Covidianer

»Entschuldigung, würden Sie bitte ihre Maske aufsetzen?«
»Junger Mann, Sie brauchen keine Angst vor mir zu haben.«
»Junge Frau«, erwiderte ich die respektlose Anrede, »die Mundschutzpflicht gilt auch an Haltestellen. Meine Tochter hält sich daran und das sollten Sie auch tun.«
»Wer sind Sie denn, der Dorfpolizist?« Sie sah mich verächtlich an.
»Das Virus bedroht uns alle gemeinsam, nicht nur Einzelne. Warum tragen Sie nicht ihren Teil dazu bei?«, versuchte ich es noch einmal freundlich.
»Hören Sie, Sie haben mir keine Vorschriften zu machen! Ich lasse mir nicht auf meine alten Tage meine Grundrechte nehmen, schon gar nicht von so einem Jungspund!«
»Papa, warum schimpft die Frau?«
»Weil sie anderer Meinung ist als ich, Kleines. Du hast nichts falsch gemacht.« Ich atmete tief durch. »Gute Frau, besondere Notlagen erfordern besondere Maßnahmen und davon abgesehen schränkt das Tragen eines Mundschutzes die Viruslast ein und vermindert so das Ansteckungsrisiko.«
»Halten Sie mir doch keine Vorträge hier. Der Bus ist doch ohnehin gleich da und dann bin ich weg.«
»Wenn Sie in denselben Bus steigen wie ich mit meinem Kind, dann erwarte ich von Ihnen, dass Sie ihren Mundschutz tragen – und zwar richtig, sodass auch die Nase bedeckt ist.«
Sie spuckte aus.
»Andernfalls werde ich den Busfahrer anweisen, Sie rauszuwerfen!«
»Verdammter Paranoiker!«, zeterte die Alte.
»Sie Covidiotin!« Ich konnte ein Grollen nicht unterdrücken.
»Du Scheiß-Covidianer!«, rief meine Kleine.
Ich beugte mich zu ihr herunter und sagte leise: »Du, ›Scheiße‹ sagt man aber nicht.«
»Covidianerin! Covidianerin! Covidianerin!«
»Na, da haben Sie ihre Tochter ja fein erzogen«, stichelte die Alte.
»Wie ich meine Kinder erziehe, geht Sie gar nichts an!«
»Ach, es gibt noch mehr von der Brut? Na dann gute Nacht, Marie!«
»Was fällt Ihnen ein?!« In diesem Moment war ich froh, kein Gegenüber zu haben, mit dem ich in Versuchung kam, mich zu prügeln.
»Ja, dazu fällt dem feinen Herrn nichts mehr ein«, spöttelte sie.
»Jetzt hören Sie mir mal zu! Um Leute wie Sie zu schützen, mussten meine Tochter und ich zu Hause bleiben. Ich habe letztendlich sogar meine Arbeit verloren. Unser ganzes Leben wurde auf den Kopf gestellt, nur damit Leute, die ohnehin schon mit einem Bein im Grab stehen, noch ein paar Jahre mehr haben. Da ist es doch wohl nicht zu viel verlangt, dass Sie jetzt mitspielen und brav eine Maske tragen wie alle anderen auch, damit wir nicht noch einmal alle zu Hause eingesperrt werden!« Meine Atmung hatte sich beschleunigt und mein Puls raste.
Jetzt blieb ihr die Spucke weg.
»Aber vielleicht haben Sie ja recht.« Ich machte einen Schritt auf die ältere Frau zu. »Wir sind ja erst gestern von einer Reise zurückgekehrt und wir fühlen uns ganz gesund.« Meine Augenbrauen wippten nach oben. »Vielleicht sollten wir tatsächlich unseren Mundschutz alle absetzen. Ist doch eh alles lästig. Wenn Sie recht haben, ist das ja alles albern. Wir sehen keine Viren, also sind auch keine da. Und es stimmt auch nicht, dass vor allem Ältere an Covid-19 sterben. Nicht wahr?« Ich trat noch einen Schritt näher.
Sie wich zurück. »Bleiben Sie mir vom Leib!«
Ich hustete verhalten in die Ellenbeuge. Meine Tochter tat es mir nach.
Hastig setzte die Covidianerin ihren Mundschutz auf.
Da kam auch schon der Bus.


Die Geschichte habe ich kurz nach Einführung der ersten Maskenpflicht geschrieben, weit vor dem zweiten Lockdown. Und dann erlebe ich in der dritten Welle Szenen wie diese:

Sie fiel mir am Hauptbahnhof in der Menge gleich auf. Nicht wegen des Buches in der Hand, sondern, weil sie ihre Maske am Kinn trug. Na ja, dachte ich noch, vielleicht hat sie den Schuss noch nicht gehört und setzt sie erst in der Bahn auf. Bei uns herrscht an Haltestellen sowie in Bussen und Bahnen FFP2-Maskenpflicht. Drinnen setzt sie sich nur einen Vierer vor mir zu einem jungen Mann. Lange Haare, Brille, etwas nerdig. Offenbar ein kluger Bursche, denn er spricht sie mit Entsetzen in den Augen auf die Maske an; ich habe es nicht ganz verstanden wegen der Musik auf meinen Ohren, aber auch mir blieb innerlich die Kinnlade offenstehen. Eindeutig war, dass er sie aufforderte, sie aufzusetzen. Was sie erwiderte, hörte ich nicht. Offensichtlich weigerte sie sich, denn er sprang auf und entfernte sich eilig. Sie rief ihm hinterher: »Glauben Sie etwa daran?« Solche Erlebnisse inspirieren mich dann zu solchen Geschichten.

Habt ihr auch schon Corona-Geschichten geschrieben oder flüchtet ihr euch lieber Welten ohne dieses Virus?