SGZ 87 SIEBEN

SGZ 87 SIEBEN

Sieben mal sieben
»Sieben mal sieben gibt feiner Sand«, säuselte er leise.
»Gehen Sie von meinem Kind weg!«, rief die Mutter des Dreijährigen dem etwa zehn Mal so alten Mann zu.
»Nur spielen!«, gab der zurück.
»Na, Sie sind doch sicher drei mal sieben Jahre alt! Da ist das nichts mehr für Sie, im Sandkasten zu spielen. Schon gar nicht mit meinem Sohn!«
»Hören Sie, junge Frau«, sagte ein weißhaariger Mann auf der Bank neben ihr, »mein Sohn ist 34 Jahre alt und hat dasselbe Recht, im Sandkasten zu spielen wie Ihrer!«
»Hat er nicht! Der Spielplatz ist nur für Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre zugelassen.«
»Das bezieht sich auf die Spielgeräte, aufgrund des Gewichts. Ich habe mich bei der Stadt erkundigt. Und im Übrigen habe ich eine Sondergenehmigung für Jakob aufgrund seiner Behinderung.«
»Was für eine Behinderung? Ich sehe keine.«
»Sie sehen einen erwachsenen Mann auf dem Spielplatz im Sand sitzend in aller Seelenruhe sieben und Ihnen fällt nichts daran auf?«
»Na ja, in seinem Alter würde ich eher erwarten, dass er dort mit eigenen Kindern sitzt und diese spielen lässt.«
»Woher wissen Sie, dass Ihr Sohn sich jedes Jahr weiterentwickeln wird?«
»Na malen Sie den Teufel nicht an die Wand!«
»Das tue ich nicht. Das tun Sie.«
»Sieben mal sieben gibt feiner Sand«, säuselte Jakob und lächelte glücklich.

Wörter: 221

SGZ 86 LEDERJACKE

SGZ 86 LEDERJACKE

Voller Stolz trug sie ihre neue Lederjacke zur Schau. Blutrot, mit Schnallen und Ösen was das Zeug hielt.
Ich schüttelte den Kopf. »Weißt du eigentlich, dass Tiere leiden müssen, nur damit du hier wie ein Pfau daherstolzieren kannst?«
»Du willst einem auch alles mies machen, du Veganer-Zicke! Aber diesmal hast du Pech gehabt, das ist nicht aus Tieren!« Den Mittelfinger präsentierend reckte sie das Kinn und warf die blondierten Haare zurück.
»Ach ja? Und woher willst du das wissen?«
»Hat der Verkäufer gesagt.«
»Darf ich mal?«, fragte ich, wartete ihre Antwort aber nicht ab. An ihrer Schulter befühlte ich das Material. So eine Lügnerin! »Das ist kein Kunstleder.«
»Ist es doch!«
»Zieh mal aus. Wir gucken aufs Etikett.«
Umständlich schälte sie sich aus der Jacke.
»Da siehst du es! Das ist nicht aus Tieren!«
Auf dem Etikett stand: 100% Human skin.

Wörter: 141

SGZ 85 VERSTECK

SGZ 85 VERSTECK

Lange Jahre ist das her, da verbrachte ich meine Zeit auf einem Internat. Zuvor hatte ich sämtliche Bücher von Enid Blyton über Dolly, eine Internatsschülerin, verschlungen, die jedes Jahr eine Mitternachtsparty feierten …
Die Realität unterschied sich dann doch etwas von der Fiktion, wie ich leider feststellen musste. Mir fehlten vor allem Rückzugsmöglichkeiten, wie ich sie zu Hause in meinem eigenen Zimmer gehabt hatte. Hier war ich in einem Zimmer mit sechs Mädchen untergebracht, ein Durchgangszimmer zu einem Raum mit vier weiteren. Alle in Doppelstockbetten. Jede hatte also zwei Quadratmeter für sich – sicher noch komfortabler als Hühner in Legebatterien, da wir uns in unserem Trakt ansonsten frei bewegen durften.
Ich entdeckte, dass es im weitläufigen Gang zwischen zwei Schränken eine kleine Ecke gab, die man im Vorbeigehen üblicherweise nicht wahrnahm. Dort kauerte ich dann für eine Weile, wenn ich genug von all dem Trubel um mich herum hatte. Einmal mein Versteck schätzen gelernt, nahm ich auch mal ein Buch mit. Mitunter verbrachte ich Stunden dort.
So kam es, dass eines Tages mein Fehlen beim Abendessen auffiel. Als Rufe nach mir laut wurden, wagte ich mich nicht hervor. Erst als die Erzieherin mich entdeckte und grob an mir riss, gab ich es auf.
Noch am selben Tag wurden die Schränke anders arrangiert und mein Versteck verschwand mitsamt meiner Privatsphäre.

Wörter: 218

SGZ 84 ZÄRTLICHKEIT

SGZ 84 ZÄRTLICHKEIT

Wann habe ich das letzte Mal Zärtlichkeit gespürt? Haut an Haut mit einem anderen Menschen … das muss vor der großen Durchseuchung gewesen sein. Bevor es staatliche verordnete Einpersonenhaushalte gab zur Vorbeugung der Verbreitung weiterer Krankheiten.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es war, mit meiner Frau zusammenzuleben. Täglich durfte ich sie berühren, küssen, an mich drücken. Nachts schliefen wir im selben Bett. Abends streichelte ich ihre Haare, bis sie ganz ruhig atmete und sah sie dann einfach nur an, bis mir selbst die Augen zufielen.

Heute starre ich lange in die Dunkelheit, rufe mir Bilder von ihr in Erinnerung und wache allein auf. Meine Wohneinheit habe ich schon lange nicht mehr verlassen, da ich als Programmierer im Homeoffice arbeite. Was ich brauche, wird mir geliefert. Meine Frau arbeitet in einer der Kinderwohneinheiten. Sie hatte das Glück, dass ihr auch unsere eigenen Kinder zugeteilt wurden. Ich bekomme sie nur per Videotelefonie zu sehen.

Wörter: 156

Da hab ich mich aber ablenken lassen … und schon ist die Zeit um!

SGZ 83 BESESSEN

SGZ 83 BESESSEN

Sie ist eine Hexe!
Sie waren besessen davon, die angebliche Wahrheit aus ihrem Munde zu hören. Jedes Mittel war ihnen recht. Die heiligen Männer zogen ihre Zähne, verbrannten ihre Haut, brachen ihre Knochen. Die Rothaarige blieb standhaft.
»Du hast einen Zaubertrank gebraut und am Tag darauf ist des Müllers Sohn am Fieber gestorben. Leugne nicht!«
»Einen Scheiß hab ich!« Martha spuckte Blut aus. »Tötet mich doch, wenn ihr wollt! Niemals werde ich eure Lügen wiederholen!«
Ja, das Kind war gestorben. Aber sie hatte es nicht angefasst. Nicht einmal, um ihm zu helfen. Sie wusste, was passieren konnte. Neulich erst hatten sie die Elsbeth verhört, weil sie einem Alten Salbe aufgetragen hatte, um sein Leiden zu lindern. Die Schuld an seinem Tod gab man ihr und sie hatte unter der Folter gestanden. Dabei waren es nur harmlose Kräuter gewesen und der Mann schon lange krank.
Martha litt so starke Schmerzen wie noch nie in ihrem Leben und hoffte nur, dass es bald vorbei sein möge. Elsbeth hatten sie ertränkt, um ihren Glauben zu prüfen. Ihr würde der Scheiterhaufen blühen, wenn sie kein Geständnis erfand.
»Der Abt selbst hat gesehen, wie du Zauber gewirkt hast, Hexe!«
Der Kirchenobere hatte sie grob vergewaltigt, als sie ihm nicht für Geld zu Willen sein wollte. Sie hatte sich danach gereinigt und einen Sud aus schmerzlindernden und entzündungshemmenden Kräutern bereitet. Hätte sie das nicht getan, wäre das Sitzen auf dem Spanischen Pferd jetzt weitaus peinvoller.
Sie starrte den Folterknecht finster an, wich seinem Blick nicht aus.
»Du bist des Teufels!«, geiferte der Mönch.
»Ich bin eine ehrbare Frau. Wenn einer besessen ist, dann du.«

Wörter: 268

SGZ 82 GESELLSCHAFT

SGZ 82 GESELLSCHAFT

Der schreibende Schusterjunge
»Dieser Hallodri ist kein Umgang für dich. In seiner Gesellschaft kommst du nur auf dumme Gedanken!«
»Ernst ist mein bester Freund. Ich will auch Schriftsteller werden wie er!«
»Schriftsteller werden«, jaulte mein Vater. »Ich wusste doch, dass er dir nur Flausen in den Kopf setzt.«
»Tut er nicht!« Ich ließ die Schultern hängen. »Er sagt selbst, dass es eine brotlose Kunst ist und ich mich auf meine anderen Talente besinnen soll.« Ich richtete mich auf. »Aber ich will es. Ich muss einfach!« Noch vor wenigen Jahren hätte ich wohl mit dem Fuß aufgestampft, doch ich wusste, was sich gehörte.
Bereits seit einiger Zeit suchte ich die Gesellschaft der schreibenden Zunft. Nur bisher hatte ich nicht den Mut gefunden, meinem Vater die Stirn zu bieten. Ich hatte keinerlei Interesse daran, weiterhin die Schuhe fremder Leute zusammenzuflicken. In Armut leben würde ich so oder so. Dann wollte ich doch wenigstens meine Zeit so verbringen, wie es mir beliebte. Immerhin war ich alt genug.
»Also gut«, sagte mein Vater da, »wenn du es tun musst, dann musst du es tun. Sieh zu, dass du Land gewinnst, aber unter meinen Tisch stellst du deine Füße nicht mehr!«
So nahm ich also meinen Hut und hängte den Schusterkittel an den Nagel.
Ich ging durch eine harte Schule, weil ich von Beginn an sofort mein Auskommen mit dem Verfassen von Schriften bestreiten musste, nein wollte. Doch ich hatte auch das Glück, einen begnadeten Meister zu haben. Schnell lernte ich, es ihm gleichzutun, doch es dauerte, bis ich meine eigene Stimme gefunden hatte und endlich der Gesellschaft das sagen konnte, was ich zu sagen hatte.
Jetzt, da ich alt bin, kann ich nur jedem raten, es sich nicht zu früh mit dem Vater zu verscherzen. Es lässt sich auch mit einem anderen Handwerk Geld verdienen, während man in seiner freien Zeit dem Schreibhandwerk frönt. Papier ist geduldig, anders als ich es war.

Wörter: 318