Gemächlichen Schrittes zog die Pandadame durch den Wald. Hunger trieb sie an. Wo war Bambus? Sie witterte. Schon zum dritten Mal heute roch sie die Spuren des Feuers. Wo gestern noch lebendiges Grün war, war jetzt alles schwarz und tot. Immer weitere Umwege musste sie in Kauf nehmen. Sie umrundete auch dieses Rechteck und setzte ihren Rundgang mit knurrendem Magen fort. Erst viele Meter weiter, auf der anderen Seite des Baches, wurde sie fündig. Bambus. Endlich konnte sie sich zum Fressen niederlassen.
Der Perlentaucher In unserem Dorf lebten die meisten von dem, was sie in ihren Netzen und Reusen fanden. Unsere Familie züchtete Muscheln, seit mein Urgroßvater einmal eine Perle gefunden hatte, die ihn reich gemacht hatte. Mein Vater züchtete sie. Dafür gab es schon mehr als für die Muscheln alleine. Doch das richtige Geld gab es für echte Perlen, also suchten meine Brüder und ich danach. Wir tauchten mit nichts als dem Messer zwischen den Zähnen ins Dunkel hinab. Ich hatte schon die ein oder andere Auseinandersetzung mit einem Hai hinter mir, da traute ich eines Tages meinen Augen nicht: Ich sah eine fußballgroße Perle in einer Muschel, so groß wie eine Badewanne. Das hört sich nicht nur ungeheuerlich an, das war auch ein Ungeheuer. Dieses Ding konnte ich natürlich nicht mal eben in die Hand nehmen und ihm das Prachtexemplar entreißen. Ich sah mich um, so gut ich da unten etwas erkennen konnte. Das Auto! Hier ganz in der Nähe lag das Wrack eines Pkw, das vor einigen Jahren von einer Klippe gestürzt war. Vielleicht fand ich dort irgendeinen Hebel, den ich anstelle meines Messers einsetzen konnte. Ich tauchte auf, um Luft zu holen, und fand dann im Kofferraum einen Wagenheber. Versorgt mit frischer Luft schwamm ich zurück zur Muschel. Mein Versuch, sie zu öffnen, schlug fehl. Doch nicht nur das: Das Biest schnappte nach mir und ehe ich mich versah, war ich in ihr gefangen. Jetzt machte sich bezahlt, dass ich von klein auf nach Muscheln tauchte und länger die Luft anhalten konnte als die meisten anderen Männer im Dorf. Das Einzige, das mir geblieben war, waren das Messer und der Wagenheber. In meiner Verzweiflung fing ich an, diesen einzusetzen, als wolle ich einen Reifen wechseln. Offensichtlich war genau das der richtige Weg, denn die Muschel gab nach. Mit meinem Messer trennte ich die Perle heraus, befreite mich aus dem Monster und schaffte es unter Darbietung all meiner verbleibenden Kräfte, aufzutauchen und die rettenden Atemzüge zu tätigen.
Anfänge »Bitte schauen Sie sich doch wenigstens den Anfang meines Manuskripts an. Herr Thomas! Nur die ersten vier Seiten!« Ich hielt es ihm entgegen. Ein unwilliges Brummen seinerseits, während er weiter durch den Gang eilte. Ich hielt mit ihm Schritt und versuchte, mich an meinen Pitch zu erinnern. Putzfrau in einem Verlagshaus kommt als Bestsellerautorin groß raus. Nein, das war zu offensichtlich, dass es sich um meinen eigenen Traum von einer Schriftstellerkarriere handelte. »Herr Thomas!« »Wissen Sie, wie viele erste Seiten ich mir jeden Tag ansehen muss? Und Sie halten mich ausgerechnet auf dem Weg in den Feierabend auf.« Ich sah zurück zu meinem Karren mit den Putzmitteln. »Es geht um … äh …« Er blieb stehen. »Sie haben einen Satz.« Ich schluckte. »Millionenschwere Autorin blickt auf ihre Anfänge als Putzfrau eines Verlagshauses zurück.« »Und wovon träumen Sie nachts?« Er machte einen weiteren Schritt in Richtung Kantine. »Was meinen Sie, wovon viele Leserinnen träumen? Viel Geld durch harte Arbeit!« Erneut drehte er sich mir zu. »Der erste Satz.« »Wie bitte?« »Wie lautet der erste Satz ihrer Geschichte?« »Zitrone.« »Nicht das erste Wort, der erste Satz.« »Das ist der erste Satz, Herr Thomas. Nur ein Wort. Zitrone. Punkt.« »Der zweite?« Ungeduldig wippte er mit dem Fuß. »Dieser Duft begleitete mich.« »Geben Sie her!« Er riss mir das erste Blatt aus der Hand. Er stand stumm da, las offenbar interessiert – seine Augenbrauen bewegten sich bei seinem Mienenspiel – und streckte nach einer Weile wortlos die freie Hand aus. Ich reichte ihm das zweite Blatt. Am Ende des zweiten Blattes hob er den Blick. »Ich sehe es mir in der Mittagspause an.« Ich vertraute ihm den einzigen Ausdruck meines gesamten Manuskripts an. Dann setzte ich meine tägliche Runde durch die Büros fort.
Ein halbes Jahr später erhielt ich einen dicken Umschlag vom Verlag. Darin war mein Manuskript, versehen mit unzähligen Anmerkungen. Ich investierte jede freie Minute, um alles zu überarbeiten, als ich eines Freitags am späten Abend noch einen Anruf vom Verlag erhielt. Ob ich nicht am Vertrag interessiert sei? Den hatte irgendein Praktikant ganz ans Ende des Papierstapels gelegt, sodass ich fast die Frist versäumt hätte. Doch, natürlich! Und wie ich das war! Ich unterzeichnete noch am selben Abend, schwang mich aufs Fahrrad und gab das Dokument persönlich ab. Das war der Anfang meines Lebens als Autorin.
Die Sinnfrage kommt mir gerade recht. Was für einen Sinn hat dieses Projekt, wenn ich Mist abliefere wie den von gestern und mich dabei auch noch selbst bemitleide? Ja, schlechte Tage gibt es und normalerweise bekommt niemand etwas davon mit. Blamiere ich mich damit nicht vor allen potenziellen Lesern? Geht der Schuss damit nicht nach hinten los? Am Ende habe ich einen Content à la 100 Shades of Shit. Genau diese Fragen habe ich mir gestern gestellt. Ich habe daran gedacht, dass ich ein Gefühl dafür bekommen wollte, wie es wäre, vom Schreiben leben zu müssen. Es machte mir bisher nicht immer Spaß. Es gab Tage, an denen musste ich mich zwingen. Regelrechte Durststrecken. Dann war ich auf einmal wieder voller Freude dabei. Einige Geschichten haben richtig Spaß gemacht. Als ich meinen ersten Roman geschrieben habe, war es ähnlich. Nicht immer hat es Spaß gemacht und das, obwohl ich mir so wenig Druck wie nur irgend möglich gemacht habe. Und ich habe mich hinterher nur geärgert, dass ich so viel Zeit verschenkt habe, als ich sah, wie viel ich an einem Tag schreiben kann, wenn ich es nur wichtig genug nehme. Ich habe auch daran gedacht, dass ich mit meinem Projekt Schreibanfängern zeigen möchte, dass wir alle nur mit Wasser kochen. Ich sehe viele Autoren, die schon (mehrfach) publiziert haben, darunter Bestsellerautoren und auf der anderen Seite begeisterte Leser und Schreibanfänger. Der Weg dazwischen hat mich immer brennend interessiert. Wir haben alle klein angefangen und mussten das Handwerk erst erlernen. Und trotzdem ist der erste Entwurf von was auch immer Mist.
The first draft of anything is shit.
Ernest Hemingway
Aber das bedeutet nicht, dass man deshalb aufgeben darf. Nicht, wenn man ein Buch schreiben will. Das erzählt euch einer, der seit 15 Jahren Kurzgeschichten schreibt und zum ersten Mal die Rohfassung eines Romans abgeschlossen hat. Ich bin stolz darauf, weil das nicht auf Anhieb geklappt hat. Ich weiß, dass viele sehr viel weiter sind, weil sie bereits eine Agentur suchen oder einen Verlagsvertrag haben oder schon ein oder mehrere Bücher veröffentlicht sind. Für mich ist es schon eine große Sache, überhaupt einen Roman großartig zu überarbeiten. Ich habe mehrere Jahre gebraucht, um da hinzukommen. Wer mit Romanen angefangen hat und sich nun mit seinen ersten Kurzgeschichten abmüht, wird mich vielleicht auslachen, aber doch irgendwo verstehen. Zurück zur Ausgangsfrage: Welchen Sinn hat dieses Projekt noch? Übung kann nie schaden. Ich könnte die Übungen theoretisch auch für mich allein machen – aber dann würde ich sie nicht machen. Mein Schweinehund ist publikumsscheu.
Humor ist, wenn man trotzdem lacht »Warum fällt mir ausgerechnet zum Thema Humor nichts Vernünftiges ein? Nicht mal etwas Unvernünftiges.« »Du könntest einfach ältere Beiträge verlinken, da waren doch Lustige dabei. Die Geschichte vom Schuh zum Beispiel.« »Das kann ich doch nicht machen. Ich hab gesagt, ich schreib jeden Tag eine Geschichte, also mache ich das auch.« »Nur Dialogzeilen wechseln ist aber keine Geschichte.« »Ach was!« »Außerdem liest das doch eh kein Schwein, guck dir mal die Statistik an.« »Jetzt haltet doch mal beide den Rand!« Ich verscheuchte die Muse und den Kritiker und brütete weiter über dem Begriff. Noch drei Minuten, nebenan Fernseher, draußen Tatütata – das wird heut nix!
Der Ausbruch der Buchstabennudeln Schon viel zu lange warteten die Nudeln in ihrem Karton. Offensichtlich wartete Oma Hilde darauf, dass ihre Enkelkinder mal wieder zu Besuch kamen. »Wir lassen uns das nicht mehr länger gefallen!«, rief das A. »Unser Mindesthaltbarkeitsdatum ist bald überschritten. Wir müssen endlich gegessen werden.« »Du hast recht«, sagte das C. »Aber was willst du tun?« »Wir müssen hier raus«, antwortete das A. »Wir brechen aus und verlassen diese Packung!« »Oh, wie soll das gehen?«, fragte das O. »Uh, wie sollen wir das tun?«, fragte das U. »Ich hätte da schon eine Idee,«, rief das I. »Ich bin schlank und passe durch jede Ritze.« »Mich könnt ihr als Hebel benutzen«, erklärte das L, »um die Ritzen größer zu machen. Wenn ihr euch flach hinlegt, seid ihr alle nicht viel breiter als das I.« Gesagt getan und ein Buchstabe nach dem anderen purzelte in die Vorratsschublade. Sie jubelte und fielen sich gegenseitig in die Arme. »Jetzt werden wir bald in Suppe schwimmen!« Doch Oma Hilde sammelte die Buchstabennudeln auf und schüttete sie, trocken wie sie waren, in ein Glas. Und darin blieben sie, bis die Enkelkinder zu Besuch kamen. »Oma, was ist das denn? Buchstabennudeln? Dafür sind wir doch schon viel zu alt.« Justin kicherte. »Früher habt ihr die gern gemocht. Mit anderen Nudeln brauche ich euch gar nicht erst kommen.« »Waren die früher nicht viel größer?« »Nein, du warst kleiner, mein Lieber.« »Guck, hier ist das J!« »Na dann lass es dir schmecken.«