Rhythmus passe), was meist im Winter der Fall ist, und dagegen bin ich eher im Sommer kommunikativer, kontaktfreudiger und eben auch mehr wach, was leicht in Richtung Hypomanie tendiert. Dafür bin ich dann eben auch kreativer und sozial besser eingebunden.

Jeder freudenvolle Tag ist mit der Angst verbunden, wieder zu entgleisen und erneut in der geschlossenen Psychiatrie zu landen.

Aber hey, wir erinnern uns: Die gute Nachricht ist, dass ich psychisch stabil bin. Ich war seit fünf Jahren nicht mehr in der Klinik. Deshalb will meine Psychiaterin, die ich alle zwei Monate aufsuche, auch keine Experimente in der Medikation mehr machen.
(Als ich es mit Lithium versucht hatte, hat dies eine genetisch vorprogrammierte Psoriasisarthritis (Schuppenflechte mit Gelenkbeteiligung) bei mir ausgelöst, was ihr sehr leidtat. Ich wollte das Zeug unbedingt ausprobieren und es war auch wirklich besser als das, was ich davor hatte. Mit dieser körperlichen Erkrankung konnte ich mich vergleichsweise leicht abfinden und halte relativ strenge Diät ein, um möglichst andere Behandlungen der Haut wie Cremes etc verzichten zu können. Gelenkschmerzen habe ich nach dem ersten Schub seither nur noch gelegentlich und belastungsabhängig.)

Solange ich mir alle Freiheiten lasse, merke ich von meinen Einschränkungen kaum welche. Diese zeigen sich erst beim Versuch sozialer Teilhabe. Gehe ich zum Beispiel jeden Montag singen, dann geht das meinetwegen dreimal gut und beim vierten Mal schlafe ich um die Zeit. Dabei bin ich eigentlich ein zuverlässiger Typ und nach Möglichkeit immer dabei.
Findet die Veranstaltung per Videotelefonie in meinem Wohnzimmer statt, ist der Aufwand für mich weitaus geringer, auch weil ich den Weg zum Veranstaltungsort spare und mich nicht den ganzen Reizen unterwegs aussetze. Deshalb profitiere ich sehr von den vielen Angeboten, die es jetzt auch digital gibt. Manche davon hätte ich sonst nie wahrgenommen.
Bei Reisen handhabe ich es übrigens so, dass ich immer schon einen Tag vor dem Beginn der Veranstaltung anreise, weil ich die Nacht vor der Fahrt erwartungsgemäß nicht schlafen kann, dann schlafe ich vor Ort früh ein und kann dann ausgeschlafen starten. Den Abreisetag nutze ich für mich zum Schlafen und fahre dann erst am Tag darauf nach Hause. Das ist natürlich mit einem Mehraufwand von Zeit und Kosten verbunden. Entsprechend selten verreise ich.

Ab und zu überprüfe ich, ob es nicht inzwischen besser geht mit meinem Biorhythmus. Mein letzter Versuch war, einen 28-Std.-Tag einzuführen, um eine bessere Planbarkeit zu haben. Meine Woche hatte sich dann jede Woche um einen Tag verschoben. Das ging grandios in die Hose, ich war völlig erschöpft vom Schlafmangel. Es ist und bleibt eine zirkadiane Schlafstörung, völlig unregelmäßig.

Das mit dem Schlaf ist nicht das einzige Problem in meinem Leben, aber das, was mich im Zusammenhang mit dieser Erkrankung am meisten wurmt. Diese Unverplanbarkeit. Dieser einzelne Aspekt meines Lebens gilt nur für mich und ist nicht repräsentativ für alle mit derselben Diagnose.

Auffällig ist: Wenn ich sage, dass ich Wechselschichten schlafe und man annimmt, dass ich Wechselschichten arbeite, dann wird das akzeptiert. Lege ich offen, dass ich krank bin, hagelt es gut gemeinte Ratschläge, um die Situation, mit der ich mich durch einen jahrelangen Genesungsprozess zu akzeptieren gelernt habe, zu ändern. Das nervt! Als ob ich mir nicht genug Mühe geben würde beim Gesundwerden.

Dennoch: Bei meinem nächsten Termin bei meiner Ärztin werde ich das Thema Schlaf noch mal ansprechen. Vielleicht kann ich noch etwas ausprobieren, das ich noch nicht versucht habe.

Update 26.07.21:

Zwischenzeitlich habe ich mit meiner Ärztin noch einmal über meine Schlafstörung gesprochen. Sie hat den Verdacht einer Schlafapnoe geäußert, was ich beim HNO abklären lassen werde. Es kann also sehr gut sein, dass meine Probleme wie Tagesmüdigkeit, Konzentrationsstörungen etc. und vor allem dieser extrem überhöhte Schlafbedarf gar nicht auf meine psychische Erkrankung zurückzuführen ist, sondern diese das Problem nur verschärft.

Update 16.09.21:

Die HNO hat nichts festgestellt, das durch eine OP behoben werden könnte bzw. müsste.
Ich war nach einer ambulanten Polysomnographie (beim Lungenfacharzt gibt es das als Kassenleistung, beim HNO als IGeL) im Schlaflabor und hatte etliche Atemaussetzer. Mir wurde eine Schlafmaske (in meinem Fall eine Vollgesichtsmaske) verordnet. Diese wird mit einem Gerät verbunden, sodass mir in der Nacht Luft in Mund und Nase gepustet wird. Dadurch werden nicht nur die Atemaussetzer vermieden, sondern auch mein Schnarchen lässt nach oder verschwindet sogar.

Im Schlaflabor

Ja, es sieht furchtbar gruselig aus, aber es ist bequemer, als es aussieht. xD
Ich bin jetzt sehr guter Dinge, dass ich nach einer Eingewöhnungszeit erheblich an Lebensqualität hinzugewinnen werde und auch mehr vom Tag habe, mehr erlebte Lebenszeit sozusagen.

Buchtipp: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten (Alice Hasters)

Buchtipp: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten (Alice Hasters)

Mit diesem Thema hätte ich mich schon viel früher befassen sollen, aber ich bin erst durch die blacklivesmatter-Bewegung darauf aufmerksam geworden und im Zusammenhang mit der Recherche für den Hintergrund für eine meiner Figuren: Rasheeda. Sie ist nicht Schwarz, aber auch nicht weiß – doch dazu später mehr.

Alice Hasters erzählt Episoden aus ihrem eigenen Leben und lässt die Leser:innen mitempfinden, wie sich alltäglicher Rassismus anfühlt. Denn hierbei geht es nicht um Nationalsozialismus und Rechtsradikale mit auf den Hals tätowierten Hakenkreuze, sondern um die kleinen Dinge, an denen sich bereits Rassismus zeigt.
Auch ich, habe ich mich ertappen müssen, war schon rassistisch gegenüber meinen Mitmenschen. Und das ohne böse Absicht und ohne es überhaupt zu merken. Dabei war ich bisher überzeugt davon, frei davon zu sein. Nazis sind doch immer die anderen. Die Leute, die die AfD und die NPD wählen. Die, die Attentate auf Synagogen verüben. Die, die ihre Mitmenschen aufgrund ihrer Hautfarbe anders behandeln. Und da haben wir es.

Durch Alice Hasters’ Buch habe ich jetzt begriffen, dass wir systemisch in diesen Rassismus verstrickt sind, den irgendwann mal ein weißer Mann erfunden hat. Seine Einteilung in Rassen wurde zu meiner Schulzeit noch gelehrt. Und das an einem Gymnasium, das eine Partnerschule in Israel sowie eine Israel-AG hatte und jedes Jahr in irgendeinem Fach das Dritte Reich thematisierte. Unser Geschichtsunterricht beschränkte sich dagegen hauptsächlich auf die Römer, da der Geschichtslehrer auch Latein gab. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir je über die Kolonialisierung gesprochen haben.
Der heutige Alltagsrassismus in Deutschland ist immer noch eine der Folgen der damaligen Kolonialisierung. Aber: Nur weil das Problem systemisch ist, bedeutet das noch lange nicht, dass wir alle unschuldige Opfer sind und die Hände in den Schoß legen können. Wir müssen etwas dagegen tun. Jede:r Einzelne muss sich damit auseinandersetzen, was unsere weißen Vorfahren BIPoC angetan haben, und auf sein eigenes Verhalten achten. Das fängt beim Denken an.

Besonders resoniert hat bei mir das Thema Haare. Alice Hasters beschreibt, dass ihr Fremde einfach so ungefragt in die Haare fassen. Ein absolutes No-Go! Ich möchte auch nicht von Fremden angetatscht werden. Wie kann man sich denn als erwachsene Person so daneben benehmen?
Vielleicht hatte ich da Glück, dass ich als Kind einem netten Schwarzen Mann in den Afro fassen durfte, um zu begreifen, was ich da sah. Er schärfte mir jedoch auch ein, dass ich immer vorher fragen muss. Auch lehrte er mich den sparsamen Umgang mit Wasser, aber das ist eine andere Geschichte.

Nach einem Afrikaurlaub kam ich mit Zöpfen (ich glaube Cornrows) zurück. Am Ende der Zöpfe waren Perlen eingearbeitet. Ich ging damals noch zur Grundschule. Die Sportlehrerin forderte mich dazu auf, den Schmuck aus meinen Haaren zu nehmen. Ich wusste gar nicht, was sie wollte. »Das sind meine Haare!«, protestierte ich. Zur Strafe wurde ich vom Unterricht ausgeschlossen und als ich die Woche darauf immer noch dieselbe Frisur hatte, beschwerte sich die Lehrerin bei meiner Mutter, was zur Folge hatte, dass meine Mutter unter meinem Zetern und Wutgeheul alle Zöpfe öffnete.
Eine Geschichte über Lehrer:innen, die mit ihrer Frisur nicht einverstanden waren, erzählt auch Alice Hasters. Und dabei fiel mir meine eigene wieder ein. Der Vergleich ist nicht fair, weil meine Haare auch ohne Zöpfe pflegeleicht sind. Aber lest selbst.

Ich glaube, dass ich jetzt etwas sensibler mit BIPoC umgehen kann. Jedenfalls will ich versuchen, die mir jetzt bekannten Fettnäpfchen auszulassen. Natürlich reicht es nicht, nur ein Buch zu lesen. Aber irgendwo muss man ja anfangen.
Und ich werde niemanden mit der Woher-kommst-du-Frage belästigen – die hasse ich nämlich selbst.

Making of: Der Genesungsbegleiter – Ver-rückt vor Liebe

Making of: Der Genesungsbegleiter – Ver-rückt vor Liebe

Ich habe euch schon erzählt, dass ich derzeit an zwei Romanprojekten arbeite. Den Anfang macht mein Erstling, an dem ich schon seit drei Jahren schreibe. Es geht in die Psychiatrie.

Worum geht es in der Geschichte?
Durch den Verlust ihres Vaters wird Lena depressiv. In der »Klinik am Baum« lernt Lena den bipolaren Genesungsbegleiter Mark kennen. Zwischen ihnen knistert es und sie kommen sich auf der Bank an der alten Eiche näher als sie sollten …

Warum schreibe gerade ich diese Geschichte?
Ich bin selbst EX-IN-zertifizierter Genesungsbegleiter. Das bedeutet, ich habe während meiner Ausbildung selbst zwei Praktika gemacht, ein Schnupperpraktikum und ein sogenanntes Vertiefungspraktikum.

Warum brauche ich so lange?
Es ist tatsächlich so, dass ich die erste Hälfte der Geschichte während zweieinhalb Jahren geschrieben habe. Darin enthalten war ein Dreivierteljahr, in dem ich gar nicht geschrieben habe. Ich brauchte einfach etwas Abstand von der ganzen Schreiberei. Während dieser Zeit habe ich all das neue Wissen zum Schreibhandwerk verdaut. Dann habe ich während des NaNoWriMo 2020 nur drei Wochen gebraucht, um die zweite Hälfte runterzuschreiben. Die war dann schon völlig ausgereift in meinem Kopf, wartete nur darauf, erzählt zu werden, und sprudelte nur so heraus!
Damit war dann die Rohfassung endlich fertig. Jetzt muss ich das ganze noch »richtig« überarbeiten, deshalb ruht der Text. Und weil ich auch das Überarbeiten noch erlerne, wird sicher noch einiges Wasser Elbe und Rhein herunterfließen …

Mit Abstand in die Überarbeitung
Ich freue mich schon, Mark und Lena wiederzubegegnen, wenn ich die Augen eines Lesers habe und mich freue, was ich da Tolles geschrieben habe und darüber stöhne, was ich noch alles verbessern muss. ;)

Lena und Mark unter der alten Eiche.

Das Bild hat Tobias Stein mir gezeichnet, weil ich ihn bei seinem Comicbuch unterstütze, indem ich ab und an auf seine Texte schaue. Ist das nicht toll?

Aber keine Sorge: Das wird nicht das Cover! Es macht mir nur die Figuren greifbarer und hilft mir, dranzubleiben. :)

SGZ 70 RASEN

SGZ 70 RASEN

Brühwarme Drabbles – wer sich für meinen kursiv markierten Gedankensalat nicht interessiert, scrollt einfach runter.
Die Minuten rasen dahin, während die Zeilen, die ich schreibe, eher kriechen. Zu oft verwerfe ich erdachte Richtungen, in die die Geschichte gehen könnte, schreibe Sätze nicht, führe sie anders fort.
Wäre ich jetzt wirklich in Eile aufgrund eines anstehenden Termins, könnte ich das jetzt als »fertig« erklären und einfach nicht weiterschreiben. Aber ist ein Dreizeiler eine Geschichte? Nein, nicht wirklich. Selbst für ein Drabble fehlen mir noch einige Wörter, denn das muss aus exakt hundert Wörtern bestehen.
Reicht überhaupt eine reine Innenschau, ohne, dass etwas passiert? Gleich wird etwas passieren, dann stehe ich auf und gehe spazieren. Ende Geschichte.

Drabble fertig, aber richtig, richtig schlecht. Wenn man jetzt nur den ersten Abschnitt zählt. Und mit Rasen oder rasen hat der Text auch nur entfernt zu tun. Wie man merkt, bin ich wirklich im Schreibfluss und rotze jeden Mist raus.
Mal überlegen, ob mir noch was Gescheites einfällt.
»Hach, ist die Wiese schön grün.« Kennt ihr den? Loriot. Klassiker. Muss man gesehen haben. Meine Drabbles muss man nicht gelesen haben. Vielleicht sind sie so scheiße, dass sie schon wieder geil sind. Aber das steht mir nicht zu, zu beurteilen. Das muss das Publikum entscheiden. Noch vier Wörter. Ende.

Mal sehen, wie viele Drabbles ich schaffe. Rasen. Auf Rasen konzentrieren. Rasen nennt man auch Wiese. Auf eine Wiese kann man sich legen. Eine schöne Wiese mit Gänseblümchen. Ohne Hundekacke bitte. Mit Picknickdecke und Love Interest. Picknick mit Hund ist lustig. Der benimmt sich dann wie eine Katze und läuft über den »Tisch«, schnüffelt hier und da, klaut die Wurst und so. Es sei denn, der ist gut erzogen. Dann benimmt der sich natürlich einwandfrei. Gell. Das tun sie doch alle. Vor allem die, die nur spielen wollen. Ich könnte also eine Geschichte über ein Picknick auf dem Rasen schreiben.

Gute Idee. Picknick auf dem kurz geschorenen Rasen im Vorgarten eines feindlich gesinnten Nachbarn gefällt mir noch besser. Das bietet mehr Konfliktpotenzial als der Hund, aber der kann gern bleiben. Hunde sind drollig.
Der Nachbar also. Ich hab so eine Postkarte mit zwei Farmern, die mit Schrotflinten bewaffnet sind und richtig übel dreinschauen. Ich weiß den Spruch dazu nicht mehr, verdammt. Der war richtig gut, der Spruch. »Der Nachbar bleibt immer«, oder so. Könnte man ja auch als Titel nehmen für eine Geschichte. Dann hätte ich mal wieder eine mit Titel. Aber stört wohl die wenigsten meiner Leser, ihr Fehlen.

Paar mit Hund picknickt auf dem ondulierten Vorgartenrasen des griesgrämigen Nachbarn, der eben noch mit der Nagelschere die Rasenkanten begradigt hat. Oder so. Ja, das wird lustig. Und dann laufen lassen.
Sie trägt ein rosa Kleid und weißen Sommerhut, er blaues Hemd und Jeans. Zu kitschig. Er trägt Anzug. Echt, und dann auf die Wiese? Wenn er selbst in der Nachbarschaft wohnt, holt er sich doch bestimmt zu Hause was bequemeres. Badesachen? Nee, zu nackelig. Kleid und T-Shirt, vielleicht Muscle-Shirt zu Jeans. Kurze Jeans.
Fünftes Drabble übrigens. Ich brauche also fünf Sechstel Schrott im Kopf für eine Story, die funzt.

Amanda setzte sich vorsichtig auf die Picknickdecke, die Jim auf dem frisch ondulierten Rasen platziert hatte. Sie achtete darauf, ihr hübsches rosafarbenes Kleid nicht zu versauen, denn ein grünes Freestyle-Muster würde nicht dazu passen.
Jim kniete vor ihr und entkorkte gerade den Champagner. Würde er sie heute fragen? Aber doch nicht in Muscle-Shirt und Jeans-Shorts? Obwohl, zum Anbeißen sah er schon aus, wie er ihr lachend die Schüssel mit den Erdbeeren reichte, damit sie sich bedienen konnte.
Hoffentlich war der alte Griesgram von nebenan heute nicht da oder im Keller mit seiner Modelleisenbahn beschäftigt.
»Was fällt Ihnen ein?! Verschwinden Sie hier!«

»Herr Patzke, immer mit der Ruhe«, versuchte Jim, zu beschwichtigen. »Sie wissen doch, wir haben keinen eigenen Garten.«
»Das ist mir doch egal! Runter von meinem Grundstück!« Er trat einen Schritt näher. »Oder muss ich Ihnen Beine machen?«
»Nein, schon gut«, sagte Amanda und raffte ihr Kleid zusammen, um aufzustehen.
»Bleib sitzen, Schatz. Ich kläre das.« Er drückte ihr die Flasche in die Hand.
Der Alte bückte sich und zerrte an einer Ecke der Decke, woraufhin klirrend das Geschirr zusammenstieß.
»Herr Patzke, ich bitte Sie. Was ist es, dass Sie wollen?«
»Sind Sie schwerhörig?« Er wurde lauter. »Verpissen Sie sich von meinem Grundstück!«

»Schatz, wirklich, wir sollten gehen, Jim.« Sie begann, all ihre Habseligkeiten einzupacken.
»Amanda …«
»Wir gehen, bevor er noch die Polizei holt oder Schlimmeres passiert.«
Jim versuchte es ein letztes Mal. »Herr Patzke, wenn wir Ihnen etwas anbieten können …«
»Weg hier! Sofort!«
Amanda erhob sich, klappte den Picknickkorb zu und begann, die Decke zusammenzufalten. »Jim, hilf mir bitte mal.«
»So hab ich mir den Tag wirklich nicht vorgestellt.«
»Das macht nichts. Es ist ja nicht unsere Goldene Hochzeit oder so etwas.«
Er grinste.
»Es war einfach eine dumme Idee, hierherzukommen. Entschuldigen Sie bitte, Herr Patzke.«

Okay, das waren jetzt, meinem Anspruchsdenken nach keine richtigen Drabbles, weil ein Drabble ja eine Geschichte in exakt hundert Wörtern sein sollte und nicht irgendwelcher Text. Aber zum Messen des Verhältnisses von gedanklichem Ausschuss und brauchbarem Text ist das schon echt praktisch. Mittlerweile bin ich bei einem Verhältnis von fünf zu drei angekommen, also drei Achtel sind brauchbarer Text.
Jetzt versuche ich noch, das ganze in ein einziges Drabble zu stopfen. Zeit habe ich nicht mehr viel, aber das beflügelt mich geradezu. Was kann ich jetzt weglassen und was ist wirklich wichtig für die Story? Nicht ganz einfach. Mal sehen.

Um Amanda einen Heiratsantrag zu machen, hatte Jim sie zu einem Picknick mit Erdbeeren und Champagner eingeladen. Sie hatten es sich gerade gemütlich gemacht, da kam Fiesling Patzke von nebenan, auf dessen Rasen sie saßen und wollte sie verjagen.
»Runter von meinem Grundstück!«
Jim versuchte, mit dem alten Herrn zu reden und zu einer diplomatischen Lösung für sie alle zu finden. Vielleicht hätten sie ihm einen Gefallen tun können oder er wäre an Geld interessiert? Doch keine Chance.
Amanda hatte gleich erkannt, dass es nur die Möglichkeit gab, rasch alles einzupacken und von hier wieder zu verschwinden.
Auf gute Nachbarschaft!

Wörter: 1.000

Mir persönlich gefällt der Dreidrabbler besser, aber jetzt habe ich auch keine Zeit mehr, um noch mehr an dem fett gedruckten Drabble zu feilen.

Übrigens habe ich damit jetzt insgesamt die 20.000 Wörter überschritten.