SGZ 48 PFLASTER

SGZ 48 PFLASTER

Pflaster habe ich noch nie gemocht. Die waren immer damit verbunden, irgendetwas nicht tun zu dürfen. Nicht mehr toben, nicht brüllen, nicht weinen. Ein Indianer kennt keinen Schmerz.
Heute reagiert meine Haut auf den Kleber und wird knallrot. So kann ich auch beim Arzt guten Gewissens sagen: »Bitte kein Pflaster.« Ich bin keine Memme.
Warum versucht man, mit einem Pflaster zu erzwingen, dass »jetzt alles wieder gut« ist? Da fällt doch kein Kind drauf rein. Es lernt nur, dass es seinen Schmerz nicht zeigen darf.

Ich war noch klein, da habe ich mir im Freibad das Knie aufgeschlagen. Natürlich bin ich damit ins Wasser gegangen. Nicht nur einmal, sondern an mehreren Tagen nacheinander. Soweit ich das richtig verstanden und in Erinnerung habe, müssen dadurch Keime eingedrungen sein und es hat sich entzündet. Durch die ständige Feuchtigkeit hatte es auch keine Chance, zu heilen. Es wurde richtig dick und der gelbe Eiter verkrustete. Ich fand das faszinierend, was sich da an meinem Körper tat, auch wenn ich schon ein wenig humpelte.
Doch eines Tages ließ mich der Bademeister nicht mehr ins Wasser und rief stattdessen einen Krankenwagen. Als man meinen Namen und meine Adresse und Telefonnummer wissen wollte, wusste ich, dass das Ärger geben würde.
Es gab aber kein Pflaster, sondern einen richtigen Verband, auf den ich sehr stolz war.

Heute weiß ich natürlich, dass das ziemlich dämlich war, nicht gleich Bescheid zu sagen, und mal ein paar Tage aufs Schwimmen zu verzichten. Das hätte böse ausgehen können. Dabei hätten es ein paar Tage an der frischen Luft getan.
Trotzdem kann ich Pflaster nicht ausstehen. Vor allem, wenn sie jemand mit einem Ruck abreißt. Ich mache das lieber langsam und vorsichtig.

Kopfsteinpflaster mag ich im Übrigen auch nicht. Da holpert es immer so und schüttelt alles durch, wenn man drüberfährt. Und beim Gehen verliere ich fast das Gleichgewicht, weil die Steine so uneben sind.
Jetzt, da die Zeit fast rum ist, fällt mir natürlich ein, dass man mit einem Pflasterstein jemandem den Kopf einschlagen kann …

Wörter: 335

SGZ 47 ZIEL

SGZ 47 ZIEL

Fortsetzung von gestern

»Hilfe!«, rief Miss Sandra verzweifelt.
Durch ein Astloch in der Wand des Bootshauses konnte Rodrigo sie sehen. Es waren nur zwei Männer. Einer saß im Boot an den Rudern, der andere schickte sich an, die Frau hineinzuzerren. Rodrigo brauchte nicht lange nachdenken, was zu tun war. Er schlich zum Wasser und glitt hinein.
»Das Boot«, rief wenig später der Ruderer, »wir sinken!«
Während die beiden Männer mit dem Boot beschäftigt waren, umschlang er von hinten Miss Sandras Mitte und hielt ihr dabei den Mund zu.
Sofort teilte sie mit den Ellbogen aus. Natürlich musste sie in ihm einen weiteren Angreifer vermuten. Erst als er sie umdrehte und sie ihn erkannte, befolgte sie sein Gebot, zu schweigen. Er ließ sie los und zeigte auf den See. Auf seine Schwimmbewegungen hin schüttelte sie den Kopf. Sie konnte nicht schwimmen. Also blieb Rodrigo nichts anderes übrig, als die beiden Attentäter sich selbst zu überlassen und seinen Schützling in den Schleppgriff zu nehmen.
Bis sie außer Sichtweite waren, waren sie ein leichtes Ziel.
Doch sie erreichten das wenige Meter weiter im Uferdickicht verborgene Boot unbehelligt.
»Miss Sandra, können Sie rudern?«
»Was ist, wenn ich ins Wasser falle? Lassen Sie mich nicht noch mal allein!« Sie wrang sich ihren Rocksaum aus.
»Okay, schon gut. Ich bleibe bei Ihnen.« Er half ihr beim Einsteigen. »Ich werde das Ruder selbst übernehmen. Ruhen Sie sich aus.«
Am anderen Ende der Bucht warteten vertrauenswürdige Leute. Das hoffte er jedenfalls.

Wörter: 240

Heute nur 45 Minuten.

SGZ 46 SCHEIN

SGZ 46 SCHEIN

Tagsüber war die Hitze unerträglich gewesen. Jetzt war es angenehm auf der Veranda. Während sie saß, hielt der Spanier sich im Hintergrund stehend bereit und beobachtete das Gelände.
»Sehen Sie nur, Miss Sandra.« Er wies in Richtung der Bucht. Ein Farbenspiel von tiefrot über orange bis golden zog sich über den teilweise noch blauen Abendhimmel, vor dem sich die Silhouette der Dame mit Hut abhob.
»Oh, was für ein fabelhafter Sonnenuntergang! Was würde ich nur ohne Sie tun, Tonto.«
Dazu schwieg der Butler, den sie gerade einen Armleuchter genannt hatte. Ganz so gering war sein Stand nun doch wieder nicht. Doch er war dies mittlerweile von ihr gewohnt. Sie schien nicht zu wissen, dass es sich nicht um einen Kosenamen oder eine angemessene Berufsbezeichnung handelte, und er hatte bisher nicht den Mut gefunden, sie darauf hinzuweisen, dass sein Name Rodrigo lautete und er gerne so angesprochen werden wollte.
»Möchten Sie noch einen Tee, Miss Sandra?«
Sie wand den Blick von der Bucht ab und schenkte ihm ein Lächeln. »Aber gern, Tonto.«
Er nickte, trug stumm das Tablett mit der benutzten Tasse fort. Beim Betreten des Hauses schlug ihm die angestaute Hitze entgegen. Hoffentlich geschah ihr nichts, während er fort war. So engstirnig wie sie war keine seiner früheren Dienstherrinen. Von diesem Urlaub hatte er so dringlich wie noch nie jemandem abgeraten, doch schließlich hatte er nachgeben müssen. Um keinen Verdacht zu erregen, musste er daher die Rolle ihres Butlers annehmen. Nur so war zu erklären, dass er ihr auf Schritt und Tritt folgte.
Die Minuten, bis das Wasser kochte, waren kaum auszuhalten. So schnell es ging, begab er sich mit dem frisch aufgebrühten Tee nach draußen. Von Miss Sandra keine Spur.
Er stellte das Teetablett sorgfältig auf dem Tisch ab, schloss einen Moment die Augen, sandte ein Stoßgebet zum Himmel und verwandelte sich vom Butler in den Soldaten, als der er angeheuert worden war, um Miss Sandra mit seinem Leben zu verteidigen.
Wenn jemand sie entführen wollte, dann konnte sein Weg von hier aus nur übers Wasser führen. Also rannte Rodrigo zum Bootshaus.
»Hilfe!«, hörte er Miss Sandra rufen, »Hilfe! Hier bin ich!«
Um seine Stellung nicht zu verraten, antworte er nicht.

Wörter: 363

Leider war die Zeit zu Ende. Mal sehen, vielleicht schreibe ich morgen eine Fortsetzung.

SGZ 45 ELF

SGZ 45 ELF

Die Elfen-Elf
»Pass zu mir, Legoland, ich bin frei!« Honik winkte und hüpfte.
Doch sein Mitspieler versuchte es im Alleingang und verfehlte das Tor.
»Du bist so ein Hobbit, Mann, nie spielst Du zu mir!«
»Hör auf zu quasseln, Honik«, mahnte Tannatar, »lauf lieber.«
Honik trabte wieder auf seine Ausgangsposition zurück.
Es gab Einwurf. Legoland kämpfte mit einem Abwehrspieler der Gegenseite um den Ball.
»Honik, jetzt!«
Der langersehnte Pass. Honiks Herz klopfte, lauter als üblich. Er nahm den Pass an. Schon das hätte schief gehen können. Mit dem Handrücken wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Jetzt würde er es Legoland zeigen!
Da rief Tannatar: »Pass zu mir, Honik, ich bin frei!«
Was nun, den Helden spielen oder die Verantwortung mitsamt dem Ball abgeben? Honik entschied sich für Teamplay und gab den Ball an Tannatar ab. Dann suchte er sich eine bessere Position – und erhielt den Ball von Tannatar zurück!
Er fackelte nicht lange, schoss aufs Tor und traf!
»Tor, Tor, Tor«, jubelte das Publikum.

Wörter: 166

SGZ 44 ENGEL

SGZ 44 ENGEL

Save the date: Heiligabend ist dieses Jahr am 24.12.!
Unter einem Engel hatte ich mir etwas anderes vorgestellt. Keine stocksteife Gestalt, die einer besseren Klorolle ähnelte, beklebt mit rauen Fasern. Das sollte angeblich das beste Stück von all unserem Weihnachtsschmuck sein und ausgerechnet diese Hässlichkeit sollte nun oben auf unserem Baum thronen, nur weil sie noch von Muttern (also meiner Großmutter) stammt? Hat sie dieses Ding im Alter von fünf Jahren gebastelt?
Wir haben doch so schöne rot, golden und silbern glänzende Kugeln. Dazu passt dieser Bastelunfall von Flatterviech doch gar nicht.

So dachte ich damals. Und heute denke ich, dass ich überhaupt keine Vorstellung davon hatte, wie anders die Zeit war, in der meine Eltern aufgewachsen sind – und schon gar meine Großeltern. Woher auch?
Heute wäre es ein Leichtes, ein »Opa erzählt von Corona«-Vlog anzulegen, damit die noch nicht geborenen Enkel sich das später, nicht mehr live, aber in Farbe, anschauen können. Da kann man die Masken in die Kamera halten und die Vorzüge der verschiedenen Modelle erklären. Man kann dies und das verlinken. Das macht es sicher anschaulicher. So bekommt man auch einen Eindruck von dem Menschen, der Opa war, bevor er Opa wurde.
Meine Oma hat gern vom Krieg erzählt. Da starben Menschen (also nix gewaltfrei), suchten vor den Bomben Zuflucht in den Kellern (Oma und Opa hatten noch einen eigenen Bunker im Keller), zitterten dort vor Angst und sie als Säuglingskrankenschwester musste zeitweise auswählen, wem noch geholfen werden kann und wem nicht mehr. Triage. Das, wovor heute allen graut. Das zeigt nur, wie lange das nicht mehr notwendig war.
Die Weltkriege waren sicher die für meine Oma prägendste Zeit und die jetzige dürfte es für unsere Kinder und Jugendlichen sowie junge Erwachsene sein. Eigentlich für uns alle, aber die älteren Semester werden dieses frisch gepackte Säcklein nicht mehr so weit in die kommenden Generationen tragen, denke ich.

Sollte also das diesjährige Weihnachtsfest so stattfinden dürfen wie vor 2020, dann besorge ich mir zum allerersten Mal in meinem Leben einen Weihnachtsbaum und bastel eigenhändig aus einer nackten Klorolle einen Engel, der dann ganz oben thronen darf.

Wörter: 349

Es kann nie schaden, Weihnachtsgeschichten auf Vorrat zu schreiben. Immerhin sind es nur noch 300 Tage bis dahin!

SGZ 43 SEHNSUCHT

SGZ 43 SEHNSUCHT

Wieder nach dem Bus rennen
»Moni, weißt du was?«
»Weiß ich nicht, Frank.« Sie wandte den Blick nicht vom Fernseher ab.
»Ich hab Sehnsucht danach, wieder Treppen zu steigen, ohne bereits auf der zweiten Etage ins Schnaufen zu kommen.«
»Meinst wegen FFP2?« Sie zappte weiter durch die Kanäle.
»Nee. Ich will wieder nach dem Bus rennen können.« Das war richtig geil, als ich das noch konnte. Nicht, weil ich es besonders eilig gehabt hätte – einfach, weil ich es konnte. Und das, obwohl ich wusste, dass fünf Minuten später der nächste Bus kommen würde.
»Aha. Guck mal, das Kleid wär doch schick!«
»Die Kleiderauswahl ist mit 150kg auch sehr begrenzt.«
Jetzt sah sie mich an. »Willst shoppen gehen?«
»Nee. Meine alten Klamotten warten im Schrank auf mich.«
»Wie, warten?«
»Ich werde mich wieder halbieren!«
»Versteh ich nich.«
»Lass gut sein, Moni. Gib mir auch mal die Chips.«
»Sind alle. Sorry.«
Ich seufzte, stand auf und schleppte mich in die Küche. Klappte den Kühlschrank auf. Nix da. Nix Leckeres jedenfalls. Jetzt nur nicht einkaufen. Abnehmen fängt beim Einkaufen an.
Ich trottete zurück und ließ mich wieder aufs Sofa fallen.

Wörter: 187