SGZ 66 LOSE

SGZ 66 LOSE

»Und wer schafft jetzt die Leiche weg?«
»Was haben wir damit zu tun? Du hast doch geschossen!« Tom entfernte sich und entleerte seinen Magen.
»Das wollte ich nicht! Das war ein Unfall! Das habt ihr doch gesehen«, beteuerte Ansgar.
»Ich hab eine Idee«, sagte Rieke. »Wir losen.«
»Hast du Lose dabei?«, fragte Ella. »Und warum machen wir es nicht zusammen?«
»Weil es dann nur Streit gibt und wir nachher einander beschuldigen.« Rieke griff in ihre Jackentasche und holte eine Schachtel Streichhölzer hervor. Sie drehte sich kurz weg und brach die Hölzchen in unterschiedlich lange Stücke.
»Ihr kennt das sicher: Wer den kürzesten zieht. Ich behalte, was übrig bleibt. Einverstanden?«
Alle nickten.
»Gut.« Rieke hielt den anderen die Lose hin.
Ella verlor. »Ausgerechnet ich.« Die Verzweiflung sprach aus ihren Augen. »Wie soll ich alleine denn diesen Dickwanst irgendwohin bewegen?« Sie schüttelte den Kopf und ließ sich in die Hocke sinken.
»Gib mir die Waffe, Ansgar. Ich rufe die Polizei und stelle mich.«
»Spinnst du, Ella?«
»Nein, Tom. Ihr spinnt. Wenn ein Unfall passiert ist, dann ruft man einen Krankenwagen und die Polizei und wirft nicht einfach die Leiche in den Rhein oder so etwas.«
»Ist er denn überhaupt sicher tot?«, fragte Rieke.
»Keine Ahnung«, sagte Tom. Zaghaft stieß er den Dicken mit der Schuhspitze an. Seine Glieder blieben schlaff.
»Überlegt doch mal«, sagte Ella, »wenn er jetzt nur bewusstlos ist, dann kommen wir wegen unterlassener Hilfeleistung dran!«
»Halts Maul!« Ansgar richtete die Waffe auf Ella. »Ich habe schon einen umgebracht, da kommt es auf eine mehr auch nicht an.«
»Ansgar, bitte! Wenn wir ihn ohnmächtig ins Wasser werfen, dann kommen wir wegen Mordes dran! Wenn wir jetzt einen Kranken–«
Er drückte ab. Rieke warf sich schützend vor Ella, Tom schrie und schlug Ansgar die Pistole aus der Hand. Der Dicke begann zu husten.

Wörter: 303

SGZ 65 ERZ

SGZ 65 ERZ

Hahimpur schlug seine Hacke ins Gestein. Wie die anderen Gnome baute er in dieser Mine Erz ab. Außerhalb des Stollens war es so kalt, dass Schnee lag. Wölfe und Trolle streiften dort umher. Drinnen wurde es von Sohle zu Sohle wärmer, je tiefer sie kamen.
Brocken für Brocken lud Hahimpur das Erz in die Schubkarre. Wie er sich auch abrackerte, die Zeche blieb dürftig und reichte gerade eben so für seine Frau und die neun Kinder.

Peter hatte wie so viele Spieler vor ihm die Aufgabe, Spitzhacken von den Gnomen zu erbeuten, Felle von den Wölfen und Steine von den Trollen.
Es dauerte nicht lange, bis er auch Hahimpur niedermetzelte, ohne dass sie einander namentlich vorgestellt worden waren.

Wörter: 118

SGZ 64 WUT

SGZ 64 WUT

Wut. Ich empfinde keine Wut. Nicht mehr. Nicht mehr, seit ich ihn getötet habe. Ich bin erfüllt von Erleichterung. Erleichterung, weil er mir und meinen Freunden nichts mehr antun kann. Und da ist noch etwas: Befriedigung. Ich würde es wieder tun.

Vor drei Wochen fing es mit einem harmlosen Flirt an. Es war schnell klar, was wir beide wollten, und so nahm ich ihn mit zu mir. Am nächsten Morgen machte er mir einen Heiratsantrag! Faselte etwas von »Traumfrau«. Ich lachte ihn aus. Das konnte ja nicht sein Ernst gewesen sein! Doch leider meinte er es bitterernst.
Er wurde wütend, versuchte mich mit Gewalt gefügig zu machen. Als ob man Liebe erzwingen könnte! Und was heißt schon Liebe? Das war keine Liebe, das war Besitzgier!
Er fesselte mich ans Bett, benutzte mich. Immer wieder. Während er es tat, drohte er, alle umzubringen, die mir lieb und teuer waren, sollte ich nicht tun, was er wollte. Sollte ich versuchen zu fliehen … würde er mich finden und mich in Einzelteile zerlegen.
Mein Gedanke an Flucht wurde immer stärker, während er immer nachlässiger wurde. Ich durfte zur Toilette gehen, dafür machte er mich los. Und danach sollte ich duschen. Offenbar hatte er das Interesse verloren, mich dabei zu beobachten, und drehte mir den Rücken zu.
Ich griff das Handtuch, schlang es ihm um den Hals und zog, so fest ich konnte. Erst als ich sicher war, dass er nicht mehr atmete, hörte ich auf.

Wörter: 241

SGZ 63 KRÖTEN

SGZ 63 KRÖTEN

»Her mit den Kröten!«
»Nichts da, hier ist unser Gebiet! Für diesen Straßenabschnitt ist unser Verein zuständig.« Hauke hielt den Eimer mit den Tieren schützend hinter sich.
»Seit wann?«, fragte Astrid.
»Seit dieser Wanderung.« Er schickte sich an, die Straße zu überqueren.
Sie griff nach seinem Arm. »Wer hat das entschieden?«
»Die Stadt.«
»Und warum werden wir dann nicht informiert?«
»Ich hab dich doch gerade informiert.« Hauke machte sich los und beeilte sich, die andere Straßenseite zu erreichen. Dort entließ er die Amphibien in ihre Freiheit.
Als er zurück war, reichte er Astrid den leeren Eimer. »War nur Spaß. Ich bin der Neue.«

Wörter: 103

SGZ 62 FUNKEN

SGZ 62 FUNKEN

Feuer prasselte im Kamin, Funken stoben, als Vater die Scheite neu schichtete und Maximilian erfasste ein nie gekanntes Gefühl. Er streckte die Hände nach den Flammen aus, wollte ihnen nahe sein. Kaum spürte er die Hitze, hielt ihn seine Mutter zurück.
»Nein! Das ist zu gefährlich«, sagte sie.

Sobald Max erwachsen war, hielt seine Mutter ihn nicht mehr auf.
Die Frauen, mit denen er sich gelegentlich einließ, konnte er nur vor dem offenen Kamin befriedigen. In Gedanken umhüllte das Feuer sie, tränten ihre Augen vom beißenden Qualm, hörte er ihre angsterfüllten Schreie.
Er wollte nie wirklich jemandem schaden. Angezündet hatte er nur alte Schuppen und auch mal eine Lagerhalle.
Vom Geruch verkohlten Fleisches wurde ihm übel. Das wusste er von Experimenten in der Küche. Auf Grillfeiern mit anderen ließ er sich nicht mehr blicken, seit aufgefallen war, dass er den ganzen Abend ins Feuer starrte und die anwesenden Frauen – auch die Männer – keines Blickes würdigte.

Im Grunde seines Herzens war Max unglücklich. Als Teenager wäre er, wie alle anderen, gerne gewesen wie alle anderen. Als junger Mann verlangte er, so akzeptiert zu werden, wie er war. Mit Mitte dreißig hatte er den Wahnwitz dieser Idee erkannt. Es blieb ihm nur, sein Verlangen so langsam zu steigern, wie nur irgend möglich. Er onanierte Abend für Abend vor dem Kamin und fühlte sich doch unbefriedigt.

Zu seinem Vierzigsten machte er sich ein besonders Geschenk: Er trat bei der Freiwilligen Feuerwehr ein. Zu seiner Überraschung rückten sie nur höchst selten zu Bränden aus. Es blieben ihm in verlässlicher Regelmäßigkeit die Übungen.
Anders als die meisten, die davon träumten, eine Frau zu retten, die sich in sie verlieben sollte, wünschte Max sich eine Partnerin an seiner Seite, die ebenso dem Feuer ergeben war.
Er fand sie in Tina, einer Feuerwehrfrau. Gemeinsam loteten sie die Grenzen ihrer Fantasien neu aus.
Bei einem ihrer Abenteuer kamen sie in den Flammen um. Die Decke der Scheune, in der sie sich liebten, stürzte früher ein als von ihnen erwartet.

Wörter: 331