SGZ 36 EINGESCHRÄNKT

SGZ 36 EINGESCHRÄNKT

Mit so einer Katze auf der linken Hand ist man schon etwas eingeschränkt beim Tippen. Nicht nur das, sie tippt ja fleißig mit und ruft gelegentlich die Hilfe auf, interessiert sich dann aber keineswegs für die Anzeige. Ein absolutes Luxusproblem, bin ich doch froh über ihr Interesse an meiner Gesellschaft. Ich lasse mich dann auch gerne ablenken und verteile ein paar Streicheleinheiten. Sie diktiert mir dafür dann unsere nächste Geschichte. So wäscht eine Hand die andere – ganz ohne Wasser und Seife.
Im Augenblick schläft sie; ich will sie nicht wecken. Vermutlich plottet sie bereits unseren nächsten Bestseller. Ich verstehe immer nicht, wie sie das macht. Wenn sie aufwacht, sind die Ideen einfach da. Noch bevor ich die verschiedenen Handlungsstränge entwirren kann, sind wir auch schon fertig mit dem ersten Entwurf. Da wir an Erfolge wie »Die Bremer Stadtmusikanten«* und »Woran du erkennst, dass deine Katze deinen Tod plant«² anknüpfen, können wir das auch gleich so an unsere Agentur weiterreichen.

Wörter: 159

*Das ist natürlich von den Brüdern Grimm
² Mattew Inman, übersetzt von Brigitte Döbert

SGZ 35 AUFGABE

SGZ 35 AUFGABE

Geschäftsaufgabe.
Heute war es so weit. Zum letzten Mal sperrte Johannes den Laden ab.
Zwei Jahre war es her, da hatte er hier voller Enthusiasmus geöffnet. Sein Businessplan war bombensicher – mit einem Café für nebst Buchhandlung und kleiner Bühne für Lesungen hatte er drei Standbeine: Leseratten kauften Bücher und ließen sich vielleicht gleich zu einem Kaffee nieder, um die ersten Kapitel zu lesen, trafen sich mit anderen Buchbegeisterten auf einen Plausch und ein Stück Kuchen und Autoren traten gegen kleines Entgelt auf und brachten ihrerseits ihre Fangemeinde mit, die er wiederum verköstigte.
Ja klar, erst hatte er es versucht mit Gebäck zum Mitnehmen, hatte für seine Angestellte Kurzarbeit angemeldet. Die Miete lief die ganze Zeit weiter und zehrte an seinen Rücklagen. Stammkunden bestellten Bücher für die nächsten zwei Jahre im Voraus, so schien es ihm. Aber es reichte einfach nicht. Es fehlten die Einnahmen aus den Veranstaltungen. Als dann der zweite Lockdown kam und nach einem Jahr Corona absehbar wurde, dass es eher schlimmer als besser werden würde, hatte er aufgegeben und musste Becky schweren Herzens entlassen.
Als Johannes jetzt den Schlüssel im Schloss drehte, schnitt es ihn ins Herz. Er war sich so sicher gewesen, dass sein Geschäft ein Erfolg werden würde. Und stattdessen musste er jetzt Privatinsolvenz anmelden.
»Ich habe es dir ja gleich gesagt«, würde Paul sagen.
Der war als Apotheker auf der Gewinnerseite. Dass sich die Dinge so entwickeln würden, hätte verflucht noch mal niemand sagen können. Auch Paul nicht.

Wörter: 244

SGZ 34 SCHÜTZE

SGZ 34 SCHÜTZE

Daneben
Von hier oben hatte ich einen guten Blick auf den Marktplatz unten und niemand konnte mein Gewehr sehen. Mein Auftrag war klar: Töte die Kanzlerin. Ich hatte nie vor, dies zu tun, wollte aber auch meine Auftraggeber nicht unnötig erzürnen und einen Kopf kürzer werden. Deshalb lag ich hier und lauerte.
Heute war kein Wochenmarkt, deshalb war der Platz wie leer gefegt. Mein Atem und Herzschlag waren ruhig. Nicht auszudenken, wäre hier alles voller Menschen. So hatte ich gute Sicht. Die Zeit tropfte zäh dahin. Mir blieb nichts, als zu warten. Also wartete ich.
Nach vier Stunden und dreiundzwanzig Minuten endlich marschierte die Kanzlerin mit ihrem Gefolge auf. Vor und hinter ihr Gorillas und unbedeutende Pinguine. Ich nahm ihre Topffrisur ins Visier. Es musste ja echt aussehen. Jetzt kam es drauf an! Ich passte einen Moment ab, in dem sie schon heftig niesen müsste, um die Kugel noch abzukriegen. Es sollte ein Streifschuss werden. Ich hielt die Luft an und drückte ab.
Mein Schuss knallte und ein Idiot von Gorilla schubste sie mitten in die Schusslinie; einer der Pinguine warf sich selbst davor. Fuck! Ich hatte einen AfD-Politiker erschossen!

Wörter: 190

SGZ 33 MYSTERIÖS

SGZ 33 MYSTERIÖS

Die Leiche hatte Hände anstelle von Füßen. Es gab keinerlei Spuren einer Transplantation, sie schienen natürlich gewachsen. Und das war schon der dritte Fall in den letzten vier Wochen. Einer mochte eine seltene Mutation sein, zwei davon noch ein außergewöhnlicher Zufall, aber drei? Und alle hier? Da steckte doch ein Labor dahinter, ein moderner Frankenstein! Doch wie war es möglich, dass diese Menschen bisher noch nicht aufgefallen waren? Warum landeten alle ausgerechnet hier auf Claudias Tisch? Fragen nahm sie nicht gerne mit ins Wochenende, doch diesmal blieb ihr keine andere Wahl.
Seufzend hängte sie ihren Kittel an den Haken, und war im Begriff, sich umzuziehen, da klingelte ihr Diensthandy. Jetzt noch? Sie nahm ab.
»Und?«, fragte eine vertraute Männerstimme.
»Nein, ich habe noch nichts Neues herausgefunden. Ich hätte mich schon gemeldet.«
»Frau Professor, mir sitzt die Presse im Nacken.«
Und mir auch. »Ich weiß, Herr Rittmeister. Todesursache war wieder Ertrinken. Mehr habe ich nicht. Tut mir leid.«
»Dann werde ich mich mal im Hafen umsehen.« Aufgehängt.
Ihnen auch ein schönes Wochenende, danke.
Die Personen waren nicht miteinander verwandt. Vielleicht ergab sich nach der Identifikation der Leichen etwas.

Zwei der Verstorbenen waren in derselben Region aufgewachsen. Mit dem dritten hatten sie gemeinsam, dass die Mutter zur Zeit der Schwangerschaft ebenfalls dort lebte. Danach war sie mit dem Kind weggezogen.
Nach diesen Erkenntnissen suchte Claudia nach besonderen Umwelteinflüssen in dieser Gegend, fand aber lediglich Verschwörungstheorien, nach denen ein Reaktorunfall vertuscht worden sein sollte.
Sie griff zu ihrem Telefon. »Herr Rittmeister, ich habe da einen Verdacht.«
»Schießen Sie los.«
»Es gab damals eine bestimmte Anti-Baby-Pille, die trotz Warnungen vor ihrer Unzuverlässigkeit noch auf dem Markt war. Angenommen, diese Frauen nahmen dieses Medikament und waren dann

Wörter: 282

Das ist jetzt aber mysteriös, dass die Geschichte mitten im Satz endet … die Zeit war rum. ;)

SGZ 32 ERWARTUNG

SGZ 32 ERWARTUNG

In Erwartung
Der Arzt war unter einem Vorwand hergebeten worden. Stephanie Woodbrocks hatte dem Boten nicht gesagt, was genau der medizinische Notfall sei.
»Seht euch Nala an!«
Das Hausmädchen verbarg ihren Leib seit Wochen in weiten Kleidern und ließ sich nur blicken, wenn zwingend nötig.
»Seit wann bist du in Erwartung?«, herrschte die Hausherrin sie an.
»Verzeihung, Miss Stephanie.« Offenbar verstand das junge Ding gar nicht, was in ihrem Körper vorging.
»Wer hat dich bestiegen, Nala?«, wollte Miss Woodbrocks wissen.
Beschämt blickte das Mädchen zu Boden, wagte keinen der Herren zu benennen.
»Doktor, können Sie es wegmachen?«
Er verstand nicht gleich. »Ich soll die Schwangerschaft beenden?«
»Ja. Ich dulde keinen Bastard in diesem Haus«, erklärte Stephanie Woodbrocks.
»Ich weiß nicht.« Der junge Arzt drehte seinen Hut in der Hand. »Dieses Verfahren ist noch sehr neu und nicht ungefährlich für die Patientin. Sind Sie sicher, dass Sie das Kind nicht in einem Waisenhaus abgeben wollen? Wenn es so weit ist, meine ich.«
»Ich bin sicher, Herr Doktor. Sonst hätte ich Sie nicht rufen lassen. Wenn Sie dann bitte anfangen wollen.«
Mit angstvoll aufgerissenen Augen hielt das Hausmädchen sich den Bauch. Die Frucht war fast ausgereift. Der Gynäkologe beschloss, ihr noch etwas Zeit zu schenken.
»Ich muss um Verzeihung bitten, Miss Woodbrocks. Ich benötige spezielle Instrumente und einen Assistenten.«
»Es sind genügend Knechte, die Ihnen assistieren können, Herr Doktor.«
»Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, Miss Woodbrocks, aber ich habe einen Assistenten, der geschult ist auf den Umgang mit Äther. Ich erwarte ihn in den nächsten Tagen von einer Bildungsreise zurück. Es wird nicht ohne ihn gehen.«
»Äther für ein Hausmädchen!«
»Ich kann nicht in Ruhe arbeiten, wenn sie sich in Schmerzen windet. Womöglich verletze ich lebenswichtige Gefäße und sie verblutet mir auf dem Tisch.«
»Und seis drum! Darüber hätte sie nachdenken sollen, bevor sie sich bespringen lässt!«
»Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden.« Damit zog der Arzt sich zurück.

Vier Tage später kam Nala nieder und brachte einen gesunden Jungen zur Welt. Schweren Herzens trennte sie sich von ihm, um ihn in die Obhut des örtlichen Krankenhauses zu entlassen.

21 Jahre später sprach ein junger Arzt beim Anwesen der Woodbrocks vor …

Wörter: 363

Mit dieser Geschichte sind es schon über 10.000 Wörter insgesamt!

SGZ 31 ERFÜLLUNG

SGZ 31 ERFÜLLUNG

Figurenstudie Jane Doe
Nein, Ärsche abwischen erfüllt mich einfach nicht. Es mag sein, dass das jetzt plötzlich als einer der wichtigsten Berufe erkoren worden ist, aber ich mache das keine Minute länger als zwingend notwendig.
Wenn jeder Deutsche dazu verpflichtet würde, zwischen Schule und Berufsausbildung ein Jahr Sozialen Dienst zu verrichten, dann hätten wir hier auch nicht so einen Notstand. Und dann hätte die Öffentlichkeit auch einen ganz anderen Blick auf die sozialen Berufe. Man käme nicht umhin, sich mit dem eigenen Alter auseinanderzusetzen.
Aber irgendwann brennt man einfach durch, so lange es so bleibt, wie es ist. Wenn immer dieselben die Nachttöpfe ausleeren müssen.
Wenn das hier vorbei ist, starte ich eine Karriere als Rockstar. Meine Freunde sagen, ich habe Talent. Dafür braucht man auch keine Zeugnisse. Wenn ich den Klängen meiner Gitarre lausche, die zusammen mit den Beats des Drummers unseren Sänger trägt, dann erfüllt mich das wirklich.
Schade nur, dass ich so oft am Wochenende arbeiten muss. Unter der Woche würde ich ja üben, aber ich bin einfach zu müde nach dem Dienst und manchmal bin ich froh, wenn ich überhaupt zum Schlafen Zeit finde, je nachdem, wie die Dienste liegen.
Nein, erfüllend ist das wirklich nicht, was ich tagtäglich tue. Aber es ist notwendig. Oder, wie es heute heißt: Systemrelevant.

Wörter: 214