SGZ 69 ZUFALL

SGZ 69 ZUFALL

Ausbalanciert
»So ein Zufall! Ausgerechnet jetzt kommen total viele Gegner und ich bin natürlich tot. Dabei hatte ich mich gerade so gut erholt. Ich dachte echt, diesmal schaffe ich es.«
»Tja, da musste halt mal besser aufpassen.« Arne warf Torben einen finsteren Blick zu. »Du bist viel zu langsam.«
»Hallo? Das ist doch voll imba. Voll nich zu schaffen das Game.« Er ließ die Schultern hängen.
»Pass auf, noch mal rezz ich dich nich!«
»Arne, das is nich fair! Wie oft hab ich dich schon aufgehoben? Mit dem Char bin ich halt Lootpet. Ich kann ja mal mit dem Dicken kommen, dann will ich dich mal sehen, wenn du Aggro ziehst, weil ich plötzlich nix mehr mach.«
Der Mage zuckte mit den Schultern. »Ich will vielleicht auch mal was looten, Torben. Aber n Krieger, der nen Mage tanken lässt, ist voll peinlich.«
»Gar nich wahr. Du hast ja gar keine Ahnung! Das ist alles voll buggy hier. Normal darf das gar nich sein, dass die Mobs nur auf die Damagedealer gehen. Wollten sie schon ewig mit nem Update behoben haben.«
»So, Ruhe jetzt, Endboss.« Arne machte ein konzentriertes Gesicht und auch Torben richtete sich wieder gerade auf.
Für die liebevollen grafischen Details der Unterwasserwelt hatten die beiden keinen Blick übrig, als ihre Avatare den Raum betraten.
Torben sprang auf die Monsterqualle zu und hieb drauflos. Arne machte sich gar nicht erst die Mühe, die Kampfzone zu durchqueren und schoss seine magischen Strahlen auf den Gegner. Plötzlich ertönte ein hoher Ton und ein roter Kreis breitete sich von der Qualle aus und erfasste den Magier, der auf der Stelle tot umfiel.
»Boah, was geht, Alter? Wieso bin ich Onehit?«, rief Arne wild gestikulierend und warf die Chipstüte um.
»Wieder die Patchnotes nicht gelesen?« Torben konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Sobald mehr als 50% der Aggro durch magischen Schaden gemacht wird, fallen die Mages um. Isso bei dem jetzt. Damit die Krieger und die Waldis auch mal nen Boss farmen können.«
»Boah, fuck ey. Also kein Zufall. Das gibt nen Shitstorm im Forum.«
»Jupp. Läuft.«

Der Programmierer lachte, als ihm der Auftrag fürs nächste Patch vorgelegt wurde. Künftig sollte ein Pseudozufall dafür sorgen, dass nicht mehr in 100% der Fälle sämtliche Magier starben, sondern bei den Spielern das Gefühl entstand, man könne auch hierbei Glück haben. Dadurch sollte es etwas attraktiver werden, dass die Magier auch bei diesem Boss ihre Mitspieler der anderen Klassen unterstützten.

Wörter: 404

SGZ 67 SPINNEN

SGZ 67 SPINNEN

Die Spinnen krabbelten überall. Sie waren winzig, eben erst geschlüpft, doch so viele, dass das Fenster schwarz war von ihren Leibern. Wie eine schwarze Wolke breiteten sie sich aus, verteilten sich auf alle Wände und die Zimmerdecke. Woher kamen die nur alle?!
Jetzt bedeckten sie auch den Boden, kamen auf mich zu. Schon krabbelten die ersten an mir hoch. Sie bedeckten meine Schuhe, schlüpften in sie hinein, marschierten in einem stetigen Strom meine Beine hoch. Ich schrie. Verzweifelt versuchte ich, sie abzuschütteln, trat um mich.
Doch es waren zu viele. Die schwarze Masse umhüllte bald meinen Oberkörper und meine Arme. Jetzt hörte ich auf zu schreien, damit sie nicht in meinen Mund liefen. Ich hielt die Luft an, kniff die Augen zu. Überall spürte ich die winzigen Beinchen zu Tausenden und Abertausenden. Sie versuchten es in meinen Ohren, drangen in meine Nase ein. Ich hustete und würgte. Dabei riss ich die Augen auf. Ein Fehler.
Alles, was ich sah, war Dunkelheit.

Wörter: 161

SGZ 66 LOSE

SGZ 66 LOSE

»Und wer schafft jetzt die Leiche weg?«
»Was haben wir damit zu tun? Du hast doch geschossen!« Tom entfernte sich und entleerte seinen Magen.
»Das wollte ich nicht! Das war ein Unfall! Das habt ihr doch gesehen«, beteuerte Ansgar.
»Ich hab eine Idee«, sagte Rieke. »Wir losen.«
»Hast du Lose dabei?«, fragte Ella. »Und warum machen wir es nicht zusammen?«
»Weil es dann nur Streit gibt und wir nachher einander beschuldigen.« Rieke griff in ihre Jackentasche und holte eine Schachtel Streichhölzer hervor. Sie drehte sich kurz weg und brach die Hölzchen in unterschiedlich lange Stücke.
»Ihr kennt das sicher: Wer den kürzesten zieht. Ich behalte, was übrig bleibt. Einverstanden?«
Alle nickten.
»Gut.« Rieke hielt den anderen die Lose hin.
Ella verlor. »Ausgerechnet ich.« Die Verzweiflung sprach aus ihren Augen. »Wie soll ich alleine denn diesen Dickwanst irgendwohin bewegen?« Sie schüttelte den Kopf und ließ sich in die Hocke sinken.
»Gib mir die Waffe, Ansgar. Ich rufe die Polizei und stelle mich.«
»Spinnst du, Ella?«
»Nein, Tom. Ihr spinnt. Wenn ein Unfall passiert ist, dann ruft man einen Krankenwagen und die Polizei und wirft nicht einfach die Leiche in den Rhein oder so etwas.«
»Ist er denn überhaupt sicher tot?«, fragte Rieke.
»Keine Ahnung«, sagte Tom. Zaghaft stieß er den Dicken mit der Schuhspitze an. Seine Glieder blieben schlaff.
»Überlegt doch mal«, sagte Ella, »wenn er jetzt nur bewusstlos ist, dann kommen wir wegen unterlassener Hilfeleistung dran!«
»Halts Maul!« Ansgar richtete die Waffe auf Ella. »Ich habe schon einen umgebracht, da kommt es auf eine mehr auch nicht an.«
»Ansgar, bitte! Wenn wir ihn ohnmächtig ins Wasser werfen, dann kommen wir wegen Mordes dran! Wenn wir jetzt einen Kranken–«
Er drückte ab. Rieke warf sich schützend vor Ella, Tom schrie und schlug Ansgar die Pistole aus der Hand. Der Dicke begann zu husten.

Wörter: 303

SGZ 65 ERZ

SGZ 65 ERZ

Hahimpur schlug seine Hacke ins Gestein. Wie die anderen Gnome baute er in dieser Mine Erz ab. Außerhalb des Stollens war es so kalt, dass Schnee lag. Wölfe und Trolle streiften dort umher. Drinnen wurde es von Sohle zu Sohle wärmer, je tiefer sie kamen.
Brocken für Brocken lud Hahimpur das Erz in die Schubkarre. Wie er sich auch abrackerte, die Zeche blieb dürftig und reichte gerade eben so für seine Frau und die neun Kinder.

Peter hatte wie so viele Spieler vor ihm die Aufgabe, Spitzhacken von den Gnomen zu erbeuten, Felle von den Wölfen und Steine von den Trollen.
Es dauerte nicht lange, bis er auch Hahimpur niedermetzelte, ohne dass sie einander namentlich vorgestellt worden waren.

Wörter: 118

SGZ 64 WUT

SGZ 64 WUT

Wut. Ich empfinde keine Wut. Nicht mehr. Nicht mehr, seit ich ihn getötet habe. Ich bin erfüllt von Erleichterung. Erleichterung, weil er mir und meinen Freunden nichts mehr antun kann. Und da ist noch etwas: Befriedigung. Ich würde es wieder tun.

Vor drei Wochen fing es mit einem harmlosen Flirt an. Es war schnell klar, was wir beide wollten, und so nahm ich ihn mit zu mir. Am nächsten Morgen machte er mir einen Heiratsantrag! Faselte etwas von »Traumfrau«. Ich lachte ihn aus. Das konnte ja nicht sein Ernst gewesen sein! Doch leider meinte er es bitterernst.
Er wurde wütend, versuchte mich mit Gewalt gefügig zu machen. Als ob man Liebe erzwingen könnte! Und was heißt schon Liebe? Das war keine Liebe, das war Besitzgier!
Er fesselte mich ans Bett, benutzte mich. Immer wieder. Während er es tat, drohte er, alle umzubringen, die mir lieb und teuer waren, sollte ich nicht tun, was er wollte. Sollte ich versuchen zu fliehen … würde er mich finden und mich in Einzelteile zerlegen.
Mein Gedanke an Flucht wurde immer stärker, während er immer nachlässiger wurde. Ich durfte zur Toilette gehen, dafür machte er mich los. Und danach sollte ich duschen. Offenbar hatte er das Interesse verloren, mich dabei zu beobachten, und drehte mir den Rücken zu.
Ich griff das Handtuch, schlang es ihm um den Hals und zog, so fest ich konnte. Erst als ich sicher war, dass er nicht mehr atmete, hörte ich auf.

Wörter: 241