SGZ 22 SPIEGEL

SGZ 22 SPIEGEL

Es tut mir leid, ich kann das nicht. Ich habe eine Spiegelszenen-Allergie. Ohnehin bin ich kein sonderlicher Freund von Personenbeschreibungen, aber wenn die Hauptfigur rein zufällig an einem Spiegel vorbeiläuft, und die Gunst der Stunde nutzt, um sich ausgiebig von Kopf bis Fuß zu betrachten – nein danke.
Das geht anders, beiläufiger.

Aber gut, mit Spiegeln kann man ja auch was anderes machen, als reinzusehen.

Abkassiert
Tina brauchte Geld. Sie wollte sich eine neue Jeans kaufen. Und weil sie sich nicht mit billigem Kaufhausquatsch abgab, war die teuer. Dreistellig. Stehlen konnte sie sie in der kleinen Boutique nicht. Dazu war das Risiko zu groß, dabei erwischt zu werden.
Sie sah sich auf dem Schulhof um. Hier musste doch irgendetwas Brauchbares herumliegen. Keine Spritzen heute.
Im Vorraum zu den Toiletten beschaffte sie sich eine Waffe: Mit ihrem Stiefel zertrat sie den Spiegel und nahm eine der Scherben heraus.
Ohne ein besonderes Ziel vor Augen verfolgte sie eines der Mädchen. Sportlich war Tina schon immer, ganz im Gegensatz zur dicken Monica, die ein leichtes Opfer war.
Sie hielt der Dicken die Scherbe ans Gesicht. »Gib mir dein Taschengeld!«
»Ich hab keins!«
»Willst du, dass ich dir das Gesicht zerschneide?«
»Ich habe alles ausgegeben für Schokolade! Ich schwöre! Tu mir nichts!«, bettelte das Kind mit dem schokoladenverschmierten Mund.
»Du verfressenes Stück Scheiße!« Tina ließ sie los. »Wer hat Geld?«
»Der Marko! Der hat damit geprahlt, dass seine Mutter ihm Geld für eine neue Fahrkarte gegeben hat, obwohl er seine alte gar nicht verloren hat.« Monica schnaufte.
Marko also. Ihn einzuholen würde nicht so einfach werden. Und es musste heute noch sein, bevor er die Gelegenheit hatte, nach dem Unterricht so viel Geld auszugeben. Falls er nicht schon im Einkaufszentrum war.
»Wo ist Marko?«, rief Tina über den Pausenhof. Niemand antwortete. »Monica! Wo ist Marko?«
Doch Monica hob nur die Schultern und klammerte sich an die Hand des Lehrers, der die Aufsicht führte.
Tina steckte die Spiegelscherbe in ihre Jackentasche.

Marko saß im Unterricht, als wäre nichts.
In der nächsten Pause heftete sich Tina an seine Fersen.
»Was willst du eigentlich von mir?«, rief er.
Sie war aufgeflogen. »Nichts!«
»Warum rennst du dann ständig hinter mir her?«
»Das tu ich doch gar nicht!« Sie drehte ab.

Tina kannte Markos Heimweg. Nach dem Unterricht lauerte sie ihm hinter einem Mäuerchen auf und überwältigte ihn.
»Her mit deinem Geld!«
»Was für ein Geld?!«
»Monica hat gesagt, du hast Geld.«
»Spinnst du? Wir sind Hartzer!«

Wörter: 407

Mit dem Ende bin ich nicht glücklich, aber die Zeit war rum.^^

SGZ 21 KARTENSPIEL

SGZ 21 KARTENSPIEL

Heute zusätzliche Erschwernis: Mittendrin Katzen füttern. :D

Figurenstudie John Doe
Ich habe gezockt und ich habe verloren. Erst das Auto, dann das Haus, meine Frau und zuletzt meinen Job. Jetzt bin ich Berufsspieler. Beim Pokern kann man hoch gewinnen, wenn man das Spiel beherrscht. Beim nächsten Mal schaffe ich es, ganz sicher. Ich lasse mir nicht in die Karten blicken.
Ein Freund von mir, Ulf, hat es geschafft. Der ist jetzt in Rente, lässt nur noch sein Geld für sich arbeiten. Und spielt natürlich weiter, aus Leidenschaft. Der kennt sich richtig aus und hat mir gute Tipps gegeben. Ich brauche nur noch mehr Übung, dann klappt es ganz bestimmt.
Die nächste Meisterschaft findet online statt. Wir spielen um Chips, aber der Gewinner erhält ein saftiges Preisgeld.
»Du darfst dich nicht erwischen lassen«, hat Ulf zu mir gesagt. Zählen ist natürlich verboten, aber wer merkt das schon? Solange man das alles im Kopf macht, können sie dich nicht drankriegen.
Da hatte ich während der Schulzeit einen Kameraden, der hat beim Skat immer mitgezählt und ausgerechnet, was ich auf der Hand hatte. Da war ich ganz schön baff, bis er mir das erklärt hat.
Der Ulf coacht mich auch richtig. Da lasse ich auch was springen. Sobald ich wieder Kohle hab, natürlich. Erst mal muss die Kasse klingeln.
Spielsüchtig soll ich sein, hat meine Frau gesagt. Ich würde uns noch alle in den Ruin treiben. Da hat sie die Kinder genommen und ist verduftet. Mal wieder typisch für sie. An allem bin ich schuld.
»Son Quatsch«, hat Ulf gesagt, »die ist nur neidisch, weil sie sich krumm machen muss für ihren Arbeitgeber und du Geld verdienst mit dem, was dir Spaß macht, was du ohnehin tun würdest.« Und dann hat er lange was von Frutarismus oder Frugalismus oder so ähnlich gefaselt, was ich nicht verstanden habe. Irgendwas mit sparen. Aber wozu noch sparen, wenn ich bald reich bin?
Ich würde mir als erstes mal ne fette Villa kaufen. Und nen flotten Flitzer. Vielleicht auch ein Boot. Auf ne Weltreise hab ich keinen Bock und ich will ja auch nicht gleich alles wieder verprassen. In Sachwerten ist meine Kohle klug angelegt. Hat auch Ulf gesagt. Gibt ja keine Zinsen mehr. Inzwischen muss man Strafe zahlen bei der Bank, wenn man zu viel Geld hat. Und dann wundern die sich noch, dass alle hartzen.
Vielleicht geh ich in die Politik. Und dann wird sich mal richtig was ändern. Dann wendet sich das Blatt. Bei der Bildungspolitik fange ich an. Das Schulsystem ist einfach Mist. Poker gehört auf den Stundenplan, damit die Kinder auch was fürs Leben lernen.

Wörter: 426

Die ersten 20 Geschichten (ohne diese) bringen glatte 6.500 Wörter auf die Waage!

SGZ 20 STILLE

SGZ 20 STILLE

»Man hört ja gar nichts!«
»…«
»Wo sind wir?«
»Woher soll ich das wissen? Es ist viel zu dunkel!«
»Du wolltest dich doch unbedingt in der Höhle verstecken. Also bist du schuld!«
»…«
»…«
»Man hört wirklich nichts.«
»Ich hab Angst.«
»Ich auch.«
»Ich will zu meiner Mama!«
»Shht. Das bringt doch jetzt nichts. Wir müssen unsere Kräfte schonen, bis sie uns finden. Das weiß ich aus dem Fernsehen.«
»Na gut.«

Leider wurden die beiden Jungs erst gefunden, als es bereits zu spät war. Übrigens unweit des Eingangs zu dem Höhlensystem, in dem sie sich verirrt hatten. So hat man es mir bei einem Rundgang mit der Schulklasse erzählt.
Ich habe damals versucht, dieses Erleben von Stille nachzuempfinden, weil es mir erstrebenswert erschien. Es ist mir nicht gelungen. Ich höre immer irgendetwas. Und wenn es mein eigener Atem ist.

Wörter: 139

Stille. Das ist das, was ich mir für mein Schreibatelier gewünscht habe, damit ich in Ruhe arbeiten kann. Keine lärmenden Kinder im Treppenhaus, kein Geschrei von nebenan, kein Klopfen und Bohren abends und am Wochenende. Und vor allem keine Meetings im Nebenraum, gefühlt jeden Tag acht Stunden lang!
Ich tausche die vertraute Geräuschkulisse gegen eine laute Straße mit frühmorgens piepsenden Lastern im Rückwärtsgang und gelegentlich anspringender Alarmanlage der Pkws und nebenan läuft der Fernseher bereits morgens um zehn und ich brauche die Tagesschau gar nicht erst selbst einschalten, weil ich durch die dünne Wand jedes Wort verstehe. Zuweilen wird dies übertönt durch das Geläut zweier in der Nähe befindlicher Kirchen.

Was habe ich gewonnen durch die Anmietung des zusätzlichen Raums? Einen vorübergehend schmerzenden Rücken durch das ungewohnte Bett und die Erkenntnis, dass Lärm vor allem Einstellungssache ist.
Was ich hier höre, stört mich nicht. Es geht mich einfach nichts an. Deshalb kann ich es besser ausblenden und mich auf meine Arbeit konzentrieren. Zu Hause dagegen ist jegliches Geräusch, das aus dem Klangteppich ausbricht, potenziell bedrohlich. Ich muss mein Heim beschützen.

Wörter: 180

SGZ 19 STURMSCHÄDEN

SGZ 19 STURMSCHÄDEN

Wir hatten nicht mehr viel, als wir von zu Hause fortmussten. Nur das, was wir tragen konnten. Mein Spielzeugauto durfte ich mitnehmen.
Wir trugen unsere Habseligkeiten, bis wir in eine große Zeltstadt kamen. Dort war der Boden matschig von den Schritten so vieler Menschen. Uns wurden Schlafstätten zugeteilt und es gab Plumpsklos, die furchtbar stanken, weshalb manche dennoch in die Büsche gingen. Die Männer sowieso. Abends, wenn sie getrunken hatten, umso häufiger.
Ein wenig abseits des Lagers floss ein Bach, in dem wir uns wuschen und aus dem wir unser Trinkwasser holten.

Dann kam der Sturm.
Der Himmel wurde schwarz, als wäre es der letzte Tag. Wind heulte auf und verwandelte sich in ein Tosen, in dem das Prasseln des Regens unterging. Es schüttete so heftig, dass unsere Füße nass wurden. Das dachten wir, bis jemand rief, der Bach sei über die Ufer getreten.
Jetzt liefen wir um unser Leben, nur mit dem, was wir am Leib trugen. Wir fanden eine Anhöhe, auf der wir sicher waren, bevor die Flut uns von den Füßen reißen konnte.

Uns blieb nichts, bis auf Vatis Brieftasche mit den Pässen, Mutters wertvolle Kette und mein Spielzeugauto. Doch das wurde erst später wichtig.
Wir hatten jetzt kein Trinkwasser mehr, weil das Wasser jetzt überall stand und der Bach nicht mehr sauber war. Damit kamen die Krankheiten. Wir alle schissen uns die Seele aus dem Leib und bangten erneut um unser Leben.
Meine Mutter verlor diesen Kampf. Mein Vater zerbrach daran, da er sich die Schuld gab. Ich danke beiden für ihre Opfer, die mir eine bessere Zukunft ermöglichten.

Wörter: 263

Ich habe natürlich in der kurzen Zeit nichts recherchieren können und hoffe, mir wirft nun niemand kulturelle Aneignung vor. Ich hatte nur eine Szene aus den Nachrichten vor Augen, die mich sehr erschüttert hat. Auf der anderen Seite machen viele Leute doch sehr MIMIMI, nur weil ihnen der Regenschirm kaputtgegangen ist.

SGZ 18 WÜSTE

SGZ 18 WÜSTE

Brennend heißer Wüstensand
Brennend heißer Wüstensand – diese eine Zeile will mir nicht mehr aus dem Kopf. Als wolle er mich verhöhnen, wiederholt sich der Gesang wieder und wieder.
Ich versuche, den Kamm einer Düne zu erklimmen, um mich halbwegs zu orientieren. Jetzt, zur Mittagszeit, ist das ein wahnwitziges Unterfangen, aber ich habe Durst! Ich habe schon so lange solchen Durst! Meine Lippen sind schon aufgeplatzt und brennen, wenn ich sie mit meiner trockenen Zunge notdürftig benetze. Ich werde verdursten, ich weiß es. Dennoch muss ich kämpfen, ich muss es wenigstens versuchen, zu überleben.
Der Sand ist so heiß, dass es schmerzt, ihn zu berühren. Deshalb habe ich meine Hände in die Ärmel meines Uniformmantels gesteckt, denn ich abends wieder brauche, denn nachts wird es bitterkalt hier. Drei meiner Zehen sind schwarz! Deshalb sollte ich mich besser nur nachts bewegen und tagsüber meine Kräfte schonen, wie sie es uns lehrten, aber ich kann nicht mehr warten. Was habe ich schon gegraben mit den bloßen Händen in der Hoffnung auf Wasser …

Es ist geschafft, ich bin oben. Ist da am Horizont eine Unregelmäßigkeit, eine Erhebung, Grün sogar? Doch was ich sehe, ist alles verschwommen. Mir bleibt nichts, als den Sandberg auf der anderen Seite herunterzurutschen und blind weiterzustolpern.
Mir ist so heiß, mein Schädel droht zu platzen! Meine Augen kleben, ich kann sie kaum noch öffnen. Meine Kräfte schwinden. Meine Muskeln brennen seit Tagen. Ich kann nicht mehr gehen. Robben kostet mich jetzt weniger Schmerz, also krieche ich, bis mir schwarz vor Augen wird.

Als ich wieder zu mir komme, liege ich auf einer Bettstatt. Man befeuchtet meine Lippen mit einem Tuch und flößt mir Wasser ein.
»Der Krieg ist zu Ende«, stammle ich und schließe die Augen.
»Ashraba ayha ghareeb! Trink, Fremder!«

Wörter: 292

SGZ 17 SCHIENENERSATZVERKEHR

SGZ 17 SCHIENENERSATZVERKEHR

Schienenersatzverkehr
Es gibt sie noch, diese Menschen, die während einer Fahrt in der S-Bahn in einem gedruckten Buch lesen. Und wie alle ärgern sie sich, wenn Schienenersatzverkehr eingerichtet ist und man auf einer Strecke, die man sonst hätte durchfahren können, plötzlich zweimal umsteigen muss, einen Teil der Strecke dicht gedrängt in Bussen voller anderer Menschen, die sich sonst über mehrere S-Bahn-Waggons verteilt hätten.
Als Großstädter weiß ich das zu schätzen, dass es überhaupt einen Ersatzverkehr gibt und man nicht dazu verdammt ist, ohne jegliche Information einfach zu warten, bis die nächste S-Bahn kommt. Schweren Herzens klappt man dann sein Buch zu und steckt es in die Tasche, um den Ausgang der Schlacht dann später zu verfolgen.
Oder, wenn es ein spannender Thriller ist, legt man schnell den Finger oder das Lesezeichen zwischen die Seiten und liest im Stehen weiter, sobald man am Haltepunkt für die Ersatzbusse angekommen ist. Durch die Bewegung der Menschentraube um einen herum wird man schon aufmerksam, wann der Bus da ist.
Normalerweise fahre ich nicht so gerne mit dem Bus, weil ich stets fürchte, meine Haltestelle zu verpassen. Oder, schlimmer noch, der Bus fährt unerwartet eine andere Strecke. Im Schienenersatzverkehr kann das nicht passieren, wenn man mit der S-Bahn ohnehin hat weiter fahren wollen. Da kann ich getrost sitzen bleiben und mich vom Strom derer mitreißen lassen, die hier wieder in die S-Bahn umsteigen.
Dachte ich.
Einmal passierte es mir, dass sich die Menge immer weiter zerlief und ich mich plötzlich irgendwo allein in einem fremden Stadtteil wiederfand. Die Leute wollten dort nicht weiterfahren, sondern einfach nur nach Hause.
Dumm gelaufen, dass ich einfach den anderen hinterhergelaufen war.

Wörter: 272

SGZ 16 HERZLICH

SGZ 16 HERZLICH

Herzschmerz
»›Herzlich willkommen‹, ›herzlichen Glückwunsch‹, ›herzliches Beileid‹ – das sind doch alles blöde Floskeln! Ich will so was nicht auf meiner Karte.«
»Willst du eine eigene Karte schreiben, ist es das, was du willst, ja?«
»Nein! Ich will gar keine Karte schreiben müssen.« Sie wandte sich von mir ab, nur um sich als Nächstes an meiner Schulter anzulehnen. »Ach, ich weiß auch nicht.«
»Empfindest du Herzlichkeit?«
»Natürlich! Ich nehme mit ganzem Herzen Anteil.«
»Die Formulierung ist gut. Die nehmen wir.«
»Ja? Aber warum legt sie die Beerdigung ausgerechnet auf ihren Geburtstag? Was soll das denn? Warum, Clara? Warum?«
»Ich denke mal, damit sie die Leute nur einmal sehen muss und ansonsten ihre Ruhe hat. Aber das ist natürlich nur geraten. Du kennst deine Mutter besser.«
»Du bist die Psychologin!«
»Das heißt aber nicht, dass ich allwissend bin.« Ich nahm den Zettel mit dem vorbereiteten Text für die Karte zur Hand. »Also: ›Liebe Mutter, ich nehme mit ganzem Herzen Anteil. Deine Antonia.‹«
»Nein! Schnörkellos, nur der Satz: ›Ich nehme mit ganzem Herzen Anteil.‹. Unterschriften von uns beiden und fertig.«
»Schreibst du oder soll ich?«
Sie setzte sich und hob den Stift mit zitternden Fingern. »Scheiße!« Sie warf den Kuli quer über den Tisch, von dem er auf der anderen Seite herunterfiel.
»Ist gut.« Ich bückte mich, hob ihn auf und schrieb. »So, jetzt deine Unterschrift. Ganz ruhig.«
Sie tat wie geheißen. »Ich hätte auch noch ›Schmerzliche Grüße‹ drunterschreiben können.« Ihre Mundwinkel hoben sich leicht. »Das ist wenigstens kreativ.«
»Da kommt dein Humor. Das ist gut.« Ich lächelte.
Und Antonia lächelte.

Wörter: 259

SGZ 15 VERWANDTSCHAFT

SGZ 15 VERWANDTSCHAFT

Blut ist dicker als Wasser
»Diese bucklige Verwandtschaft kommt mir nicht ins Haus!«, keifte Ella.
»Welches Haus?«
»Du weißt, was ich meine. Das hier ist meine Wohnung!«
»Unsere Wohnung. Und es sind meine Eltern.«
»Und Geschwister und Tanten und Onkel und Cousins und Cousinen – es sind einfach zu viele.«
»Du übertreibst total! Du weißt genau, dass nur mein Bruder und meine Eltern zugesagt haben. Außerdem geht es nur um ein Abendessen. Sie wollen hier ja nicht übernachten.«
»Es ist egal, ob sie übernachten oder nicht, Volker. Ich will sie nicht hier haben und fertig.«
»Ich will aber. Es ist mein Fünfzigster. Ich habe sie eingeladen. Und ich werde meine Einladung nicht zurückziehen.«
»Gut, dann ziehe ich aus!« Ellas Augen funkelten.
»Das wagst du nicht!«
»Ich ziehe so lange zu meiner Schwester, bis sie wieder weg sind.«
»Findest du nicht, dass du übertreibst?«
»Nein, finde ich nicht.« Sie verschränkte die Arme.
»Soll ich dann auch ausziehen, wenn dein Yoga-Kurs hier ist, deine Tarot-Freundinnen und dein Drechsel-Coach?«
»Das ist was anderes. Das sind Freunde, keine Verwandtschaft.«
»Was ist denn daran so anders? Das sind Menschen, die du gerne um dich hast.«
»Ganz genau! Ich habe sie gerne um mich, Volker. Ich lade sie nicht aus Verpflichtung heraus ein.«
»Du glaubst … ich liebe meine Geschwister und meine Eltern. Meine ganze Familie. Sie stehen mir näher als der Kegelklub und andere, mit denen ich meine Freizeit verbringe – von Geburt an.«
»Aber mich mögen sie nicht!«
»Ich glaube eher, du magst sie nicht!«
»Du hast sie lieber als mich!« Tränen rannen Ellas Wangen hinab. »Nie komme ich zwischen euch. Jede Woche telefonierst du mit ihnen, für mich hast du kaum Zeit. Du vertraust ihnen Dinge an … mir gegenüber bist du immer so verschlossen.« Sie schniefte. »Ich bin deine Frau, ich sollte die wichtigste Person in deinem Leben sein. Du bist auch das Wichtigste für mich.«
»Deine Welt dreht sich nur um mich. Ich habe dir schon so oft gesagt, wie ungesund das ist. Ich verstehe nicht, warum du nicht mehr Zeit mit deinen Freunden verbringst, anstatt mir ständig in den Ohren zu liegen. Aber immerhin hast du mittlerweile eigene Freunde, das ist schon ein Fortschritt!«
»Du bist so ein egoistisches Schwein! Ich gehe jetzt zu meiner Schwester! Sofort!« Ella zog den Koffer unter dem Bett hervor, warf ihn darauf und stopfte wahllos Kleidungsstücke hinein.
Volker ging, setzte sich an seinen Schreibtisch und begann eine kurze Mail an seinen Bruder.

Wörter: 406

SGZ 14 GELEGENHEIT

SGZ 14 GELEGENHEIT

Gelegenheit macht …
»Sei so gut, Dimitri, wenn Du joggen gehst, bring mir doch bitte nachher aus dem Supermarkt diese silberne Tasche mit den Pailletten mit, die gefällt mir außerordentlich gut.«
»Für mein Schwesterherz tu ich doch fast alles.«
»Nur fast alles?«
Er knuffte sie in die Seite.
Sie zog ihm das Basecap tiefer in die Stirn.
»Bis gleich, Ioanna.«

Antje Dekker hatte ihren Job noch nicht lange, aber er war simpel. Aufpassen, dass nichts gestohlen wird. Falls doch, den Übeltäter festhalten, bis die Polizei vor Ort war. Es war nicht leicht gewesen, sich als Frau durchzusetzen und umso mehr musste sie acht geben, dass ihr niemand entwischte.
Kurz sah sie aus dem Augenwinkel eine auffällige Bewegung am Ausgang und etwas silbern aufblitzen. War das nicht die Handtasche, die diese Woche im Sortiment war? Warum kaufte ein Mann eine Handtasche?
»Halt! Bleiben Sie stehen!«, rief sie vergeblich und zog damit nur neugierige Blicke auf sich.
Der vermeintliche Täter nahm bereits die Beine in die Hand und so sprintete sie los, ohne sich mit den Kassierern abzustimmen. Er war ganz schön fix und mit dem Jogginganzug war er deutlich bewegungsfreundlicher gekleidet als sie in ihrer Uniform. Bis zur nächsten Querstraße gelang es ihr, den Abstand zu ihm zu verringern.
»Bleiben Sie stehen!«
Sie traute ihren Augen nicht, als ein weiterer Mann im Jogginganzug mit ihr gleichauf zog, der ebenfalls diese Handtasche bei sich trug! Warum hatte der zweite nicht die andere Richtung genommen, sondern sie verfolgt? Das ergab doch keinen Sinn!
Sie musste schneller werden! Das hier war ihr Job und sie musste wenigstens einen von beiden stellen!
Mit all ihrer Willensstärke beschleunigte Antje abermals die Bewegung ihrer bereits brennenden Muskeln und warf sich kurz vor der nächsten Kreuzung auf den Mann, den sie seit dem Laden verfolgt hatte.
Der Mann mit dem Basecap blieb keuchend stehen und stützte die Hände auf die Oberschenkel. »So hatte ich mir meine heutige Joggingrunde nicht vorgestellt, aber ich bin froh, dass Sie nicht mich verfolgt haben.«
»Sie sind ein Zeuge. Wie heißen Sie?«
»Dimitri. Dimitri Farinakis. Und Sie?«
»Antje Dekker.« Sie keuchte ebenfalls. »Und wie ist Ihr Name?«, fragte sie den Mann, auf dem sie kniete.
»Sie können mich mal!«
»Freut mich, Sie kennenzulernen.« Sie entwand ihm die Tasche und pfiff. »Die ist ja voll!« Er hatte nicht den Laden, sondern offenbar eine Kundin beraubt.

»Ioanna, sie hatten noch eine Tasche.«
»Dimitri, du bist ein Schatz.«
»Schau mal rein.«
»So viel Geld! Wo kommt das denn her?«
»Ich habe eine Aufwandsentschädigung bekommen, weil ich dabei geholfen habe, einen Dieb zur Strecke zu bringen. Der hat einer alten Dame die Handtasche mit ihrer gesamten Rente darin gestohlen und sie war sehr großzügig.«
»Die nächste Handtasche kaufst wieder du für mich!« Sie lachte.
»Oh nein, so schnell nicht wieder. Das gibt richtigen Muskelkater morgen. Und da treffe ich mich mit Antje auf ein Eis.«
»Wer ist Antje?«
»Eine Frau, die schneller läuft als ich.« Er ließ sich aufs Sofa fallen.
»Erzähl mir alles!«

Wörter: 497

SGZ 13 RUND

SGZ 13 RUND

Sofort muss ich an die 60 runden Sofas denken! :D

Ein runder Sarg
»Ich will einen runden Sarg!«
»Opa, bitte!«
»Meine Beerdigung muss etwas Besonderes sein. Ich will einen runden Sarg!«
»Bitte entschuldigen Sie, das Alter …«
»Ach, das ist kein Problem. Es gibt durchaus Särge, die an den Ecken abgerundet sind. Die sind geflochten, wie Körbe.«
»Ich will einen runden Sarg! Kreisrund!«
»Opa!«
»Meinen Sie vielleicht eine Urne? Da haben wir hier verschiedene hübsche Modelle …«
»Nein, keine Urne! Einen Sarg! Kreisrund!«
»Wie wäre es denn stattdessen mit einem runden Grabstein? Der Sarg kommt doch sowieso unter die Erde.«
»Ich will einen runden Sarg!«
»Ich meine ja nur …«
»Tja, der Opa …«
»Also es tut mir leid, Herr …?«
»Miesbach. Anton Miesbach.«
»Und das ist Herr Miesbach Senior, nehme ich an?«
»Ja, ganz recht.«
»Herr Miesbach, es tut mir leid, kreisrunde Särge haben wir nun wirklich nicht. Da müssen Sie sich wohl noch ein wenig gedulden.«
»Ich bin 102 Jahre alt. 102!«
»Oh, ich gratuliere.«
»Und was ist das hier? Das ist doch kreisrund!«
»Das ist ein Blumengesteck. Interessieren Sie sich für Trauerkränze, Herr Miesbach?«
»Ja, kreisrund!«
»Die sind fast immer ringförmig, also kreisrund, wenn Sie so wollen. Soll ich Ihnen eins einpacken, ja? Welches hätten Sie denn gerne?«
»Kreisrund!«
»Herr Miesbach, nun sagen Sie doch auch mal was.«
»Opa, ich glaube, das dort wäre ganz nett für den Karl-Heinz. Mit der blauen Schleife. Ein ehemaliger Schulfreund meines Großvaters ist gestorben, müssen Sie wissen. Schreiben Sie einfach: ›Dein Freund Hans‹, dann weiß die Familie Bescheid.«
»Möchten Sie auch unseren Särge-Katalog mitnehmen?«
»Nein, danke. Opa will seebestattet werden.«
»Also doch kein Sarg?«
»Bei jeder Beerdigung kaufen wir den Kranz woanders und ich lasse ihm die Freude.«

Wörter: 277

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