SGZ 3 SCHUH

SGZ 3 SCHUH

Nur mal anprobieren
Silbern glitzernd, mit Riemchen und hohem Korkabsatz sah ich ihn im Regal stehen. Ich musste ihn haben, koste er, was er wolle.
»Martina! Damit brichst du dir das Genick!« Meine Freundin Evi – eigentlich Evelyn – nannte mich immer bei meinem vollen Namen ›Martina‹, wenn ich etwas tat oder tun wollte, das nicht zu ihrer Zufriedenheit war.
»Nur mal anprobieren«, nuschelte ich. Mit zwei Einkaufstüten in der Hand und der Tasche über der Schulter war das gar nicht so einfach. Also ließ ich mich auf das einladende Sofa plumpsen. Ich legte alles ab und schickte mich an, das Hackenriemchen über meine Ferse zu bugsieren.
»Kann ich Ihnen helfen, junge Frau?«
Evi stieß mich an, weil ich weiter auf eigene Faust an der Killersandale herumnestelte.
Als mir das Blut in den Kopf geschossen und mir die Luft ausgegangen war, gab ich auf. »Der will nicht.«
»Na, das haben wir gleich«, sagte der Verkäufer. »Ich bringe Ihnen mal eine Nummer größer.«
»Ich habe 36!«, rief ich ihm hinterher.
Er drehte sich noch einmal um. »Gut, dann bringe ich auch 40 mit.«
»Also das ist doch wohl unverschämt«, nörgelte ich.
Beschwichtigend legte sie mir die Hand auf den Arm. »Tina, nicht aufregen. Der Mann weiß, was er tut.«
»Mann? Der ist doch noch grün hinter den Ohren. Mein Sohn ist älter! Mein Jüngster!«
»Mensch, Martina! Nicht so laut. Die Leute gucken schon.«
»Die Leute, die Leute«, äffte ich sie nach. »Lass sie gucken. Gibt nix zu gucken. Zwei alte Schabracken beim Schuhekaufen. Ist doch nix Ungewöhnliches.«
Mit zwei Kartons bewaffnet kehrte Al Bundy Junior zurück. »In Ihrer Größe hatte ich leider nur noch Rosé-Glitzer und Babyblau-Glitzer vorrätig. Das Blau wird Ihnen wohl zu sportlich sein, nehme ich an? Der Blaue wird meist von jüngeren Damen gekauft. Ich habe Ihnen jetzt mal Rosé in 39 und 40 mitgebracht.«
»Zu sportlich?« Was erlauben Junior?! »Ich bin sportlich! Ich gehe jede Woche zur Rückengymnastik«, prahlte ich. Silber war vergessen, ich wollte den Blauen. Unbedingt! »Bringen sie mir Blau!« Mein Wunsch war ihm Befehl, denn er eilte von dannen.
Evi stieß mich an. »Der will den doch nur loswerden in Blau. Rosé sieht toll aus.«
»Rosé ist für alte Schachteln, hast du doch gehört. Blau wird von jungen Frauen gekauft. Und so alt bin ich nicht.«
»Überleg doch mal, Tina. Wenn du den jetzt kaufst, dann hast du den wieder nur im Schrank stehen. Das wäre nicht das erste Mal, dass du dir einen Schuh andrehen lässt, den du im Laden für den Verkäufer anziehst und danach nie wieder.«
»Evi, du nervst! Immer verdirbst du mir die Freude.«
»Das sagst du jetzt. Und die nächsten zwei Wochen liegst du mir dann in den Ohren, dass du nichts zu essen hast.«
Wo sie recht hatte …

Als Junior wiederkam, sagte ich tapfer: »Ach, tut mir leid. In Silber hat der mir doch besser gefallen. Komm, Evi, wir gehen.«

Wörter: 481

SGZ 2 GEDÄCHTNIS

SGZ 2 GEDÄCHTNIS

Ein lieber Freund von mir – genau genommen mein Trauzeuge oder eigentlich der meiner besseren Hälfte, meine Trauzeugin ist verstorben – hat mir heute eine SMS geschickt. Er hat an mich gedacht. Ich habe ihm ein frohes Neues gewünscht – ist ja erst der zehnte, da geht das noch – und mir fällt auf, dass ich sehr lange nicht an ihn gedacht habe. Nicht mal zum Jahreswechsel.
Ich weiß nicht, wann er Geburtstag hat, und habe mir auch seinen Hochzeitstag – wir waren damals, ich weiß schon gar nicht mehr wann, auch bei seiner Hochzeit dabei – nicht gemerkt. Wenn das nur mein Gedächtnis wäre. Ich meine, so was kann man sich doch aufschreiben. Mache ich aber nicht. Weil ich mich dann drum kümmern müsste. Kontakt aufnehmen, halten, pflegen. Liegt mir nicht. Ich kann aber auch nicht behaupten, dass mir lieber wäre, wenn Leute auf mich zukommen – am liebsten ist mir, ich bin für mich allein.
Natürlich nicht so ganz allein wie jetzt gerade beim Schreiben, ich besuche schon gerne meine Gruppen. Singen und Autorenstammtische. Da muss ich auch nicht dran denken, das findet regelmäßig statt und steht im Kalender. Ich hab einen Kalender für unterwegs und einen an der Wand und nachdem ich es zweimal aufgeschrieben hab, hab ich es meistens auch im Kopf.
Mein Gedächtnis ist nicht mehr das beste. Vom Kniffeln mit meiner ungeduldigen Ergotherapeutin habe ich bereits erzählt. Neulich habe ich etwas beim Verlassen der Wohnung vergessen – was, das habe ich vergessen – und bin schnell noch einmal hinein, um es zu holen. Ich weiß nicht, ob ich daran gedacht habe, das Fenster in meinem Schreibatelier zu schließen.

Ob meiner einmal gedacht werden wird, wenn ich nicht mehr bin? Höchst unwahrscheinlich. Dazu müsste ich schon Außergewöhnliches schreiben und da gehört ein Selbstmitleidsepos über Konzentrationsstörungen sicher nicht dazu.
Zu einem Leben als Schriftsteller gehören auch Tage, an denen ich nur Mist schreibe. Relativen Mist vielleicht. Nicht unbedingt solchen, auf dem ein Hahn kräht.

Wörter: 319

Zugegeben, unter „Geschichte“ stelle ich mir schon etwas anderes vor. Mehr so etwas wie Kniffelig. Aber da kann man mal sehen, wie unterschiedlich dieselbe Person zum selben Begriff schreiben kann. Dieser ist mir nämlich durchgegangen, weil ich die Geschichte schon einen anderen Ordner verschoben hatte.

SGZ 1 LIEBE

SGZ 1 LIEBE

Verschärfung bei dieser Aufgabe: Der Begriff darf nicht genannt werden!

Schmetterlinge im Bauch
Meine Tochter gestikulierte wild mit den Armen. »Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, schlägt mein Herz höher. Mein Puls rast und mir ist flau im Magen, als hätte ich Unterzucker oder so was. Dann muss ich mich für einen Moment setzen. Nur nicht in seine Nähe! Wenn er mir zu sehr auf die Pelle rückt, dann bricht mir der Schweiß aus. Ist das Angstschweiß, Mama? Ich hab doch keine Angst vor ihm!« Sie sah mich hilfesuchend an.
»Nein, Schatz. Das ist alles ganz normal. Diese Schmetterlinge im Bauch kenne ich auch noch aus der Zeit, als ich deinen Vater kennenlernte.«
»Echt, bei dir und Papa war das auch so?«
»Ja, wir waren schließlich auch mal jung. Unsere Gefühle füreinander haben sich seitdem verändert, sie sind tiefer geworden. Weniger aufgeregt. Es werden jetzt andere Hormone ausgeschüttet. Mehr Bindungshormone, damit wir gemeinsam den Nachwuchs aufziehen.« Ich strich ihr übers Haar.
»Deshalb haltet ihr zusammen wie Pech und Schwefel!«
»Richtig.«
»Und was mache ich jetzt mit Nico? Nächste Woche ist Mathearbeit, das überleb ich nie!«
»Marika, das musst du entscheiden. Du kannst es ihm sagen oder nicht. So oder so werden deine Gefühle noch eine Weile Achterbahn fahren.«
»Wenn ich es ihm sage, geht es ihm dann auch so?«
»Möglich … aber ansteckend bist du nicht direkt.«
»Haha. Ich will nicht, dass er meinetwegen seine Arbeit verhaut. Also behalte ich es mal besser für mich.«

Die Klassenarbeit war längst vergessen, das Abi und der Master in der Tasche, da fand ich mich vor dem Traualtar wieder. Oder, besser gesagt in den hinteren Rängen, während meine Tochter mit ihrem Verlobten ihrem Wunsch nach ganz in Weiß vor dem Altar stand. Ich war im Begriff, Schwiegermutter zu werden. Hoffentlich kein Schwiegermonster. Würde alles glattgehen?
Bisher war die Beziehung zu dem jungen Mann glimpflich bis sehr gut verlaufen. Schon damals, als er Marikas erster Freund wurde, hatte ich Nico in mein Herz geschlossen. Als hätte ich geahnt, dass es nicht bei ein paar Schmetterlingen und einer kurzen Liaison bleiben würde.
»Sie dürfen die Braut küssen.« Er küsste sie und mein Puls beruhigte sich wieder.

Wörter: 351

Ich benutze übrigens den Sprinto-Bot in Discord als Timer! Der zählt mir die Wörter aller Geschichten dieser Aktion zusammen.

Die Liste mit den 100 Begriffen

Die Liste mit den 100 Begriffen

Für 100 Geschichten in 100 Tagen, an denen gegen die Zeit geschrieben wird, braucht es auch 100 Begriffe.

Hier ist die Liste mit 117 Begriffen. So ist es kein stures Abarbeiten, sondern es bleibt etwas »Würfelglück« im Spiel.

1 ABGESCHNITTEN
2 ABWECHSLUNG
3 ANFANG
4 APRIL-APRIL
5 AUFGABE
6 AUGENBLICK
7 AUSBRUCH
8 BESESSEN
9 BEWEGEND
10 DÄMMERUNG (mind. 500 Wörter!)
11 DRUCK
12 EIGENLOB
13 EINGESCHRÄNKT
14 ELF
15 ENGEL
16 ERFÜLLUNG
17 ERHABEN
18 ERWACHEN
19 ERWARTUNG
20 ERZ
21 FALL
22 FEST
23 FLIEGEN
24 FREUDE
25 FUNKEN
26 GEDÄCHTNIS
27 GEDULD
28 GELASSEN
29 GELEGENHEIT
30 GEMEINSAM
31 GESCHENK
32 GESELLSCHAFT
33 GESTÄNDNIS
34 GEWISSENSBISSE
35 GLAS
36 GRÜN
37 HALT
38 HAPPY END
39 HERZLICH
40 HINDERNIS
41 HUMOR
42 INSTRUMENT
43 KARTENSPIEL
44 KELLERFENSTER
45 KETTEN
46 KLAGEN
47 KOSTEN
48 KREIS
49 KRÖTEN
50 KUNST
51 LABYRINTH + JAGEN + PALME
52 LAUSCHEN
53 LEDERJACKE
54 LEGENDE
55 LEID
56 LERNEN
57 LEUCHTTURM
58 LIEBE (ohne den Begriff zu nennen)
59 LINSEN
60 LOCKEN
61 LOSE
62 LUFTBALLON + KRUMM + SCHÄUME (der Begriff muss im Text stehen)
63 MAGISCH
64 MÖCHTEGERN
65 MOOR
66 MUSCHEL
67 MYSTERIÖS
68 NICHTS
69 PFLASTER
70 PLANUNG
71 PLÖTZLICH
72 PRESSE
73 RASEN
74 RECHT
75 REGEN
76 ROLLEN
77 RUND
78 SAUER oder WALD
79 SCHALLPLATTE
80 SCHATTEN
81 SCHEIN
82 SCHIENENERSATZVERKEHR
83 SCHMERZ
84 SCHNITTE
85 SCHUH
86 SCHÜTZE
87 SEHNSUCHT
88 SIEBEN
89 SINN
90 SIRENEN
91 SOMMERSONNENWENDE
92 SPIEGEL
93 SPINNEN
94 STEHLEN
95 STILLE
96 STURMSCHÄDEN
97 SUCHEN
98 TANZEN
99 TEILEN
100 THEATER
101 TRICK
102 TRIVIAL
103 UMZUG
104 UNSICHTBAR
105 UNVERSEHRTHEIT
106 VERGEBUNG
107 VERSTECK
108 VERTRAUEN
109 VERWANDTSCHAFT
110 WEGWEISER
111 WÜSTE
112 WUT
113 ZAHLEN
114 ZÄRTLICHKEIT
115 ZEITUMSTELLUNG
116 ZIEL
117 ZUFALL

Hier ist noch mal der Link zum Zufallsgenerator: https://www.der-zufallsgenerator.com/zufallszahl.html

Also, übermorgen geht es los!

Bald geht’s los!

Bald geht’s los!

Damit ihr einen Eindruck davon bekommt, wie so ein SGZ-Text aussehen kann, hier mal ein Text, den ich am gestrigen Sonntagabend verfasst habe. Der Begriff war: „RÄUCHERSTÄBCHEN“.

Raucherstäbchen
Dichter Rauch stand in dem ungelüfteten Raum.
»Mach deine doofen Räucherstäbchen aus! Das stinkt!« Das Mädchen hielt sich die Nase zu.
Die schlanke Endzwanzigerin wandte sich ihr zu. »Schantall, das heißt Ziggis! Und der Kalle kann rauchen, wie er will. Haste das verstanden?«
»Ich heiße Chantal! Und Rauchen ist ungesund! Egal ob Ziggis, Sargnägel, Kippen oder Räucherstäbchen.«
»Hör nich auf das Kind, Kalle. Das hat die von ihrem Vadder. Das is son verklemmter Grüner. Der Kalle is jetzt dein neuer Papa, Schantall.«
»Nein!« Wütend griff Chantal eine der Zigarettenschachteln vom Wohnzimmertisch und trat darauf herum, sprang sogar.
»Ey, das warn meine.« Kalle wandte den Blick vom Fernseher ab und sah das Kind das erste Mal an.
»Haste se noch alle?!« Schon setzte es die erste von Mutters Ohrfeigen.
Chantal war es nicht gewohnt, sich ducken zu müssen, und so traf der Schlag sie mit voller Wucht.

Am Busbahnhof war es kalt. Sie hatte in ihrer Schultasche nur das Wichtigste mitnehmen können – etwas zu trinken und zu essen, die Zahnbürste und Zahnpasta, ihren Teddybären und etwas frische Wäsche –, darum hatte sie keine wärmende Decke. Der Anorak war einfach nicht für längere Aufenthalte an der frischen Winterluft gedacht. Und sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so lange dauern würde, zu Papa zu fahren. Sie hatte einfach angenommen, wenn der eine Bus anhielte, käme sofort der nächste. Doch so einfach war das mit dem Umsteigen bei den Fernbussen nicht. Der erste Fahrer war nett gewesen und hatte sie umsonst mitgenommen. Aber als der nächste Bus kam, hatte die Fahrerin erst auf einem Ticket bestanden und überhaupt wollte sie ein Kind ohne Erwachsene gar nicht erst mitnehmen.

Als sie endlich die warme Wohnung ihres Vaters betrat, umhüllte sie sogleich der angenehme Duft indischer Räucherstäbchen.

Die ersten zwanzig Minuten habe ich auf dem Begriff herumgedacht und die Räucherstäbchen wollten einfach nicht zünden, sodass ich den Umweg über die „Raucherstäbchen“ genommen und den Begriff nicht ins Zentrum gestellt habe. Als ich dann drin war in der Geschichte, hätte ich noch locker mehr schreiben können und auch wollen, aber die Zeit war um. Ich habe mir jedoch sagen lassen, dass der – natürlich nicht überarbeitete – Text auch für sich alleine stehen kann.

Am Donnerstag gibt es die Liste mit den 100 Begriffen für alle, die bei der Aktion „100 Geschichten in 100 Tagen“ mitmachen oder einfach mal die Übung Schreiben gegen die Zeit ausprobieren wollen!