Klassismus #diverserdonnerstag

Klassismus #diverserdonnerstag

»Bonzenkind!«, bekam ich oft zu hören. Gleichzeitig bekam ich vonseiten meiner Eltern zu hören, wir seien nicht Krösus. Mein Vater leitete ein kleines Unternehmen mit bis zu 25 Mitarbeitern. Und die bekamen immer zuerst ihr Geld, bevor wir dran waren.

»Klassismus bezeichnet Vorurteile oder Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position und richtet sich meist gegen Angehörige einer ›niedrigeren‹ sozialen Klasse.«

Wikipedia am 11.10.21, 14:40

Ich wuchs im reichsten Stadtteil einer Kleinstadt auf, oder zumindest dem mit der teuersten Wohnlage. Besuche bei Klassenkameraden, die nicht in freistehenden oder wenigstens Reihenhäusern lebten, sondern alle zusammen in einer Wohnung mit nur drei Zimmern, bereiteten mir einen Kulturschock – andersrum genauso.
Ich selbst machte mit HartzIV kurzzeitig Bekanntschaft, als ich dann auf 18qm meine ersten eigenen vier Wände hatte. Ich fühlte mich finanziell unabhängig und war doch vom Regen in die Traufe gekommen.

Wie gestalte ich also meine Figuren in meinen Geschichten? Sind sie finanziell bessergestellt? Sind sie sich dessen bewusst?

Nehmen wir mal meine Protagonisten Mark und Lena aus meinem ersten Roman Der Genesungsbegleiter (Arbeitstitel).
Beide leben in Haushalten, in denen Bücherregale stehen. Lenas Vater ist Journalist und liest täglich mehrere Zeitungen, da ist das naheliegend, dass sie einen wichtigen Halt im Lesen gefunden hat. Er lebt in einer Eigentumswohnung, sie in einem gemieteten Apartment.
Und Mark? Sein Vater ist Malermeister. Der liest ein Automagazin und fertig. Trotzdem gibt es ein Räumchen, das sie als Bibliothek bezeichnen, in dem mehrere (!) Bücherregale stehen. Marks Mutter ist Floristin und sammelt leidenschaftlich Zeitungsausschnitte. Schon wieder Zeitungen!
Marks Oma mütterlicherseits war Schriftstellerin.

Das bedeutet: Ja, meine beiden Turteltäubchen sind vom Elternhaus her finanziell bessergestellt.
Lena ist das überhaupt nicht klar, sie hat wenig soziale Kontakte und blickt anfangs kaum über ihren Tellerrand. Die Freunde ihres Vaters kommen ebenfalls aus gut situierten Haushalten, weshalb sie eben das für »normal« hält.
In Marks Elternhaus ist es omnipräsent, dass er (der Vater) sich (und seiner Familie) alles selbst hart erarbeitet hat. Durch seine EX-IN-Ausbildung kommt Mark mit Erwerbsminderungsrentnern in Kontakt, die von der Grundsicherung leben müssen. Die froh sind, sich bald wenigstens 450 Euro dazuverdienen zu dürfen, was für sie einen Riesenunterschied ausmacht, auch wenn es nicht für große Sprünge reicht. Das wird allerdings nicht thematisiert, es gehört zur Vorgeschichte, die man nicht erzählt, aber für die Figurenentwicklung braucht.

Wenn in dieser Geschichte jemand Vorurteile gegenüber jemandem wegen der sozialen Position oder Herkunft hat, dann Marks Vater gegenüber seinem Schwiegervater, denn der war ihm bereits gebürtig »überlegen« und hat auf ihn herabgeblickt, weil seine Tochter »unter Stand« geheiratet hat und seinen Segen nur ihr zuliebe zähneknirschend gegeben. Beide konkurrierten ständig miteinander. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Grüne Schleife

Die Grüne Schleife

Ist euch mal auf meiner Über-mich-Seite die Grüne Schleife an meiner Jacke aufgefallen und ihr habt euch gefragt, was sie bedeutet? Da heute der Welttag für seelische Gesundheit ist, erkläre ich es euch:

Damit könnt ihr ausdrücken, dass ihr euch solidarisch zeigt mit Menschen mit psychischen Erkrankungen. Da jeder Dritte davon betroffen ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass ihr wirklich niemanden kennt, der noch nie psychisch erkrankt ist. Es wird höchstens nicht darüber gesprochen.
Und genau das ist das Problem: Durch die Tabuisierung leiden wir doppelt, viele fressen ihren Kummer in sich hinein anstatt sich Freunden anzuvertrauen und genau das ist häufig wiederum krisenauslösend oder -verschärfend. Zudem können wir keinen Schritt in Richtung Entstigmatisierung machen, wenn wir nicht darüber sprechen.

„Ich bin nicht Dein Therapeut.“
„Du brauchst professionelle Hilfe!“

Wie oft habe ich das gehört? Oft aus eigener Überforderung heraus wurde ich von meinen Mitmenschen abgewiesen, am Arbeitsplatz und im Privatleben. Dabei erwarte ich doch keine Wunderwerke, einfach nur ruhig und gelassen zuhören in einem Moment emotionaler Aufgelöstheit reicht oft schon aus. Das ist unglaublich wichtig zur Vorbeugung.

„Soziale Kontakte sind überaus wichtig.“

Das bekam ich von den „professionellen Helfern“ immer wieder zu hören.
Natürlich müssen auch Angehörige psychisch kranker Menschen sich selbst schützen und dazu gehört, sich nicht zur Seelenschutthalde machen zu lassen. Da die Grenze zu ziehen ist oft schwierig, das gebe ich zu.

„Nur wenn es Dir selbst gut geht, kannst Du anderen helfen.“

Der Selbstschutz geht immer vor, wie auch bei beruflichen Rettern etwa bei der Feuerwehr. Mich selbst betrifft das ja auch, wenn ich in der Rolle des Angehörigen bin. Ich kenne beide Seiten.
Meiner Erfahrung nach ist es jedoch so, dass ich erst langsam lernen musste, dass ich willkommen bin, auch wenn es mir nicht gut geht. Erst dieses Wissen hat mich dazu befähigt, mir frühzeitig Hilfe zu suchen. Komme ich früh genug mit meinen Problemchen, reicht das Ohr eines Freundes aus. Denn es steht bei mir die Bewältigung meines Alltags im Vordergrund.

„Bei der Bewältigung des Alltags helfen soziale Kontakte – wie bei Gesunden auch.“

Ich erwarte nicht, dass meine Kolleg:innen und Freunde traumatherapeutisch mit mir arbeiten, sich meine ganze Lebensgeschichte anhören oder rund um die Uhr für mich da sind. Ich will nicht wie ein rohes Ei behandelt werden und ich scheiß auf Mitleid.

Mitleid hilft niemandem. Mitgefühl schon.

Mir ist nur wichtig zu wissen, dass es okay ist, auch mal Befürchtungen zu äußern, mein Buch könne zerrissen werden oder was mir sonst so im Kopf rumspukt. Ich erwarte aber, dass ich mit demselben Respekt behandelt werde wie Menschen ohne psychische Probleme.

„Mach Dir nicht so viele Gedanken.“

Aber gern. Noch eine Runde Pillen, bitte!

Spaß beiseite. Ich wünsche mir, dass wir einen Schritt aufeinander zu machen. Füreinander da sind. Einander zuhören. Das ist wichtig, damit nicht nur Einzelne, sondern unsere Gesellschaft auch auf systemischer Ebene genesen kann.

Eine solche Grüne Schleife könnt ihr beim Aktionsbündnis Seelische Gesundheit bekommen. Vielleicht wird sie euch aber auch dieser Tage irgendwo in der Fußgängerzone in die Hand gedrückt, so wie mir damals.

Jetzt überall erhältlich! Tobaksplitter – Facetten meiner Persönlichkeit

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Achtung, Trigger!

Von der Psychiatrie durch menschliche Abgründe über Transsexualität bis hin zu Kindheitserinnerungen: Durch diese Sammlung kurzer Geschichten zieht sich ein roter Faden. Je mehr man von ihnen liest, desto näher kommt man dem Wesen des Autors. Diese Texte und Fragmente, ob erfunden oder wahr, sind nicht stromlinienförmig, sie sind nicht artig, sondern eigen und auf ihre Art anders.
Splitter für Splitter zeigen sie ein Bild von Ingo S. Anders.

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5. Virtueller Literaturcon – Aufzeichnungen

5. Virtueller Literaturcon – Aufzeichnungen

Diejenigen, die am Wochenende keine Zeit hatten, können sich die Veranstaltung nachträglich anschauen.
Das Programm hatte ich hier angekündigt; es wurde jedoch spontan etwas umgestellt, da eine Lesung wegen Computerstreik von Freitag auf Sonntag verschoben werden musste und zwei kurzfristig ganz ausfielen.

Kurztrip nach Cuxhaven

Kurztrip nach Cuxhaven

Noch ein letztes Mal Urlaub, bevor es endgültig in die Selbständigkeit geht. Ich wollte schon eine ganze Weile mal wieder ans Meer, konnte mich aber nicht dazu aufraffen, mein Nest zu verlassen. Doch ein Tapetenwechsel war dringend nötig.

Ich kam also an den Strand in freudiger Erwartung der Brandung und wer war nicht da? Das Meer! Also es war schon da, aber eben bei Ebbe. Wattenmeer hat das so an sich. Die Nordsee so nah an der Mündung der Elbe hat offenbar nur sehr kurz Hochwasser und dann scheint alles die Elbe hoch nach Hamburg zu fließen, denn wir spüren die Tide ja selbst da noch.
Meine erste Amtshandlung war neben pflichtschuldigster tourimäßiger Knipserei ein Gewaltmarsch am Strand entlang, um im nächsten Ortsteil nach einem Restaurant zu suchen. Die Dünen haben mich an meine Kindheit erinnert; wir fuhren regelmäßig nach Skagen in Dänemark, dort gab es sie auch.
In Duhnen steppte dann auch wirklich der Bär, in Döse ging es vergleichsweise ruhig zu. Es war eine Herausforderung, einen Tisch zu bekommen, da man vielerorts reservieren musste. Das war auch der Grund, warum ich nicht im Hotel zu Abend essen konnte, was ich liebend gern getan hätte. Mein Impfnachweis wurde auch ausschließlich dort verlangt.
Nachts konnte ich vor lauter Aufregung ob all der neuen Eindrücke nicht schlafen und war also am nächsten Tag morgens früh wach und konnte mich zu einer Dame in den winzigen Pool quetschen, um dort „mit Abstand“ zu schwimmen.
Diesmal kaufte ich mir ein Tagesticket für den Bus und fuhr kreuz und quer durch die Stadt, um mir die Innenstadt anzusehen, noch mal durch die Fußgängerzone in Duhnen zu schlendern und mir nach einer frittierten Scholle eine Eisschokolade zu genehmigen sowie die Kugelbake zu knipsen. Überhaupt habe ich etliche Fotos gemacht, um mein Buch in Szene zu setzen, was mir schon ein wenig wie Arbeiten vorkam. Ob ich diese tatsächlich alle zu Werbezwecken einsetzen werde, weiß ich noch nicht. Ich möchte auch bezweifeln, dass ich diese Workation in irgendeiner Form als Dienstreise absetzen kann.
Nach einem Mittagsschlaf habe ich, dem Tidenkalender sei Dank, auch das Meer bei Flut gesehen:

Cuxhaven am Strand

Um mich auch noch in der Sauna zu erholen, war ich dann zu erschöpft vor lauter Urlaub.

Am dritten Tag war ich froh, wieder nach Hause fahren zu können mit der freudigen Aussicht, mich an meinen Schreibtisch zu kuscheln.
Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, meinen Zug knapp zu verpassen, weil der Automat nicht ordnungsgemäß funktionierte und ich den anderen nehmen musste. Deshalb sah ich mich gezwungen, drei Mängelexemplare vom Grabbeltisch mitzunehmen. Irgendwie musste ich die Stunde Wartezeit ja rumbringen.
Wie andere Leute das alles während eines Tagesausflugs schaffen, ist mir schleierhaft.

KW 37: Tanzen

KW 37: Tanzen

Seinen Tanzpartner in der engen Umarmung dicht an sich zu spüren, erregte Jan. Vor allem der Umstand, dass Dennis in seinen Armen wie Wachs war und jedem seiner Impulse problemlos folgte, als tanzten sie schon seit Jahren miteinander. Auch sein Aftershave gefiel Jan. Hatte der Mann die Schifferfräse neulich schon gehabt? Bei den Schwimmern achtete er nicht auf solche Details.
Jan lauschte den Tönen, ließ sich in die Musik fallen und sie beide verschmolzen zu einem Wesen, dem vierbeinigen Tier, das sich im Takt bewegte. Schweigend wiegten sie sich im allesbestimmenden Rhythmus, dem sich selbst ihr Atem unterordnete. Nur für kurze Momente öffnete Jan die Augen, um die Wahrnehmungen seiner anderen Sinne zu ergänzen. In seinen Armen Dennis, vollkommen entspannt.
Erst als sie sich lösten, spürte Jan eine Kälte an den Stellen seines Hemdes, die feucht geworden waren vom engen Kontakt zu seinem Tanzpartner, als vermissten sie ihn bereits.


Diesmal ein Textschnipsel aus Schwuppenplanschen, einem Buchprojekt, das gerade ruht.