SGZ 60 RECHT

SGZ 60 RECHT

Ich hätte mich nicht für Jura entscheiden sollen, nur um meinem Vater zu gefallen. Von Semester zu Semester wurde ich schlechter, obwohl ich immer mehr Fächer ausließ. Blamabel.
Dabei war ich gar nicht mal dumm. Ich hatte ein Motivationsproblem. Irgendetwas hielt mich davon ab, mich mit dem Stoff auseinanderzusetzen. Und zwar war mir mein Glaube ans deutsche Rechtssystem verlustig gegangen.
»Recht haben ist nicht Recht bekommen«, hatte schon mein Vater gesagt.
Es wurden Gesetze gemacht und Urteile gefällt, die ich einfach nicht als richtig empfand. Da wurden Menschen im Stich gelassen, die dringend Hilfe brauchten. Unschuldige wurden bestraft, während andere, die viel größere Schuld auf sich geladen hatten, frei herumlaufen durften. Und wer einmal gesessen hatte, der war unten durch, sobald jemand davon erfuhr. So viel zum Vorhaben der Resozialisierung. So blieb man unter sich und schottete sich ab.
Ich überlegte, zu Wirtschaftsjura zu wechseln. Da stand Mediation im Vordergrund, das Vermitteln zwischen Vertragspartnern. Zwischen Firmen oder zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Aber dafür musste ich dann auch Rechnungswesen und anderes Zeug pauken, wegen des Wirtschaftsteils. Und Zahlen … ich war schon froh, den Taschenrechner zu treffen. Was mir gut lag, war der Umgang mit Menschen. Ich wollte ihnen helfen, so gut ich konnte.
Ich recherchierte im Netz und tauschte mich mit anderen Studierenden aus. Ich las Berichte von Praktikanten, Blogs von Arbeitnehmern.

Drei Wochen später wechselte ich den Studiengang. Hoffentlich passte Soziale Arbeit besser zu mir.

Wörter: 236

SGZ 59 KELLERFENSTER

SGZ 59 KELLERFENSTER

Durch das Kellerfenster sehe ich einen Streifen Mondlicht hereinscheinen. Ich wollte, ich würde hindurchpassen, dann wäre meine Gefangenschaft hier zu Ende.
Um mich abzulenken und auch zu beschäftigen, schreibe und schreibe ich, bis mir die Sehnenscheiden brennen. Wenn es soweit ist, komme ich wieder ins Nachdenken. Darüber, wie ich hier hereingeraten bin.
Ich nahm an einem Wettbewerb teil. Einzureichen waren Exposé und Leseprobe, dazu eine Vita. Ich nahm all meinen Mut zusammen und reichte ein frisch erdachtes Projekt ein, von dem es erst zwölf Seiten gab. Das war eigentlich aus Jux und Dollerei, weil ich mir selbst eine Deadline setzen wollte, indem ich mir vorstellte, meine Geschichte würde ausgewählt und man wolle drei Monate später mein Gesamtmanuskript sehen.
Tja. Dass es wirklich so kommen würde, daran hätte ich nie geglaubt.
Ich konnte dann natürlich nicht liefern, als der Termin verstrichen war. Man setzte mir eine Nachfrist. Einmal, zweimal. Dann lud man mich freundlich, aber bestimmt, zu einem »Schreibcamp« ein. Dort seien viele aufstrebende Autoren wie ich, mit denen ich mich austauschen könne.
Von wegen. Wir sind alle in Einzelkerkern untergebracht. Es gibt nicht mal Internet, nur einen hauseigenen Rechercheserver. Man Handy haben sie mir auch weggenommen. Ich habe eine Eieruhr, mit der ich mir zu Schreibsprints die Zeit stoppen kann. Das heißt, ich hatte – ich warf sie während der ersten Tage in einem Wutanfall an die Wand. Mittlerweile tut es mir leid, denn ich hätte sie gut brauchen können.
Zu trinken gibt es hier ausreichend, Essen geht so, nur das Bett knarzt erbärmlich, sodass ich nachts aufwache, wenn ich mich umdrehe. Das soll der Kreativität förderlich sein. Schlechter Schlaf befördert die Fantasie. Lassen Sie das nur keinen Maniker hören.
Ich bin froh, dass sie uns das Tageslicht gelassen haben, auch wenn es nur spärlich durch das Kellerfenster dringt. Doch so weiß ich wenigstens, wann Tag und Nacht ist. Ich bin Herr über meine Zeit, die hier vergeht. So weiß ich, dass ich schon seit 193 Tagen hier unten hocke. Es fehlt nicht mehr viel. Nur ein gutes Ende.

Wörter: 338

SGZ 58 GESCHENK

SGZ 58 GESCHENK

Justin hatte sich dieses Jahr wirklich Mühe gegeben, Fynn mit einem schönen Geschenk zu überraschen, über das er sich sicher freuen würde. Keine Krawatte. Etwas Zweckmäßiges, das er sich selbst nicht gönnen würde. Es war eigentlich perfekt.
Es duftete angenehm nach Tannenzweigen und frischen Plätzchen, Christkindl-Lieder säuselten im Hintergrund und die Reflexionen der Kugeln am Weihnachtsbaum tauchten den Raum in ein gemütliches Licht.
Sein Geschenk hatte Justin schon ausgepackt. Eine neue Eieruhr. Die alte war kaputtgegangen. Da er leidenschaftlich gern kochte, hatte er sich darüber sehr gefreut. Es war einfach praktischer, schnell eine analoge Uhr aufzuziehen, als den Timer am Handy einzustellen. Zumal das Display immer verschmiert wurde. Und diese Uhr hatte sogar einen Magneten – sie konnte am Kühlschrank anhaften und nahm keinen Platz auf der Arbeitsfläche weg. Perfekt!
Flynn setzte seinen Becher Glühwein ab und nahm sein Geschenk in die Hand.
»Für Fynn. Soso!« Er lachte. »Was da wohl drin sein mag?« Prüfend befühlte er es, wobei das Papier raschelte. »Hm. Weich.« Spielerisch sah er Justin streng an wie über eine unsichtbare Brille hinweg.
»Ich hoffe, es gefällt dir.« Nun mach schon auf, dachte er. Die Spannung war ja kaum auszuhalten.
Mit einem Ratsch riss Fynn das Geschenkpapier auseinander und fummelte umständlich das Textil heraus. »Ui, eine lange Unterhose!« Die Überraschung war offenbar gelungen.
Justin hielt die Luft an.
»Ganz ehrlich? Hast Du mal überlegt, dass mir meine Jeans dann nicht mehr passen?«
»Du wolltest doch abnehmen!«
Fynn lachte auf. »Ja, das wollte ich. Aber eine andere Frage: Warum ist sie ouvert?«
»Ouvert?«
»Na schau mal: Da ist ein Loch im Schritt. Gefällt dir meine Lederhose nicht mehr?« Er schmunzelte.
»Ach du scheiße, das muss ich übersehen haben …« War das peinlich! Was sollte er denn jetzt …? »Was, ähm, was möchtest du denn stattdessen haben?«
»Einen Kuss, mein Schatz.«

Wörter: 301

SGZ 57 WEGWEISER

SGZ 57 WEGWEISER

Super Helden
»Der Umgang mit Schilden und Schildern ist wegweisend. Preisschilder kann man zwar auf beide kleben, aber während man ein Schild auch als Schild zur Verteidigung verwenden kann, würde ich mich hüten, einen Schild als Warnschild aufzustellen. Wir sind ja nicht bei den Wikingern.« Sparks Zeigefinger schwebte in der Luft.
»Halts Maul, sonst brauchst du gleich ein Schild!«, blaffte der andere. »Dann zeig ich dir mal, was ein Angriffsschild ist, du Opfer!«
»Siehst du dieses Schild da über dem Wegweiser? ›Kampfverbotszone‹! Also pass auf …« Weiter kam Spark Plug nicht.
Phantasm riss den Pfahl mit den Schildern samt Verankerung aus der Erde und bewegte ihn wie eine Keule, um das Gewicht abzuschätzen. Probehalber schwang er seine Waffe.
Spark machte einen Satz zurück. »Gehts noch! Das sag ich …«
»Nichts sagst du, wenn ich dir erst deine Visage poliert hab!« Der nächste Schlag sollte ein Treffer werden.
Doch Spark sprang rechtzeitig hoch und landete sanft auf dem Boden. Sein Umhang brauchte einen Moment länger.
»Phantasm, da drüben ist die Pausenaufsicht!« Er zeigte in eine Ecke des Schulhofes. Die Finte hatte Erfolg: Sein Gegner ließ die Waffe sinken und Spark stürzte sich darauf, packte und zog.
Phantasm hob die Schilderkeule wieder an und begann sie zu schwingen – mit Spark am anderen Ende!
»Plug, du bist so ein Stöpsel!« Er hieb mit der Keule auf den Boden, doch Spark hatte sich zu einem Gummiball geformt, was die Energie in die Gegenrichtung leitete und Phantasm herumriss. Er schrie auf. »Jetzt werde ich richtig wütend!« Er packte den Pfahl und brach ihn mitten entzwei.
Eine Lehrerin kam herbeigeeilt. »Kinder, was ist denn hier los? Ihr wisst doch, dass hier Kämpfe untersagt sind. Nur im Unterricht!«, sagte sie streng.
»Er hat angefangen!«, riefen beide gleichzeitig.

Wörter: 287

SGZ 56 VERGEBUNG

SGZ 56 VERGEBUNG

Ich kann vergeben, aber nicht vergessen. Was fällt einer Schulpsychologin ein, Kinder auszuwählen und gefügig zu machen für einen Ring von – nein, ich kann es gar nicht aussprechen. Es ist einfach nur widerlich!
In der dritten Klasse war ich damals. Was hätte ich denn anderes tun sollen, allein mit ihr in einem Behandlungsraum? Als sie sich einen Arztkittel anzog und mich wie der Kinderarzt dazu anwies, mich auszuziehen und auf die Liege zu legen? Da macht man doch, was die Erwachsenen sagen! Heute hasse ich alle Weißkittel.
Sie hat mich dann mit Saugnäpfen beklebt. War mir schon nicht geheuer. EEG, EKG – so etwas darf und durfte eine Dipl.-Psychologin nicht.
Der Therapeut, den ich aufsuchte, als ich mich nach dreißig Jahren endlich dazu hatte durchringen können, war da anderer Meinung. Das heißt, so weit kamen wir gar nicht. Er fand es schon in Ordnung, dass Erwachsene fremde Kinder ausziehen – da bin ich ausgetickt. Nein, ich habe ihm nichts getan. Ich habe nur sofort dicht gemacht und seine Praxis nie wieder aufgesucht.
Ja klar, in einem anderen Kontext mag das in Ordnung gehen. In einem Kindergarten vielleicht. Aber eine Psychologin! Das ist etwas anderes als eine Psychiaterin. Eine Psychiaterin ist die, die Pillen verschreibt. Sie ist Ärztin und darf körperliche Behandlungen durchführen. Eine Psychologin darf das nicht.
Die Schulpsychologin hat – nachdem sie nach und nach mit Spielen und Gesprächen mein Vertrauen gewann – mich einem Verhör unterzogen und sich Notizen gemacht. Hat mir K.O.-Tropfen gegeben. Irgendwann wachte ich dann splitterfasernackt und mit Schmerzen zwischen den Beinen wieder auf.
Meine Mutter konnte mit meiner Symptombeschreibung nichts anfangen und ich wollte da auch keinesfalls von dem ungehobelten Kinderarzt untersucht werden. So haben wir einfach abgewartet und es wurde nach einer Zeit besser, auch das Brennen beim Wasserlassen verschwand wieder.
Ich konnte dann recht bald durchsetzen, nicht mehr zu dieser Frau hingehen zu müssen. Komischerweise dachte ich auch überhaupt nicht mehr an meine Erlebnisse in deren Praxis, bis ich eines Tages in einem Krankenhaus ein EEG machen lassen musste. Da kam alles wieder hoch und seitdem verfolgen mich meine Erinnerungen.
Ich kann wirklich vieles vergeben. Aber das? Nein, das nicht.

Wörter: 355

SGZ 55 GLAS

SGZ 55 GLAS

Die Prüfung
»Und bring das Altglas weg«, hatte Uschi noch gesagt. Die Flaschen lagen noch im Kofferraum. Warum Alfred ausgerechnet jetzt daran denken musste, da der Coach ihnen eröffnet hatte, ihre nächste Prüfung bestehe darin, über Glas zu laufen. Ziemlich kleine Glasstücke zwar, aber es war immer noch Glas!
»Es ist wie über Sand oder Kieselsteine laufen«, sagte Timon. »Es ist nur in eurem Kopf.«
Nein, es lag da auf dem Boden vor ihnen. Es würde unter seinen Füßen sein, sich in die bloßen Sohlen schneiden.
»Ihr wart doch sicher mal beim Kneippen. Das ist auch etwas unangenehm. Das Wasser ist kalt, die Steine spürt man unangenehm unter dem Druck des eigenen Gewichts, aber hinterher fühlt man sich angenehm erfrischt.«
»Blutende Fußsohlen stelle ich mir aber nicht erfrischend vor«, knurrte Alfred zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
»Positiv denken«, wiederholte der Coach. »Stellt euch vor, wie ihr über einen Schotterweg geht. Etwa diese Größe haben die Scherben.«
»Wenn ich im Sommer über Schotter laufe, muss ich jedes einzelne Steinchen aus den Sandalen pulen.«
»Alfred, bitte. Das bringt die Gruppe jetzt nicht vorwärts.«
Es bringt die Gruppe nicht vorwärts. Natürlich bringt es die Gruppe nicht vorwärts, wenn einer gegen den Chef wettert, aber deine bekloppte Prüfung bringt mich nur ins Krankenhaus.
»Pst«, machte Viktor und winkte Alfred zu sich heran. »Schau dir mal die Scherben genauer an. Die sind abgeschliffen.«
»Das ist doch Beschiss!«
»Pst! Nicht so laut!«
»Ich lass mich doch nicht verarschen von diesem Möchtegern-Guru! Dem werd ichs zeigen!«
»Timo, du hast recht. Ich bin bereit. Du hast mich überzeugt. Ich stelle mir einen Spaziergang am Strand vor, bei Sonnenuntergang mit meiner Frau.«
»Sehr schön!«

»Das ist wirklich noch nie passiert«, sagte Timo zerknirscht.
»Ich habs dir ja gleich gesagt.« Alfred beobachtete, wie der Sanitäter ihm die Füße verband. »Glas wird aus Sand gemacht, aber über Glas und über Sand laufen ist nicht dasselbe. Überhaupt ist der Strand dazu gedacht, sich in die Sonne zu legen. Das kann ich jetzt die nächsten sechs Wochen zu Hause auf der Terrasse üben. Dazu fehlt mir nur der Cocktail.«

Wörter: 345