Herr Otto Mayer

Viel zu lange ist das her (2010), als ich völlig überhastet an diesem Wettbewerb teilnahm und – für mich überraschend – gewann. Es ist eben immer etwas Glück im Spiel.

Die Texte wurden in Form einer literarischen Urkundenmappe gedruckt – eine ungewöhnliche Anthologie! Hier ist mein Gewinnertext:

Herr Otto Mayer

»Mayer, schönen guten Tag, ich möchte ein Auto reservieren. Von Hamburg nach Hamburg, übers Wochenende 12. bis 14. November.«
»Gern, wie war der Name noch mal?«
»Otto Mayer. Mit A und Üpsilon.«
»Ja, Frau Otto-Mayer, und der Vorname?«
Hatte er undeutlich gesprochen?
»HERR Mayer. Mein VORname ist OTTO.«
Spätestens jetzt war er sich sicher, dass es nicht auf eine eventuell am anderen Ende schlechtere Verbindung zu schieben war.
»Ach so, Entschuldigung. Frau Herrmayer, wie ist Ihr Vorname?«, flötete es.
»HERR – OTTO – MAYER!«, korrigierte er überdeutlich und unnötig laut, »Anrede: Herr! Nachname: Mayer! Vorname: Otto!«
»Oh, Entschuldigung. Ich verstehe, Sie fahren also gar nicht selbst. Wen darf ich als Fahrer eintragen?«
»Ich fahre selbst«, sagte er jetzt ganz ruhig, »Otto Mayer, der bin ich.«
Stille in der Leitung. Er konnte das Tippen im Hintergrund hören.
»Gut, dann gebe ich Ihnen jetzt die Reservierungsnummer, Herr Mayer.«

»Die Dame?«
Otto sah sich um: Er stand als einziger an der Theke. Die Verkäuferin sah ihn direkt an.
»Die Dame«, wiederholte sie, »Sie wünschen?« Nenn mich nicht ›Dame‹, dachte er.
»Das Angeschobene bitte. Am Stück«, bestellte er.
»Sonst noch einen Wunsch?« Den kannst Du mir nicht erfüllen. »Danke, nein.«
Er klemmte sich das Brot unter den Arm und verließ den Laden. Er zündete sich eine Zigarette für den Weg an und wandte sich zum Gehen.

»Kollege, haste mal Feuer für mich?«, sprach ihn ein Passant an.
Otto hatte das Feuerzeug noch nicht weggesteckt und reichte es lächelnd weiter. »Klar.«
Das Leben ist schön.

Otto wusste nicht recht, was er in sein Tagebuch schreiben sollte.

Heute war ein ganz normaler Tag gewesen. Doch, da fiel es ihm wieder ein. Der nette Mann, der ihn um Feuer gebeten hatte. Also schrieb er:

– Auto reserviert
– Brot geholt
– Passing gehabt

Anmerkung:
Der Wunsch transsexueller Menschen nach »Passing« ist der nach Anerkennung als Zugehöriger des eigenen Geschlechts trotz abweichender körperlicher Geschlechtsmerkmale.

© Ingo S. Anders

(Leider funktioniert die Pointe nicht, wenn ich einfach »Als Mann anerkannt worden« schreibe. Offensichtlich muss das Stichwort »transsexuell« fallen, damit erkennbar ist, dass Otto Mayer eben nicht aussieht wie Otto Normalverbraucher.)

Ich bin bei der Lesung in Innsbruck aufgetreten: Link zur öffentlichen Facebook-Seite von Cognac & Biskotten

Und einen Pokal gabs neben dem Honorar auch noch!