SGZ 8 ABGESCHNITTEN

SGZ 8 ABGESCHNITTEN

Helden des Alltags
Abgeschnitten von der Welt bin ich hier. Ich sitze zu Hause, beschütze den Rest der Welt vor einer Krankheit, die ich aller Wahrscheinlichkeit nach gerade gar nicht habe, aber unbemerkt haben könnte. Das fällt mir zunehmend schwer.
Nicht, weil ich Probleme damit hätte, viel Zeit zu Hause zu verbringen. Das habe ich aus eigenem Antrieb immer schon getan. Nein, es scheinen die Menschen um mich herum mehr und mehr am Rad zu drehen.

Gestern war ich beim Einwohnermeldeamt, was jetzt Kundenzentrum heißt. Vor dem Eingang war ein Pavillon aufgestellt, Soldaten in Flecktarn hielten dort Wache. Leise rieselte Schnee. Irgendwie taten sie mir leid.
Andere Menschen sprachen dort vor, also dachte ich, das muss ich auch tun. Nach meinem Namen wurde ich gefragt, allerdings musste ich mich nicht ausweisen. Ich wurde nur auf einer Liste durchgestrichen und alle Umstehenden über meinen Namen unterrichtet. Habe ich mein Einverständnis dazu gegeben, dass meine Daten auf diese Weise verwendet werden? Nein. Egal, ich habe ja nichts zu verbergen. DSGVO sucks.
Wo die andere Person sei, da stünden zwei auf der Liste. Ich sagte, ich bin alleine, aber ich melde zwei an. Ich hätte natürlich sagen können, »Zu Hause, arbeiten«, aber ich dachte, das versteht sich irgendwie von selbst.
Man teilte mir mit, ich müsse draußen warten, im Wartezimmer sei kein Platz. Ich konnte jedoch auch von draußen auf einem Bildschirm verfolgen, dass meine Nummer noch nicht aufgerufen wurde. Immerhin war ich eine Viertelstunde zu früh. Weil ich eigentlich immer eine Viertelstunde zu früh bin, um nur ja pünktlich zu sein, hatte ich mich schon aufs Warten eingerichtet. Ich brauche diese Zeit auch, um anzukommen.
So weit kam ich jedoch nicht, da wurde ich wieder von dem Soldaten angesprochen, der vorher gesagt hatte, im Wartezimmer sei kein Platz. Da ein Platz frei sei und ich ja nur eine Person sei, könne ich ja schon rein. Na großartig.
Drin schlug mir die Wärme entgegen. Fieberhaft ging ich noch einmal meine Unterlagen durch, ob ich auch nichts vergessen hatte. Während des Wartens konnte ich meinen Blick nicht vom Bildschirm lösen, an dem die Nummern aufgerufen wurden – obwohl dabei jedes Mal ein Geräusch erklang.
Als ich aufgerufen wurde, ärgerte mich als Erstes, dass mein Gegenüber hinter der Plexiglasscheibe im Gegensatz zu mir keinen Mundschutz trug. Was erlauben … ? Draußen Soldaten, damit ich nur ja keinen anstecke, aber drinnen darf ich mir was holen?
Das Nächste war, dass ich süffisant darauf hingewiesen wurde, die Eheurkunde bräuchte ich aber nicht jedes Mal mitbringen, das sei ja bekannt – obwohl ich zuvor per automatischer Mail dazu aufgefordert worden war. Als hätte ich etwas falsch gemacht.
Verrichteter Dinge zog ich von dannen und grummelte noch eine ganze Weile. Danach trug ich den Besuch im Kundenzentrum in mein Cluster-Tagebuch ein, nur für den Fall der Fälle.

Heute sitze ich wieder zu Hause, abgeschnitten von der Welt. Und fühle mich sicher.

Wörter: 479

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