SGZ 45 ELF

SGZ 45 ELF

Die Elfen-Elf
»Pass zu mir, Legoland, ich bin frei!« Honik winkte und hüpfte.
Doch sein Mitspieler versuchte es im Alleingang und verfehlte das Tor.
»Du bist so ein Hobbit, Mann, nie spielst Du zu mir!«
»Hör auf zu quasseln, Honik«, mahnte Tannatar, »lauf lieber.«
Honik trabte wieder auf seine Ausgangsposition zurück.
Es gab Einwurf. Legoland kämpfte mit einem Abwehrspieler der Gegenseite um den Ball.
»Honik, jetzt!«
Der langersehnte Pass. Honiks Herz klopfte, lauter als üblich. Er nahm den Pass an. Schon das hätte schief gehen können. Mit dem Handrücken wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Jetzt würde er es Legoland zeigen!
Da rief Tannatar: »Pass zu mir, Honik, ich bin frei!«
Was nun, den Helden spielen oder die Verantwortung mitsamt dem Ball abgeben? Honik entschied sich für Teamplay und gab den Ball an Tannatar ab. Dann suchte er sich eine bessere Position – und erhielt den Ball von Tannatar zurück!
Er fackelte nicht lange, schoss aufs Tor und traf!
»Tor, Tor, Tor«, jubelte das Publikum.

Wörter: 166

SGZ 44 ENGEL

SGZ 44 ENGEL

Save the date: Heiligabend ist dieses Jahr am 24.12.!
Unter einem Engel hatte ich mir etwas anderes vorgestellt. Keine stocksteife Gestalt, die einer besseren Klorolle ähnelte, beklebt mit rauen Fasern. Das sollte angeblich das beste Stück von all unserem Weihnachtsschmuck sein und ausgerechnet diese Hässlichkeit sollte nun oben auf unserem Baum thronen, nur weil sie noch von Muttern (also meiner Großmutter) stammt? Hat sie dieses Ding im Alter von fünf Jahren gebastelt?
Wir haben doch so schöne rot, golden und silbern glänzende Kugeln. Dazu passt dieser Bastelunfall von Flatterviech doch gar nicht.

So dachte ich damals. Und heute denke ich, dass ich überhaupt keine Vorstellung davon hatte, wie anders die Zeit war, in der meine Eltern aufgewachsen sind – und schon gar meine Großeltern. Woher auch?
Heute wäre es ein Leichtes, ein »Opa erzählt von Corona«-Vlog anzulegen, damit die noch nicht geborenen Enkel sich das später, nicht mehr live, aber in Farbe, anschauen können. Da kann man die Masken in die Kamera halten und die Vorzüge der verschiedenen Modelle erklären. Man kann dies und das verlinken. Das macht es sicher anschaulicher. So bekommt man auch einen Eindruck von dem Menschen, der Opa war, bevor er Opa wurde.
Meine Oma hat gern vom Krieg erzählt. Da starben Menschen (also nix gewaltfrei), suchten vor den Bomben Zuflucht in den Kellern (Oma und Opa hatten noch einen eigenen Bunker im Keller), zitterten dort vor Angst und sie als Säuglingskrankenschwester musste zeitweise auswählen, wem noch geholfen werden kann und wem nicht mehr. Triage. Das, wovor heute allen graut. Das zeigt nur, wie lange das nicht mehr notwendig war.
Die Weltkriege waren sicher die für meine Oma prägendste Zeit und die jetzige dürfte es für unsere Kinder und Jugendlichen sowie junge Erwachsene sein. Eigentlich für uns alle, aber die älteren Semester werden dieses frisch gepackte Säcklein nicht mehr so weit in die kommenden Generationen tragen, denke ich.

Sollte also das diesjährige Weihnachtsfest so stattfinden dürfen wie vor 2020, dann besorge ich mir zum allerersten Mal in meinem Leben einen Weihnachtsbaum und bastel eigenhändig aus einer nackten Klorolle einen Engel, der dann ganz oben thronen darf.

Wörter: 349

Es kann nie schaden, Weihnachtsgeschichten auf Vorrat zu schreiben. Immerhin sind es nur noch 300 Tage bis dahin!

SGZ 43 SEHNSUCHT

SGZ 43 SEHNSUCHT

Wieder nach dem Bus rennen
»Moni, weißt du was?«
»Weiß ich nicht, Frank.« Sie wandte den Blick nicht vom Fernseher ab.
»Ich hab Sehnsucht danach, wieder Treppen zu steigen, ohne bereits auf der zweiten Etage ins Schnaufen zu kommen.«
»Meinst wegen FFP2?« Sie zappte weiter durch die Kanäle.
»Nee. Ich will wieder nach dem Bus rennen können.« Das war richtig geil, als ich das noch konnte. Nicht, weil ich es besonders eilig gehabt hätte – einfach, weil ich es konnte. Und das, obwohl ich wusste, dass fünf Minuten später der nächste Bus kommen würde.
»Aha. Guck mal, das Kleid wär doch schick!«
»Die Kleiderauswahl ist mit 150kg auch sehr begrenzt.«
Jetzt sah sie mich an. »Willst shoppen gehen?«
»Nee. Meine alten Klamotten warten im Schrank auf mich.«
»Wie, warten?«
»Ich werde mich wieder halbieren!«
»Versteh ich nich.«
»Lass gut sein, Moni. Gib mir auch mal die Chips.«
»Sind alle. Sorry.«
Ich seufzte, stand auf und schleppte mich in die Küche. Klappte den Kühlschrank auf. Nix da. Nix Leckeres jedenfalls. Jetzt nur nicht einkaufen. Abnehmen fängt beim Einkaufen an.
Ich trottete zurück und ließ mich wieder aufs Sofa fallen.

Wörter: 187

SGZ 42 KUNST

SGZ 42 KUNST

Ist das Kunst oder kann das weg? Das frage ich mich in letzter Zeit häufiger. Ob sich das auch Douglas Adams fragte, als er »Per Anhalter durch die Galaxis« schrieb? Oder hat er es einfach gemacht, weil er Bock drauf hatte?
Muss ich denn verflucht noch mal irgendwas ausdrücken wollen, die Welt retten oder wenigstens bewegen oder/und einen Haufen Kohle machen – reicht es nicht einfach, Spaß dran zu haben? Ich fürchte, ich bin nicht dazu in der Lage, an jedem einzelnen Tag Spaß am Schreiben zu haben und schon gar nicht 8 Stunden oder erst recht nicht 10.000 Wörter lang. Geschweige denn in Wochen, in denen mir die ganze Scheißwelt auf den Keks geht und ich nur fürs Nötigste den Computer anmache. Böser Schwarzer Hund!
Die gute Nachricht ist: Ich habe zwei Bücher gelesen. Im Handel erworbene. Eines war ein Pageturner, den ich in einem durchsuchten musste (Liebes Kind, Romy Hausmann). Das andere war vergleichsweise lahm, hat mich aber sehr ins Nachdenken gebracht (Der Store, Rob Hart). Rezensionen gibt es für beide zur Genüge.
Die Frage ist: Was ist Kunst? Den Geschmack der Masse zu treffen oder aber diese aufzurütteln? Was davon will ich? Und was von dem, das ich will, kann ich überhaupt?
Habe ich das Talent, Kunst zu schaffen? Oder habe ich nur mühsam in Eigenregie ein Handwerk erlernt, für das mir das gewisse Etwas fehlt? Bin ich so fantasielos, wie ich glaube, oder halte ich die Büchse der Pandora noch verschlossen?
Vielleicht bin ich auch nur zu ungeduldig, brauche einfach mehr Zeit für das, was ich mir vorgenommen habe.

Als ich meinen ersten Marathon gelaufen bin, hatte ich null Vorbereitung, starkes Übergewicht, aber ein Ziel vor Augen und festen Willen. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommen würde, aber einmal angefangen, wollte ich nicht aufgeben.
Entlang des Weges gab es immer wieder Posten mit Erfrischungen und bei diesem gab es sogar eine Suppe. Ich setzte mich das erste Mal hin und aß und mein Körper schrie danach, ich möge mich hinlegen und fortan nicht wieder bewegen. Ich saß gerade zwanzig Minuten, da kam der Mann, der die Wegweiser einsammelte.
Dennoch brauchte es erst gutes Zureden von drei Leuten (und etwas Druck von dem Mann, der weiter Schilder einsammeln wollte), damit ich mich dagegen entschied, weiterzulaufen und mich von einem Auto ins Lager fahren zu lassen. Dass ich einen Halbmarathon bewältigt hatte, den andere sich überhaupt nur als Ziel setzen, habe ich erst im Nachhinein realisiert.
Bei meinem zweiten Marathon zwei Jahre später hatte ich Normalgewicht und da mir drei Wochen zuvor das Fahrrad geklaut worden war, hatte ich die 7km täglich zur Arbeit hin- und zurücklaufen müssen. Da ich abends zudem jeden Abend 7km joggte, war es ein leichtes, die halbe Strecke zu joggen und die zweite Hälfte zu gehen. So brauchte ich insgesamt noch an die acht Stunden, aber ich kam an.
Diese Erfahrungen haben mich sehr geprägt. Immer dann, wenn Durchhaltevermögen gefragt ist, kann ich darauf zurückgreifen.
In beiden Fällen tat mir eine Woche danach alles weh, aber das lag an der inadäquaten Vorbereitung.

Ginge es also um die Frage, ob ich der geborene Marathonläufer sei, kann ich die sehr leicht verneinen.
Was das Schreiben angeht, so merke ich da keinen Unterschied, ob es sich um eine Romanprojekt oder um Kurzgeschichten handelt. Aber ich scheine ein Problem mit einer alltäglichen Routine zu haben. Sobald es sich wie eine Pflichtübung anfühlt, macht es mir keinen Spaß mehr und ich fürchte, das merkt man den Texten auch an.

Wörter: 582

SGZ 41 TRIVIAL

SGZ 41 TRIVIAL

Verstand sie, was ich sagte? Hörte sie meinen Ausführungen überhaupt zu?
»Das ist doch trivial!«, sagte sie wie so oft. Als sei es unbedeutend, was ich tat, als hielte sie alle Fäden in der Hand. Auf dem Papier tat sie das wohl auch, aber tatsächlich war ich derjenige, der aus dem Hintergrund alles steuerte. Auch sie. Nur wusste sie das nicht und behandelte mich weiter wie einen Untergebenen. Ich hatte dies nur zugelassen, um den Schein zu wahren. Doch irgendwann war das Maß voll.
Das war zwar ebenfalls trivial, doch jetzt reichte es mir.
»Frau Friedhof-Jansen, heute werden Sie Ihrem Namen alle Ehre machen.« Ich fasste in meine Sakkotasche und spürte kaltes Metall.
»Was soll das heißen? Sind Sie übergeschnappt?« Ihre Stimme überschlug sich.
»Ich würde sagen, wir machen einen kleinen Spaziergang.« Ich nickte in die Richtung, doch sie bewegte sich nicht. »Aufstehen!«
Jetzt sprang sie so heftig auf, dass sie den Stuhl hinter sich stieß, der mit einem Poltern zu Boden fiel.
»Machen Sie doch nicht so einen Krach.« Das war doch wirklich nicht nötig. Man konnte sich auch behutsamer bewegen. Meine armen Ohren.
»So, Frau Friedhof-Jansen. Was meinen Sie, wo wir wohl hingehen?«
»Ich-ich weiß nicht?«
Ich schenkte ihr einen missbilligenden Blick. »Zum Friedhof natürlich. Los, vorwärts!«

Der schwere, süße Duft nach Verwesung, Blumen und Erde schlug uns entgegen und übertönte sogar das Knirschen der Steine, als wir den ersten Sonnenstrahl auf dem Kiesweg durchschritten. Beinahe wurde mir übel.
»Schauen Sie mal, das dort sind alles Jansens.« Vier Gräber nebeneinander, alles Einzelgräber für Särge, nicht die modernen für Urnen, lagen nebeneinander. Eines davon war frisch ausgehoben. Wenn ich es geschickt anstellte, konnte ich es aussehen lassen, als sei die Erde vom Rand hereingerutscht. Es würde gar nicht auffallen, dass noch jemand darin lag.

Wörter: 295

SGZ 40 FREUDE

SGZ 40 FREUDE

Freude ist ausgelassener als Zufriedenheit, mit so einem Herzhüpfen. Wie ein kleines Mädchen, das vom einen aufs andere Bein springt, weil es ein Eis versprochen bekommen hat. Das Mädel hat seine Belohnung verdient und es will sie jetzt haben, egal was der Kritiker über schlechte Zähne sagt.
Ich sehe sie da, unschuldig in rosa Kleidchen gehüllt, mit rosa Hütchen und Schirmchen, aber weiß sie jederzeit bereit, ihm die Fußkante ins Gemächt zu donnern und zur Not auch den Schirm als Waffe einzusetzen.
Fantasie ist schwer beeindruckt und hält sich im Hintergrund, bis die Fronten geklärt sind. Wie so oft.
Freude hat es nicht nötig, um ein Eis zu kämpfen. Sie findet fast immer einen Weg zu einer gütlichen Einigung. Denn sie hat Geduld auf ihrer Seite. So zieht sie sich zurück, bis dem übereifrigen Kritiker langweilig geworden ist.
Geschichten brauchen Konflikte, hat er ihr ins Heft geschrieben. Ja, aber mein Leben doch nicht, denkt sie.
Sie winkt Begeisterung und Leidenschaft heran und zusammen mit Freude, Geduld und Zuversicht setze ich mich an ein Puzzle.

Wörter: 174