SGZ 91 LUFTBALLON + KRUMM + SCHÄUME (muss im Text stehen)

SGZ 91 LUFTBALLON + KRUMM + SCHÄUME (muss im Text stehen)

Vom krummen Luftballon, der nicht mit Rasierschaum eingeschäumt wird, um rasiert zu werden, oder Flips Träume
Der Luftballon war krumm wie eine Banane und auch genauso gelb. Sogar die Linien, an denen man eine Bananenschale üblicherweise teilt, sowie der Stiel waren aufgedruckt. Es war einer der hochwertigen aus dieser Silberfolie, die nach kurzer Zeit ohne weitere Beachtung unter der Zimmerdecke schweben und erst wieder interessant werden, sobald sie mangels Auftrieb absinken und schlapp geworden wieder in Greifhöhe des Kindes gelangen. Minnie wäre es auch egal gewesen, wäre es ein billigeres Exemplar gewesen. Hauptsache, ein Luftballon – der ihre Aufmerksamkeit ohnehin nur für wenige Minuten zu fesseln vermochte. Hätte sie ihn nicht gesehen, hätte sie ihn nicht haben wollen. Aber Opa kauft natürlich, für die zwei Minuten Freude.
Minnie war ein herzensgutes Kind, aber eben noch klein. Ruhig, sie quengelte nicht viel. Aber es war eben noch nicht viel mit ihr anzufangen. Keine gute Gesprächspartnerin. Es war auch anstrengend, ihre Hand zu halten und mich dabei zu verrenken. Aber natürlich konnte ich sie nicht allein gehen lassen, sie konnte ja gerade mal laufen.
Flip, der auf der anderen Seite ständig in irgendwelche Richtungen zerrte – er hatte die Ballons zuerst entdeckt – war das glatte Gegenteil und eine unermüdliche Quasselstrippe. Er fragte und fragte und fragte, bis ich meinte, die sprichwörtlichen Löcher im Bauch zu haben. Ich sah nach: Es waren keine da.
Mein Enkel weiß jedenfalls, warum die Banane krumm ist. Und es macht ihm einen Heidenspaß, mich das immer wieder zu fragen. Meistens mache ich ihm die Freude, es wieder und wieder zu erklären. Wenn ich keine Lust habe, dann sage ich einfach nur: »Darum.« Er kennt die Antwort ja und dann weiß er Bescheid, dass es mal gut wäre, eine Weile den Mund zu halten. Aber leider hält er das nicht lange durch. Dann erzählt er von seinen Träumen.
Was der Junge alles für Flausen im Kopp hat. Flip möchte mal auf den »Hümmaja« steigen, dann möchte er Astronaut werden und zum Mars fliegen oder besser noch zum Saturn, sich den Ring angucken. Das Kind macht sich einfach keine Vorstellung von der Entfernung. Im Fernsehen geht das ja alles. Das kann er noch nicht trennen. Auch »Schäumetester« wollte er werden. Er meinte Sommelier, wir hatten eine Sendung über Schaumweine gesehen. Er mag dieses Brausepulver, das es manchmal noch zu kaufen gibt. Dann verzieht er immer das Gesicht.
»Opa, weißt Du, was mein Traum ist?«
Ich sag dann meistens: »Träume sind Schäume
Und dann erzählt er. Jedes Mal was anderes. Heute hat er mich richtig erschreckt.
Flip sagte: »Ich will Müllmann werden. Wie du.«

Wörter: 432

SGZ 90 LAUSCHEN

SGZ 90 LAUSCHEN

Ich will wirklich nicht beklagen, doch ohne zu lauschen kann ich dich hören und fast zu jeder Tageszeit sagen, was du gerade tust. Du bedrängst mich mit deinem Lärm. Ob du deine Spülmaschine aus- und das Geschirr in den Schrank einräumst – ich höre das Klirren der Teller –, ob du den Fernseher mal wieder dreimal so laut stellst, weil du glaubst, ich höre dann nicht den Kurzfilm für Erwachsene, der auf dem anderen Gerät läuft und deine eigenen Lustlaute oder ob du einfach nur hustest oder mit einem Ächzen vom Sofa aufstehst. Ich höre alles! Und ich will es nicht hören!
Ich habe ein Recht auf akustische Privatsphäre.
Damit meine ich: Wenn die Wand so dünn ist wie Papier, dann hörst du ja auch mich. Oder bist du einer von denen, die mir dann im Treppenhaus ganz erstaunt sagen, dass sie nie wissen, ob ich überhaupt zu Hause bin? Ich bin es meistens, da ich zu Hause arbeite. Ich bin gerne drin, in meinen eigenen vier Wänden fühle ich mich wohl. Draußen ist doof. Da ist so viel von allem, das macht mich ganz fertig. Beim Einkaufen wird mir schlecht von all den Geräuschen, Gerüchen und der schreienden Werbung, den Remplern von den Lauten, den Unaufmerksamen. Nur, falls du das wirklich wissen und mir nicht nur mein Leisesein vorwerfen wolltest.
Ich weiß, dass ich nicht alleine bin. Es gibt sie, die anderen Leisen. Ich höre sie nicht, aber ich sehe sie. In der Fußgängerzone erkenne ich sie daran, dass sie den anderen Leuten ausweichen, bevor sie von denen überhaupt wahrgenommen wurden.
Wir sind unsichtbar für die anderen. Wir wären die optimalen Lauscher, aber so etwas zu tun widerstrebt uns zutiefst. Wir sind diskret.
Ich würde mich gerne öfter mit euch treffen, weil ihr mich nicht überfrachtet, ihr Leisen. Am liebsten würde ich mit euch zusammen in einem Büro sitzen, wo jeder in seinem eigenen Raum auf seine ihm eigene ruhige Art arbeitet. Wir wären bestimmt ein super Team!
Wir könnten natürlich schon irgendwie, uns umhören, ganz passiv. Was uns zugetragen wird, das ist ja nicht erlauscht. Und wenn dann jemand etwas fragt, dann ist das ja nicht gleich tratschen, oder? Aber dafür sollten wir dann Geld nehmen. Sonst kommen einfach zu viele und wollen wissen, wo der Frosch die Locken hat. Das können wir nicht riskieren, dass wir ausgenutzt werden.
Das Unternehmen nennen wir dann sicherheitshalber »Lausch-Ende« und nicht »Lauschende«. Nur, damit es keine Missverständnisse gibt.

Wörter: 403

Und hiermit verkünde ich: Über 25.000 Wörter gesamt!

Ich weiß, Quantität ist nicht Qualität, aber es ist ne hübsche, runde Zahl, die zeigt, was man mit nur einer Stunde Schreibzeit am Tag so alles schaffen kann – eine halbe Romanlänge. Lässt sich nicht 1:1 übertragen, gibt aber einen Anhaltspunkt, finde ich. Auf, zum Endspurt!

SGZ 89 LOCKEN

SGZ 89 LOCKEN

Ich schreibe ja noch nicht lange, beherrsche auch die Rechtschreibung nicht richtig und dennoch bin ich umworben von Verlagen, die mein Buch unbedingt drucken wollen. Mit dem Schreiben komme ich gar nicht hinterher! Aber sie haben Geduld – ich habe alle Zeit der Welt dafür.
Da mich verschiedene Verlage locken, kann ich mich gar nicht entscheiden, mit was ich zuerst anfangen soll: Liebesroman, Krimi, Thriller oder doch ein Kinderbuch? Wo ist da überhaupt der Unterschied? Krimi oder Thriller ist doch bestimmt so ziemlich das gleiche, wie auch Kinder-und Jugendbuch, nicht wahr? Ach egal, dafür ist doch das Lektorat da!

Just kidding!
Ich könnte etwas über Locken schreiben. Eine Killerin, die Männer mit Locken abmurkst. Oder ein Mann mit einer Lockenmodelkarriere, der sich in eine Friseurin verliebt. Und schon sind die Haare ab, schnipp-schnapp! Ende der Karriere.

Die Frau im gelben Regenmantel steckte die Hand in ihre rote Handtasche.
Gewagtes Outfit, dachte Daniel und prüfte noch einmal, ob seine Locken richtig saßen. Heute hatte er ein Casting und es durfte nichts schief gehen.

Warum geht der Kerl denn so komisch?, fragte sie sich. Er ist doch hier nicht aufm Laufsteg. Das Metall ihrer Schusswaffe war von ihrer Hand schon warm geworden. Jetzt war es Zeit, sie zu ziehen.

Zu gern würde er sich die Schnecke mal näher ansehen bei einem heißen Date, aber sie würde warten müssen.
Plötzlich griff sie ihm in die Haare und schnitt eine Strähne ab. Seinen Vertrag konnte er vergessen! Wenn er Pech hatte, flog er sogar aus der Agentur!
Weitere Gedanken braucht er sich nicht zu machen, denn die Regenmantelfrau tötete ihn mit einem auf der Stirn aufgesetzten Schuss.

Wörter: 272

SGZ 88 SUCHEN

SGZ 88 SUCHEN

Ich bin ein ordnungsliebender Mensch. Bei mir hat alles seinen festen Platz. Ich suche nichts. Nichts! Nicht meinen Schlüssel, nicht mein Handy, nicht meine Brille …
Okay, eine Sache gibt es: Socken. Ich suche aus der frischen Wäsche jeweils die passenden Paare Socken zusammen und lege sie dann paarweise in die Schublade. Das mache ich so, damit ich sie dann nicht suchen muss, wenn ich sie anziehen will, denn dann habe ich in der Regel keine Zeit. Und ich hasse diese Sucherei! Und wie ich sie hasse! Das geht so weit, dass der Wäschekorb oft einige Tage herumsteht, bis ich mir endlich die Zeit nehme, die Strümpfe zusammenzusuchen.
Ich weiß, andere Menschen trennen gerade noch nach sauber und dreckig …
Nun bin ich aber auch keiner von denen, der seine Unterhosen bügelt oder gar bügeln lässt. Das muss ich noch zu meiner Ehrenrettung sagen dürfen.

Wörter: 145

Nur 30 min!

SGZ 87 SIEBEN

SGZ 87 SIEBEN

Sieben mal sieben
»Sieben mal sieben gibt feiner Sand«, säuselte er leise.
»Gehen Sie von meinem Kind weg!«, rief die Mutter des Dreijährigen dem etwa zehn Mal so alten Mann zu.
»Nur spielen!«, gab der zurück.
»Na, Sie sind doch sicher drei mal sieben Jahre alt! Da ist das nichts mehr für Sie, im Sandkasten zu spielen. Schon gar nicht mit meinem Sohn!«
»Hören Sie, junge Frau«, sagte ein weißhaariger Mann auf der Bank neben ihr, »mein Sohn ist 34 Jahre alt und hat dasselbe Recht, im Sandkasten zu spielen wie Ihrer!«
»Hat er nicht! Der Spielplatz ist nur für Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre zugelassen.«
»Das bezieht sich auf die Spielgeräte, aufgrund des Gewichts. Ich habe mich bei der Stadt erkundigt. Und im Übrigen habe ich eine Sondergenehmigung für Jakob aufgrund seiner Behinderung.«
»Was für eine Behinderung? Ich sehe keine.«
»Sie sehen einen erwachsenen Mann auf dem Spielplatz im Sand sitzend in aller Seelenruhe sieben und Ihnen fällt nichts daran auf?«
»Na ja, in seinem Alter würde ich eher erwarten, dass er dort mit eigenen Kindern sitzt und diese spielen lässt.«
»Woher wissen Sie, dass Ihr Sohn sich jedes Jahr weiterentwickeln wird?«
»Na malen Sie den Teufel nicht an die Wand!«
»Das tue ich nicht. Das tun Sie.«
»Sieben mal sieben gibt feiner Sand«, säuselte Jakob und lächelte glücklich.

Wörter: 221

SGZ 86 LEDERJACKE

SGZ 86 LEDERJACKE

Voller Stolz trug sie ihre neue Lederjacke zur Schau. Blutrot, mit Schnallen und Ösen was das Zeug hielt.
Ich schüttelte den Kopf. »Weißt du eigentlich, dass Tiere leiden müssen, nur damit du hier wie ein Pfau daherstolzieren kannst?«
»Du willst einem auch alles mies machen, du Veganer-Zicke! Aber diesmal hast du Pech gehabt, das ist nicht aus Tieren!« Den Mittelfinger präsentierend reckte sie das Kinn und warf die blondierten Haare zurück.
»Ach ja? Und woher willst du das wissen?«
»Hat der Verkäufer gesagt.«
»Darf ich mal?«, fragte ich, wartete ihre Antwort aber nicht ab. An ihrer Schulter befühlte ich das Material. So eine Lügnerin! »Das ist kein Kunstleder.«
»Ist es doch!«
»Zieh mal aus. Wir gucken aufs Etikett.«
Umständlich schälte sie sich aus der Jacke.
»Da siehst du es! Das ist nicht aus Tieren!«
Auf dem Etikett stand: 100% Human skin.

Wörter: 141

SGZ 85 VERSTECK

SGZ 85 VERSTECK

Lange Jahre ist das her, da verbrachte ich meine Zeit auf einem Internat. Zuvor hatte ich sämtliche Bücher von Enid Blyton über Dolly, eine Internatsschülerin, verschlungen, die jedes Jahr eine Mitternachtsparty feierten …
Die Realität unterschied sich dann doch etwas von der Fiktion, wie ich leider feststellen musste. Mir fehlten vor allem Rückzugsmöglichkeiten, wie ich sie zu Hause in meinem eigenen Zimmer gehabt hatte. Hier war ich in einem Zimmer mit sechs Mädchen untergebracht, ein Durchgangszimmer zu einem Raum mit vier weiteren. Alle in Doppelstockbetten. Jede hatte also zwei Quadratmeter für sich – sicher noch komfortabler als Hühner in Legebatterien, da wir uns in unserem Trakt ansonsten frei bewegen durften.
Ich entdeckte, dass es im weitläufigen Gang zwischen zwei Schränken eine kleine Ecke gab, die man im Vorbeigehen üblicherweise nicht wahrnahm. Dort kauerte ich dann für eine Weile, wenn ich genug von all dem Trubel um mich herum hatte. Einmal mein Versteck schätzen gelernt, nahm ich auch mal ein Buch mit. Mitunter verbrachte ich Stunden dort.
So kam es, dass eines Tages mein Fehlen beim Abendessen auffiel. Als Rufe nach mir laut wurden, wagte ich mich nicht hervor. Erst als die Erzieherin mich entdeckte und grob an mir riss, gab ich es auf.
Noch am selben Tag wurden die Schränke anders arrangiert und mein Versteck verschwand mitsamt meiner Privatsphäre.

Wörter: 218

SGZ 84 ZÄRTLICHKEIT

SGZ 84 ZÄRTLICHKEIT

Wann habe ich das letzte Mal Zärtlichkeit gespürt? Haut an Haut mit einem anderen Menschen … das muss vor der großen Durchseuchung gewesen sein. Bevor es staatliche verordnete Einpersonenhaushalte gab zur Vorbeugung der Verbreitung weiterer Krankheiten.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es war, mit meiner Frau zusammenzuleben. Täglich durfte ich sie berühren, küssen, an mich drücken. Nachts schliefen wir im selben Bett. Abends streichelte ich ihre Haare, bis sie ganz ruhig atmete und sah sie dann einfach nur an, bis mir selbst die Augen zufielen.

Heute starre ich lange in die Dunkelheit, rufe mir Bilder von ihr in Erinnerung und wache allein auf. Meine Wohneinheit habe ich schon lange nicht mehr verlassen, da ich als Programmierer im Homeoffice arbeite. Was ich brauche, wird mir geliefert. Meine Frau arbeitet in einer der Kinderwohneinheiten. Sie hatte das Glück, dass ihr auch unsere eigenen Kinder zugeteilt wurden. Ich bekomme sie nur per Videotelefonie zu sehen.

Wörter: 156

Da hab ich mich aber ablenken lassen … und schon ist die Zeit um!

SGZ 83 BESESSEN

SGZ 83 BESESSEN

Sie ist eine Hexe!
Sie waren besessen davon, die angebliche Wahrheit aus ihrem Munde zu hören. Jedes Mittel war ihnen recht. Die heiligen Männer zogen ihre Zähne, verbrannten ihre Haut, brachen ihre Knochen. Die Rothaarige blieb standhaft.
»Du hast einen Zaubertrank gebraut und am Tag darauf ist des Müllers Sohn am Fieber gestorben. Leugne nicht!«
»Einen Scheiß hab ich!« Martha spuckte Blut aus. »Tötet mich doch, wenn ihr wollt! Niemals werde ich eure Lügen wiederholen!«
Ja, das Kind war gestorben. Aber sie hatte es nicht angefasst. Nicht einmal, um ihm zu helfen. Sie wusste, was passieren konnte. Neulich erst hatten sie die Elsbeth verhört, weil sie einem Alten Salbe aufgetragen hatte, um sein Leiden zu lindern. Die Schuld an seinem Tod gab man ihr und sie hatte unter der Folter gestanden. Dabei waren es nur harmlose Kräuter gewesen und der Mann schon lange krank.
Martha litt so starke Schmerzen wie noch nie in ihrem Leben und hoffte nur, dass es bald vorbei sein möge. Elsbeth hatten sie ertränkt, um ihren Glauben zu prüfen. Ihr würde der Scheiterhaufen blühen, wenn sie kein Geständnis erfand.
»Der Abt selbst hat gesehen, wie du Zauber gewirkt hast, Hexe!«
Der Kirchenobere hatte sie grob vergewaltigt, als sie ihm nicht für Geld zu Willen sein wollte. Sie hatte sich danach gereinigt und einen Sud aus schmerzlindernden und entzündungshemmenden Kräutern bereitet. Hätte sie das nicht getan, wäre das Sitzen auf dem Spanischen Pferd jetzt weitaus peinvoller.
Sie starrte den Folterknecht finster an, wich seinem Blick nicht aus.
»Du bist des Teufels!«, geiferte der Mönch.
»Ich bin eine ehrbare Frau. Wenn einer besessen ist, dann du.«

Wörter: 268

SGZ 82 GESELLSCHAFT

SGZ 82 GESELLSCHAFT

Der schreibende Schusterjunge
»Dieser Hallodri ist kein Umgang für dich. In seiner Gesellschaft kommst du nur auf dumme Gedanken!«
»Ernst ist mein bester Freund. Ich will auch Schriftsteller werden wie er!«
»Schriftsteller werden«, jaulte mein Vater. »Ich wusste doch, dass er dir nur Flausen in den Kopf setzt.«
»Tut er nicht!« Ich ließ die Schultern hängen. »Er sagt selbst, dass es eine brotlose Kunst ist und ich mich auf meine anderen Talente besinnen soll.« Ich richtete mich auf. »Aber ich will es. Ich muss einfach!« Noch vor wenigen Jahren hätte ich wohl mit dem Fuß aufgestampft, doch ich wusste, was sich gehörte.
Bereits seit einiger Zeit suchte ich die Gesellschaft der schreibenden Zunft. Nur bisher hatte ich nicht den Mut gefunden, meinem Vater die Stirn zu bieten. Ich hatte keinerlei Interesse daran, weiterhin die Schuhe fremder Leute zusammenzuflicken. In Armut leben würde ich so oder so. Dann wollte ich doch wenigstens meine Zeit so verbringen, wie es mir beliebte. Immerhin war ich alt genug.
»Also gut«, sagte mein Vater da, »wenn du es tun musst, dann musst du es tun. Sieh zu, dass du Land gewinnst, aber unter meinen Tisch stellst du deine Füße nicht mehr!«
So nahm ich also meinen Hut und hängte den Schusterkittel an den Nagel.
Ich ging durch eine harte Schule, weil ich von Beginn an sofort mein Auskommen mit dem Verfassen von Schriften bestreiten musste, nein wollte. Doch ich hatte auch das Glück, einen begnadeten Meister zu haben. Schnell lernte ich, es ihm gleichzutun, doch es dauerte, bis ich meine eigene Stimme gefunden hatte und endlich der Gesellschaft das sagen konnte, was ich zu sagen hatte.
Jetzt, da ich alt bin, kann ich nur jedem raten, es sich nicht zu früh mit dem Vater zu verscherzen. Es lässt sich auch mit einem anderen Handwerk Geld verdienen, während man in seiner freien Zeit dem Schreibhandwerk frönt. Papier ist geduldig, anders als ich es war.

Wörter: 318

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