SGZ 78 THEATER

SGZ 78 THEATER

Die Bretter, die die Welt bedeuten
So lange ich denken kann, wollte ich zum Theater. Ich wollte die Begeisterung des Publikums spüren, den Applaus aufbranden hören. In meiner Jugend wirkte ich in der Theater AG mit, schrieb sogar ein eigenes Stück, das unter meiner Regie umgesetzt wurde.
Zu großer Bekanntheit habe ich es als Darsteller nie geschafft, zu unbedeutend waren die Rollen, die mir zuteilwurden. Doch ich nannte ein kleines Theater mein eigen. Großen Umsatz haben wir nie gemacht, dafür haben wir Stücke im Programm gehabt, die bei den großen Theatern nie eine Chance gehabt hätten. Für mich war es immer mehr Liebhaberei als Geschäft.
Irgendwo ist eine Grenze. Zu lange schon brauche ich meine Ersparnisse auf. Der letzte Vorhang ist gefallen. Mir fehlt die Kraft, ihn erneut zu öffnen.

Wörter: 130

SGZ 77 KOSTEN

SGZ 77 KOSTEN

»Das wird dich etwas kosten, Mario.«
»Wie viel willst du?«
»Nicht ›Wie viel?‹. Was?«
»Okay. Was willst du, Cathrin?«
Sie richtete die Pistole auf ihn. »Dein Leben.« Ein Schuss krachte durch die Nacht. »Dreckiger Bastard.«
Für ihren Film brauchte sie einen ernst zu nehmenden Darsteller, der einen Berufskiller glaubwürdig verkörpern konnte und keine solche Witzfigur, die sich bei einem Schreckschuss einpullerte und neu eingekleidet werden musste.
»Der nächste, bitte.«
Die Szene wiederholte sich noch über dreißigmal. Die Schauspieler legten die Rolle unterschiedlich aus, doch nie war Cathrin zufrieden. Bis Alessandro kam.
»Das wird dich etwas kosten, Mario.«
Er ging hinter einem Auto in Deckung. »Was willst du, Cathrin?«
Sie richtete ihre Pistole auf ihn. »Dein Leben.«
Etwas flog zu ihr herüber und verströmte Rauch. Bevor sie wieder etwas sehen konnte, wurde sie von hinten gepackt und ein Arm legte sich um ihren Hals.
»Bist du sicher, dass du dein Leben mit mir verbringen willst?«
Cathrins Lachen ging in einen Hustenanfall über und völlig außer Atem brach sie die Szene ab. »Du bist eine Runde weiter, Alessandro.«

Wörter: 176

SGZ 76 LEUCHTTURM

SGZ 76 LEUCHTTURM

Seit fünf Jahren bin ich jetzt Leuchtturmwärterin. Anders als meine Kollegen halte ich mich an das Verbot, Touristen hineinzulassen. Ich mag sie auch nicht, diese umhertrampelnden Massen. Ich liebe das Meer und im Winter habe ich es für mich allein.
Mein Mann hat die Einsamkeit nicht ausgehalten. Er ist mit unserer Tochter in die Stadt gezogen. Ausgerechnet in die Hauptstadt. Als gebe es keine kleineren. Das ist typisch für ihn.
In meinem Leuchtturm habe ich nicht viel zu tun. Es ist ja nicht mehr wie früher, alles läuft computergestützt. Ich bin nur da, um die Maschinen am Leben zu erhalten. Ab und zu ein Kontrollgang zwischen Kabeln und Metall und fertig.
Von außen sieht der Turm noch romantisch aus wie eh und je. Wenn ich der Typ dafür wäre, könnte ich hier Gemüse anbauen und Hühner und Ziegen halten. Lieber lasse ich einmal die Woche aus dem Supermarkt liefern.
Ob es unbedingt Australien hat sein müssen, weiß ich nicht. Für mich ist ein Leuchtturm wie der andere. Weit weg von anderen Menschen.

Wörter: 172

SGZ 75 MAGISCH

SGZ 75 MAGISCH

Die Zauberschülerin Divina war gerade neu aufgenommen worden und hatte die Aufgabe bekommen, mithilfe eines Besens den Dreck auf dem Fußboden in ihrem Zimmer wegzukehren.
Leider kannte sie noch überhaupt keinen Spruch, um das Ding in Bewegung zu versetzen. Sie hatte schon mehrere allgemein ausprobiert, die ihre Mutter sie gelehrt hatte. Vergebens. Langsam machte sich Erschöpfung in Divina breit.
Gleich an ihrer allerersten Aufgabe war sie gescheitert! Sie krümmte sich auf ihrem Bett zusammen und wartete das Ende der Stunde ab.

Der Lehrer betrat ihr Zimmer. »Schau, Divina: Manchmal ist ein Besen einfach nur ein Besen.« Er nahm ihn in die Hand und kehrte den Dreck zusammen, schnippte dann mit den Fingern und hielt plötzlich einen Eimer in der Hand, in den der Abfall kreisend verschwand.

Wörter: 126

SGZ 74 SCHATTEN

SGZ 74 SCHATTEN

Fortsetzung von 073 MOOR
Er schrie, bis er Luft holen musste. In diesem kurzen Moment hörte er Schritte auf den Planken. Schlurfende Schritte, als ob ein Bein nachgezogen würde. Sie näherten sich.
So schnell er konnte, sprang Jens auf seine Füße. Er leuchtete in die Richtung, aus der die Schritte kamen, doch er sah nichts als Schatten. Er musste hier weg!
Aus welcher Richtung war er gekommen? Er wollte schon den Routenplaner einschalten – als ob der ihm im Moor helfen könne – da wurde das Display schwarz.
Jens war sich sicher, dass die Leiche plötzlich im Weg gelegen hatte. Auf allen Vieren tastete er nach dem Körper. Nichts zu finden. Er war weg! Zu den Schritten hatte sich ein schleifendes Geräusch gesellt. Der Täter musste noch in der Nähe sein! War es dieser Schatten, den er gesehen hatte? Nichts wie weg hier!
Jens stolperte und rannte in die Richtung aus der er vermutete, gekommen zu sein. Plötzlich schien er wieder auf einen Schatten zuzulaufen. Lief er im Kreis? Waren es mehrere? Nur langsam näherte er sich und streckte tastend die Hand aus.
Es war kalt. Metall. Sein Auto.

Wörter: 184

SGZ 73 MOOR

SGZ 73 MOOR

Holzstege führten durch das Moor, damit die Besucher nicht in Gefahr gerieten. Um die dort lebenden Tiere nicht zu stören, sollten diese Wege nur bei Tageslicht begangen werden.
Jens nahm keine Rücksicht darauf. Zu verlockend war es, während der Dunkelheit hinaus ins Moor zu gehen, seine Gerüche wahrzunehmen und der veränderten Geräuschkulisse zu lauschen, die nachts nicht von anderen Menschen überschallt wurde. Fast hätte er den Schatten übersehen, der kurz vor seinen Füßen über die Planken huschte: Eine Eidechse, die sich in den letzten Strahlen der Abenddämmerung auf den Weg in ein geeignetes Versteck machte.
Zeit, die Taschenlampe seines Handys einzuschalten, bevor es stockfinster wurde. Da, was war der Schemen dort drüben vor ihm? Ein leichter Schauer jagte ihm über den Rücken. Was für eine herrliche, gruselige Stimmung! Als er das Licht darauf richtete, entpuppte sich das geheimnisvolle Etwas als ein knorriger Baum. Kurz davor bog der Weg nach rechts ab. Gut zu wissen, damit Jens nicht daneben trat.
Nun schritt er nicht mehr so forsch aus. Der Kegel seiner Handylampe verlor sich in der Dunkelheit und schien schwächer zu werden. Den Blick auf das Display gerichtet, achtete er nicht mehr auf den Weg. Sein Fuß stieß an etwas und er stolperte. Das Handy entglitt seinen Fingern. Nein! Nur nicht ins Moor!
Bäuchlings robbte er dem schwachen Schein entgegen. Er hatte Glück. Mit ausgestrecktem Arm konnte er es gerade noch erreichen. Notdürftig wischte er Feuchtigkeit und Dreck an seinem Pullover ab. Über was zum Henker war Jens gestolpert? Entschlossen richtete er den nunmehr spärlich gewordenen Lichtschein seines empfindlichen elektronischen Geräts auf die dunkle Erhebung, die den Holzweg versperrte. Ein Körper, verrenkte Glieder. Leblose Augen eines bärtigen Mannes starrten ihn an. Der Hals war aufgeschlitzt, Blut sickerte durch die Planken ins Moor.
Jens begann zu schreien.

Wörter: 295

Fortsetzung: 074 SCHATTEN