Der Brotjob gehört zum Autor wie …

Der Brotjob gehört zum Autor wie …

der Leser zum Buch. Einen Brotjob muss freilich nicht jede:r Autor:in haben, viele aber schreiben nebenberuflich und träumen noch davon, eines Tages genug Geld mit den Büchern zu verdienen, dass sie sich voll und ganz darauf konzentrieren können. Viele machen sich dann ganz selbstständig und ergänzen ihr Einkommen durch buchnahe Tätigkeiten wie Lektorat, Korrektorat, Sensitivityreading und Coaching.

Ich gehe den umgekehrten Weg, denn ich hatte ja die letzten Jahre als Erwerbsminderungsrentner den lieben langen Tag Zeit für das Schreiben. Und zwar nur für das Schreiben (okay: und Arzttermine) – bis ich mit Tobaksplitter mein erstes Buch veröffentlichte. Denn dann ging es los mit dem Marketing und der Buchhaltung, der Organisation von Lesungen (okay: einer Lesung), der ständigen Präsenz in den Sozialen Medien (okay: erst mal nur Instagram) und der Notwendigkeit, das alles irgendwie zu erledigen und trotzdem noch Zeit und Muße fürs Schreiben zu finden.
Wie viel andere bei Insta machen und wie häufig andere einen neuen Roman auf den Markt bringen, hat mir gezeigt, dass ich da nie und nimmer mithalten kann. Mit Verlag oder ohne, ich werde stets eine Randerscheinung bleiben. Da ich überwiegend über Nischenthemen schreibe, macht das ja auch nichts, solange ich nur genug Sichtbarkeit bekomme, damit die potentiellen Käufer:innen auch vom Buch erfahren. Doch woher nehmen wenn nicht noch mehr investieren?

Der andere, für mich persönlich viel wichtigere Aspekt ist, dass ich überhaupt keine Energie und auch keine Lust, oft nicht mal die Zeit hatte, etwas zu schreiben. Nicht Kurzgeschichten, erst recht nicht am Roman. Dabei wollte ich mir doch genau dafür eine Präsenz aufbauen: damit ich schon eine Fanbase habe, wenn mein Roman dann mal rauskommt … irgendwann.
Außerdem stellte ich fest, dass ich Tages- und Wochenstruktur brauche. Es ist zwar verlockend, sich einfach ins Bett legen zu können, wenn man erschöpft oder müde ist, aber es zieht auch die Stimmung runter, wenn man unterm Strich zu viel schläft.
Auf der anderen Seite mache ich mir immer noch Sorgen, wenn ich voller Freude nachts schreibe, dass ich gerade in eine Hypomanie rauschen könnte …

Deshalb und auch weil ich mich nach Anleitung und konkreten Aufgabenstellungen sehne, will ich wieder in bezahlte nichtselbständige Arbeit. Auf dem Weg bin ich seit Januar letzten Jahres, seit Oktober habe ich eine Jobcoach, mit der ich zweimal die Woche Sitzungen hatte.
Und am Dienstag geht es dann mit der Arbeitserprobung los. Erst mal drei Stunden einmal in der Woche. Heute war ich beim Vorgespräch.
Parallel dazu werde ich an einen Kurs teilnehmen mit dem Oberthema Kommunikation. Ich bin gespannt auf Austausch zu den Themen Verhaltensstile im Kritikgespräch, Konzentration und Selbstsicherheit. Vor allem Selbstsicherheit brauche ich.
Wenn ich Glück habe, bin ich ab Mai in der Ergotherapiepraxis meiner Wahl beim Gruppentraining Sozialer Kompetenzen dabei – da entscheidet das Los im April.

Heute habe ich also meinen neuen Arbeitsplatz kennengelernt.
Das Vorgespräch war ganz angenehm und diesmal habe bei der offen gestellten Frage „Erzählen Sie mal etwas über sich“ keinen Blackout gehabt. Ganz simpel kurz die wichtigsten beruflichen Stationen abgehandelt, ohne zu hetzen oder mich zu verhaspeln – so sollte es mal in einem Bewerbungsgespräch laufen.
Der Raum, in dem ich arbeiten werde, bietet drei Computer-Arbeitsplätze, die aber nachmittags (In meiner Welt fängt der Nachmittag um 14 Uhr an, aber dort muss ich um 12:30 schon anfangen.) alle frei sind. Das heißt: Quasi Einzelbüro. Mobiliar stört mich ja nicht. Und es gibt kein Telefon am Platz. Das bedeutet, ich bin auch davon erst mal verschont. Wohl habe ich aber die Möglichkeit, später mal Telefonieren zu üben, wenn ich das unbedingt will. Einzelne Anrufe kann ich an bestimmten Arbeitsplätzen erledigen, aber üblicherweise sollte das gar nicht notwendig werden.
Zunächst geht es aber nur um die Überprüfung, ob ich den Rahmenbedingungen da draußen wieder gewachsen bin. Regelmäßig zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort aufschlagen. Krankmelden, wenn es mir nicht gut geht. Einfache Aufgaben wie etwa Adressrecherche erledigen, Kommunikation mit den Ansprechpartnerinnen. Und weiteres erfahre ich dann am Dienstag.

Das Schreiben macht als Hobby so unglaublich viel Spaß. Es fühlt sich anders an, wenn es nicht in Arbeit ausartet. Wenn ich es nicht tun muss, um etwas zu erreichen, sondern tun darf, weil ich die Möglichkeit dazu habe. Das ist nicht gleichzusetzen mit minderer Qualität! Ich habe dann einfach nur nicht diesen Zeit- und Erfolgsdruck, den ich habe, wenn ich von mir erwarte, kostendeckend zu arbeiten. Das klappt einfach nicht in jedem Jahr, schon gar nicht am Anfang. Nach dem, was ich inzwischen so mitbekommen habe, liege ich mit den Verkaufszahlen auch gar nicht so schlecht, wie ich das gedacht hatte.

Wenn ich dann also das nächste Mal eine Deadline verbaselt habe, kann ich sagen: Musste arbeiten.
Auf Arbeit als Ausrede freue ich mich so richtig!

Euer Ingo S. Anders

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Internationaler Tag der Menschen mit Behinderungen

Internationaler Tag der Menschen mit Behinderungen

Der 3. Dezember ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen.
Was liegt da näher, als euch da noch einmal unsere Worte gegen Ableismus ans Herz zu legen?

Ich, Mensch. Worte gegen Ableismus

Die Hürden im Alltag einer Rollstuhlfahrerin, der tägliche Kampf blinder Menschen oder das Unverständnis, das geistig Beeinträchtigten entgegenschlägt: 16 Menschen haben sich in Form von Gedicht, Kurzgeschichte, Essay und Bericht geäußert und teilen ihre ganz persönliche Sicht auf die Welt mit den Leser:innen. Geschildert werden Beispiele, wie Ableismus im Alltag aussehen und sich auf die Betroffenen auswirken kann – im Kontrast zu leuchtenden Vorbildern.

Erhältlich bei Amazon, Thalia, Weltbild und Hugendubel.
»Ich, Mensch: Worte gegen Ableismus« ist erschienen im Frei!Geist Autorenverlag.
Druckbuch 92 Seiten, ISBN 978-3-756521-23-4, 9,- EUR.
Website des Verlags: https://www.autorenkollektiv-freigeist.de/

Ein diverses Jahr geht zu Ende

Ein diverses Jahr geht zu Ende

Es gibt Pläne, von denen ich abgewichen bin, Ziele, die ich nicht erreicht habe, aber auch Erfolge und viel Schönes, das ich erlebt habe. Zeit für einen Blick zurück.

Januar

Ich lasse mich auf die Warteliste einer Einrichtung setzen, die mich bei der Teilhabe am arbeitsweltlichen Kontext unterstützen soll.
Wir gründen einen Blogring.
Ich kündige Themen für die Reihe #diverserdonnerstag an. An dieser Stelle muss ich mich dafür entschuldigen, dass ich einige ganz bewusst ausgespart habe, weil ich gemerkt habe, dass ich besser nur dann etwas schreiben sollte, wenn ich zu dem Thema auch etwas zu sagen habe.
Ich setze mich mit neuem Elan an die Überarbeitung meines Erstlings. Nach wenigen Tagen verfliegt meine Kraft.
Es beginnt die Arbeit an einem Anthologie-Projekt, über das noch nichts verraten werden darf.

Februar

Die Leipziger Buchmesse fällt aus. Ich entscheide mich dagegen, für eine Woche nach Leipzig zu fahren. Stattdessen buche ich Fahrkarten für ein Treffen des Schreib-Forums.
Ich warte, beginne derweil mit Bewerbungen auf Minijobs. Vielleicht schaffe ich es ja doch alleine.

März

Ich schreibe eine Rezension für Jennys Einmal kurz die Welt retten zum Thema Umweltschutz.
Es gibt Krieg und alles wird anders. Ganz andere Themen in meinem Leben werden wichtig. Das Schreiben bleibt.

April

Ich beziehe per pedes mit dem Hackenporsche ein Apartment, dass ich als Rückzugsort zum Schreiben nutzen möchte und ruiniere mir dabei mein rechtes Knie.
Es gibt eine Benefiz-Anthologie vom BVjA, für die ich einen Beitrag einreiche.
Mich erreicht die Mitteilung, dass mein am 31.12.21 eingereichter Beitrag zum Thema Leben mit Behinderung in eine Anthologie aufgenommen wird!
Auf Krücken fahre ich zum Forentreffen und habe viel Spaß! Es entsteht bei und nach einem Schreibspiel ein lustiger Krimi: Der Mörder ist nicht mal der Gärtner.

Mai

Ich setze mich erneut an die Überarbeitung meines Erstlings und verwerfe sämtliche bisher erfolgten Überarbeitungsschritte. Die Arbeit von anderthalb Jahren. (Ja, ich kann dank Papyrus auch das wiederherstellen …)
Ich schließe mit dem Autorenkollektiv Frei!Geist einen Autorenvertrag ab!
Von nun an habe ich viele Texte für das geheime Projekt zu korrigieren.
Jenny war so begeistert von meiner Rezension, dass sie mich weiterempfohlen hat.

Juni

Also schreibe ich eine weitere Rezension, diesmal über das Buch über den geistig behinderten Benni namens Das kann nich jeda, sagt Benni, der megacoole Behindi.
Ich werfe einen weiteren müden Blick in mein Romanmanuskript. Es muss doch zu schaffen sein. Nur nicht jetzt. Kurzgeschichten machen mehr Spaß.
Und da sind ja noch die Korrekturen zu erledigen. Eigentlich macht das ja Spaß.

Juli

Zum Ausgleich bekomme auch ich mal wieder eine Rezension für mein Buch.
Und ich korrigiere.

August

Und korrigiere wie ein Berserker.
Das Buch Ich, Mensch: Worte gegen Ableismus mit einem meiner Texte erscheint bei Amazon, Thalia, Weltbild und Hugendubel.
Eine Geschichte, die ich sehr gut gelungen fand, ist bei einem Wettbewerb abgelehnt worden. Mal wieder eine.
Dafür ist ein Platz frei geworden bei dem Träger der von mir angestrebten Maßnahme und ich stelle jetzt offiziell den Antrag auf Eingliederungshilfe.

September

Ich bekomme eine Anfrage für eine Lesung. :-o
Bei Instagram poste ich eine Reihe Reels, um an Reichweite zu gewinnen und tausche vier alte Follower gegen dreizehn neue. Hurra.
Und ich korrigiere weiter. Der anstrengende Teil ist eigentlich der Austausch mit den Autor:innen. Und die Sandwich-Position zwischen ihnen und dem Satz. Ich bin heilfroh, als der Staffelstab an die nächste Station weitergeht.
Schnell fahre ich für einen Kurztrip ans Meer, bevor ich wieder ins Arbeitsleben einsteige und nicht mehr so frei über meine Zeit und Ortsabwesenheit verfügen kann.
Auch sitze ich wieder an einer Kurzgeschichte für eine Ausschreibung. Es ist meine längste Kurzgeschichte bisher. Diesmal geht es um den Klimawandel. Dystopische Science-Fiction.

Oktober

Jetzt geht es los mit der Maßnahme und das Schreiben rückt etwas in den Hintergrund.
Ich entschließe mich dazu, die abgelehnte Geschichte noch mal woanders einzureichen. Just for fun. :D
Tatsächlich gelingt es mir, an meiner Novelle, die nun definitiv kein ausgewachsener Roman mehr werden wird, zu arbeiten.
Irgendwie wird das nichts mit der Lesung. Es gab keine Location und dann ist alles im Sande verlaufen. Ich bin erleichtert.
Bei einer KG für eine Ausschreibung platzt der Knoten und ich setze mich ran.

November

Das Anthologieprojekt ist abgeschlossen.
Ich verschanze mich in meinem Apartment. Die Überarbeitung setze ich fort, angespornt von den vielen Schreibwütigen um mich herum. Nebenbei widme ich mich mal wieder Kurzgeschichten für Wettbewerbe.
Im Fokus steht allerdings meine Wiedereingliederung.

Dezember

Ende der Geschichte. Ein weiteres Jahr, in dem mein Roman nicht fertig wird. Weder der erste noch der zweite. Und trotzdem habe ich jetzt zwei Bücher zu bewerben, mein Debüt und das zweite im Bilde ist die im August erschienene Anthologie über das Leben mit Behinderung. Da bin ich nur einer unter vielen Autor:innen.

Ich halte an einem sonnigen Tag zwei Bücher in den Händen: Tobaksplitter, Sammlung kurzer Geschichten von Ingo S. Anders und Ich, Mensch Worte gegen Ableismus. Im Hintergrund blauer Himmel, das Meer und Sandstrand.

Und nächstes Jahr?

Für euch habe ich mir zwölf Schreibanregungen ausgedacht. Ich selbst mache mir diesmal keine Pläne, was das Schreiben angeht. Im Vordergrund steht die bezahlte Arbeit. Auch auf die Gefahr hin, dass ich als freier Lektor oder Sensitivity Reader aus der Maßnahme rausgehe. -.-

Euer Ingo S. Anders

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Psychose #diverserdonnerstag

Psychose #diverserdonnerstag

Es gibt nicht die Psychose, das macht bereits der entsprechende Wikipedia-Artikel klar. Psychosen können bei einer Vielzahl von Erkrankungen auftreten, darunter bei der bipolaren Störung. Wie ich während einer Psychose auf Außenstehende wirke, ist mir erst dadurch klar geworden, dass ich einmal währenddessen Fotos und Videos gemacht habe.

Persönliche Erfahrungen

Meine erste (diagnostizierte) Psychose entwickelte ich, nachdem ich bereits ein halbes Jahr unbehandelt manisch und bereits wahnhaft herumlief. Im Büro war ich schon darauf angesprochen worden, dass ich aber sehr überengagiert sei – tatsächlich traute ich mir da schon selber nicht mehr über den Weg, machte Fehler, die ich sonst nicht gemacht hätte, weil ich mich kaum noch auf etwas konzentrieren konnte. Irgendwann lief ich immer häufiger durch die Gegend, weil ich nicht mehr stillsitzen konnte, was natürlich nicht unbemerkt blieb.

Aus einem Impuls heraus folgte ich der Einladung einer Bekannten und nahm an einem Schamanischen Heilkreis teil. Unter normalen Umständen wäre das für mich ein absolutes No-Go gewesen. Aber ich kann euch beruhigen: Das war nicht viel anders als Musiktherapie mit Gespräch beim Kuchenessen. Lange Zeit hielt ich das für das auslösende Moment der folgenden Ereignisse; inzwischen denke ich, dass mich dieses Erlebnis noch am ehesten in die Realität zurückgeholt hat, weil ich nämlich dadurch darüber nachdachte, was denn real ist und was nicht, weil ich verstehen wollte, was geschehen war.

Nachts allein am Bahnhof halluzinierte ich

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Rezension: Ich, Mensch: Worte gegen Ableismus (Frei!Geist Autorenverlag)

Rezension: Ich, Mensch: Worte gegen Ableismus (Frei!Geist Autorenverlag)

Ich, Mensch: Worte gegen Ableismus, Frei!Geist Autorenverlag
92 Seiten
Druckbuch 9,- EUR, nicht als ebook erhältlich.
ISBN 978-3-756-521-23-4
Erschienen am 10.08.2022 und erhältlich bei epubli, Amazon, Thalia, und Hugendubel.

Ich hatte euch ja schon neulich mal das Cover gezeigt.
Mein erster Text, der in einem Verlagsbuch erscheint! Ich bin stolz auf mich, aber ebenso auf die anderen. Und ich habe sogar eine Kollegin vom BVjA-Stammtisch, Elke Jan, „wiedergetroffen“ die einen tollen Krimi beigesteuert hat. Sie ist unter anderem auch Sensitivityreaderin.
Heute will ich euch aber das Buch näher vorstellen.

Klappentext:
16 Autorinnen und Autoren, 17 Texte zum Thema Behinderung und Ableismus in Deutschland, aus ganz persönlicher Perspektive. Gedicht und Kurzgeschichte, Essay und Bericht: In so vielfältigen wie originellen Formen kommen hier diejenigen zu Wort, die in der öffentlichen Debatte immer noch viel zu oft ausgeschlossen bleiben. Die Hürden im Alltag einer Rollstuhlfahrerin, der tägliche Kampf blinder Menschen oder das Unverständnis, das geistig Beeinträchtigten entgegen schlägt: Die Beitragenden in diesem Sammelband, der aus einem Schreibaufruf des Autorenkollektivs Frei!Geist hervorging, bieten bunte, kluge, anspruchsvolle Kommentare aus ganz verschiedenen Blickwinkeln zu einem Thema, das leider immer noch brandaktuell ist.

Gesamteindruck

Ich war etwas überrascht, wie dünn sich das Buch anfühlt. Aber 92 Seiten sind eben nicht viel im Vergleich zu den für einen Roman typischen Umfang von 300 Seiten oder mehr. Das tut der Qualität der Texte, die mich allesamt sehr berührt haben, jedoch keinen Abbruch.

Zu den einzelnen Texten

Ingo S. Anders – Störungen im Betriebsablauf oder Unplanmäßige Verkehrsbehinderungen
Meine eigene Geschichte trägt einen etwas sperrigen Titel. Natürlich rezensiere ich mich nicht selbst, aber ich zeige euch die erste Seite als Leseprobe. Einfach nicht weiterlesen, wenn ihr bzgl. der Inhalte der anderen Geschichten nicht gespoilert werden wollt.

Eine aufgeschlagene Buchseite. Schwarze Schrift auf weißem Grund: Ingo S. Anders Störungen im Betriebsablauf oder Unplanmäßige Verkehrsbehinderungen Mein Telefon klingelte. Das war insofern ungewöhnlich, als dass es das nur selten tut, weil ich nicht gern telefoniere und meine Freunde das wissen. Es klingelte also unangemeldet, und ich hatte das Glück, die Wischbewegung richtig auszuführen, sodass das Gespräch mit Ina zustande kam. "Ingo, stell dir vor!" Sie war ganz aufgeregt. "Der Verlag hat angerufen. Ich soll in einer Talkshow im Fernsehen auftreten! In Osnabrück." Ich gratulierte und ließ sie erzählen, bis sie zum Grund ihres anrufs bei mir kam. Sie brauchte eine Reisebegleitung. Ausgerechnet mich, der jeden Winter in heillose Orientierungslosigkeit verfiel, wenn alle Jahre wieder urplötzlich der Umstieg am Jungefernstieg erschwert wurde, weil zwischen S-Bahnhaltestelle und Bushaltestelle ein Weihnachtsmarkt den Weg versperrte. "Mit dem Zug? Und was soll ich da machen?", fragte ich verständnislos. In meiner Welt bedeutete eine Zugfahrt eben nur Kopfhörer auf und irgendwie die Reizüberflutung durch die vielen Fahrgäste aushalten, was stressig genug für mich war. So stressig, dass ich üblicherweise entweder mit der Ersten Klasse fuhr oder zwei Übernachtungen zusätzlich buchte, wenn ich verreiste. Mich hatte Ina nur deshalb gefragt, weil die ursprünglich angedachte Begleitung ihr kurzfristig abgesagt hatte.
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Ich könnte das ja nicht

Ich könnte das ja nicht

Für heute war das letzte Monster besiegt und auch die Feedbackrunde neigte sich dem Ende.
Heiko richtete das Wort an Jürgen. »Wie schön, dass Du heute dabei warst, Jüjü. Wir hatten dich schon vermisst.«
»Ja, es tut mir leid, aber ich finde einfach die Zeit nicht.«
»Wegen Martin«, warf Sabine ein.
»Ach ja …« Heiko schwieg lieber. Als Altenpfleger wusste er, wie belastend der Umgang mit Menschen mit Behinderungen für die Angehörigen sein konnte.
»Es ist echt Wahnsinn, was der Jüjü alles leistet. Er macht so viel für Martin. Einkaufen, Kochen, Putzen, Waschen … eigentlich den ganzen Haushalt. Und das Geld für zwei verdient er auch noch! Ich könnte das ja nicht.« Sabine sah ihn anerkennend an.
Jürgen rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum. »Es geht schon viel Zeit dafür drauf …«
»Dein Mann soll ja auch so was wie ein Leben haben, nicht wahr?«
»Nee, Sabine, so kannste das jetzt auch nicht sagen. Martin geht zeitweise an Krücken, das ist alles. Ansonsten gehts dem nicht viel anders als uns auch.«
»Ja, aber das ist doch schlimm! Dem muss man doch helfen«, widersprach sie. »Jüjü, sag doch auch mal was!«
»Heiko hat schon recht. Es sind eigentlich nur die Krücken.«
»Und uneigentlich?«
»Darüber möchte ich nicht so gern sprechen.«
»Jüjü!«
»Also gut. Seine Launen sind schwer auszuhalten. Manchmal wird er plötzlich wütend und ich weiß nicht, warum. Er sitzt meistens da im Sessel wie ein Pascha und legt die Füße hoch. Ich bringe ihm dann, was er braucht, damit er nicht noch mal aufstehen muss. Als hätte ich nichts anderes zu tun. Aber er hat ja Schmerzen. Ich sehe ja, wie er das Gesicht verzieht, wenn er durch die Wohnung humpelt. Das kann ich nicht ertragen. Dann scheint plötzlich nichts zu sein und er schleppt schwere Einkäufe oder geht ohne Krücken zur Post, dann wieder braucht er sie sogar in der Wohnung. Ich will ja nicht, dass er leidet. Ich liebe ihn doch.« Tränen liefen über Jürgens Wangen.
»Armer Jüjü.« Sabine tätschelte seinen Arm.
»Du schlägst dich echt wacker«, sagte Heiko. »Falls du mal Fragen hast, kannst du dich gern an mich wenden.«
»Danke.« Jürgen schniefte.

»Ich bin so maximal wütend auf ihn!« Martin verstaute seine Krücken unter dem Tisch.
»Was hat Jürgen diesmal wieder angestellt?« Ella justierte ihr Hörgerät. »Ich bin ganz Ohr.«
»Heute ist Donnerstag, richtig?«
»Richtig.« Ella konnte sich ein erwartungsvolles Grinsen nicht verkneifen.
»Am Montag bin ich wie üblich einkaufen gegangen. Weil viel auf dem Zettel stand, habe ich überlegt, ob ich mit dem Rucksack zweimal gehe oder ob ich es irgendwie hinkriegen kann, den Hackenporsche zu nehmen. Ich habe mich dann für Letzteres entschieden und auf eine der Krücken verzichtet. Das ging auch erstaunlich gut. Ich meine, ich entlaste ja nur das Knie. Es ist ja nicht so, dass ich sonst nicht laufen könnte, ich möchte nur vermeiden, dass ich wieder in Schonhaltung gehe, weil dann die Bandscheibe zickt …
Egal. Jürgen also. Heute erzählt er mir, wenn ich am Montag noch eine halbe Stunde länger gewartet hätte, dann wäre sein Meeting zu Ende gewesen und dann hätte er auch selbst einkaufen gehen können oder er wäre mitgegangen und hätte die schweren Beutel geschleppt. Ich meine, was soll das denn? Ich bin doch kein Pflegefall! Ich kann mich selbstständig versorgen. Ich fand das so was von übergriffig!«
»Hast du ihm das mal gesagt?«
»Ach klar, die Ableismus-Diskussion hatten wir schon zigmal. Das ist wirklich müßig. Er kocht auch. Weißt du, ich habe gerade gefrühstückt, da fragt er, was ich zu Mittag essen will. Ich würde lieber mal selbst was kochen. Oder wegen mir auch zusammen, lecker Lasagne zum Beispiel, aber das geht nie, ohne dass er mir jeden Handgriff wegnimmt.«
»Glaubt er, du kannst das nicht?«
»Ja, kann sein. Ihm scheint gar nicht klar zu sein, dass es mir schlechter geht, je weniger ich selbst mache. Ich will nicht immobil werden. Wenn ich einen schlimmen Schub habe, dann kann ich ja keine fünf Minuten stehen ohne die Krücken. Und das sieht er ja nicht, wie es mir gerade geht. Aber der letzte schlimme Schub ist drei Jahre her. Und: Mit den Krücken geht es ja besser als ohne, auch wenn es schlimmer aussieht. Wenn er mal mit mir reden würde, hätte er das auch mitbekommen. Aber nein, länger als eine Stunde kann er sich ja nicht mit mir unterhalten, spielt aber problemlos mit seinen Freunden zehn, zwölf Stunden Rollenspiel am Stück.«
»So lange?«
»Mir wäre das definitiv zu lange mit so vielen Leuten in einer Gruppe. Ich würd da ja schon nach zwei Stunden aufm Zahnfleisch gehen. Aber er ist da ja irgendwie anders verdrahtet. Apropos spielen: Da kann er auch nicht abwarten, bis ich selbst eine Entscheidung getroffen habe. Der diktiert mir fast alles. So macht das keinen Spaß. Dabei spiele ich überhaupt nur ihm zuliebe mit ihm. Für mich ist das vertane Zeit.«
»Wenn er eine Pflegestufe für dich beantragen will, kannste ihn zu mir schicken.«
Martin lachte. »Lass mal, Ella. Noch komme ich gut allein zurecht und da finde ich es nicht angebracht, Pflegegeld zu kassieren. Aber ich komme gerne darauf zurück, sollte es sich ändern. So, das war mein Rant, du bist dran.« Entspannt lehnte er sich zurück.


Entstanden im Rahmen einer Schreibübung, bei der eine Figur von anderen Figuren gegensätzlich dargestellt werden sollte.


Übrigens: Der Juli ist der Disability Pride Month.