SGZ 84 ZÄRTLICHKEIT

SGZ 84 ZÄRTLICHKEIT

Wann habe ich das letzte Mal Zärtlichkeit gespürt? Haut an Haut mit einem anderen Menschen … das muss vor der großen Durchseuchung gewesen sein. Bevor es staatliche verordnete Einpersonenhaushalte gab zur Vorbeugung der Verbreitung weiterer Krankheiten.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es war, mit meiner Frau zusammenzuleben. Täglich durfte ich sie berühren, küssen, an mich drücken. Nachts schliefen wir im selben Bett. Abends streichelte ich ihre Haare, bis sie ganz ruhig atmete und sah sie dann einfach nur an, bis mir selbst die Augen zufielen.

Heute starre ich lange in die Dunkelheit, rufe mir Bilder von ihr in Erinnerung und wache allein auf. Meine Wohneinheit habe ich schon lange nicht mehr verlassen, da ich als Programmierer im Homeoffice arbeite. Was ich brauche, wird mir geliefert. Meine Frau arbeitet in einer der Kinderwohneinheiten. Sie hatte das Glück, dass ihr auch unsere eigenen Kinder zugeteilt wurden. Ich bekomme sie nur per Videotelefonie zu sehen.

Wörter: 156

Da hab ich mich aber ablenken lassen … und schon ist die Zeit um!

SGZ 83 BESESSEN

SGZ 83 BESESSEN

Sie ist eine Hexe!
Sie waren besessen davon, die angebliche Wahrheit aus ihrem Munde zu hören. Jedes Mittel war ihnen recht. Die heiligen Männer zogen ihre Zähne, verbrannten ihre Haut, brachen ihre Knochen. Die Rothaarige blieb standhaft.
»Du hast einen Zaubertrank gebraut und am Tag darauf ist des Müllers Sohn am Fieber gestorben. Leugne nicht!«
»Einen Scheiß hab ich!« Martha spuckte Blut aus. »Tötet mich doch, wenn ihr wollt! Niemals werde ich eure Lügen wiederholen!«
Ja, das Kind war gestorben. Aber sie hatte es nicht angefasst. Nicht einmal, um ihm zu helfen. Sie wusste, was passieren konnte. Neulich erst hatten sie die Elsbeth verhört, weil sie einem Alten Salbe aufgetragen hatte, um sein Leiden zu lindern. Die Schuld an seinem Tod gab man ihr und sie hatte unter der Folter gestanden. Dabei waren es nur harmlose Kräuter gewesen und der Mann schon lange krank.
Martha litt so starke Schmerzen wie noch nie in ihrem Leben und hoffte nur, dass es bald vorbei sein möge. Elsbeth hatten sie ertränkt, um ihren Glauben zu prüfen. Ihr würde der Scheiterhaufen blühen, wenn sie kein Geständnis erfand.
»Der Abt selbst hat gesehen, wie du Zauber gewirkt hast, Hexe!«
Der Kirchenobere hatte sie grob vergewaltigt, als sie ihm nicht für Geld zu Willen sein wollte. Sie hatte sich danach gereinigt und einen Sud aus schmerzlindernden und entzündungshemmenden Kräutern bereitet. Hätte sie das nicht getan, wäre das Sitzen auf dem Spanischen Pferd jetzt weitaus peinvoller.
Sie starrte den Folterknecht finster an, wich seinem Blick nicht aus.
»Du bist des Teufels!«, geiferte der Mönch.
»Ich bin eine ehrbare Frau. Wenn einer besessen ist, dann du.«

Wörter: 268

SGZ 82 GESELLSCHAFT

SGZ 82 GESELLSCHAFT

Der schreibende Schusterjunge
»Dieser Hallodri ist kein Umgang für dich. In seiner Gesellschaft kommst du nur auf dumme Gedanken!«
»Ernst ist mein bester Freund. Ich will auch Schriftsteller werden wie er!«
»Schriftsteller werden«, jaulte mein Vater. »Ich wusste doch, dass er dir nur Flausen in den Kopf setzt.«
»Tut er nicht!« Ich ließ die Schultern hängen. »Er sagt selbst, dass es eine brotlose Kunst ist und ich mich auf meine anderen Talente besinnen soll.« Ich richtete mich auf. »Aber ich will es. Ich muss einfach!« Noch vor wenigen Jahren hätte ich wohl mit dem Fuß aufgestampft, doch ich wusste, was sich gehörte.
Bereits seit einiger Zeit suchte ich die Gesellschaft der schreibenden Zunft. Nur bisher hatte ich nicht den Mut gefunden, meinem Vater die Stirn zu bieten. Ich hatte keinerlei Interesse daran, weiterhin die Schuhe fremder Leute zusammenzuflicken. In Armut leben würde ich so oder so. Dann wollte ich doch wenigstens meine Zeit so verbringen, wie es mir beliebte. Immerhin war ich alt genug.
»Also gut«, sagte mein Vater da, »wenn du es tun musst, dann musst du es tun. Sieh zu, dass du Land gewinnst, aber unter meinen Tisch stellst du deine Füße nicht mehr!«
So nahm ich also meinen Hut und hängte den Schusterkittel an den Nagel.
Ich ging durch eine harte Schule, weil ich von Beginn an sofort mein Auskommen mit dem Verfassen von Schriften bestreiten musste, nein wollte. Doch ich hatte auch das Glück, einen begnadeten Meister zu haben. Schnell lernte ich, es ihm gleichzutun, doch es dauerte, bis ich meine eigene Stimme gefunden hatte und endlich der Gesellschaft das sagen konnte, was ich zu sagen hatte.
Jetzt, da ich alt bin, kann ich nur jedem raten, es sich nicht zu früh mit dem Vater zu verscherzen. Es lässt sich auch mit einem anderen Handwerk Geld verdienen, während man in seiner freien Zeit dem Schreibhandwerk frönt. Papier ist geduldig, anders als ich es war.

Wörter: 318

SGZ 81 TRICK

SGZ 81 TRICK

»Gibt es da einen Trick?«
»Wobei?«
»Mit dem Stuhl.«
»Hä?«
»Wie hast du den Stuhl so eingestellt?«
Schulterzucken. »Ich hab nix gemacht.«
»Ja, aber jetzt ist der anders als eben, bevor du draufgesessen hast.«
»Was ist denn anders?«
»Kann ich nicht sagen. Sitzt sich einfach angenehmer.«
»Tja, Trick 17.« Grinsen.

Wörter: 50

SGZ 80 TANZEN

SGZ 80 TANZEN

Das vierbeinige Tier
Noch nie hatte ich mit einem Mann getanzt. Bisher hatte ich nur Frauen geführt. Genau genommen nur eine, meine beste Freundin, in dem Tanzkurs, den wir zusammen besuchten.
Und jetzt hatte ich mich auf einer Milonga auffordern lassen von einem, den ich kaum kannte. Ich wusste nur, dass er unheimlich gut aussah und mir in seiner Gegenwart die Knie weich wurden. Beim Schwimmen hatte das nichts ausgemacht, doch beim Tanzen war das etwas anderes. Wer von uns sollte denn jetzt führen? Und was, wenn ich nicht führte – ich beherrschte doch nur den Herrenpart!
Als er mich an sich heranzog, stellte ich fest, dass er nicht nur gut duftete, sondern mir offenbar auch die Entscheidung abgenommen hatte: Er führte mich.
Entspann dich! Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf seine Signale. Bald stellte ich fest, dass er entschlossen, aber nicht hartnäckig war. Sein Herz schlug ruhiger als meins, das vor Aufregung vibrierte. Schnell fanden wir einen Draht zueinander und ich konnte mich in die Musik fallen lassen, geborgen in seinen Armen. Als er dann auch schwitzte, schämte ich mich nicht mehr, dass mir die Klamotten am Leib klebten. Wir verschmolzen zu einem Wesen, das sich im Takt bewegte.
Nicht nach drei Tänzen, erst am Ende des Abends trennten wir uns.

Wörter: 213

SGZ 79 GRÜN

SGZ 79 GRÜN

Das Spinatmonster
Grün blubberte es im Topf.
»Schon wieder Spinat!«, stöhnte Florian.
»Das Spinatmonster kommt dich holen, wenn du nicht aufisst!«
»So ein Quatsch! Monster gibt es doch gar nicht.«
»Na, das werden wir ja sehen«, sagte seine Mutter. »Das Abendessen ist fertig. Sagst du deiner Schwester Bescheid?«
Lustlos stocherte Florian auf seinem Teller herum. Spiegelei und Kartoffelpüree schmeckten ihm gut, doch den Spinat brachte er nicht hinunter. Ob es doch ein Monster gab?
Nachts musste er noch einmal raus und da er schon auf war, wollte er noch etwas trinken. Auf leisen Sohlen schlich er in Richtung Küche. Da! War da etwas Grünes gewesen? Er verharrte und hielt die Luft an. Vorsichtig lugte er um die Ecke. Das Spinatmonster! Es war grün im Gesicht, trug Muttis grünes Nachthemd und machte sich über den Rest Spinat her, den er übrig gelassen hatte.
Florian stieß einen spitzen Schrei aus. »Mama!«
»Ja, mein Schatz?«, antwortete das grüne Monster. »Irgendjemand musste ja deinen Spinat aufessen.« Seine Mutter zuckte mit den Achseln.
»Ich dachte, ich dachte …«
»Du dachtest, ich bin das Spinatmonster? Ich dachte, es gibt keine Monster?« Ihr grünes Gesicht grinste. »Keine Angst, ich wasche die Maske gleich wieder ab. Ich wollte dich nicht wirklich erschrecken.«
Der Junge drückte sich an sie.
»Und es war gemein von mir, dir mit einem Monster zu drohen. Du musst nie wieder Spinat essen, wenn du nicht willst, okay?«
Er nickte.

Wörter: 235