Tobaksplitter erscheint im Oktober!

Tobaksplitter erscheint im Oktober!

Im Buchhandel voraussichtlich erhältlich ab: 1. Oktober 2021. Noch feile ich am letzten Schliff.

Meine Lektorin hat mir so viel Nettes dazu geschrieben, ein Auszug:

Danke Dir, dass ich diese Texte lesen und bearbeiten durfte. Ich fühle mich emotional und wissenstechnisch vielfach bereichert und auf eindrückliche Weise sensibilisiert für ein Thema, das so ein Otto-Normal-Cismensch ja so ungefähr überhaupt nicht auf dem Schirm hat. Da muss man sich ja wirklich fast schämen, die Komplexität und Tiefe ist der Wahnsinn. Das betrifft nicht nur die trans* Themen, sondern auch in vielerlei Hinsicht den Rest. (Psychiatrie-Erfahrung und so).
 
Mir haben Deine Texte ausnehmend gut gefallen. Du nimmst den Leser fest an die Hand und mit auf die Reise und lässt ihn nicht los, bis die Fahrt vorbei ist. Mein Lieblingstext ist „Herbstsonate“, weil Du die Musik da so wunderschön mit einbaust, so wie ich es soooo gerne mag. „Für immer“ macht so richtig krass Gänsehaut, „Über das Danach“ dito. „Die Hand ausgerutscht“ treibt mir die Tränen in die Augen.

#shortstorydienstag – KW 22 „Am See“

#shortstorydienstag – KW 22 „Am See“

Dennis saß auf seinem Handtuch und sah seiner besten Freundin Rasheeda nach.
Sie stand in ihrem babyblauen Badeanzug schon am Ufer des nach Algen riechenden Sees und drehte sich noch einmal zu ihm um. »Willst du wirklich nicht mit ins Wasser kommen?«
Er schüttelte den Kopf. Noch war er nicht so weit. Heute saß er oben ohne da, das war für ihn schon etwas Neues. Also wirklich oben ohne. Kein T-Shirt, kein BH, kein Binder, keine Brüste. Nur große Narben zeugten davon, dass er welche mit sich rumgetragen hatte. Jetzt war der Eingriff lange genug her. Er durfte wieder Sonne an seine Haut lassen. Es war total ungewohnt, die kühle Brise an seinen Brustwarzen zu spüren.
Rasheeda versank mit ihrer dunklen Haut im grünen See und sie planschte fröhlich, sodass das Wasser in alle Richtungen spritzte. »Na, komm schon! Hier sieht uns keiner!« Eine Ente flatterte quakend auf und ließ sich in sicherer Entfernung nieder.
»Nee!«, rief er. »Viel Spaß!«
Daraufhin begann sie, ihre Bahnen zu ziehen. Dennis legte sich auf den Rücken und guckte in den Himmel.
Er war gerade eingedöst, da schreckte ihn ein furchtbarer Schrei auf. Rasheeda!
Ohne nachzudenken sprang er auf und stürzte mit einem Hechtsprung ins Wasser.
»Dennis, nein!«
»Geht es dir gut?«
»Ja, ich … es war wohl nur ein Fisch, der mein Bein gestreift hat.«
»Fuck! Meine Hose! Mein Handy!«
»Tut mir leid, dass ich so geschrien habe. Ich hab mich voll erschreckt.«
»Schon gut. Nur wie kriege ich jetzt meine Klamotten trocken?«
»Ich kann dir meinen Rock anbieten.«
»Auf gar keinen Fall!«
»Tja dann … Ausziehen, in die Sonne legen.«
»Sag mal, Rasheeda?«
»Ja?«
»Warum trägt der Fisch eine Armbanduhr?«
Wieder schrie sie wie am Spieß und machte, dass sie aus dem Wasser kam.
»Reingelegt!«, rief Dennis und lachte.
»Biest!« Jetzt lachte auch sie und ließ sich auf ihr Handtuch fallen.


Diese Szene mit meinen Protagonist:innen aus „Schwuppenplanschen“ wird so nicht in den Roman kommen. Ich würde sie am ehesten als Prequel einordnen.

SGZ 100 HINDERNIS

SGZ 100 HINDERNIS

Was für ein Lauf!
Der Läufer nimmt souverän eine Hürde nach der anderen. Sieben Patzer gehen bisher auf sein Konto, doch er liegt gut in der Zeit, sehr gut. Wird er das letzte Hindernis meistern? Das Publikum hält den Atem an, wagt noch nicht zu klatschen, um den Sportler nicht in seiner Konzentration zu stören.
Jetzt setzt er zum Sprung an, herrlich glänzen seine Muskeln in der Sonne, und ja – das war es, das war es, das war das letzte Hindernis! Es bleibt stehen ohne einen einzigen Wackler. Schon hat er die Ziellinie überquert und es gilt nur noch, auszulaufen.
Ingo S. Anders gewinnt den Lauf der hundert Geschichten! Tosender Applaus bricht los, man versteht die Durchsagen der Lautsprecher nicht mehr. Erschöpft nimmt der umjubelte Läufer Danksagungen entgegen. Gönnen wir ihm ein paar Minuten, bevor wir ihn zu einem Interview bitten.
(Werbespot.)
(Musik.)
(Werbespot.)
»Glückwunsch zum ersten Platz! Herr Anders, was hat Sie zu diesem Lauf motiviert?«
»Ich weiß nicht, ich muss eine Wette verloren haben.« (Keucht.)
»Was für eine Wette?«
»Spaß! Ich wollte einfach ausprobieren, ob ich es kann.« (Lächelt.)
»Welche Bedeutung messen Sie persönlich den Hindernissen bei, die Sie nicht genommen haben?«
»Warum fragen Sie mich nach den 7 Hindernissen, die gefallen sind, und nicht nach den 93, die stehen geblieben sind?« (Zieht die Stirn kraus.)
»Haben Sie mit dieser riesigen medialen Aufmerksamkeit gerechnet?«
»Nein, auf gar keinen Fall.« (Zwinkert.)
»Welche Pläne haben Sie als Nächstes?«
»Ausruhen. Duschen. Mich vor eine Glotze werfen.« (Grinst.)
»Herr Anders, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.«

Wörter: 255

Wörter gesamt: 27.487

SGZ 99 BEWEGEND

SGZ 99 BEWEGEND

Kunstbanane
»Ihre Kunst ist bewegend!«, rief der Kurator aus und applaudierte affektiert.
Es gefiel ihm! Ich hielt den Atem an.
»Eine Banane auf Beinen, wo hat man so etwas schon gesehen?« Er legte eine Hand an die Wange und schien in Gedanken versunken.
Eine Banane?! Ich hatte mitnichten … es war ein geflügeltes Pferd! Erkannte er denn keinen Pegasus? Malte ich wirklich so schlecht?
»Und Sie wollen es uns unentgeltlich zur Verfügung stellen?«
Unentgeltlich? Wer war ich schon, die Hand aufhalten zu können. Ich war ein Niemand. Er wollte es wirklich haben! »Ja, natürlich«, stammelte ich. »Für die Dauer der Ausstellung, versteht sich.« Ich schlug ein.
»Aber selbstverfreilich!« Wieder versank er in die Betrachtung meines Werkes. »So ein schönes Blau …«
Türkis! War der Mann farbenblind? Es war wohl an der Zeit, mal einen Blick auf die anderen hier versammelten Gemälde zu werfen.
Ein Werk namens »Tag und Nacht« bestand aus zwei Leinwänden, die eine gänzlich weiß und die andere komplett schwarz. Vom selben Künstler stammte eine einheitlich grüne Leinwand namens »Frühlingswiese«.
Was für eine Ausstellung sollte das werden? Mit dieser Frage hätte ich mich wohl früher befassen sollen.
Der Kurator klatschte begeistert in die Hände. »Ihre Banane wird das Zentrum der Ausstellung! Wie heißt das Werk?«
»Pegasus.« Nicht sehr einfallsreich, ich weiß.
»Ach, wie sind Sie denn darauf gekommen?«
Ich vermied, ihm jetzt zu erklären, was ich in meinem Bild sah. »So aus dem Bauch raus«, log ich.
»Toll!« Klatschen. »Sie haben Talent. Aus Ihnen wird noch ein ganz Großer.«
Ich glaubte ihm kein Wort. Heute war einer dieser Tage, an denen ich mich schämte, mich überhaupt für diese Ausstellung beworben zu haben und vor der Vernissage graute mir bereits.
»Bewegend, wirklich bewegend.«

Wörter: 285

SGZ 98 ABWECHSLUNG

SGZ 98 ABWECHSLUNG

Alternitäten

  1. Da sich die Machthaber der verschiedenen Staaten nie einigen konnten, wurde beschlossen, dass weltweit abwechselnd jeweils die Männer oder die Frauen das Sagen haben.
    Nächstes Jahr sind wieder für zwanzig Jahre die Frauen an der Macht. Das bedeutet wieder Abrüstung, weniger Umweltzerstörung, höhere Ausgaben für die Bildung. Die Männer haben das mit einkalkuliert und diese »typisch weiblichen« Bereiche in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt.
    Dieses politische System mutet an wie zwei Schritte vor und einen zurück, aber es geht voran, unterm Strich gesehen. Dieses Mal werden zum ersten Mal Autos und Flugzeuge ausnahmslos verboten. Voraussichtlich wird dieses Verbot erst in zwanzig Jahren aufgehoben. Wenn überhaupt. Denn manches finden die Männer von morgen ja dann doch nicht so schlecht, auch wenn es von ihren Müttern entschieden wurde.

Wörter: 128

SGZ 97 EIGENLOB

SGZ 97 EIGENLOB

»Eigenlob zu verschenken! Individuell zugeschnittenes Eigenlob zu verschenken!« Der Mann war sich wohl zu nichts zu schade. Stand hier in der Fußgängerzone wie so ein Ausrufer im Mittelalter und gab so einen Schwachsinn von sich.
»Komm, Chris, das müssen wir uns anhören!« Stefanie war ganz aus dem Häuschen.
»Wenn es denn unbedingt sein muss.« Ich trottete ihr hinterher.
»Ich bin liebenswert!«, sagte der Mann zu meiner Freundin.
»Eigenlob stinkt«, erwiderte ich.
»Ich bin schön«, faselte er.
Stefanie lächelte verlegen. »Ich auch.«
Jetzt sah der Spinner mich an. »Ich bin fleißig!«
»Ja, ja – fleißig bin ich auch. Das ist nichts Besonderes!«
»Ich habe ein gutes Auge fürs Detail!«
»Das habe ich auch …« Was sollte das?
»Kann das sein, dass er immer die Eigenschaft nennt, die sein Gegenüber hat?«, fragte Stefanie.
»Ich habe eine schnelle Auffassungsgabe!«
»Chris, ich habe recht!«
»Ja, das mag sein. Lass uns lieber gehen. Der Typ ist mir unheimlich.«
»Ich glaube, wir loben uns selbst viel zu selten.«

Wörter: 161