SGZ 24 TEILEN

SGZ 24 TEILEN

Das Leben teilen
»Alex, eine Ehe zu führen bedeutet nicht, nur eine Wohnung miteinander zu teilen. Ich will keine WG!« Sie weinte. Ja, jetzt weinte Melanie. »Den ganzen Tag sitzt du nur vor deinem Scheiß-Computer!«
»Ach und du etwa nicht? Ich gehe schon extra nicht ins Wohnzimmer, um dich nicht bei der Arbeit zu stören.«
»Wann immer ich in dein Büro komme, glotzt du auf diesen dämlichen Bildschirm und hast Kopfhörer auf.«
»Um dich nicht zu stören, Melanie!«
»Aber was soll das denn? Mit Kopfhörern störst du doch genauso, wenn du sprichst.«
»Ach, soll ich vielleicht nicht mit meinen Schülern sprechen? Soll ich denen auch nur Arbeitsblätter mailen und die Hände in den Schoß legen, weil die Eltern alles für mich übernehmen müssen?«
»Alex, darum geht es doch nicht. In deine Arbeit will ich dir nicht reinreden. Mach, was du für richtig hältst. Mir geht es um unser Zusammenleben.«
»Und was gefällt dir nicht an unserem Zusammenleben?«
»Wir leben nicht mehr zusammen. Wir leben nebeneinanderher.«
»Ich meine: Du hockst an deinem Computer und machst deinen Scheiß, ich hocke an meinem Computer und mache meinen Scheiß. Wir machen überhaupt nichts mehr zusammen. Wir gehen nicht essen, wir gehen nicht tanzen –« Sie warf die Arme nach oben.
»Ja wie denn auch?!«
»Wir könnten auch einfach mal spazieren gehen! Das ist doch nicht verboten!«
»Bei dem Wetter?« Bei dem Schnee und Eis könnte ich mit meinen Turnschuhen leicht ausrutschen. Und ich müsste mir nur für den Gang durchs Treppenhaus eine Maske anziehen. Reine Geldverschwendung. »Geh ruhig, wenn du spazieren gehen willst.«
»Siehst du, das meine ich. Dann bleib halt hocken!«

Wörter: 268

SGZ 23 UNSICHTBAR

SGZ 23 UNSICHTBAR

Ich hatte gerade Geld aus dem Automaten gezogen und mein Portemonnaie wieder eingesteckt, da sah ich, wie es wie von unsichtbarer Hand aus meiner Tasche gezogen wurde und durch die Luft schwebte!
Ich griff danach, doch es entwischte mir. Nun nahm ich die Beine in die Hand, um es wieder einzufangen. Die Leute guckten nicht schlecht, wie ich meiner fliegenden Geldbörse hinterherjagte. Nach wenigen Metern bewegte sich ein Fahrrad, als stiege jemand auf. Mein Eigentum schwebte darüber, jetzt umso schneller und für mich unrettbar. Ich gab auf und keuchte.
»Habt ihr das gesehen?«, fragte ich die umstehende Menge. »Das war ein unsichtbarer Dieb!«
»Erklär das mal der Polizei!«, rief einer und lachte.
Genau das tat ich wenig später. Ich erntete nur mitleidige Blicke.
»Ich sehe, dass Sie ein Problem haben«, sagte der Uniformierte. »Aber dabei können wir Ihnen leider nicht helfen.«
»Warum sehen Sie sich nicht wenigstens die Überwachungsvideos der Bank an? Darauf müsste der Vorfall doch zu sehen sein!«
Der Polizist seufzte und sah mich aus müden Augen an. »Also gut.«
Ich wartete, während er sich umständlich an seinem Computer zu schaffen machte. Ein-Finger-Suchsystem, während die andere Hand auf der Maus ruhte.
»Das ist ja … Schau mal, Ansgar.«
Der Kollege stand auf, lief um die Tische herum und beugte sich über die Schulter desjenigen, der zuerst mit mir gesprochen hatte.
»Das Video wurde manipuliert!«, rief Ansgar aus. »Wie haben Sie das gemacht?« Er stierte mich mit zusammengezogenen Brauen an.
»Ich?! Ich bin hier das Opfer! Mir wurde mein Portemonnaie gestohlen! Von einem Unsichtbaren!«
»Ach, das glauben Sie doch selber nicht. Wir werden ein Verfahren gegen Sie einleiten.«
»Was?! Ich komme her und bitte Sie um Hilfe und Sie …!«
»Alles, was Sie jetzt sagen, könnte gegen Sie verwendet werden.«
»…!« Jetzt wünschte ich, ich wäre unsichtbar.

Wörter: 298

SGZ 22 SPIEGEL

SGZ 22 SPIEGEL

Es tut mir leid, ich kann das nicht. Ich habe eine Spiegelszenen-Allergie. Ohnehin bin ich kein sonderlicher Freund von Personenbeschreibungen, aber wenn die Hauptfigur rein zufällig an einem Spiegel vorbeiläuft, und die Gunst der Stunde nutzt, um sich ausgiebig von Kopf bis Fuß zu betrachten – nein danke.
Das geht anders, beiläufiger.

Aber gut, mit Spiegeln kann man ja auch was anderes machen, als reinzusehen.

Abkassiert
Tina brauchte Geld. Sie wollte sich eine neue Jeans kaufen. Und weil sie sich nicht mit billigem Kaufhausquatsch abgab, war die teuer. Dreistellig. Stehlen konnte sie sie in der kleinen Boutique nicht. Dazu war das Risiko zu groß, dabei erwischt zu werden.
Sie sah sich auf dem Schulhof um. Hier musste doch irgendetwas Brauchbares herumliegen. Keine Spritzen heute.
Im Vorraum zu den Toiletten beschaffte sie sich eine Waffe: Mit ihrem Stiefel zertrat sie den Spiegel und nahm eine der Scherben heraus.
Ohne ein besonderes Ziel vor Augen verfolgte sie eines der Mädchen. Sportlich war Tina schon immer, ganz im Gegensatz zur dicken Monica, die ein leichtes Opfer war.
Sie hielt der Dicken die Scherbe ans Gesicht. »Gib mir dein Taschengeld!«
»Ich hab keins!«
»Willst du, dass ich dir das Gesicht zerschneide?«
»Ich habe alles ausgegeben für Schokolade! Ich schwöre! Tu mir nichts!«, bettelte das Kind mit dem schokoladenverschmierten Mund.
»Du verfressenes Stück Scheiße!« Tina ließ sie los. »Wer hat Geld?«
»Der Marko! Der hat damit geprahlt, dass seine Mutter ihm Geld für eine neue Fahrkarte gegeben hat, obwohl er seine alte gar nicht verloren hat.« Monica schnaufte.
Marko also. Ihn einzuholen würde nicht so einfach werden. Und es musste heute noch sein, bevor er die Gelegenheit hatte, nach dem Unterricht so viel Geld auszugeben. Falls er nicht schon im Einkaufszentrum war.
»Wo ist Marko?«, rief Tina über den Pausenhof. Niemand antwortete. »Monica! Wo ist Marko?«
Doch Monica hob nur die Schultern und klammerte sich an die Hand des Lehrers, der die Aufsicht führte.
Tina steckte die Spiegelscherbe in ihre Jackentasche.

Marko saß im Unterricht, als wäre nichts.
In der nächsten Pause heftete sich Tina an seine Fersen.
»Was willst du eigentlich von mir?«, rief er.
Sie war aufgeflogen. »Nichts!«
»Warum rennst du dann ständig hinter mir her?«
»Das tu ich doch gar nicht!« Sie drehte ab.

Tina kannte Markos Heimweg. Nach dem Unterricht lauerte sie ihm hinter einem Mäuerchen auf und überwältigte ihn.
»Her mit deinem Geld!«
»Was für ein Geld?!«
»Monica hat gesagt, du hast Geld.«
»Spinnst du? Wir sind Hartzer!«

Wörter: 407

Mit dem Ende bin ich nicht glücklich, aber die Zeit war rum.^^

SGZ 21 KARTENSPIEL

SGZ 21 KARTENSPIEL

Heute zusätzliche Erschwernis: Mittendrin Katzen füttern. :D

Figurenstudie John Doe
Ich habe gezockt und ich habe verloren. Erst das Auto, dann das Haus, meine Frau und zuletzt meinen Job. Jetzt bin ich Berufsspieler. Beim Pokern kann man hoch gewinnen, wenn man das Spiel beherrscht. Beim nächsten Mal schaffe ich es, ganz sicher. Ich lasse mir nicht in die Karten blicken.
Ein Freund von mir, Ulf, hat es geschafft. Der ist jetzt in Rente, lässt nur noch sein Geld für sich arbeiten. Und spielt natürlich weiter, aus Leidenschaft. Der kennt sich richtig aus und hat mir gute Tipps gegeben. Ich brauche nur noch mehr Übung, dann klappt es ganz bestimmt.
Die nächste Meisterschaft findet online statt. Wir spielen um Chips, aber der Gewinner erhält ein saftiges Preisgeld.
»Du darfst dich nicht erwischen lassen«, hat Ulf zu mir gesagt. Zählen ist natürlich verboten, aber wer merkt das schon? Solange man das alles im Kopf macht, können sie dich nicht drankriegen.
Da hatte ich während der Schulzeit einen Kameraden, der hat beim Skat immer mitgezählt und ausgerechnet, was ich auf der Hand hatte. Da war ich ganz schön baff, bis er mir das erklärt hat.
Der Ulf coacht mich auch richtig. Da lasse ich auch was springen. Sobald ich wieder Kohle hab, natürlich. Erst mal muss die Kasse klingeln.
Spielsüchtig soll ich sein, hat meine Frau gesagt. Ich würde uns noch alle in den Ruin treiben. Da hat sie die Kinder genommen und ist verduftet. Mal wieder typisch für sie. An allem bin ich schuld.
»Son Quatsch«, hat Ulf gesagt, »die ist nur neidisch, weil sie sich krumm machen muss für ihren Arbeitgeber und du Geld verdienst mit dem, was dir Spaß macht, was du ohnehin tun würdest.« Und dann hat er lange was von Frutarismus oder Frugalismus oder so ähnlich gefaselt, was ich nicht verstanden habe. Irgendwas mit sparen. Aber wozu noch sparen, wenn ich bald reich bin?
Ich würde mir als erstes mal ne fette Villa kaufen. Und nen flotten Flitzer. Vielleicht auch ein Boot. Auf ne Weltreise hab ich keinen Bock und ich will ja auch nicht gleich alles wieder verprassen. In Sachwerten ist meine Kohle klug angelegt. Hat auch Ulf gesagt. Gibt ja keine Zinsen mehr. Inzwischen muss man Strafe zahlen bei der Bank, wenn man zu viel Geld hat. Und dann wundern die sich noch, dass alle hartzen.
Vielleicht geh ich in die Politik. Und dann wird sich mal richtig was ändern. Dann wendet sich das Blatt. Bei der Bildungspolitik fange ich an. Das Schulsystem ist einfach Mist. Poker gehört auf den Stundenplan, damit die Kinder auch was fürs Leben lernen.

Wörter: 426

Die ersten 20 Geschichten (ohne diese) bringen glatte 6.500 Wörter auf die Waage!

SGZ 20 STILLE

SGZ 20 STILLE

»Man hört ja gar nichts!«
»…«
»Wo sind wir?«
»Woher soll ich das wissen? Es ist viel zu dunkel!«
»Du wolltest dich doch unbedingt in der Höhle verstecken. Also bist du schuld!«
»…«
»…«
»Man hört wirklich nichts.«
»Ich hab Angst.«
»Ich auch.«
»Ich will zu meiner Mama!«
»Shht. Das bringt doch jetzt nichts. Wir müssen unsere Kräfte schonen, bis sie uns finden. Das weiß ich aus dem Fernsehen.«
»Na gut.«

Leider wurden die beiden Jungs erst gefunden, als es bereits zu spät war. Übrigens unweit des Eingangs zu dem Höhlensystem, in dem sie sich verirrt hatten. So hat man es mir bei einem Rundgang mit der Schulklasse erzählt.
Ich habe damals versucht, dieses Erleben von Stille nachzuempfinden, weil es mir erstrebenswert erschien. Es ist mir nicht gelungen. Ich höre immer irgendetwas. Und wenn es mein eigener Atem ist.

Wörter: 139

Stille. Das ist das, was ich mir für mein Schreibatelier gewünscht habe, damit ich in Ruhe arbeiten kann. Keine lärmenden Kinder im Treppenhaus, kein Geschrei von nebenan, kein Klopfen und Bohren abends und am Wochenende. Und vor allem keine Meetings im Nebenraum, gefühlt jeden Tag acht Stunden lang!
Ich tausche die vertraute Geräuschkulisse gegen eine laute Straße mit frühmorgens piepsenden Lastern im Rückwärtsgang und gelegentlich anspringender Alarmanlage der Pkws und nebenan läuft der Fernseher bereits morgens um zehn und ich brauche die Tagesschau gar nicht erst selbst einschalten, weil ich durch die dünne Wand jedes Wort verstehe. Zuweilen wird dies übertönt durch das Geläut zweier in der Nähe befindlicher Kirchen.

Was habe ich gewonnen durch die Anmietung des zusätzlichen Raums? Einen vorübergehend schmerzenden Rücken durch das ungewohnte Bett und die Erkenntnis, dass Lärm vor allem Einstellungssache ist.
Was ich hier höre, stört mich nicht. Es geht mich einfach nichts an. Deshalb kann ich es besser ausblenden und mich auf meine Arbeit konzentrieren. Zu Hause dagegen ist jegliches Geräusch, das aus dem Klangteppich ausbricht, potenziell bedrohlich. Ich muss mein Heim beschützen.

Wörter: 180

SGZ 19 STURMSCHÄDEN

SGZ 19 STURMSCHÄDEN

Wir hatten nicht mehr viel, als wir von zu Hause fortmussten. Nur das, was wir tragen konnten. Mein Spielzeugauto durfte ich mitnehmen.
Wir trugen unsere Habseligkeiten, bis wir in eine große Zeltstadt kamen. Dort war der Boden matschig von den Schritten so vieler Menschen. Uns wurden Schlafstätten zugeteilt und es gab Plumpsklos, die furchtbar stanken, weshalb manche dennoch in die Büsche gingen. Die Männer sowieso. Abends, wenn sie getrunken hatten, umso häufiger.
Ein wenig abseits des Lagers floss ein Bach, in dem wir uns wuschen und aus dem wir unser Trinkwasser holten.

Dann kam der Sturm.
Der Himmel wurde schwarz, als wäre es der letzte Tag. Wind heulte auf und verwandelte sich in ein Tosen, in dem das Prasseln des Regens unterging. Es schüttete so heftig, dass unsere Füße nass wurden. Das dachten wir, bis jemand rief, der Bach sei über die Ufer getreten.
Jetzt liefen wir um unser Leben, nur mit dem, was wir am Leib trugen. Wir fanden eine Anhöhe, auf der wir sicher waren, bevor die Flut uns von den Füßen reißen konnte.

Uns blieb nichts, bis auf Vatis Brieftasche mit den Pässen, Mutters wertvolle Kette und mein Spielzeugauto. Doch das wurde erst später wichtig.
Wir hatten jetzt kein Trinkwasser mehr, weil das Wasser jetzt überall stand und der Bach nicht mehr sauber war. Damit kamen die Krankheiten. Wir alle schissen uns die Seele aus dem Leib und bangten erneut um unser Leben.
Meine Mutter verlor diesen Kampf. Mein Vater zerbrach daran, da er sich die Schuld gab. Ich danke beiden für ihre Opfer, die mir eine bessere Zukunft ermöglichten.

Wörter: 263

Ich habe natürlich in der kurzen Zeit nichts recherchieren können und hoffe, mir wirft nun niemand kulturelle Aneignung vor. Ich hatte nur eine Szene aus den Nachrichten vor Augen, die mich sehr erschüttert hat. Auf der anderen Seite machen viele Leute doch sehr MIMIMI, nur weil ihnen der Regenschirm kaputtgegangen ist.