SGZ 75 MAGISCH

SGZ 75 MAGISCH

Die Zauberschülerin Divina war gerade neu aufgenommen worden und hatte die Aufgabe bekommen, mithilfe eines Besens den Dreck auf dem Fußboden in ihrem Zimmer wegzukehren.
Leider kannte sie noch überhaupt keinen Spruch, um das Ding in Bewegung zu versetzen. Sie hatte schon mehrere allgemein ausprobiert, die ihre Mutter sie gelehrt hatte. Vergebens. Langsam machte sich Erschöpfung in Divina breit.
Gleich an ihrer allerersten Aufgabe war sie gescheitert! Sie krümmte sich auf ihrem Bett zusammen und wartete das Ende der Stunde ab.

Der Lehrer betrat ihr Zimmer. »Schau, Divina: Manchmal ist ein Besen einfach nur ein Besen.« Er nahm ihn in die Hand und kehrte den Dreck zusammen, schnippte dann mit den Fingern und hielt plötzlich einen Eimer in der Hand, in den der Abfall kreisend verschwand.

Wörter: 126

SGZ 74 SCHATTEN

SGZ 74 SCHATTEN

Fortsetzung von 073 MOOR
Er schrie, bis er Luft holen musste. In diesem kurzen Moment hörte er Schritte auf den Planken. Schlurfende Schritte, als ob ein Bein nachgezogen würde. Sie näherten sich.
So schnell er konnte, sprang Jens auf seine Füße. Er leuchtete in die Richtung, aus der die Schritte kamen, doch er sah nichts als Schatten. Er musste hier weg!
Aus welcher Richtung war er gekommen? Er wollte schon den Routenplaner einschalten – als ob der ihm im Moor helfen könne – da wurde das Display schwarz.
Jens war sich sicher, dass die Leiche plötzlich im Weg gelegen hatte. Auf allen Vieren tastete er nach dem Körper. Nichts zu finden. Er war weg! Zu den Schritten hatte sich ein schleifendes Geräusch gesellt. Der Täter musste noch in der Nähe sein! War es dieser Schatten, den er gesehen hatte? Nichts wie weg hier!
Jens stolperte und rannte in die Richtung aus der er vermutete, gekommen zu sein. Plötzlich schien er wieder auf einen Schatten zuzulaufen. Lief er im Kreis? Waren es mehrere? Nur langsam näherte er sich und streckte tastend die Hand aus.
Es war kalt. Metall. Sein Auto.

Wörter: 184

SGZ 73 MOOR

SGZ 73 MOOR

Holzstege führten durch das Moor, damit die Besucher nicht in Gefahr gerieten. Um die dort lebenden Tiere nicht zu stören, sollten diese Wege nur bei Tageslicht begangen werden.
Jens nahm keine Rücksicht darauf. Zu verlockend war es, während der Dunkelheit hinaus ins Moor zu gehen, seine Gerüche wahrzunehmen und der veränderten Geräuschkulisse zu lauschen, die nachts nicht von anderen Menschen überschallt wurde. Fast hätte er den Schatten übersehen, der kurz vor seinen Füßen über die Planken huschte: Eine Eidechse, die sich in den letzten Strahlen der Abenddämmerung auf den Weg in ein geeignetes Versteck machte.
Zeit, die Taschenlampe seines Handys einzuschalten, bevor es stockfinster wurde. Da, was war der Schemen dort drüben vor ihm? Ein leichter Schauer jagte ihm über den Rücken. Was für eine herrliche, gruselige Stimmung! Als er das Licht darauf richtete, entpuppte sich das geheimnisvolle Etwas als ein knorriger Baum. Kurz davor bog der Weg nach rechts ab. Gut zu wissen, damit Jens nicht daneben trat.
Nun schritt er nicht mehr so forsch aus. Der Kegel seiner Handylampe verlor sich in der Dunkelheit und schien schwächer zu werden. Den Blick auf das Display gerichtet, achtete er nicht mehr auf den Weg. Sein Fuß stieß an etwas und er stolperte. Das Handy entglitt seinen Fingern. Nein! Nur nicht ins Moor!
Bäuchlings robbte er dem schwachen Schein entgegen. Er hatte Glück. Mit ausgestrecktem Arm konnte er es gerade noch erreichen. Notdürftig wischte er Feuchtigkeit und Dreck an seinem Pullover ab. Über was zum Henker war Jens gestolpert? Entschlossen richtete er den nunmehr spärlich gewordenen Lichtschein seines empfindlichen elektronischen Geräts auf die dunkle Erhebung, die den Holzweg versperrte. Ein Körper, verrenkte Glieder. Leblose Augen eines bärtigen Mannes starrten ihn an. Der Hals war aufgeschlitzt, Blut sickerte durch die Planken ins Moor.
Jens begann zu schreien.

Wörter: 295

Fortsetzung: 074 SCHATTEN

SGZ 72 LINSEN

SGZ 72 LINSEN

Die Kontaktlinse
»Guten Tag, ich hätte gerne eine Kontaktlinse.«
»Nur eine?«
»Ja, ich lebe allein.« Ich war keiner von diesen jungen Leuten, die diese Geräte auf Parties fürs Dating missbrauchten.
»Wissen Sie, wie man die einsetzt?«
»Ja.« Ich war doch nicht von gestern. »Man steckt sie in die Hosentasche. Nähert sich eine Person, die ebenfalls Kontakt sucht, vibrieren unsere Linsen.«
»Reicht eine einfache Linse oder benötigen Sie eine, die auch Kontaktfreude auslöst?«
»Letzteres bitte.« Ich lebte schon zu lange allein. Ich war etwas aus der Übung. Es hatte mich schon einiges an Überwindung gekostet, überhaupt dieses Geschäft aufzusuchen. Normalerweise bezog ich alles übers Internet, aber dieser Artikel war auf zur Zeit nicht lieferbar.
Ich bezahlte, verließ die Innenstadt und machte mich auf die Suche. Dreißig Jahre war das her, dass ich zuletzt das Gebäude aufgesucht hatte, in dem ich zur Schule gegangen war. Es konnte nicht mehr weit sein, denn das soeben erstandene Gerät begann zu vibrieren. Jetzt freute ich mich schon richtig auf das Wiedersehen mit meinen alten Klassenkameraden.
Das Vibrieren wurde stärker, je näher ich kam, und meine Vorfreude wuchs. Ich regulierter die Intensität, damit ich nicht in einen Rausch verfiel.
»Xaver!« Sie winkte mir zu.
»Die Marie! Ist das eine Freude, dich zu sehen.« Herzlich schloss ich sie in die Arme.

Am nächsten Morgen wachte ich in einem fremden Zimmer neben einer beleibten Dame auf. Richtig, Marie. Doch wie war das passiert? Hatte ich die Aktivität der Kontaktlinse nicht auf zwei Stunden Dauer begrenzt?
Hastig sprang ich aus dem Bett und kleidete mich an.
Sie erwachte. »Du willst schon gehen?«
»Ja, ich muss vergessen haben …« Ich wusste noch, dass ich nach dem Treffen gleich wieder nach Hause gehen wollte. Das hatte ich jedenfalls vorgehabt. Getrunken hatte ich auch kaum. In meiner Tasche fand ich es und das Gerät war aus. Hieß das etwa …?
»Wir haben uns gestern sehr gut unterhalten. Du hast deine Linse ausgeschaltet, um zu prüfen, ob du wirklich aus freien Stücken näheren Kontakt zu mir haben möchtest.«
Ja, jetzt fiel es mir wieder ein. Wow! Ich setzte mich auf die Bettkante. »Und jetzt?«
»Frühstück?«

Wörter: 352

SGZ 71 REGEN

SGZ 71 REGEN

Von draußen drang eine durch ein Megafon verzerrte Stimme zu Annegret und Walther hindurch. »Achtung, Achtung, bitte bleiben Sie in Ihren Wohnungen. Halten Sie Fenster und Türen geschlossen. Der Regen ist mit Coronaviren verseucht. Sie dürfen nicht damit in Kontakt kommen. Sobald es aufgehört hat zu regnen, gehen Sie nur mit festem Schuhwerk auf die Straße und schützen Sie sich mit einem Regenschirm, Mund-Nasen-Schutz und wasserfester Kleidung vor einem erneut hereinbrechenden Regenschauer. Singen Sie nicht. Sprechen Sie nur, wenn es zwingend notwendig ist. Achtung, Achtung …«
Das Ehepaar fasste sich bei der Hand.
»Dass wir das noch erleben müssen«, seufzte er. »Wieder Panzer auf den Straßen.«
»Wir haben einen Weltkrieg überstanden, das schaffen wir auch noch. Gib nicht gleich auf.«
»Ja, mein Schatz.« Er lächelte und rieb ihren Unterarm.
»Schau, wir sind 95 Jahre alt geworden, ist das nicht was? 75 Jahre sind wir verheiratet.« Sie spielte mit ihrem Ring.
»Was wir nicht mit unserer Familie feiern können.« Er schluckte.
»Wir hatten doch ein schönes Treffen übers Internetvideotelefon.«
»Annegret! Das ist nicht das Gleiche. Ich habe meinen Enkel das letzte Mal mit der Schultüte in der Hand an mich gedrückt und jetzt macht er den Führerschein bei der Armee.«
»Unsere Kinder haben uns doch so viele schöne Videos übers Telefon geschickt. Ist das nichts?«
Walther schwieg.
»Möchtest Du noch einen Tee?«
»Ja, bitte.«
»Achtung, Achtung, bitte bleiben Sie in Ihren Wohnungen. Halten Sie Fenster und Türen geschlossen. Der Regen ist mit Coronaviren verseucht ….«

Frei nach »The Rain« (Serie bei Netflix)

Wörter: 250

SGZ 70 RASEN

SGZ 70 RASEN

Brühwarme Drabbles – wer sich für meinen kursiv markierten Gedankensalat nicht interessiert, scrollt einfach runter.
Die Minuten rasen dahin, während die Zeilen, die ich schreibe, eher kriechen. Zu oft verwerfe ich erdachte Richtungen, in die die Geschichte gehen könnte, schreibe Sätze nicht, führe sie anders fort.
Wäre ich jetzt wirklich in Eile aufgrund eines anstehenden Termins, könnte ich das jetzt als »fertig« erklären und einfach nicht weiterschreiben. Aber ist ein Dreizeiler eine Geschichte? Nein, nicht wirklich. Selbst für ein Drabble fehlen mir noch einige Wörter, denn das muss aus exakt hundert Wörtern bestehen.
Reicht überhaupt eine reine Innenschau, ohne, dass etwas passiert? Gleich wird etwas passieren, dann stehe ich auf und gehe spazieren. Ende Geschichte.

Drabble fertig, aber richtig, richtig schlecht. Wenn man jetzt nur den ersten Abschnitt zählt. Und mit Rasen oder rasen hat der Text auch nur entfernt zu tun. Wie man merkt, bin ich wirklich im Schreibfluss und rotze jeden Mist raus.
Mal überlegen, ob mir noch was Gescheites einfällt.
»Hach, ist die Wiese schön grün.« Kennt ihr den? Loriot. Klassiker. Muss man gesehen haben. Meine Drabbles muss man nicht gelesen haben. Vielleicht sind sie so scheiße, dass sie schon wieder geil sind. Aber das steht mir nicht zu, zu beurteilen. Das muss das Publikum entscheiden. Noch vier Wörter. Ende.

Mal sehen, wie viele Drabbles ich schaffe. Rasen. Auf Rasen konzentrieren. Rasen nennt man auch Wiese. Auf eine Wiese kann man sich legen. Eine schöne Wiese mit Gänseblümchen. Ohne Hundekacke bitte. Mit Picknickdecke und Love Interest. Picknick mit Hund ist lustig. Der benimmt sich dann wie eine Katze und läuft über den »Tisch«, schnüffelt hier und da, klaut die Wurst und so. Es sei denn, der ist gut erzogen. Dann benimmt der sich natürlich einwandfrei. Gell. Das tun sie doch alle. Vor allem die, die nur spielen wollen. Ich könnte also eine Geschichte über ein Picknick auf dem Rasen schreiben.

Gute Idee. Picknick auf dem kurz geschorenen Rasen im Vorgarten eines feindlich gesinnten Nachbarn gefällt mir noch besser. Das bietet mehr Konfliktpotenzial als der Hund, aber der kann gern bleiben. Hunde sind drollig.
Der Nachbar also. Ich hab so eine Postkarte mit zwei Farmern, die mit Schrotflinten bewaffnet sind und richtig übel dreinschauen. Ich weiß den Spruch dazu nicht mehr, verdammt. Der war richtig gut, der Spruch. »Der Nachbar bleibt immer«, oder so. Könnte man ja auch als Titel nehmen für eine Geschichte. Dann hätte ich mal wieder eine mit Titel. Aber stört wohl die wenigsten meiner Leser, ihr Fehlen.

Paar mit Hund picknickt auf dem ondulierten Vorgartenrasen des griesgrämigen Nachbarn, der eben noch mit der Nagelschere die Rasenkanten begradigt hat. Oder so. Ja, das wird lustig. Und dann laufen lassen.
Sie trägt ein rosa Kleid und weißen Sommerhut, er blaues Hemd und Jeans. Zu kitschig. Er trägt Anzug. Echt, und dann auf die Wiese? Wenn er selbst in der Nachbarschaft wohnt, holt er sich doch bestimmt zu Hause was bequemeres. Badesachen? Nee, zu nackelig. Kleid und T-Shirt, vielleicht Muscle-Shirt zu Jeans. Kurze Jeans.
Fünftes Drabble übrigens. Ich brauche also fünf Sechstel Schrott im Kopf für eine Story, die funzt.

Amanda setzte sich vorsichtig auf die Picknickdecke, die Jim auf dem frisch ondulierten Rasen platziert hatte. Sie achtete darauf, ihr hübsches rosafarbenes Kleid nicht zu versauen, denn ein grünes Freestyle-Muster würde nicht dazu passen.
Jim kniete vor ihr und entkorkte gerade den Champagner. Würde er sie heute fragen? Aber doch nicht in Muscle-Shirt und Jeans-Shorts? Obwohl, zum Anbeißen sah er schon aus, wie er ihr lachend die Schüssel mit den Erdbeeren reichte, damit sie sich bedienen konnte.
Hoffentlich war der alte Griesgram von nebenan heute nicht da oder im Keller mit seiner Modelleisenbahn beschäftigt.
»Was fällt Ihnen ein?! Verschwinden Sie hier!«

»Herr Patzke, immer mit der Ruhe«, versuchte Jim, zu beschwichtigen. »Sie wissen doch, wir haben keinen eigenen Garten.«
»Das ist mir doch egal! Runter von meinem Grundstück!« Er trat einen Schritt näher. »Oder muss ich Ihnen Beine machen?«
»Nein, schon gut«, sagte Amanda und raffte ihr Kleid zusammen, um aufzustehen.
»Bleib sitzen, Schatz. Ich kläre das.« Er drückte ihr die Flasche in die Hand.
Der Alte bückte sich und zerrte an einer Ecke der Decke, woraufhin klirrend das Geschirr zusammenstieß.
»Herr Patzke, ich bitte Sie. Was ist es, dass Sie wollen?«
»Sind Sie schwerhörig?« Er wurde lauter. »Verpissen Sie sich von meinem Grundstück!«

»Schatz, wirklich, wir sollten gehen, Jim.« Sie begann, all ihre Habseligkeiten einzupacken.
»Amanda …«
»Wir gehen, bevor er noch die Polizei holt oder Schlimmeres passiert.«
Jim versuchte es ein letztes Mal. »Herr Patzke, wenn wir Ihnen etwas anbieten können …«
»Weg hier! Sofort!«
Amanda erhob sich, klappte den Picknickkorb zu und begann, die Decke zusammenzufalten. »Jim, hilf mir bitte mal.«
»So hab ich mir den Tag wirklich nicht vorgestellt.«
»Das macht nichts. Es ist ja nicht unsere Goldene Hochzeit oder so etwas.«
Er grinste.
»Es war einfach eine dumme Idee, hierherzukommen. Entschuldigen Sie bitte, Herr Patzke.«

Okay, das waren jetzt, meinem Anspruchsdenken nach keine richtigen Drabbles, weil ein Drabble ja eine Geschichte in exakt hundert Wörtern sein sollte und nicht irgendwelcher Text. Aber zum Messen des Verhältnisses von gedanklichem Ausschuss und brauchbarem Text ist das schon echt praktisch. Mittlerweile bin ich bei einem Verhältnis von fünf zu drei angekommen, also drei Achtel sind brauchbarer Text.
Jetzt versuche ich noch, das ganze in ein einziges Drabble zu stopfen. Zeit habe ich nicht mehr viel, aber das beflügelt mich geradezu. Was kann ich jetzt weglassen und was ist wirklich wichtig für die Story? Nicht ganz einfach. Mal sehen.

Um Amanda einen Heiratsantrag zu machen, hatte Jim sie zu einem Picknick mit Erdbeeren und Champagner eingeladen. Sie hatten es sich gerade gemütlich gemacht, da kam Fiesling Patzke von nebenan, auf dessen Rasen sie saßen und wollte sie verjagen.
»Runter von meinem Grundstück!«
Jim versuchte, mit dem alten Herrn zu reden und zu einer diplomatischen Lösung für sie alle zu finden. Vielleicht hätten sie ihm einen Gefallen tun können oder er wäre an Geld interessiert? Doch keine Chance.
Amanda hatte gleich erkannt, dass es nur die Möglichkeit gab, rasch alles einzupacken und von hier wieder zu verschwinden.
Auf gute Nachbarschaft!

Wörter: 1.000

Mir persönlich gefällt der Dreidrabbler besser, aber jetzt habe ich auch keine Zeit mehr, um noch mehr an dem fett gedruckten Drabble zu feilen.

Übrigens habe ich damit jetzt insgesamt die 20.000 Wörter überschritten.