Das ist doch Käse!

»Das ist ja Käse!«
»Wieso, was stimmt mit der Übung nicht?«
»Ich habe keine Lust, über Essen zu schreiben. Erst Muschel, jetzt Käse – soll das etwa ein Kochbuch werden?« Er stemmte die Hände in die Hüften. »Soll ich vielleicht noch als Kartoffel posieren für die bunten Bildchen?«
»Jetzt komm mal wieder runter!« Die Schreibtrainerin war jetzt auch auf hundertachtzig. »Ich bin nicht dein Sparringspartner für die laschen Konflikte in deinen Geschichten!«
»Lasche Konflikte? Willst du etwa behaupten, ich sei nicht in der Lage, so richtig die Fetzen fliegen zu lassen? Du … du … du Hurensohnmutter!« Sein Gesicht war puterrot.
»Jetzt hör aber auf, du Schimpfworterfinder!« Sie ging auf und ab und atmete tief ein und aus, um sich abzureagieren. »Markus, es geht bei Konflikten in Geschichten nicht darum, sich besonders kreative Schimpfwörter auszudenken. Aber gut, wenn du meinst, das ist alles Käse, dann besuch doch einen anderen Kurs oder such dir einen Coach, der dir nach dem Mund redet.«
Entspannt setzte Nuria sich wieder an den Küchentisch, der ihr als Arbeitstisch dienen musste, und wartete ab.
Er drehte sich weg, starrte eine Weile die Wand an, dann sah er wieder sie an. »Okay. Machs mir, Baby.«
Sie grinste über diese unangemessene Anzüglichkeit, ließ sie ihm aber durchgehen. »Gut. Für einen Konflikt in einer Szene brauchst du zwei Figuren mit diametral gegeneinandergerichteten Zielen.«
»Hä?!«, machte er.
Sie rollte mit den Augen. »Die beiden müssen was Unterschiedliches wollen und sich dabei im Wege stehen. Zum Beispiel haben sie friedlich zusammen Muscheln und Käse eingekauft. Er will daraus aber Pizza machen und sie eine Soße zu Tagliatelle. Das geht aber nicht beides, weil die Zutaten nur für ein Essen reichen. Dann haben wir einen Konflikt. Das bedeutet aber nicht, dass die beiden sich unbedingt streiten müssen.«
Er verschränkte die Arme. »Ich will keine Pizza. Und Nudeln erst recht nicht. Ich bin auf Low Carb.«
»Meine Güte, das war doch nur ein Beispiel. Jetzt setz dich doch mal wieder.« Sie schob sich eine Strähne zurück hinters Ohr. »Spannung entsteht allein dadurch, dass der Leser weiß oder zu wissen glaubt, dass die beiden etwas unterschiedliche Ziele haben.«
In ihm arbeitete es offenbar, denn Markus runzelte die Stirn, blickte hin und her und dann schien der Groschen gefallen zu sein. »Also ist es völlig egal, worüber ich schreibe. Auch wenn ich über Käse schreibe, immer muss es einen Konflikt geben.«
»Ganz genau.« Erfreut applaudierte sie und bereute es sofort, da seine Miene sich verdüsterte. »Ich mache mich nicht lustig, Ehrenwort.«
Missbilligend sah er sie an.
»Was habe ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht?«
»Ich bin kein kleines Kind, ja?«
»Das habe ich doch auch überhaupt nicht gesagt!«
»Warum klatschst du dann?«
»Hast du eine Lob-Allergie?«
»Kein Kommentar.«
Kopfschüttelnd studierte sie seine Miene, wurde aber nicht schlau daraus. »Okay, zurück zum Text.«
Jetzt nahm er endlich wieder Platz.
»Fast noch wichtiger als die Absichten der Figuren ist ihr Auftreten. Du drückst durch ihr Verhalten und die Beschreibung von Mimik und Gestik ihre Gefühle aus. Du kannst sie mit dem Käse werfen lassen zum Beispiel. Das wirkt sehr viel stärker als wenn sie sich gegenseitig Schimpfworte an den Kopf knallen.«
»Schade, dass ich eben keinen Käse zur Hand hatte.«
Sie grinste. »So gefällst du mir.«
Er stand auf und ging zum Kühlschrank, öffnete ihn.
»Ich warne dich! Das hier ist meine Küche!«
»Schon gut, beruhig dich. Ich bin doch kein kleines Kind, das mit Essen wirft. Ich war nur neugierig«, sagte er mit einem Augenzwinkern. »Zeig mir deinen Kühlschrank und ich sag dir, was du isst.«
»Mensch, Markus. Das geht dich gar nichts an.« Sie fragte sich, ob sie die Zusammenarbeit mit ihm wirklich fortsetzen wollte. »Markus! Hinsetzen. Sofort.« Sie klopfte mit der Hand auf den Stuhl.
»Doch kein Käse.«
»Wie meinen?« Müsste nicht Emmentaler da sein und der Streukäse für die Pizza?
»Das ist kein Käse, den du erzählst.«
»Oh.« Sie errötete beinahe. »Dankeschön.«
»Also gut, dann schreibe ich bis zum nächsten Mal eine Geschichte zum Thema Käse. Vielleicht auch mit Muscheln.«
»Eine verschlossene Auster würde passen.«
»Warum das?«
»Nichts weiter. Fiel mir nur gerade so ein. Könnte ja eine Perle drin sein oder so. Aber das entscheidest du, es ist deine Geschichte.«
Er packte seine Sachen zusammen.
»Und sag deiner Mutter, ich verzichte ausnahmsweise auf eine Verdoppelung des Honorars. Ihr zuliebe.«

© Ingo S. Anders

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.