Alexander Hörl: Blutiger Nebel

Alexander Hörl: Blutiger Nebel

O misera sors hominis, cum hos perdidit ad quod factus est. O durus et dirus casus ille! Heu, quid perdidit et quid invenit, quid abscessit et quid remansit!

O elendes Los des Menschen, weil er das verloren hat, wozu er geschaffen wurde. O jener harte und schreckliche Unglücksfall! Wehe, was hat er verloren und was hat er gefunden, was ist entschwunden und was geblieben?

– Anselm von Canterbury, Proslogion

Blutige Nebelschwaden umhüllten die Schule, als der Mann vor der Eingangstür zusammenbrach. Er trug einen nassen schwarzen Mantel und zitterte vor Kälte und Schmerzen. Als ich auf ihn zuging, erblickte ich schneeweiße Haare und ein Gesicht, das vorzeitig gealtert war.
Ich kannte den Mann nicht, aber ich konnte ihn nicht einfach liegen lassen. Eigentlich war der Unterricht schon längst vorbei und ich hatte längst nach Hause gehen wollen. All meine Freunde waren schon längst verschwunden, selbst der schweigsame Junge in der letzten Reihe, der auch immer länger blieb. Doch ein unbestimmtes Gefühl brachte mich dazu, unruhig durch die verlassenen Gänge zu wandern und ihre unerträglich kalten Wände zu mustern. Immerhin war ich so nicht gezwungen, den grausamen Nebel anzusehen.
Als Schulsprecherin besaß ich einen Schlüssel zum Krankenzimmer. Es dauerte eine Weile, bis ich den Mann dorthin gebracht hatte. Obwohl ich ihn stützte, schien ihm jeder einzelne Schritt unerträgliche Qualen zu bereiten. Als ich ihn auf das Bett gleiten ließ, seufzten wir beide erleichtert auf.»Träume ich?«, murmelte der Mann und ein schwaches Lächeln huschte über sein blasses Gesicht. »Bist du ein Geist? Ein Engel?«
»Ein Mensch«, erwiderte ich und lachte verlegen. »Nur ein Mensch.«
»Ein Mensch«, murmelte er mit nachdenklicher Stimme.
Ich fragte ihn, ob er verletzt sei, ob ich einen Rettungswagen rufen solle. Er winkte ab und rieb sich die Schläfen.
»Es ist der Nebel«, erklärte er. »Der Nebel raubt mir die Sinne. Geht es dir auch so? Nein? Nun, man muss sich nur ein wenig ausruhen. In der Regel verfliegt es dann so schnell, wie es gekommen ist.«
Ich nickte, konnte aber den gequälten Ausdruck seiner Miene nicht übersehen. Ich konnte ihn nicht einfach zurücklassen. Also ließ ich mich auf einen Stuhl sinken und begann ein Gespräch, um ihn von seinen Schmerzen abzulenken. Ich fragte ihn, woher er stamme.
»Von weit, weit her«, entgegnete er. »Eigentlich bin ich hier zur Schule gegangen.«
Ich wollte nicht unhöflich sein und fragte nicht nach seinem Alter.
»Was hast du da draußen gemacht?«, wunderte ich mich stattdessen.
Ein Finger des Mannes zuckte und einen Augenblick lang wirkte er merkwürdig verändert. Ein unaussprechlicher Schatten glitt über sein fahles Gesicht und furchte seine zerknitterte Haut. Dann verschwand der Ausdruck und sein gequältes Lächeln kehrte zurück.
»Ich wollte einfach nur nach draußen gehen. Das hört sich seltsam an, nicht wahr? Ich wollte nicht nach Hause, weil mich Furcht quälte und wanderte stattdessen in den Nebel. Irgendwann verschwamm meine Umgebung zu einer unkenntlichen, chaotischen Sphäre, in der es weder Ordnung noch Raum zu geben schien …« Kurz glitt sein Blick in weite Ferne, bevor er schluckte und leicht den Kopf schüttelte. »Kannst du dir vorstellen, in einem formlosen Nichts umherzuwandern? So in etwa war es.« Er schloss die Augen und ich straffte mich. Mich erfüllte die unbestimmte Vorahnung, dass eine grauenerregende Enthüllung kurz bevorstand.
»Dann begegnete ich einer Person. Sie erschien plötzlich aus den Nebelschwaden. Ich konnte nicht erkennen, woher sie kam. Ich sah sie an, suchte nach Augen, nach einer Nase, nach einer bekannten Form … aber da war kein Gesicht. Ich wollte weglaufen, aber stattdessen stand ich wie festgefroren und blickte in dieses leere, widernatürliche Gesicht … und dann, ohne Vorwarnung, stürmte der Nebel auf mich zu … ja, er stürmte auf mich zu! Er drang mir in Nasen und Ohren, in Augen und Mund und plötzlich verschmolz ich mit dem Nebel … und während in mir die kräftigen, ungetrübten Schläge meines Herzens unvermindert andauerten, fühlte ich mein eigenes Gesicht langsam verschwinden und mich in eine unendliche Leere stürzen, in der weder Verstand noch Ordnung existiert …«
Seinen Worten folgte eine allumfassende, erdrückende Stille. Ich wagte nichts zu sagen.
Stattdessen richtete ich meine Augen auf die Blumenvase auf der Fensterbank. Die Blüte wirkte krank und welk, obwohl sie in festem Leben stand.
»Ist das nicht sonderbar?«, murmelte der Mann. »Ich muss stundenlang umhergeirrt sein, aber ich bin vor der Schule zusammengebrochen. Ausgerechnet hier.«
Er sah mich an, als ob er eine Antwort erwartete. Ich blieb sie ihm schuldig.
Wir verharrten noch eine Weile schweigend, dann erhob er sich und lächelte mich gequält an. Er sagte, er müsse nach Hause gehen. Ich begleitete ihn bis zur Tür. Er reichte mir seine Hand. Ich hielt sie eine Sekunde länger als nötig. Als die zitternden Umrisse seines feuchtnassen Mantels im blutigen Nebel verschwanden, schloss ich die Augen, um meine Tränen zurückzuhalten. Ich hatte ihn erkannt. Er war der schweigsame Junge aus der letzten Reihe, der an diesem Nachmittag nun schon zum zweiten Mal die Schule verließ.


Alexander Hörl trägt diesen Monat zu unserem Blogring diese Geschichte bei, für die ich mich bedanke. Sehr schön!
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Lesung vor Acht (Instagram).

Weizen, blauer Himmel und ein Kleeblatt

Weizen, blauer Himmel und ein Kleeblatt

»Meinst du, mein Bett reicht aus für die beiden?«, fragte Samir und beäugte die nur einen Meter breite Schlafstatt skeptisch.
»Na klar, Yakov und Artjom sind doch ein Paar. Ist ja nicht wie bei uns. Bringt bestimmt Leben in die Bude«, sagte Azis mit einem Augenzwinkern.
Der junge Syrer schenkte dem Deutschtürken ein Lächeln. Vor sieben Jahren hatten die beiden sich über den Queer Refugee Support kennengelernt, als Samir dringend nach einer sicheren Bleibe gesucht hatte. Wo er keine Angst haben musste, wegen seiner Homosexualität angegriffen zu werden. Bei Azis hatte er sich sofort wohlgefühlt und ungewöhnlich schnell Vertrauen gefasst. Bald hatten sie sich angefreundet und so war aus der provisorischen Wohngemeinschaft eine dauerhafte geworden.
Angesichts des Krieges in der Ukraine hatten sie gemeinsam beschlossen, vorübergehend beide in Azis‘ Doppelbett zu schlafen und Samirs Zimmer für ein geflüchtetes Paar zur Verfügung zu stellen. Ein erstes Treffen auf neutralem Boden hatte ergeben, dass der russische Blogger und sein ukrainischer Freund gut zu ihnen beiden passten.
Samir holte seine Jacke vom Haken. »Okay. Dann lass uns losfahren.«

An der Flüchtlingsunterkunft in den Messehallen standen Artjom und Yakov wartend an der Straße und blickten suchend umher.
Azis stieg zuerst aus und winkte. »Hier sind wir! We are here!«
»Wie schön, euch zu sehen!«, antwortete Artjom auf Englisch. Für die wenigen Habseligkeiten, die sie bei sich hatten, war im Kofferraum mehr als genug Platz. Das ukrainisch-russische Paar quetschte sich auf die Rückbank, Azis setzte sich auf den Beifahrersitz und Samir hinters Steuer.
»Also Artjom, du bloggst, richtig? Machst du das beruflich oder ist das nur ein Hobby?« Für Samir brauchte Azis nicht zu übersetzen.
»Ein Hobby? Ich bekomme dafür kein Geld, ich kämpfe für die Freiheit! Ich übersetze englischsprachige Informationen aus dem Westen auf Russisch, damit meine Landsleute endlich begreifen, dass sie die ganze Zeit belogen werden. Dort werden überall im Fernsehen und in den Zeitungen Lügen erzählt über den Westen. TV Doschd ist verboten! Wer die Wahrheit sagt, kommt ins Gefängnis oder schlimmer noch ins Straflager und wird gefoltert wie Nawalny. Das dürfen die Leute sich nicht länger gefallen lassen und müssen sich endlich zur Wehr setzen. Menschen werden eingesperrt und gefoltert, nur weil sie eine andere Meinung haben als Putin!«
Beim Wort »Putin« zuckte Yakov zusammen. Artjom übersetzte für ihn, was er gesagt hatte. Yakov ballte die Faust. »Putin ist böse! Wie Hitler, nur zehnmal schlimmer!«
»So etwas darf nicht sein«, fuhr Artjom fort. »Deshalb muss ich berichten. Ich habe Glück gehabt, dass sie mich nicht gefunden haben, solange ich noch in Russland war. Oder ich bin zu unbedeutend, weil meine Reichweite zu gering ist. Aber ich mache weiter. Russland ist meine Heimat und ich will dort in Freiheit leben.«
Azis wandte sich wieder an Artjom. »Sprecht ihr beide miteinander eigentlich russisch oder ukrainisch? Ich kann das gar nicht unterscheiden.«
»Wir sprechen russisch. Yakov versteht kein Englisch und ich kein Ukrainisch.«
»Wir haben am Anfang nur Englisch miteinander gesprochen. Aber ich wollte unbedingt Deutsch lernen«, sagte Samir, »inzwischen studiere ich sogar Germanistik. Eines Tages werde ich Lehrer. Ich kann euch Deutsch beibringen, wenn ihr wollt.«
»Ich weiß nicht«, sagte Yakov. »Ich will nicht in Deutschland bleiben. Sobald es sicher ist, will ich wieder nach Hause. Sobald sich Putin mit Selenskyj am Verhandlungstisch geeinigt hat, wird auch der Krieg zu Ende sein. Der Westen ist viel mächtiger als Putin, das muss er doch einsehen. Die Sowjetzeiten sind vorbei.«
»Erst mal kommt ihr bei uns unter und vielleicht ist der Krieg nächste Woche schon wieder zu Ende.« Doch niemand in diesem Auto glaubte daran.

In der WG angekommen verstauten sie gemeinsam das Gepäck, Azis präsentierte das Gästezimmer und Samir stellte Getränke auf den Esstisch.
»Habt ihr beiden Hunger?«, fragte Azis. Azis hatte immer Hunger. Und als guter Gastgeber war er gerne bereit, das Baklava, das er selbst zubereitet hatte, mit ihnen zu teilen. Sie lehnten ab.
»Und du, Yakov, was machst du?«, wollte Samir wissen.
»Ich bin jetzt arbeitslos. Die Fabrik, in der ich gearbeitet habe, ist zerbombt worden. Wir haben Weizen gemahlen und in Tüten verpackt. Alles kaputt.«
»Und bei uns sind die Regale leer. Kein Mehl, keine Nudeln, kein Pflanzenöl. Schlimmer als zu Beginn der Corona-Pandemie«, warf Azis ein. »Wir haben aber genug Klopapier für alle.« Er war stolz auf sich, hatte er doch morgens um viertel vor sieben auf die Öffnung des Supermarkts gewartet, obwohl er normalerweise erst um zehn aufstand. Freundlich lächelte er die beiden an.
»Du hast Sorgen!« Artjom zog die Augenbrauen zusammen, dass sein Freund ihn mit großen Augen ansah. »Mehl kannst du auch woanders kaufen, im Ausland. Tote Verwandte nicht. Werden nicht wieder lebendig, meine ich.«
Unter Tränen zählte Yakov auf, wen er alles verloren hatte. Beschrieb, wie er im Keller gefroren und nicht gewusst hatte, ob er vor Kälte oder vor Angst zitterte.
Samir sah plötzlich wieder seinen Onkel tot neben sich im Dreck liegen, eine Blutlache unter sich. Er hörte die Schüsse von den Wänden widerhallen; starr vor Angst wagte er nicht, aufzustehen. Seine Mutter, geschändet und ermordet. Sein Vater, aufgehängt an einem Baum, seine jüngsten Brüder mit ihm in einer Reihe. Samir kamen die Tränen, wie er jetzt im reichen Deutschland an einem Tisch mit einem weißen geflüchteten Paar saß und sein Mitbewohner sich um fehlendes Mehl oder Klopapier sorgte. Sie hatten alles: Zu trinken, zu essen, sie spülten sogar ihre Scheiße mit Trinkwasser in die Kanalisation! Azis hatte Angst bei Gewitter, aber nie vor Angst zitternd in einem Keller gesessen und bei jeder Detonation gehofft, dass das Haus stehen blieb.
»Entschuldige bitte, Samir.«
»Entschuldige dich bei Yakov. Ich komme klar. Mir tut es leid, dass ich dir nie meine Geschichte erzählt habe.«
Artjom übersetzte leise und ruhig, was gesagt worden war, und Yakov sank in sich zusammen, drückte sich eng an seinen Freund.
Eine lange Pause entstand.
Leise und stockend fing dann Yakov an zu erzählen. Artjom war zufällig zu Besuch bei Yakov, als Putins Truppen in der Ukraine einfielen. Für den Russen war sofort klar, dass für ihn kein Weg zurückführte, sondern sie beide schleunigst dort wegmussten. Sie wollten gar nicht unbedingt nach Hamburg, aber in Lwiw hatte ein Hamburger Privatmann sie einfach in sein Auto geladen und sie waren froh, nicht länger frieren zu müssen. Der Mann sprach nur schlechtes Englisch und gar kein Russisch oder Ukrainisch, also redeten sie nicht viel und hofften auf das Beste.
Für den Moment waren Azis und Samir das Beste, das ihnen passieren konnte.

Abends legte Samir sich zu seinem Mitbewohner ins Bett und beide drehten sich den Rücken zu wie ein altes Ehepaar.
»Denkst du, die beiden werden sich bei uns wohlfühlen?«, fragte Azis.
»Sie werden sich überall wohler fühlen als da, wo Krieg ist.«
»Daran habe ich gar nicht gedacht.«
»Ich weiß. Aber sicher ist es hier auch besser als in der Unterkunft auf dem Messegelände, falls du das meintest.« Samir dachte an die Enge, die abgestandene Luft, die fehlende Privatsphäre. Und obendrein ständig die Angst, irgendjemand könnte herausfinden, dass er schwul war. Wie gut er es doch hier hatte. Er wäre schon dankbar gewesen, überhaupt mit dem Leben davongekommen zu sein.
»Gute Nacht, Hase.«
»Schlaf gut, Teddybär.«
Damit knipsten sie die Nachttischlampen aus. Samir dachte darüber nach, ob das wohl ausreichend wäre als Verdunkelungsmaßnahme und dass man sich darum gar keine Sorgen mehr machen musste, wenn erst der Strom ausgefallen war.

»Ich habe Angst«, flüsterte Yakov, als er mit Artjom in dem schmalen Bett lag.
»Ich weiß«, sagte Artjom und strich ihm beruhigend durchs Haar.
»Dass der Krieg auch hierher kommt.«
»Ich weiß.«
»Ich erinnere mich noch an unseren ersten Sommer im Weizenfeld unter blauem Himmel. Als du mir das Kleeblatt geschenkt hast. Wie waren wir glücklich. Ich liebe dich, Artjom.«
»Ich liebe dich auch, Yakov.«
Sie hielten sich eng umschlungen und küssten sich zärtlich.
»Warum können sich nicht alle Russen und Ukrainer lieben, so wie wir?«
»Ich weiß nicht.«
»Vielleicht stirbt Putin an Corona und dann wird alles gut.«
Artjom lachte. »Ja, vielleicht.« Die Hoffnung hatte er bei Trump auch gehabt. Und dann hatte das Volk gewählt und ein anderer war an die Macht gekommen.


Diese Geschichte entstand für eine Ausschreibung. Leider wurde mein Text nicht ausgewählt. Dies ist der „Directors Cut“, die Fassung vor einer Überarbeitung anhand von Kommentaren von Testlesern.

Die Ukraine feiert heute den Tag ihrer Unabhängigkeit.

Sexuelle Präferenz #diverserdonnerstag

Sexuelle Präferenz #diverserdonnerstag

Nachdem wir über Geschlechtsidentität gesprochen haben, geht es heute um die sexuelle Präferenz. Pansexualität, kurz pansexuell oder einfach nur pan bezeichnet eine sexuelle Orientierung, bei der Personen in ihrem Begehren keine Vorauswahl nach Geschlecht oder Geschlechtsidentität treffen. […] Demgegenüber begehren und lieben bisexuelle Menschen nur Männer und Frauen. (Wikipedia)

Persönliche Erfahrungen

Ich sage gern, ich bin vorwiegend schwul. Es wurde von mir „als Frau“ erwartet, dass ich mich für Männer interessiere. An meiner sexuellen Präferenz hat sich bis heute nichts geändert. Damals wurde ich als hetero angesehen. Heute gelte ich als schwul. Dadurch ist der diesbezügliche Umgang mit mir bei weitem nicht mehr so selbstverständlich. Auf einmal erscheint es ungewöhnlich. Erzähle ich gewohnt beiläufig von meinem Mann, so werde ich unterbrochen mit der Frage, ob ich schwul sei. Was ich darauf wohl antworten soll? „Nein, aber ich sehe mich gesellschaftlich dazu gezwungen, mit einem Mann zusammenzuleben“ wohl kaum. Würde man einen Mann, der von seiner Frau erzählt, fragen, ob er hetero ist? Wohl eher nicht.

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Nalex: Lucan

Nalex: Lucan

Endlich war Lucan auf dem Weg in seine kleine Kammer am Ende des ersten Wohnflures der hiesigen Gilde. Die Ruhe, die dieser Teil des Geländes ausstrahlte, wirkte sich recht positiv auf ihn aus. So auch jetzt, denn die ständigen Schmähungen einer Gruppe anderer Novizen adliger Abstammung erinnerten immer wieder daran, dass er aus einem einfachen Dorf stammte.
Auf seinem Weg aus dem Gemeinschaftsraum hatten ihn nicht nur verbale Attacken begleitet. Zu allem Überfluss hatte ihm jemand ein Bein gestellt, was ihn hatte stolpern lassen.
Leicht humpelnd trat Lucan auf die Treppe zu, die in den Trakt der Wohnflure hinaufführt, wo sich seine Kammer befand. Lucan hatte sich für diesen Weg entschieden, weil sich hier nur wenige Personen aufhielten, obwohl die Schlafkammern hierüber schneller erreichte.
Auch wenn er nicht viele Stufen zu erklimmen brauchte, machte er sich über den Aufstieg ein wenig Sorgen. Denn der eine Knöchel begann unheilvoll zu schmerzen.
Gerade als der schlanke Mann die Treppe zur Hälfte erklommen hatte, drangen Schritte und Stimmen zu ihm herauf. Mit angehaltener Luft warf Lucan einen Blick über seine Schulter, wobei er feststellte, dass sich drei seiner Peiniger dem Treppenabsatz näherten. Auch wenn sie es nicht eilig zu haben schienen hatte dies nichts zu heißen. Die anderen der Gruppe konnten sich überall in dem Domizil befinden um ihn auf seinem Weg aufzuhalten. Mit diesem Gedanken beschleunigten sich Lucans Atem und Herzschlag.
Bis jetzt hatte er nicht in Erfahrung bringen können, wieso diese arroganten Sprösslinge es gerade auf IHN abgesehen hatten. Immer wenn er meinte endlich die Lösung gefunden zu haben, stieß er umgehend auf eine Mauer aus Schweigen.
Der Wunsch sich in eine der Nischen zurückzuziehen, schien in diesem Augenblick in weiter ferne zu Rücken. Vor allem auch aus dem Grund, dass sich seine Peiniger der Treppe zuwandten.
Widerwillig setzte er sich in Bewegung. So schnell es nun mal ging, setzte er seinen Weg fort. Allzu gerne hätte Lucan lauthals geflucht. Doch die Anwesenheit seiner Peiniger hielt ihn zurück.
Sein Ziel endlich ein vollwertiges Mitglied der hiesigen Gesellschaft zu sein, rückte stetig weiter weg. Tränen der Wut und Verzweiflung stiegen brennend in seine Augen und machten den Aufstieg schwieriger.
Endlich auf dem Treppenabsatz angekommen von dem aus Lucan zu seiner Kammer kam, konnte er die Stimmen seiner Verfolger besser verstehen. Allerdings schienen sie es nicht eilig zu haben. Die Schritte hatten nicht an Geschwindigkeit zugenommen.
Lucan trat in den Gang und lehnte sich für einen kurzen Moment an die grob behauene Wand. Kurz sah er in den spärlich beleuchtenden Gang und wartete auf die Ruhe, die sich sonst immer einstellte.
Dann stieß er sich mit einem leisen Seufzer von der Wand ab, um seinen Weg fortzusetzen. Er musste jedoch gegen den Drang ankämpfen sich nach seinen Verfolgern umzusehen. Er wollte nicht schon wieder in die Fänge dieser Personen geraten. Als wenig später ein Lachen an seine Ohren drang, zuckte Lucan zusammen. Mit feuchten Händen und dem Rauschen seines Blutes in seinen Ohren setzte er seinen Weg fort.
Er wollte nur noch die Tür zu seiner Kammer hinter sich schließen bevor SIE ihn einholten.
Erinnerungen und Gefühle aus Gegenwart und Vergangenheit vermischten sich miteinander, was dazu führte, dass er sich unsicher fühlte. So gut es ging, drängte Lucan all das, was sich gerade seinen Weg nach oben suchte, zur Seite.
Regelmäßig blieb er an den Unebenheiten des Ganges hängen und geriet so ins Straucheln.
Lautes Gelächter erklang hinter ihm und wurde von den Wänden hin und her geworfen. Selbst als es langsam verklang, hallte es in Lucans Kopf in voller Lautstärke wider. Vor allem weil ihm bewusst wurde, dass die anderen den Eingang des Flures erreicht hatten. Mühsam und mit sich selbst kämpfend fiel ihm sein Weg weitaus schwieriger.
Um nicht den Mut zu verlieren, fing er an die Türen zu zählen, die noch zwischen ihm und seiner Kammer lagen. Erst um einiges später erkannte er im dämmrigen Lichtschein die schmale Pforte zu seiner Kammer. Sein Herz begann nun schneller zu schlagen. Dieses Mal nicht aus Furcht.
Mit zittrigen Händen suchte er in seinem Umhang nach den Schlüsseln, die er bald umschloss.
Erst als er die Tür seiner Kammer fast erreicht hatte, wurde ihm bewusst, dass er nichts außer seinen Herzschlag hörte. Waren seine Peiniger ihm nun gefolgt oder standen sie noch immer dort wo sie waren um ihn dann zu überrumpeln?
An der Pforte angekommen, schob er unbeholfen den Schlüssel ins Schloss, was durch das Zittern länger dauerte als sonst.
Als sich nach zwei Umdrehungen das Klicken des Schlosses machte sein Herz einen Sprung vor Erleichterung. Lucan lehnte sich an die Tür, sodass sich ein schmaler Spalt zeigte.
Ohne ein noch einmal nach hinten zu werfen, schob er sich durch diesen.


Nalex trägt diesen Monat zu unserem Blogring diese Geschichte bei, für die ich mich bedanke. Sehr schön!
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Ich könnte das ja nicht

Ich könnte das ja nicht

Für heute war das letzte Monster besiegt und auch die Feedbackrunde neigte sich dem Ende.
Heiko richtete das Wort an Jürgen. »Wie schön, dass Du heute dabei warst, Jüjü. Wir hatten dich schon vermisst.«
»Ja, es tut mir leid, aber ich finde einfach die Zeit nicht.«
»Wegen Martin«, warf Sabine ein.
»Ach ja …« Heiko schwieg lieber. Als Altenpfleger wusste er, wie belastend der Umgang mit Menschen mit Behinderungen für die Angehörigen sein konnte.
»Es ist echt Wahnsinn, was der Jüjü alles leistet. Er macht so viel für Martin. Einkaufen, Kochen, Putzen, Waschen … eigentlich den ganzen Haushalt. Und das Geld für zwei verdient er auch noch! Ich könnte das ja nicht.« Sabine sah ihn anerkennend an.
Jürgen rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum. »Es geht schon viel Zeit dafür drauf …«
»Dein Mann soll ja auch so was wie ein Leben haben, nicht wahr?«
»Nee, Sabine, so kannste das jetzt auch nicht sagen. Martin geht zeitweise an Krücken, das ist alles. Ansonsten gehts dem nicht viel anders als uns auch.«
»Ja, aber das ist doch schlimm! Dem muss man doch helfen«, widersprach sie. »Jüjü, sag doch auch mal was!«
»Heiko hat schon recht. Es sind eigentlich nur die Krücken.«
»Und uneigentlich?«
»Darüber möchte ich nicht so gern sprechen.«
»Jüjü!«
»Also gut. Seine Launen sind schwer auszuhalten. Manchmal wird er plötzlich wütend und ich weiß nicht, warum. Er sitzt meistens da im Sessel wie ein Pascha und legt die Füße hoch. Ich bringe ihm dann, was er braucht, damit er nicht noch mal aufstehen muss. Als hätte ich nichts anderes zu tun. Aber er hat ja Schmerzen. Ich sehe ja, wie er das Gesicht verzieht, wenn er durch die Wohnung humpelt. Das kann ich nicht ertragen. Dann scheint plötzlich nichts zu sein und er schleppt schwere Einkäufe oder geht ohne Krücken zur Post, dann wieder braucht er sie sogar in der Wohnung. Ich will ja nicht, dass er leidet. Ich liebe ihn doch.« Tränen liefen über Jürgens Wangen.
»Armer Jüjü.« Sabine tätschelte seinen Arm.
»Du schlägst dich echt wacker«, sagte Heiko. »Falls du mal Fragen hast, kannst du dich gern an mich wenden.«
»Danke.« Jürgen schniefte.

»Ich bin so maximal wütend auf ihn!« Martin verstaute seine Krücken unter dem Tisch.
»Was hat Jürgen diesmal wieder angestellt?« Ella justierte ihr Hörgerät. »Ich bin ganz Ohr.«
»Heute ist Donnerstag, richtig?«
»Richtig.« Ella konnte sich ein erwartungsvolles Grinsen nicht verkneifen.
»Am Montag bin ich wie üblich einkaufen gegangen. Weil viel auf dem Zettel stand, habe ich überlegt, ob ich mit dem Rucksack zweimal gehe oder ob ich es irgendwie hinkriegen kann, den Hackenporsche zu nehmen. Ich habe mich dann für Letzteres entschieden und auf eine der Krücken verzichtet. Das ging auch erstaunlich gut. Ich meine, ich entlaste ja nur das Knie. Es ist ja nicht so, dass ich sonst nicht laufen könnte, ich möchte nur vermeiden, dass ich wieder in Schonhaltung gehe, weil dann die Bandscheibe zickt …
Egal. Jürgen also. Heute erzählt er mir, wenn ich am Montag noch eine halbe Stunde länger gewartet hätte, dann wäre sein Meeting zu Ende gewesen und dann hätte er auch selbst einkaufen gehen können oder er wäre mitgegangen und hätte die schweren Beutel geschleppt. Ich meine, was soll das denn? Ich bin doch kein Pflegefall! Ich kann mich selbstständig versorgen. Ich fand das so was von übergriffig!«
»Hast du ihm das mal gesagt?«
»Ach klar, die Ableismus-Diskussion hatten wir schon zigmal. Das ist wirklich müßig. Er kocht auch. Weißt du, ich habe gerade gefrühstückt, da fragt er, was ich zu Mittag essen will. Ich würde lieber mal selbst was kochen. Oder wegen mir auch zusammen, lecker Lasagne zum Beispiel, aber das geht nie, ohne dass er mir jeden Handgriff wegnimmt.«
»Glaubt er, du kannst das nicht?«
»Ja, kann sein. Ihm scheint gar nicht klar zu sein, dass es mir schlechter geht, je weniger ich selbst mache. Ich will nicht immobil werden. Wenn ich einen schlimmen Schub habe, dann kann ich ja keine fünf Minuten stehen ohne die Krücken. Und das sieht er ja nicht, wie es mir gerade geht. Aber der letzte schlimme Schub ist drei Jahre her. Und: Mit den Krücken geht es ja besser als ohne, auch wenn es schlimmer aussieht. Wenn er mal mit mir reden würde, hätte er das auch mitbekommen. Aber nein, länger als eine Stunde kann er sich ja nicht mit mir unterhalten, spielt aber problemlos mit seinen Freunden zehn, zwölf Stunden Rollenspiel am Stück.«
»So lange?«
»Mir wäre das definitiv zu lange mit so vielen Leuten in einer Gruppe. Ich würd da ja schon nach zwei Stunden aufm Zahnfleisch gehen. Aber er ist da ja irgendwie anders verdrahtet. Apropos spielen: Da kann er auch nicht abwarten, bis ich selbst eine Entscheidung getroffen habe. Der diktiert mir fast alles. So macht das keinen Spaß. Dabei spiele ich überhaupt nur ihm zuliebe mit ihm. Für mich ist das vertane Zeit.«
»Wenn er eine Pflegestufe für dich beantragen will, kannste ihn zu mir schicken.«
Martin lachte. »Lass mal, Ella. Noch komme ich gut allein zurecht und da finde ich es nicht angebracht, Pflegegeld zu kassieren. Aber ich komme gerne darauf zurück, sollte es sich ändern. So, das war mein Rant, du bist dran.« Entspannt lehnte er sich zurück.


Entstanden im Rahmen einer Schreibübung, bei der eine Figur von anderen Figuren gegensätzlich dargestellt werden sollte.


Übrigens: Der Juli ist der Disability Pride Month.

Bodyshaming #diverserdonnerstag

Bodyshaming #diverserdonnerstag

Als Bodyshaming bzw. Body-Shaming werden vor allem in sozialen Netzwerken abwertende Äußerungen über das Aussehen Anderer bezeichnet. Früher gabs das aber auch im Real Life, überwiegend, aber nicht nur hinterm Rücken der betreffenden Personen. (Wikipedia)

Persönliche Erfahrungen

Ich schäme mich zwar noch manchmal für meinen Körper wegen trans*, was ich nicht müsste, aber gar nicht wegen meines Übergewichts (was ich sollte, denn fürs Abnehmen bin ich selbst verantwortlich).
Mit Fatshaming habe ich sehr viel mehr Erfahrung.

Bei einem Besuch bei [ichsagnichtwem] vergeht kein Tag ohne Sticheleien bzgl. meines Übergewichts, zum Beispiel: „Geht die Jacke überhaupt noch zu?“, als mir einfach nicht kalt war. Ich bin sehr froh, dass ich mit 42 Jahren alt genug bin, um alleine shoppen zu gehen. Das sind auch die einzigen Gelegenheiten, in denen ich mir meiner Ausmaße bewusst werde, da der Spiegel seit dem letzten Umzug immer noch unausgepackt im Keller steht …

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