SGZ 18 WÜSTE

SGZ 18 WÜSTE

Brennend heißer Wüstensand
Brennend heißer Wüstensand – diese eine Zeile will mir nicht mehr aus dem Kopf. Als wolle er mich verhöhnen, wiederholt sich der Gesang wieder und wieder.
Ich versuche, den Kamm einer Düne zu erklimmen, um mich halbwegs zu orientieren. Jetzt, zur Mittagszeit, ist das ein wahnwitziges Unterfangen, aber ich habe Durst! Ich habe schon so lange solchen Durst! Meine Lippen sind schon aufgeplatzt und brennen, wenn ich sie mit meiner trockenen Zunge notdürftig benetze. Ich werde verdursten, ich weiß es. Dennoch muss ich kämpfen, ich muss es wenigstens versuchen, zu überleben.
Der Sand ist so heiß, dass es schmerzt, ihn zu berühren. Deshalb habe ich meine Hände in die Ärmel meines Uniformmantels gesteckt, denn ich abends wieder brauche, denn nachts wird es bitterkalt hier. Drei meiner Zehen sind schwarz! Deshalb sollte ich mich besser nur nachts bewegen und tagsüber meine Kräfte schonen, wie sie es uns lehrten, aber ich kann nicht mehr warten. Was habe ich schon gegraben mit den bloßen Händen in der Hoffnung auf Wasser …

Es ist geschafft, ich bin oben. Ist da am Horizont eine Unregelmäßigkeit, eine Erhebung, Grün sogar? Doch was ich sehe, ist alles verschwommen. Mir bleibt nichts, als den Sandberg auf der anderen Seite herunterzurutschen und blind weiterzustolpern.
Mir ist so heiß, mein Schädel droht zu platzen! Meine Augen kleben, ich kann sie kaum noch öffnen. Meine Kräfte schwinden. Meine Muskeln brennen seit Tagen. Ich kann nicht mehr gehen. Robben kostet mich jetzt weniger Schmerz, also krieche ich, bis mir schwarz vor Augen wird.

Als ich wieder zu mir komme, liege ich auf einer Bettstatt. Man befeuchtet meine Lippen mit einem Tuch und flößt mir Wasser ein.
»Der Krieg ist zu Ende«, stammle ich und schließe die Augen.
»Ashraba ayha ghareeb! Trink, Fremder!«

Wörter: 292

SGZ 17 SCHIENENERSATZVERKEHR

SGZ 17 SCHIENENERSATZVERKEHR

Schienenersatzverkehr
Es gibt sie noch, diese Menschen, die während einer Fahrt in der S-Bahn in einem gedruckten Buch lesen. Und wie alle ärgern sie sich, wenn Schienenersatzverkehr eingerichtet ist und man auf einer Strecke, die man sonst hätte durchfahren können, plötzlich zweimal umsteigen muss, einen Teil der Strecke dicht gedrängt in Bussen voller anderer Menschen, die sich sonst über mehrere S-Bahn-Waggons verteilt hätten.
Als Großstädter weiß ich das zu schätzen, dass es überhaupt einen Ersatzverkehr gibt und man nicht dazu verdammt ist, ohne jegliche Information einfach zu warten, bis die nächste S-Bahn kommt. Schweren Herzens klappt man dann sein Buch zu und steckt es in die Tasche, um den Ausgang der Schlacht dann später zu verfolgen.
Oder, wenn es ein spannender Thriller ist, legt man schnell den Finger oder das Lesezeichen zwischen die Seiten und liest im Stehen weiter, sobald man am Haltepunkt für die Ersatzbusse angekommen ist. Durch die Bewegung der Menschentraube um einen herum wird man schon aufmerksam, wann der Bus da ist.
Normalerweise fahre ich nicht so gerne mit dem Bus, weil ich stets fürchte, meine Haltestelle zu verpassen. Oder, schlimmer noch, der Bus fährt unerwartet eine andere Strecke. Im Schienenersatzverkehr kann das nicht passieren, wenn man mit der S-Bahn ohnehin hat weiter fahren wollen. Da kann ich getrost sitzen bleiben und mich vom Strom derer mitreißen lassen, die hier wieder in die S-Bahn umsteigen.
Dachte ich.
Einmal passierte es mir, dass sich die Menge immer weiter zerlief und ich mich plötzlich irgendwo allein in einem fremden Stadtteil wiederfand. Die Leute wollten dort nicht weiterfahren, sondern einfach nur nach Hause.
Dumm gelaufen, dass ich einfach den anderen hinterhergelaufen war.

Wörter: 272

SGZ 16 HERZLICH

SGZ 16 HERZLICH

Herzschmerz
»›Herzlich willkommen‹, ›herzlichen Glückwunsch‹, ›herzliches Beileid‹ – das sind doch alles blöde Floskeln! Ich will so was nicht auf meiner Karte.«
»Willst du eine eigene Karte schreiben, ist es das, was du willst, ja?«
»Nein! Ich will gar keine Karte schreiben müssen.« Sie wandte sich von mir ab, nur um sich als Nächstes an meiner Schulter anzulehnen. »Ach, ich weiß auch nicht.«
»Empfindest du Herzlichkeit?«
»Natürlich! Ich nehme mit ganzem Herzen Anteil.«
»Die Formulierung ist gut. Die nehmen wir.«
»Ja? Aber warum legt sie die Beerdigung ausgerechnet auf ihren Geburtstag? Was soll das denn? Warum, Clara? Warum?«
»Ich denke mal, damit sie die Leute nur einmal sehen muss und ansonsten ihre Ruhe hat. Aber das ist natürlich nur geraten. Du kennst deine Mutter besser.«
»Du bist die Psychologin!«
»Das heißt aber nicht, dass ich allwissend bin.« Ich nahm den Zettel mit dem vorbereiteten Text für die Karte zur Hand. »Also: ›Liebe Mutter, ich nehme mit ganzem Herzen Anteil. Deine Antonia.‹«
»Nein! Schnörkellos, nur der Satz: ›Ich nehme mit ganzem Herzen Anteil.‹. Unterschriften von uns beiden und fertig.«
»Schreibst du oder soll ich?«
Sie setzte sich und hob den Stift mit zitternden Fingern. »Scheiße!« Sie warf den Kuli quer über den Tisch, von dem er auf der anderen Seite herunterfiel.
»Ist gut.« Ich bückte mich, hob ihn auf und schrieb. »So, jetzt deine Unterschrift. Ganz ruhig.«
Sie tat wie geheißen. »Ich hätte auch noch ›Schmerzliche Grüße‹ drunterschreiben können.« Ihre Mundwinkel hoben sich leicht. »Das ist wenigstens kreativ.«
»Da kommt dein Humor. Das ist gut.« Ich lächelte.
Und Antonia lächelte.

Wörter: 259

SGZ 15 VERWANDTSCHAFT

SGZ 15 VERWANDTSCHAFT

Blut ist dicker als Wasser
»Diese bucklige Verwandtschaft kommt mir nicht ins Haus!«, keifte Ella.
»Welches Haus?«
»Du weißt, was ich meine. Das hier ist meine Wohnung!«
»Unsere Wohnung. Und es sind meine Eltern.«
»Und Geschwister und Tanten und Onkel und Cousins und Cousinen – es sind einfach zu viele.«
»Du übertreibst total! Du weißt genau, dass nur mein Bruder und meine Eltern zugesagt haben. Außerdem geht es nur um ein Abendessen. Sie wollen hier ja nicht übernachten.«
»Es ist egal, ob sie übernachten oder nicht, Volker. Ich will sie nicht hier haben und fertig.«
»Ich will aber. Es ist mein Fünfzigster. Ich habe sie eingeladen. Und ich werde meine Einladung nicht zurückziehen.«
»Gut, dann ziehe ich aus!« Ellas Augen funkelten.
»Das wagst du nicht!«
»Ich ziehe so lange zu meiner Schwester, bis sie wieder weg sind.«
»Findest du nicht, dass du übertreibst?«
»Nein, finde ich nicht.« Sie verschränkte die Arme.
»Soll ich dann auch ausziehen, wenn dein Yoga-Kurs hier ist, deine Tarot-Freundinnen und dein Drechsel-Coach?«
»Das ist was anderes. Das sind Freunde, keine Verwandtschaft.«
»Was ist denn daran so anders? Das sind Menschen, die du gerne um dich hast.«
»Ganz genau! Ich habe sie gerne um mich, Volker. Ich lade sie nicht aus Verpflichtung heraus ein.«
»Du glaubst … ich liebe meine Geschwister und meine Eltern. Meine ganze Familie. Sie stehen mir näher als der Kegelklub und andere, mit denen ich meine Freizeit verbringe – von Geburt an.«
»Aber mich mögen sie nicht!«
»Ich glaube eher, du magst sie nicht!«
»Du hast sie lieber als mich!« Tränen rannen Ellas Wangen hinab. »Nie komme ich zwischen euch. Jede Woche telefonierst du mit ihnen, für mich hast du kaum Zeit. Du vertraust ihnen Dinge an … mir gegenüber bist du immer so verschlossen.« Sie schniefte. »Ich bin deine Frau, ich sollte die wichtigste Person in deinem Leben sein. Du bist auch das Wichtigste für mich.«
»Deine Welt dreht sich nur um mich. Ich habe dir schon so oft gesagt, wie ungesund das ist. Ich verstehe nicht, warum du nicht mehr Zeit mit deinen Freunden verbringst, anstatt mir ständig in den Ohren zu liegen. Aber immerhin hast du mittlerweile eigene Freunde, das ist schon ein Fortschritt!«
»Du bist so ein egoistisches Schwein! Ich gehe jetzt zu meiner Schwester! Sofort!« Ella zog den Koffer unter dem Bett hervor, warf ihn darauf und stopfte wahllos Kleidungsstücke hinein.
Volker ging, setzte sich an seinen Schreibtisch und begann eine kurze Mail an seinen Bruder.

Wörter: 406

SGZ 14 GELEGENHEIT

SGZ 14 GELEGENHEIT

Gelegenheit macht …
»Sei so gut, Dimitri, wenn Du joggen gehst, bring mir doch bitte nachher aus dem Supermarkt diese silberne Tasche mit den Pailletten mit, die gefällt mir außerordentlich gut.«
»Für mein Schwesterherz tu ich doch fast alles.«
»Nur fast alles?«
Er knuffte sie in die Seite.
Sie zog ihm das Basecap tiefer in die Stirn.
»Bis gleich, Ioanna.«

Antje Dekker hatte ihren Job noch nicht lange, aber er war simpel. Aufpassen, dass nichts gestohlen wird. Falls doch, den Übeltäter festhalten, bis die Polizei vor Ort war. Es war nicht leicht gewesen, sich als Frau durchzusetzen und umso mehr musste sie acht geben, dass ihr niemand entwischte.
Kurz sah sie aus dem Augenwinkel eine auffällige Bewegung am Ausgang und etwas silbern aufblitzen. War das nicht die Handtasche, die diese Woche im Sortiment war? Warum kaufte ein Mann eine Handtasche?
»Halt! Bleiben Sie stehen!«, rief sie vergeblich und zog damit nur neugierige Blicke auf sich.
Der vermeintliche Täter nahm bereits die Beine in die Hand und so sprintete sie los, ohne sich mit den Kassierern abzustimmen. Er war ganz schön fix und mit dem Jogginganzug war er deutlich bewegungsfreundlicher gekleidet als sie in ihrer Uniform. Bis zur nächsten Querstraße gelang es ihr, den Abstand zu ihm zu verringern.
»Bleiben Sie stehen!«
Sie traute ihren Augen nicht, als ein weiterer Mann im Jogginganzug mit ihr gleichauf zog, der ebenfalls diese Handtasche bei sich trug! Warum hatte der zweite nicht die andere Richtung genommen, sondern sie verfolgt? Das ergab doch keinen Sinn!
Sie musste schneller werden! Das hier war ihr Job und sie musste wenigstens einen von beiden stellen!
Mit all ihrer Willensstärke beschleunigte Antje abermals die Bewegung ihrer bereits brennenden Muskeln und warf sich kurz vor der nächsten Kreuzung auf den Mann, den sie seit dem Laden verfolgt hatte.
Der Mann mit dem Basecap blieb keuchend stehen und stützte die Hände auf die Oberschenkel. »So hatte ich mir meine heutige Joggingrunde nicht vorgestellt, aber ich bin froh, dass Sie nicht mich verfolgt haben.«
»Sie sind ein Zeuge. Wie heißen Sie?«
»Dimitri. Dimitri Farinakis. Und Sie?«
»Antje Dekker.« Sie keuchte ebenfalls. »Und wie ist Ihr Name?«, fragte sie den Mann, auf dem sie kniete.
»Sie können mich mal!«
»Freut mich, Sie kennenzulernen.« Sie entwand ihm die Tasche und pfiff. »Die ist ja voll!« Er hatte nicht den Laden, sondern offenbar eine Kundin beraubt.

»Ioanna, sie hatten noch eine Tasche.«
»Dimitri, du bist ein Schatz.«
»Schau mal rein.«
»So viel Geld! Wo kommt das denn her?«
»Ich habe eine Aufwandsentschädigung bekommen, weil ich dabei geholfen habe, einen Dieb zur Strecke zu bringen. Der hat einer alten Dame die Handtasche mit ihrer gesamten Rente darin gestohlen und sie war sehr großzügig.«
»Die nächste Handtasche kaufst wieder du für mich!« Sie lachte.
»Oh nein, so schnell nicht wieder. Das gibt richtigen Muskelkater morgen. Und da treffe ich mich mit Antje auf ein Eis.«
»Wer ist Antje?«
»Eine Frau, die schneller läuft als ich.« Er ließ sich aufs Sofa fallen.
»Erzähl mir alles!«

Wörter: 497

SGZ 13 RUND

SGZ 13 RUND

Sofort muss ich an die 60 runden Sofas denken! :D

Ein runder Sarg
»Ich will einen runden Sarg!«
»Opa, bitte!«
»Meine Beerdigung muss etwas Besonderes sein. Ich will einen runden Sarg!«
»Bitte entschuldigen Sie, das Alter …«
»Ach, das ist kein Problem. Es gibt durchaus Särge, die an den Ecken abgerundet sind. Die sind geflochten, wie Körbe.«
»Ich will einen runden Sarg! Kreisrund!«
»Opa!«
»Meinen Sie vielleicht eine Urne? Da haben wir hier verschiedene hübsche Modelle …«
»Nein, keine Urne! Einen Sarg! Kreisrund!«
»Wie wäre es denn stattdessen mit einem runden Grabstein? Der Sarg kommt doch sowieso unter die Erde.«
»Ich will einen runden Sarg!«
»Ich meine ja nur …«
»Tja, der Opa …«
»Also es tut mir leid, Herr …?«
»Miesbach. Anton Miesbach.«
»Und das ist Herr Miesbach Senior, nehme ich an?«
»Ja, ganz recht.«
»Herr Miesbach, es tut mir leid, kreisrunde Särge haben wir nun wirklich nicht. Da müssen Sie sich wohl noch ein wenig gedulden.«
»Ich bin 102 Jahre alt. 102!«
»Oh, ich gratuliere.«
»Und was ist das hier? Das ist doch kreisrund!«
»Das ist ein Blumengesteck. Interessieren Sie sich für Trauerkränze, Herr Miesbach?«
»Ja, kreisrund!«
»Die sind fast immer ringförmig, also kreisrund, wenn Sie so wollen. Soll ich Ihnen eins einpacken, ja? Welches hätten Sie denn gerne?«
»Kreisrund!«
»Herr Miesbach, nun sagen Sie doch auch mal was.«
»Opa, ich glaube, das dort wäre ganz nett für den Karl-Heinz. Mit der blauen Schleife. Ein ehemaliger Schulfreund meines Großvaters ist gestorben, müssen Sie wissen. Schreiben Sie einfach: ›Dein Freund Hans‹, dann weiß die Familie Bescheid.«
»Möchten Sie auch unseren Särge-Katalog mitnehmen?«
»Nein, danke. Opa will seebestattet werden.«
»Also doch kein Sarg?«
»Bei jeder Beerdigung kaufen wir den Kranz woanders und ich lasse ihm die Freude.«

Wörter: 277